Donnerstag, 06.09.2018
13:45 - 15:15
Hörsaal C
S102
Verantwortung im und für das Alter – Herausforderungen und Grenzen durch Vielfalt

Moderation: K. Rackow, Vechta

Individualität bedeutet nicht nur eine Zunahme von unterschiedlichen Lebensformen und Gestaltungsmöglichkeiten im Alter, sondern oft auch eine Verschiebung der gesellschaftlichen Verantwortung hin zu einer individuellen. Diese Entwicklung lässt sich in zweifacher Weise deuten: Die zunehmende Betonung der Eigeninitiative hilft auf der einen Seite zwar, den notwendigen Freiraum für ein selbstbestimmtes Leben im Alter zu schaffen, andererseits besteht dabei jedoch auch die Gefahr, dass der Einzelne vor mitunter schwer zu bewältigende Anforderungen gestellt wird. Wenn sich Staat und Gesellschaft gleichzeitig aus immer mehr Bereichen zurückziehen, können neue Ungleichheiten entstehen bzw. alte verfestigt werden. Den gesellschaftlichen Anforderungen an die „Active Ager“, die verstärkt von Seiten der Politik gefordert werden, sind nicht alle gewachsen und wollen es oft auch nicht. In diesem Zusammenhang stellt sich zudem die Frage, wo die Menschen selbst die Verantwortung für Ältere verorten: beim Individuum, der Familie oder dem Staat? Werden ältere Menschen als besondere Kategorie wahrgenommen, die einen gewissen Versorgungsanspruch besitzt? Wird sogar eine Ungleichbehandlung von Älteren toleriert, wenn damit eine Schutzfunktion assoziiert wird?

Die Beiträge im Symposium greifen diese Fragen auf und diskutieren die aufgezeigten Problematiken.

Katja Rackow stellt exemplarisch einige Lebensbereiche in den Mittelpunkt, in denen eine Verantwortungsverschiebung beobachtet werden kann, und diskutiert vor diesem Hintergrund die damit verbundenen Ungleichheitsrisiken.

Barbara Solf-Leipold greift die Frage nach der politischen Einflussnahme auf die individuelle Motivation zu bürgerschaftlichem Engagement Älterer in Nachbarschaftshilfevereinen auf und thematisiert dabei die oft konträren Vorstellungen und Erwartungen.

Laura Naegele diskutiert vor dem Hintergrund einer sich verfestigen Alterserwerbslosigkeit die Frage, ob und unter welchen Bedingungen älteren Arbeitslosen von der Gesellschaft ein besonderer Schutzstatus zugewiesen wird.

Im Beitrag von Theresa Grüner wird die „Strafmilde gegenüber Älteren“-These anhand eigener empirischer Daten betrachtet.

Marvin Blum untersucht altersspezifische familiale Unterstützungsleistungen und zugrundeliegende Einstellungen und Ansichten darüber, ob und inwiefern der Staat oder die Familie in der Verantwortung stehen sollten.

13:45
Chancen und Limitationen von Vielfalt
S102-1 

K. Rackow; Vechta

Lebensformen und Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens sind in den vergangenen Jahrzehnten immer vielfältiger geworden, dies gilt auch für das letzte Lebensdrittel, das Alter. Eine steigende Lebenserwartung bei immer besserer Gesundheit und einem tendenziell wachsenden Wohlstandsniveau sind dafür eine wesentliche Grundlage, dazu kommen Veränderungen im allgemeinen Wertekonsens. Immer öfter ist in diesem Zusammenhang die Rede von den „aktiven Alten“, den „Silver Surfern“ oder den „jungen Alten“ – Bezeichnungen, die auf die Konstitution der Älteren, aber auch auf das Potenzial dieser Altersgruppe verweisen. Hinter letztgenanntem verbirgt sich nicht zuletzt auch ein Appell zur Übernahme von (mehr) Verantwortung für die Gesellschaft. Verantwortungsverschiebungen lassen sich in den unterschiedlichsten Bereichen beobachten, sei es im Hinblick auf die finanzielle Absicherung im Alter, der beruflichen Teilhabe bzw. Anschlussfähigkeit oder der Organisation von Versorgung und Pflege. Nicht ausreichend thematisiert wird dabei jedoch die Frage, inwieweit derartige Verschiebungen von Verantwortung von allen Betroffenen realisiert werden können oder sie dies auch wollen. So stehen beispielsweise der Forderung nach einer stärkeren Gewichtung der privaten Altersvorsorge die vielfältiger gewordenen, aber oftmals auch brüchigen und prekären Erwerbsbiographien gegenüber, die eine angemessene Vorsorge unmöglich machen oder zumindest erschweren. Hier droht die Gefahr von neuen Ungleichheiten bzw. der Verfestigung von alten Ungleichheitsstrukturen, worauf bereits aktuelle Prognosen zur Betroffenheit von Armut im Alter verweisen. Im Hinblick auf das häufig angesprochene Potenzial der Älteren zum bürgerschaftlichen Engagement lässt sich kritisch hinterfragen, ob die starke Nachfrage danach und insbesondere die Förderung von Konzepten wie „Caring Communities“ nicht auch zu einem gewissen Druck, sich zu engagieren, führen, die Freiwilligkeit gewissermaßen zur Notwendigkeit wird. Dies gilt insbesondere in den Bereichen, in denen zunehmend ein Rückzug von Staat und Gesellschaft zu beobachten ist.

