Freitag, 07.09.2018
10:45 - 12:15
Seminarraum 16
S410
Umgang mit vielfältigen Herausforderungen in Versorgung und sozialer Teilhabe - Risiken und Chancen

Moderation: L. Schirra-Weirich, Köln

Insbesondere aus der demografischen Alterung der Gesellschaft ergeben sich neue Herausforderungen sowohl auf institutioneller als auch auf individueller Ebene im Rahmen der Versorgung und hinsichtlich der Sicherung sozialer Teilhabe. Das Symposium stellt Unterstützungsarrangements für Menschen mit Demenz und weiterer auf Unterstützung angewiesener Personengruppen sowie deren Angehörige dar. Auf der Basis unterschiedlicher Projekte werden der Umgang mit vielfältigen Herausforderungen in Versorgung und sozialer Teilhabe sowie sich daraus ergebende Chancen und Risiken diskutiert. Im Fokus stehen Personengruppen mit gesundheitsbezogenem Unterstützungsbedarf und ihre versorgenden Angehörigen im Kontext ihrer sozialen Netzwerke und Lebensumfelder, die Selbstbestimmungsmöglichkeiten ermöglichen oder erschweren (können). Das Ziel der sozialen Teilhabe, d.h. das Eingebundensein in eine Lebenssituation, steht im Mittelpunkt des Interesses.

Das Symposium stellt anhand von vier Beiträgen dar, wie den genannten Veränderungen und Herausforderungen begegnet werden kann. Der erste und der zweite Beitrag fokussieren dabei auf die Chancen: Eine onlinebasierte Selbsthilfeplattform zur Unterstützung versorgender Angehöriger (Beitrag 1) sowie der Lebensort Bauernhof als innovatives Angebot im Rahmen der Demenzversorgung (Beitrag 2) werden diskutiert.

Der dritte und vierte Beitrag fokussieren Risiken und Herausforderungen: Im Bereich gesellschaftlicher Teilhabe betrifft dies ältere Menschen mit psychischer Behinderung, bei denen sich Fragen der Alltagsgestaltung sowie der Sicherung sozialer Teilhabe als relevant darstellen (Beitrag 3). Der vierte Beitrag fokussiert auf eine vergleichende Analyse von Sichtweisen der Anbieter demenzspezifischer Versorgungsangebote und pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz auf Fragen der (Nicht-) Inanspruchnahme wohnortnaher Unterstützungsangebote.

Für die Zielgruppen in Beitrag drei und vier bestehen Lücken in der Versorgung, die sich insbesondere mit zunehmendem Alter verschärfen.

10:45
Same same but different? Sichtweisen von Anbietern und pflegenden Angehörigen auf Herausforderungen der Inanspruchnahme wohnortnaher Unterstützungsangebote
S410-1 

H. Wiegelmann; Köln

Fragestellung: Ein großer Teil von Menschen mit Demenz wird von nahen Angehörigen zu Hause begleitet und versorgt. Professionell erbrachte wohnortnahe Hilfen können dabei sowohl einen wichtigen Beitrag für die häusliche Versorgung insgesamt als auch speziell zur Entlastung und Teilhabeförderung pflegender Angehöriger leisten. Gleichwohl zeigen Studien, dass die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten relativ gering ist und insbesondere versorgende Angehörige nicht umfänglich erreicht werden. Es stellt sich daher die zentrale Frage, welche Barrieren der Inanspruchnahme bestehen und warum Angebote nicht umfänglich genutzt werden (können).

Im Forschungsprojekt „Inanspruchnahme regionaler Angebotsstrukturen bei Demenz (INREGA-DEM)“ wurden deshalb Barrieren für die Inanspruchnahme von regionalen Unterstützungsangeboten im Kontext der häuslichen Versorgung bei Demenz aus der Perspektive zentraler Versorgungsakteure untersucht. Der Beitrag fokussiert auf eine vergleichende Analyse von Sichtweisen der Anbieter demenzspezifischer Versorgungsangebote und pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz. Welche Gründe gibt es dafür, dass bestehende Angebote nicht genutzt werden?

Methodisches Vorgehen:

  1. Fokusgruppen: Zwei leitfadengestützte Fokusgruppen (Anbieter der Demenzversorgung/Pflegende Angehörige; n=6/8).
  2. Standardisierte Befragungen: Online-Anbieterbefragung (n=21), Befragung pflegender Angehöriger (n=44).

Ergebnisse: Die Analyse beider Fokusgruppen lässt Problemfaktoren der (Nicht-)Inanspruchnahme auf Mikro-, Meso- und Makroebene mit unterschiedlicher Nuancierung hervortreten. Sowohl Anbieter als auch pflegende Angehörige sehen Barrieren eher in der Verantwortung anderer Versorgungsakteure.

