Freitag, 07.09.2018
10:45 - 12:15
Seminarraum 13
S408
Uro-Geriatrie Quovadis

Moderation: A. Wiedemann, Witten; K. F. Becher, Stralsund

Symposium der AG Inkontinenz der DGG

10:45
Veriko und mehr: Arzneimittelsicherheit nicht nur im Pflegeheim
S408-1 

F. Hanke; Köln

11:00
Heil- und Hilfsmittel im Entlassmanagement - was und wie?
S408-2 

S. von der Heide; Göttingen

Einleitung: Seit 2017 ist das Entlassmanagementgesetz in Kraft getreten. Somit sind Kliniken und Klinikärzte gesetzlich verpflichtet über das Entlassdatum hinaus zu denken und Patienten mit allen notwendigen, wirtschaftlichen, ausreichenden und zweckmäßigen Heil- und Hilfsmitteln zu versorgen. Für den Bereich der Geriatrie stellt dies eine besondere Anforderung dar. Am Beispiel der Inkontinenzversorgung wird die Situation näher beleuchtet.

Material und Methoden: Zum Entlassmanagement gehören die Verordnungen über Arzneimittel, Heilmittel und Hilfsmittel. Verordnungen dürfen nur von Fachärzten vorgenommen werden. Die Verordnung von Heil- und Hilfsmitteln ist den in der Klinik tätigen Ärzten bislang wenig vertraut, da im Rahmen des Entlassmanagements andere Gesetzmäßigkeiten herrschen als bei internen Verordnungen oder Anordnungen. EDV, Heil- und Hilfsmittelgesetze unterscheiden sich wesentlich. Am Beispiel einer Inkontinenzversorgung im Entlassmanagement werden die Problematiken für Heil- und Hilfsmittelversorgungen hinsichtlich weiterführender Physiotherapie, Physikalischer Therapie, Inkontinenz- und Stomaversorgung dargelegt.

Ergebnisse: Bezogen auf Heil- und Hilfsmittelverordnungen ist festzustellen, dass die ersten Rezepte in den weiterbehandelnden Institutionen bereits ankommen. Oft können diese Leistungen jedoch nicht den Vorgaben entsprechend binnen 7 Tagen (Heilmittel) oder bis zu 7 Tagen (Verbrauchsmittel) eingelöst oder ausgeschöpft werden. Die Gründe dazu sind vielfältig. Zudem ist eine schnelle Rückkopplung zwischen ambulanter Institution und Klinik – wie zum Beispiel mit Hausarztpraxen seit Jahren üblich – ist noch nicht etabliert, weil oft nicht klar ist, welcher Arzt, welcher Ansprechpartner, welche Telefon- oder Faxnummer für eine effektive Rückkopplung geeignet ist.   Schlussfolgerung Die Gesetzgebung hinsichtlich des Entlassmanagement hat zur Folge, dass in Kliniken neue Strukturen geschaffen werden müssen. Definierte Entlassmanager müssen über das WAS und WIE von Heil- und Hilfsmittelverordnungen informiert und geschult werden, IT Systeme müssen angepasst werden, um die stationär – ambulante Entlassversorgung im Kliniksalltag effektiv zu ermöglichen.

Ausblick: Könnten Kooperationen / Netzwerke mit externen Institutionen helfen, um den Nutzen für alle Beteiligten zu verbessern?

11:15
S3-Leitlinie „Brennen beim Wasserlassen” aus geriatrischer Sicht
S408-3 

K. Becher; Stralsund

Hintergrund: Harnwegsinfekte sind eine der am häufigsten vorkommenden bakteriellen Infektionen und verantwortlich für eine erhebliche Morbidität sowie rezidivierende Infektionen mit nachfolgender Resistenzen gegen Antibiotika. 2017 wurde die S3-Leitlinie „Brennen beim Wasserlassen“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) aktualisiert und eine Anwenderversion für den Praxisalltag erstellt, die um die besonderen Bereiche Pädiatrie und „der geriatrische Patient“ spezifiziert sind.

Material und Methode: Auf Grundlage der genannten Leitlinien wird eine Bewertung der Berücksichtigung von spezifischen Aspekten bei älteren multimorbiden Menschen mit Symptomen des unteren Harntraktes vorgenommen.

Ergebnisse: Die Häufigkeit von Harnwegsinfektionen ist in der Gruppe der über 80-jährigen am höchsten. Der erste entscheidende Schritt ist die genaue Klassifizierung des Harnweginfektes auch beim geriatrischen Patienten, von der asymptomatischen Bakteriurie bis zur komplizierten Pyelonephritis. Die Prävalenz der asymptomatischen Bakteriurie (ABU) zeigt eine deutliche Zunahme mit dem Alter. Aufgrund der hohen Prävalenz einer ABU ist weder ein positiver Streifentest noch eine positive Urinkultur allein ausreichend, um einen Harnwegsinfekt (HWI) zu diagnostizieren. Risikofaktoren müssen begleitend mitbetrachtet werden. In einer Kohortenstudie der >85jährigen Wohnbevölkerung in den Niederlanden (Leiden 85+-Studie) wurden Risikofaktoren für die Entstehung eines HWI identifiziert: dies waren kognitive Einschränkungen (MMSE <19), Einschränkungen der Aktivitäten des täglichen Lebens und eine Harninkontinenz. Weitere Risikofaktoren für rezidivierende Harnwegsinfekte sind: Diabetes mellitus, funktionelle Behinderung, vorangegangener Geschlechtsverkehr, Operation im Bereich des Urogenitaltraktes, Harnverhalt und Urininkontinenz. Für die Entwicklung einer empirischen antimikrobiellen Therapie ist die Kenntnis der häufigsten Erreger sowie lokaler Resistenzmuster wichtig. Bei gezieltem Vorgehen können die meisten Harnwegsinfekte ohne erhöhten diagnostischen Aufwand auch bei geriatrischen Patienten erfolgreich therapiert werden. Die S3-Leitlinie „Brennen beim Wasserlassen“ mit der Anwenderversion für den Praxisalltag hat Bezüge zu der am häufigsten betroffenen Patientengruppe der älteren und multimorbiden geriatrischen Patienten. 

