Donnerstag, 06.09.2018
13:45 - 15:15
Hörsaal B
S101
Subjektive Altersbilder - neue Befunde der psychologischen Alternsforschung

Moderation: E.-M. Kessler, Berlin; M. Wiest, Berlin

Unser ganzes Leben begleiten uns Vor- und Darstellungen darüber, wie das Alter(n) ist, wie es sein könnte und sein sollte. Individuelle Altersbilder beeinflussen dabei nachweislich unser Erleben und Verhalten, etwa die Wahrnehmung unseres eigenen Alterns, Gesundheitshandeln und Interaktionen mit älteren Menschen. In diesem Symposium präsentieren wir neue Studien aus dem Kreis des wissenschaftlichen DFG-Netzwerkes „Altersbilder: Über ein dynamisches Lebensspannen-Modell zu neuen Perspektiven für Forschung und Praxis“.

13:45
Mindful oder Mind Full? Informationsverarbeitungsstrategien moderieren den Effekt des subjektiven Alternserlebens auf depressive Symptome
S101-1 

A. J. Dutt, H.-W. Wahl, F. Rupprecht; Heidelberg

Fragestellung: Das subjektive Alternserleben, das heißt die Wahrnehmung und Beurteilung des eigenen Alternsprozesses, ist längsschnittlich mit wohlbefindensbezogenen Entwicklungsoutcomes verbunden. Neuere Studien deuten darauf hin, dass dieser Effekt von Personenmerkmalen, wie Selbstregulationsstrategien oder Optimismus, abhängt. In der vorliegenden Studie wurde die moderierende Rolle von zwei Informationsverarbeitungsstrategien, nämlich Achtsamkeit und negatives repetitives Denken, für den Effekt des subjektiven Alternserlebens auf depressive Symptome untersucht. Achtsamkeit beinhaltet eine offene und akzeptierende Haltung gegenüber Reizen. Negatives repetitives Denken ist durch einen rekursiven und unflexiblen Denkstil mit einer chronischen kognitiven Repräsentation von Stressoren geprägt. Es wurde angenommen, dass der schädliche Effekt eines negativen subjektiven Alternserlebens auf depressive Symptome durch Achtsamkeit abgemildert, durch negatives repetitives Denken hingegen verschärft wird.

Methodik: Die Stichprobe setzt sich aus Personen des mittleren und höheren Erwachsenenalters zusammen. Die Analysen stützen sich auf zwei Messzeitpunkte mit einem Abstand von 4,5 Jahren (2012: N = 423 (40–98 Jahre); 2017: N = 299 (44–92 Jahre). Das subjektive Alternserleben wurde als Gewahrwerden alternsbezogener Gewinne und Verluste (sog. AARC) operationalisiert. Die Daten wurden mittels eines latenten Veränderungsmodells basierend auf einem Strukturgleichungsansatz ausgewertet.

Ergebnisse: Achtsamkeit milderte den schädlichen Effekt wahrgenommener Verluste auf depressive Symptome ab. Umgekehrt verschärfte negatives repetitives Denken den schädlichen Effekt wahrgenommener Verluste bzw. wenig ausgeprägter wahrgenommener Gewinne auf depressive Symptome. Das Wechselspiel zwischen Achtsamkeit und wahrgenommenen Gewinnen erwies sich zwar als statistisch nicht signifikant, jedoch entsprachen auch hier die Zusammenhangsmuster den theoretischen Vorüberlegungen. Die gefundenen Effekte waren im mittleren und höheren Erwachsenenalter vergleichbar.

Zusammenfassung: Das subjektive Alternserleben ist kein isoliertes Phänomen, sondern der Zusammenhang zwischen dem subjektiven Alternserleben und depressiven Symptomen wird durch den kognitiven Umgang mit dem Alternserleben geprägt.

14:00
Beeinflusst das Alter eines Patienten die Einstellung von jungen Psychotherapeuten gegenüber einer Behandlung?
S101-2 

E.-M. Kessler, C. Blachetta; Berlin

Ziel: Ziel der vorliegenden Studie war zu untersuchen, ob das Alter eines Patienten mit psychischen Symptomen die Einstellung von jungen Psychotherapeuten gegenüber einer Behandlung beeinflusst.