Zusammenfassung: Die Ergebnisse der Befragungen zeigen auf, dass innerhalb regionaler Versorgungsstrukturen Akteure mit unterschiedlichen Interessenslagen agieren. Dies kann das Ziel einer effektiven Priorisierung notwendiger Leistungen gefährden. Um Entlastung und Teilhabeförderung zu erreichen muss eine gemeinsame Priorisierung sowie starke Einbindung pflegender Angehöriger erfolgen.

11:05
„Man weiß ja nicht, was da auf uns zukommt” - Ressourcen und Barrieren sozialer Teilhabe für älter werdende Menschen mit einer lebensbegleitenden psychischen Beeinträchtigung
S410-2 

C. Rohleder, M. Heuel, J. Moselhy; Münster

Fragestellung: Wie erleben älter werdende Menschen mit einer lebensbegleitenden psychischen Beeinträchtigung ihre Teilhabechancen im höheren Erwachsenenalter? Vorgestellt werden Ergebnisse einer Studie mit älter werdenden (50+) Menschen mit einer psychischen Behinderung, die (noch) Tagesstätten bzw. Kontakt- und Beratungsstellen besuchen.

Methodik: Über Fokusgruppen- und Experteninterviews wurden Erfahrungen mit dem älter Werden, der Wohnsituation, der sozialen Teilhabe sowie Alterswünsche und –ängste erfasst.

Bislang finden sich nur wenige deutschsprachige Studien zu Lebenslagen und Aspekten des Alter(n)s der Zielgruppe. (Ding-Greiner/Kruse 2010; Gromann 2012; Müller/Gärtner 2016) Dies mag daran liegen, dass Menschen mit einer lebensbegleitenden psychischen Behinderung über einen höheren Grad selbstbestimmter Lebensführung und Eigenständigkeit verfügen. Auch werden subjektiv im fortgeschrittenen mittleren Erwachsenenalter (50+) die Coping-Strategien mit der psychischen Erkrankung als effektiver bewertet (Solano, Krauss Whitborne 2001). Zugleich bestehen aufgrund langjähriger Medikamenteneinnahme Risiken früher einsetzender gesundheitlicher Belastungen und der Zunahme altersbedingter unspezifischer Residualzustände. Diese können durch Indifferenz, Willensschwäche, verarmte Gefühlswelt und Sprache, Apathie sowie vermehrte Eigenheiten geprägt sein und sozialen Rückzug bzw. Ausschluss zur Folge haben (Fey 2016, 301f.). Dementsprechend werden älter werdende Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung zu den Seniorengruppen gezählt, die im höheren Lebensalter ein gesteigertes Risiko für Einsamkeit und verwehrte soziale Teilhabe haben. (Kricheldorff/Tesch-Römer 2013, 304)

Ergebnisse und Zusammenfassung: Die Befragung zeigt, dass die „Imperative des Alter(n)s“ den Befragten vielfach präsent sind. Soziale Teilhabe realisiert sich jedoch häufig primär über Angebote der Eingliederungshilfe, wobei der Anspruch auf einen Tagesstättenplatz mit Erreichen des gesetzlichen Renteneintrittsalters endet. Eine Auseinandersetzung mit dem „danach“ wird durch die Lebenserfahrung erschwert, dass psychische Erkrankungen biographische Pläne grundlegend verändern und selbst kurzfristige Planungen an der Tagesform scheitern können. Insgesamt zeigt sich ein Bedarf, Möglichkeiten einer verbindlichen sozialen Teilhabe für diese Seniorengruppe gezielter zu verbessern.

11:25
Chancen (und Grenzen) der Online-Selbsthilfe für pflegende Angehörige am Beispiel des Modellprojektes OSHI-PA
S410-3 

W. Thiems; Köln

Fragestellung: Die Versorgung und Pflege von Angehörigen stellt eine große Herausforderung in der heutigen Zeit dar. In dem Modellprojekt Online Selbsthilfe Initiativen Pflegende Angehörige (OSHI-PA) geht es um die Entwicklung onlinegestützter virtueller Selbsthilfe für pflegende Angehörige. Diese sollen die Möglichkeit bekommen, sich einerseits in einem geschützten Raum orts- und zeitunabhängig über unterschiedliche Kommunikationsmedien und Kommunikationsformen auszutauschen, zu informieren und gegenseitig unterstützen zu können und andererseits Möglichkeiten zu haben eine soziale Isolation, die durch die zeitintensive Pflege entstehen kann, überwinden zu können. Dies kann zu einer Entlastung sowohl bei dem Versorgenden als auch bei dem zu Vorsorgenden führen, was mit einer Verbesserung der Lebensqualität beider einhergehen kann. Die wissenschaftliche Begleitung des Projektes OSHI-PA untersucht, mit welchen Herausforderungen pflegende Angehörige in Bezug auf Versorgung, aber auch sozialer Teilhabe umzugehen haben und analysiert, inwieweit sie durch eine Online-Plattform eine Verbesserung ihrer Situation erfahren.