11:30
Mobilität und Kontinenz: 2 Seiten einer Medaille
S408-4 

S. Ege; Stuttgart

Eine Harninkontinenz tritt mit zunehmendem Lebensalter immer häufiger auf. Bei den über 70-jährigen zu Hause lebenden Menschen sind es etwa 30 %, bei Pflegeheimbewohnern 50-60 %. Eine Studie in der Klinik für Geriatrische Rehabilitation ergab 2003 eine Harninkontinenz bei 21 % der Patienten. Eine Harninkontinenz stellt für viele Betroffene eine erhebliche Belastung dar. Die Harninkontinenz ist eines der fünf großen geriatrischen Syndrome und interagiert mit allen anderen. Besonders eindrücklich stellt sich der Zusammenhang mit Mobilitätseinschränkungen und Stürzen dar. Einerseits kann eine Harninkontinenz zur zunehmenden sozialen Isolation mit einer entsprechenden Einschränkung der Mobilität, einem ca. 3-fach erhöhten Sturz- und 1,3-fach erhöhtes Frakturrisiko führen, andererseits können Mobilitätseinschränkungen verschiedenster Ursachen eine Harninkontinenz bedingen. Die unterschiedlichen Interaktionen und ihre therapeutische Beeinflussbarkeit werden in dem Vortrag dargestellt.

11:45
Anticholinerge Belastung bei 936 älteren, ambulant urologischen Patienten als Risikofaktor für ZNS-Nebenwirkungen bei anticholinerger Therapie der OAB
S408-5 

A. Wiedemann, A. Ivchenko; Witten

Einleitung: Bei der Therapie der Überaktiven Blase stehen zunehmend potentielle ZNS-Nebenwirkungen wie kognitive Defizite, Delirien, Schlafstörungen und Sturzgefährdung im Vordergrund des Interesses. Diese Symptome sind multifaktoriell bedingt und u.a. von der „anticholinergen Last“ durch die Vor-/ Begleitbehandlung bestimmt. Sie sind dem verordnenden Arzt z. B. in der Urologie jedoch nicht immer bewusst.

Methode: In der offenen, multizentrischen, prospektiven und nichtinterventionellen Studie wurden Patienten aus urologischen Praxen rekrutiert, die ≥ 65 Jahre alt waren und an OAB-Symptomen litten. Die bereits bestehende anticholinerge Belastung wurde zu Studienbeginn mittels einer adaptierten „Anticholinergic Cognitive Burden Scale“ (ACB-Score, Boustani 2008) systmatisch erfasst. Zur Beurteilung der Morbidität wurde die deutsche Version des CIRS-G eingesetzt (Hock 2005). Es erfolgte eine Beurteilung der Wirksamkeit und Verträglichkeit der Therapie durch klinische Parameter wie die Zahl der Inkontinenzereignisse.

Ergebnisse: Für die Untersuchung der anticholinergen Belastung konnten 936 Patienten (533 davon Frauen (57,94 %)) herangezogen werden. 491 (52,46 %) Patienten nahmen keine anticholinerge Medikation ein (ACB =0). 445 (47,54 %) Patienten wiesen eine anticholinerge Belastung (ACB ≥ 1) auf. Bei 110 (11,75 %) Patienten wurde ein klinisch relevanter ACB-Score von ≥ 3 Punkten bestimmt, der eine Intervention (Absetzten, Umstellen) erfordert. Dieser Anteil ist höher als in der einzigen deutschen Vergleichspublikation an geriatrisch-stationären Patienten (Pfistermeister 2016). Es fanden sich Hinweise, dass die Häufigkeit des Vorliegens einer anticholinergen Belastung bei Männern höher ist als bei Frauen und mit einem höheren Ausmaß der Morbidität sowie mit zunehmendem Alter steigt.

Schlussfolgerung: Etwa die Hälfte der behandelten Patienten ≥ 65 Jahre wies bereits vor Studienbeginn eine anticholinerge Belastung auf. 11,75 % liegen in der Quantifizierung der anticholinergen Last mit einem ACB-Score von ≥ 3 sogar in der höchsten Risikogruppe. Aus der Studie ergibt sich der Hinweis eines nicht unerheblichen Gefährdungspotentials für dieses Patientenkollektiv. Dies sollte in allen betroffenen Fächern Berücksichtigung finden.

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