Methode: Eine Stichprobe von Psychotherapeuten in fortgeschrittener Therapieausbildung (N = 114) beantwortete Fragen bezüglich einer naturalistischen Fallvignette, in welcher es um einen Patienten mit Depression und Todeswünschen ging. Im Rahmen eines experimentellen Designs wurde der Patient entweder als 86 Jahre (Bedingung ‚Alter Patient‘) oder als 52 Jahre (Bedingung ‚mittelalter Patient‘) beschrieben.

Ergebnisse: Die Studienteilnehmer schätzten die Symptome des Patienten in beiden Bedingungen als gleichermaßen krankheitswertig ein. Allerdings erzeugte die Bedingung ‚Alter Patient‘ bei den Studienteilnehmern vergleichsweise mehr negative Gefühle, eine geringere Behandlungsbereitschaft, weniger Kompetenzerleben und eine geringere Therapieerfolgserwartung.

Schlussfolgerung: Negative Altersbilder sowie eine defizitäre gerontopsychologische Ausbildung sind potentiell problematische Faktoren im psychotherapeutischen Geschehen. Es besteht dringender Bedarf, gerontopsychologische Inhalte in die psychotherapeutische Ausbildung zu integrieren.

14:15
Das Erfassen von Altersbildern: Viel Kopf und wenig Gefühl?
S101-3 

V. Klusmann, A. Blawert, A.-K. Beyer, N. Notthoff, M. Gabrian; Konstanz, Nürnberg, Berlin, Heidelberg

Fragestellung: Forschungsarbeiten zum Konzept der psychologischen Altersbilder nutzen in überwiegender Zahl fragebogenbasierte Erhebungsinstrumente. Diese zielen auf eine Beurteilung von Aussagen oder Adjektiven hinsichtlich des Alterns, Altseins oder älterer Menschen bezogen auf die eigene Person oder ältere Personen im Allgemeinen ab. In diesem Beitrag soll auf Basis einer Systematisierung beurteilt werden, ob das derzeitige Methodenspektrum dem Konzept der psychologischen Altersbilder hinreichend gerecht wird. Auf der Analyse aufbauend werden methodische Alternativen, Erweiterungen und Ergänzungen diskutiert.

Methodik: Auf Basis einer systematischen Recherche von Instrumenten zur Erfassung von psychologischen Altersbildern wurden n=42 Messinstrumente eingeschlossen und in 8 Dimensionen kategorisiert.

Ergebnisse: Im Schwerpunkt werden psychologische Altersbilder explizit quantitativ erfasst und als überdauernde (trait), reflektive Kognitionen (Wissen, Einstellungen oder Werturteile) begriffen. Damit ist die implizite und affektive Seite von Altersbildern weniger repräsentiert. Selten nur werden zeitliche Referenzen hergestellt. Auch berücksichtigen die klassischen Instrumente die multidimensionale, multidirektionale und bereichsspezifische Natur von Altersbildern weniger als neuere Entwicklungen. Ferner werden Aspekte diskutiert, die wir zu folgenden drei Kernbereichen zusammenfassen konnten: (1) Ambiguität aufgrund ungenauer Formulierungen der Items, (2) Übertragbarkeit und Validität bei der Anwendung in unterschiedlichen Altersgruppen, (3) Transportieren von Altersstereotypen durch die Messungen selbst.

Zusammenfassung: Die Befunde stellen die Forschungen zu Entwicklung und Mechanismen von Altersbildern über die Lebensspanne vor Herausforderungen. Mit Methoden, die bislang nicht unter dem Label der Altersbilder angewendet werden (wie experimentelles Priming oder Virtual Reality-Simulationen) und qualitative Ansätze (wie Interviews oder sprachfreie, kreative Verfahren) könnten sich sinnvolle Erweiterungen der psychologischen Altersbilderforschung anbieten.

14:30
Die Rolle von Altersbildern und Krankheitswahrnehmung für sportliche Aktivität bei älteren Erwachsenen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen
S101-4 

A.-K. Beyer, J. Wolff, S. Ulbricht, S. Wurm; Nürnberg, Berlin, Greifswald

Fragestellung: Positivere Altersbilder sind eine bedeutsame Ressource für Gesundheitsverhalten im Alter. Forschungsbefunde zeigen zudem, dass Krankheitswahrnehmungen, wie die subjektive Belastung durch eine Erkrankung oder die wahrgenommene Kontrollierbarkeit einer Erkrankung, die Genesung und den Umgang mit dieser Krankheit beeinflussen. In Deutschland stellen derzeit Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache für Männer und Frauen dar. Der Mangel an sportlicher Aktivität ist ein Risikofaktor von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Im Beitrag wird daher der Frage nachgegangen, inwiefern die Dimensionen der Krankheitswahrnehmungen mit positiveren und negativeren Altersbildern bei älteren Erwachsenen mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung assoziiert sind und welche Rolle diese für die Ausübung von sportlicher Aktivität in dieser Patientengruppe spielen.