Methodik: In einem partizipativen Forschungsansatz werden Fokusgruppen, eine Online-Befragung, Dokumentenanalysen und Partizipationsanalysen durchgeführt. Außerdem werden mittels einer Längsschnittbefragung und einer themenzentrierten Inhaltsanalyse die Auswertung der Personal Outcomes sowie die Inhalte der Plattform analysiert. Die erhobenen Daten werden mit SPSS und MAXQDA ausgewertet.

Ergebnisse: Die Auswertungen liefern Informationen, inwieweit eine Online-Selbsthilfe-Plattform für die pflegenden Angehörigen hilfreich sein kann. Es werden Erkenntnisse erwartet, inwieweit sie eine entlastende Funktion einnehmen kann, aber auch, an welcher Stelle mögliche Grenzen bei der Nutzung einer solchen Plattform liegen.

Zusammenfassung: Wie kann es gelingen, pflegende Angehörige bei der Bewältigung bestehender Herausforderungen in der Versorgung und der sozialen Teilhabe zu unterstützen? Die Implementation einer onlinebasierten Selbsthilfeplattform kann ein Format darstellen, durch das sich die Situation der pflegenden Angehörigen verbessert. Durch den Einbezug von pflegenden Angehörigen kann der Bedarf an Hilfestellungen aufgedeckt und in die Plattform integriert werden. Die Möglichkeiten und Grenzen, die mit der Implementation einer Online-Plattform einhergehen, sind hier auszuwerten.

11:45
Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz - Neue Chancen für die Versorgung in ländlichen Regionen?
S410-4 

A. Schmidt, K. Wolf-Ostermann; Bremen

Fragestellung: In Deutschland steigt die Zahl hochaltriger Menschen an. Ebenso ist ein Anstieg an chronischen Erkrankungen – wie z. B. Demenzen – zu beobachten. Diese Konstellation geht mit einem steigenden Bedarf an Pflege- und Versorgungsleistungen einher. Demgegenüber steht die Zunahme der Nachfrage nach alternativen Wohn-, Betreuungs- und Versorgungsangeboten. Ein alternatives Konzept ist das Konzept der Green Care Farmen oder „Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz“. Dieses hat sich in Deutschland vor allem in Schleswig–Holstein mit ersten Angeboten entwickelt. Im vorliegenden Beitrag wird der Frage nachgegangen, welche Chance sich einerseits aus der Etablierung dieses Konzeptes ergeben und, anderseits, welche Risiken damit verbunden sein können.

Methodik: Im Rahmen einer explorativen Mixed-Methods-Studie wurden leitfadengestützte Experteninterviews mit n = 4 Landwirt/innen mit bestehenden sowie mit geplanten Green Care-Angeboten und mit n = 6 politischen und administrativen Verantwortlichen geführt. Zudem wurde eine standardisierte Onlinebefragung mit potenziellen Nutzern von ambulanten, teil- und vollstationären Pflegeeinrichtungen (n = 42) sowie eine postalische Befragung mit Angehörigen von Menschen mit Demenz (n = 7) durchgeführt. Die qualitativen Daten wurden inhaltsanalytisch nach Mayring, die quantitativen Daten mittels deskriptiver und explorativer Verfahren ausgewertet.

Ergebnisse: Die Ergebnisse weisen u. a. darauf hin, dass in ländlichen Gemeinden individuelle Betreuungs- und Versorgungsangebote für Menschen mit Demenz gar nicht oder nur unzureichend vorhanden sind, die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel sowie die Möglichkeiten der Finanzierung von Angeboten zusätzliche Hürden darstellen. Das Green Care-Angebot kann jedoch dem Strukturerhalt ländlicher Regionen dienen, Menschen mit Demenz ein sinnesanregendes Erlebnis bieten und Angehörige entlasten.

Zusammenfassung: Die Evaluation des Angebotes „Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz“ in Schleswig-Holstein gibt einen Überblick über die Chancen und Barrieren die das Konzept umfasst und ermöglicht damit einen passgenaueren Ausbau dieses Angebotes in ländlichen Regionen und bietet die Möglichkeit einer verbesserten Versorgung von Menschen mit Demenz außerhalb von Ballungsräumen.

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