Der Beitrag diskutiert vor diesem Hintergrund exemplarisch die Ambivalenz von Vielfalt und Verantwortungsverschiebung und geht insbesondere auf die damit verbundenen Gefahren von Ungleichheit ein.

14:00
Engagementpolitische Anrufungen und ihre alltagspraktische Relevanz für engagierte ältere Menschen in Nachbarschaftshilfevereinen - Anreiz zur Verantwortungsübernahme?
S102-2 

B. Solf-Leipold; München

Förderung intragenerationalen sozialen Engagements Älterer gilt im politisch-wissenschaftlichen Diskurs als vielversprechender Lösungsansatz im Kontext des demografischen und sozialen Wandels. Die systematische Förderung selbstorganisierter solidarischer Formen der Alltagshilfe von und für Ältere (z.B. Seniorengenossenschaften, Nachbarschafts-/Bürgerhilfevereine) zielt auf den Aufbau kleinräumiger Hilfestrukturen und deren Einbindung in lokale Versorgungsstrukturen, um Lücken zwischen familialer und professioneller Hilfe zu füllen. In Bayern wurde ein spezielles Förderprogramm zur Gründung von Seniorengenossenschaften aufgelegt. Monetäre und ideelle Anreize sollen lokale Initiativen unterstützen und Ältere aktivieren, sich gegenseitig im organisierten Rahmen Hilfe zu leisten. Dabei wird auf das aktuell dominierende Altersbild des „aktiven" bzw. "produktiven Alters“ rekurriert; die mit dem Modell erwartete win-win-Situation (individueller und gesellschaflticher Nutzen) wird dabei besonders hervorgehoben. Betont werden die Fähigkeiten, Kompetenzen und Ressourcen der „jungen Alten“ (van Dyk/Lessenich 2009), die so im Rahmen einer individuell sinnstiftenden Tätigkeit der Gesellschaft auch in der Nacherwerbsphase zur Verfügung stünden. Das Engagement trage zur Entlastung der Sozialsysteme und der unterstützungsbedürftigen Personen bei. Zugleich würde individuelle Vorsorge für eine eigene Hilfebedürftigkeit betrieben; auch soziale Teilhabe würde so ermöglicht. Im Vortrag wird der empirischen Frage nachgegangen, inwiefern die im Diskurs vermittelten Anrufungen (Althusser 1977) Eingang finden in die Handlungspraxis Älterer, ggf. ausschlaggebend sind für die Engagementaufnahme. In Anlehnung an das heuristische Modell der interpretativen Subjektivierungsanalyse (Bosancic 2014; 2016) wurden problem-/themenzentriete Interviews mit Engagierten eines geförderten Bürgerhilfevereins in Bayern geführt, die Aufschluss geben über subjektive Engagementmotive und Engagementpraxen. Die bayerische Engagement(förder)politik wurde unter Rückgriff auf das von Neumann (2016) in ihrer Studie herausgearbeitete engagementspezifische Produktivitätsdispositiv inhaltsanalytisch gescannt. In einem dritten Analyseschritt wurden die Selbstpositionierungen (Bosancic 2016) engagierter Älterer rekonstruiert, die Rückschlüsse auf die Aneignungsweisen der Anrufungen zulassen – dieser Aspekt steht im Mittelpunkt des Vortrags.