Methodik: Ältere Erwachsene (n = 60) mit einer koronaren Herzerkrankung beantworteten einen mehrdimensionalen Fragebogen zur Krankheitswahrnehmung (Illness Perception Questionnaire; Broadbent et al., 2006), eine mehrdimensionale Skala zur Messung von gewinn- und verlustorientierten Altersbildern (Steverink et al. 2001; Wurm et al., 2007) sowie Fragen zur sportlichen Aktivität.

Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen, dass einige, aber nicht alle Dimensionen der Krankheitswahrnehmung mit Altersbildern assoziiert sind. Ältere Menschen, die ihre Herz-Kreislauf-Erkrankung als größere Beeinträchtigung wahrnehmen und eine stärkere emotionale Belastung aufgrund der Erkrankung angeben, berichten gleichzeitig auch negativere Altersbilder. Wird eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hingegen als kontrollierbar erlebt, ist dies mit positiveren Altersbildern assoziiert. Für die Ausübung von sportlicher Aktivität sind für Herz-Kreislauf-Patienten insbesondere positivere Altersbilder und eine geringere affektive Belastung durch die koronare Herzerkrankung förderlich.

Zusammenfassung: Die Thematisierung von Altersbildern und Krankheitswahrnehmung ist ein vielversprechender Ansatzpunkt für Interventionen in der Bewegungsförderung für Patientinnen und Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

14:45
Die Rolle von Herz-Kreislaufereignissen für die Veränderung subjektiver Altersbilder
S101-5 

S. Wurm, M. Wiest, S. Spuling, A.-K. Beyer, J. Wolff; Nürnberg, Berlin

Einschneidende Lebensereignisse beeinflussen die Entwicklung und tragen zur Strukturierung des Lebensverlaufs bei. Insbesondere schwerwiegende oder lebensbedrohliche Ereignisse, wie z. B. ein Herzinfarkt, können die Betroffenen an die Endlichkeit des Lebens erinnern und die Sicht auf das Älterwerden verändern. Während bereits zahlreiche Studien den Einfluss von Altersbildern auf die Gesundheit und Langlebigkeit belegen konnten, ist bisher nur wenig darüber bekannt, inwieweit umgekehrt Krankheiten und Krankheitsereignisse zu Veränderungen der Sicht auf das eigene Älterwerden beitragen. Basierend auf gepoolten Längsschnittdaten des Deutschen Alterssurveys aus den Jahren 2008, 2011 und 2014 (N = 4.583, Altersrange 40-95 Jahre) wurde der Einfluss von kardiovaskulären Ereignissen (KVE; z. B. Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz) auf drei Indikatoren der individuellen Sicht auf das Älterwerden untersucht. Bei insgesamt 178 Personen (3,9%) trat im Untersuchungszeitraum ein KVE auf. Im Vergleich zu Personen ohne ein solches Ereignis zeigte sich für die Gruppe mit Ereignis, dass sich über den jeweils betrachteten Dreijahreszeitraum hinweg die Sichtweisen auf das Älterwerden stärker veränderten: Nach einem KVE verbanden Personen ihr eigenes Älterwerden signifikant stärker mit körperlichen Verlusten (ΔMKVE= .18; ΔMohne= .03) und weniger mit persönlicher Weiterentwicklung (ΔMKVE= -.25; ΔMohne= -.05). Zudem fühlten sich die Personen subjektiv älter als jene ohne KVE (ΔMKVE= .05; ΔMohne= .01). Dies verdeutlicht, dass sich Altersbilder auch durch Krankheitsereignisse verändern, was wiederum Konsequenzen für die weitere gesundheitliche Entwicklung haben kann. Patienten sind deshalb möglicherweise eine besonders wichtige Zielgruppe für Interventionen, die eine positive Sicht auf das Älterwerden fördern.

Zurück