14:15
Alterserwerbslosigkeit: Aktivierungszwang oder Versorgungsanspruch
S102-3 

L. Naegele, E. Naumann, W. de Tavernier, M. Heß; Vechta, Mannheim, Aalborg/DK, Dortmund

Flankiert von einer Reihe Arbeitsmarktpolitiken sehen sich Erwerbslose seit geraumer Zeit einem gestiegenen Aktivierungsdruck gegenüber. In dieser Logik werden seitens des Sozialstaats aktive Bemühungen sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren honoriert (u.a. durch die Bereitstellung von Schulungs- bzw. Umschulungsmaßnahmen), während im Gegenzug Inaktivität beispielsweise durch die Kürzung von Sozialleistung sanktioniert wird. In diesem Kontext stellt sich die Frage inwieweit ältere Erwerbslose den gleichen Aktivierungszwängen unterliegen, oder ob das Alter einer Person sich auf die Bereitschaft dieser sozialstaatliche Leistungen zukommen zu lassen auswirkt. Dieser Beitrag möchte dieser Fragestellung nachgehen und erörtern, ob und unter welchen Bedingungen Ältere von der Gesellschaft als eine besonders schützenswerte bzw. verdienstvolle Personengruppe wahrgenommen werden, denen dann im Folgeschluss auch eher Sozialleistungen zugesprochen werden. Die achte Welle des ESS 2016 enthält ein Surveyexperiment, in dem die Befragten gefragt werden, ob ein/e Arbeitslose/r bei Ablehnung eines Stellenangebots das Arbeitslosengeld gekürzt werden sollte oder nicht. Bei einem Teil der Befragten wurde kein Alter der arbeitslosen Person angegeben, bei einer zweiten Gruppe war die erwerbslose Person zwischen 20-25 Jahre und bei einer dritten Gruppe über 50 Jahre alt. Vorläufige Analysen zeigen, dass die 50-jährige arbeitslose Person nach der Ablehnung eines Jobangebots, wenn auch mit starken Variationen, in allen 18 Ländern tatsächlich mehr Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung zugesprochen wird. Diese hohe Varianz markiert den Ausgangspunkt für den zweiten Teil der Analysen: zu erklären, warum ältere Arbeitslose in einigen Ländern als deutlich verdienstvoller wahrgenommen werden als ihre jüngeren Kollegen*innen. Wir wollen diese Unterschiede mit dem „Active Ageing Konzept“ erklären, indem wir den Active Ageing Index (AAI) als Makrovariable in eine Mehrebenenregressionsanalyse einbeziehen. Erste Analysen zeigten hier jedoch keine signifikanten Effekte. Interessanterweise lässt sich jedoch ein Einfluss gesamtgesellschaftlicher Altersstrukturen nachweisen. So nimmt die Schutzfunktion in denjenigen Ländern mit einem relativ hohen Anteil Älterer eher ab als dies in Ländern mit einer jüngeren Altersstruktur der Fall ist.

14:30
Alte Kriminelle - Verantwortungsvoller Umgang mit einem vielfältigen Phänomen
S102-4 

T. Grüner, F. Frerichs, S. Pohlmann; München, Vechta

Kriminalität im Alter tritt einerseits in unterschiedlichen Formen auf und ruft andererseits unterschiedliche Reaktionen hervor. Mit dem Anfang des Jahres erschienenen „Pflege-Tatort“ aus Bremen hat die ARD Gewaltverbrechen älterer Menschen gegenüber Pflegebedürftigen medienwirksam thematisiert. Auch die mediale Aufbereitung realer Beziehungstaten im Kontext von Pflegebedürftigkeit erzeugen durch Schlagzeilen wie „Verzweiflungstat im Pflegeheim – Aus Liebe in den Tod“ (Wunder, 2018) Aufmerksamkeit und häufig Mitleid. Die Justiz sieht sich jedoch gefordert, „nicht mitleidige Urteile [..], sondern gerechte“ (Wollbrett, 2013) zu fällen. Das sich hier abzeichnende Spannungsfeld kreist um die Frage, ob eine ungleiche justizielle Behandlung erwachsener Menschen qua Alter zu mehr Gleichheit oder Gerechtigkeit bei der Bestrafung führen kann, etwa weil eine unterschiedliche Strafempfindlichkeit beachtet wird. Wie kann ein verantwortungsvoller Umgang mit älteren Beschuldigten in der Bestrafungspraxis aussehen? Etwaige Strafmilde gegenüber Älteren wird in bestimmten Kriminalitätskontexten auch problematisiert: „Zu gebrechlich für Gerechtigkeit. NS-Prozess gegen 92-Jährige abgesagt“ (taz, 2016). Beklagt wird zudem die dünne Auswahl an zur Verfügung stehenden Rechtsmitteln des Erwachsenenstrafrechts, die der Vielfalt der Alterskriminalität nicht gerecht zu werden scheint (Klein, 2017). Die Berücksichtigung des hohen Alters bei der Strafzumessung ist ein gegenwärtig wenig beachtetes Thema trotz steigender Relevanz für die Gesellschaft; weitgehend unerforscht ist, ob die Allgemeinheit eine differentielle Bestrafungspraxis mittragen würde. Der Beitrag wird zunächst auf die Zentralität des (hohen) Alters in der medialen Berichterstattung über Strafprozesse und daran anschließend auf stereotypgeleitete Alterseffekte bei Bestrafungswünschen eingehen. Anhand empirischer Daten werden erste Ergebnisse einer Studie vorgestellt, bei der in fiktiven Fallgeschichten zu unterschiedlichen Delikten das Alter des Täters experimentell variiert wurde.  

14:45
Die Zuweisung der Verantwortlichkeit für die Unterstützung älterer Menschen - Einstellungen und Hilfen in (Spät-)Aussiedlerfamilien
S102-5 

M. Blum; Vechta

Wer sollte Verantwortung für ältere Menschen übernehmen, wenn diese nicht mehr selbst für sich sorgen können? Diese Frage stellt sich in allen Bevölkerungsgruppen in Deutschland gleichermaßen. Für Familien mit Migrationshintergrund kommt häufig hinzu, dass im Rahmen der Zuwanderung soziale Unterstützungsnetzwerke wegfallen, da sich die Wohnentfernungen zu Familienmitgliedern vergrößern. Bestehende innerfamiliäre Beziehungen im Zuwanderungsland werden daher häufig intensiviert. Die Zuwanderungsgeschichte wirkt sich somit nicht nur auf individuelle Lebensverläufe, sondern ebenso auf Generationenbeziehungen und Unterstützungspotentiale im Alter aus. Im Hinblick auf (Spät-)Aussiedlerfamilien besteht die Besonderheit, dass die Familienmitglieder bereits ein höheres Lebensalter erreicht hatten, als sie nach Deutschland eingewandert sind. Außerdem haben sie im Rahmen des Bundesvertriebenengesetztes die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten und ihre finanzielle Absicherung im Alter wurde durch die Fremdrentenregelungen gewährleistet. Nichtsdestotrotz war der Zuwanderungsprozess von verschiedenen Schwierigkeiten wie dem Erlangen notwendiger Deutschkenntnisse oder der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse und Berufserfahrungen geprägt. (Spät-)aussiedlerfamilien wird zudem oft ein enger Familienzusammenhalt und große familiäre Unterstützungsbereitschaft zugeschrieben. Inwiefern  sich dies ebenfalls in den zugrungeliegenden Einstellungen und Vorstellungen darüber widerspiegelt, wer die Verantwortung für alternsspezifische Unterstützungsleistungen übernehmen sollte, ist die zentrale Frage dieses Beitrags. In den amtlichen Statistiken war es allerdings lange Zeit nicht möglich Informationen über (Spät-)Aussiedler/innen mit deutscher Staatsbürgerschaft zu identifizieren. Dieser Vortrag bezieht sich daher auf eine schriftlich-postalische Befragung der Universität Vechta, welche auf der Basis von Einwohnermeldeamtsdaten in Niedersachsen durchgeführt wurde und Daten von etwa 700 Aussiedlerinnen und Aussiedlern im Alter ab 40 Jahren umfasst. Auf dieser Grundlage werden die Verantwortungszuweisungen für die Unterstützung Älterer dargestellt und es wird herausgearbeitet in welchen Belangen die Verantwortung bei der Familie oder beim Staat verortet wird.   

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