Samstag, 08.09.2018
08:30 - 10:00
Seminarraum 14
S609
Spezialstationen für Patienten mit Demenz: Pro - Contra

Moderation: T. Zieschang, Heidelberg; A. Rösler, Hamburg

In Kliniken für Geriatrie wird eine große Zahl von somatisch akut erkrankten Patienten mit kognitiver Einschränkung behandelt. Seit 1990 existieren in einigen geriatrischen Einrichtungen Spezialstationen für diese Patientengruppe. In dem Symposium wird einleitend der aktuelle Stand der Verbreitung von Spezialstationen in geriatrischen Abteilungen, entsprechend einer aktuellen bundesweiten Umfrage, dargestellt. In dem zweiten Beitrag werden die im Rahmen einer Studie erfassten Daten zur räumlichen Gestaltung von Spezialstationen dargestellt und der therapeutische Effekt diskutiert. Schwerpunkt des Symposiums soll jedoch eine Pro-Contra Debatte sein, in der sowohl positive Erfahrungen mit einer Spezialstation und deren Auswirkungen auf die Patientenversorgung als auch Nachteile, Risiken und Nebenwirkungen gegenübergestellt werden. Eingeleitet wird die Debatte durch zwei Beiträge, die jeweils den Pro- und Contra-Standpunkt einnehmen. Im Verlauf ist eine Diskussion mit dem Publikum und ein ergebnisoffener Erfahrungsaustausch gewünscht.

08:30
Spezialstationen für Patienten mit kognitiver Einschränkung Ergebnisse einer Umfrage in Kliniken für Geriatrie in Deutschland
S609-1 

T. Zieschang, A. Rösler; Heidelberg, Hamburg

Hintergrund: In Kliniken für Geriatrie wird eine große Zahl von akut erkrankten Patienten mit kognitiver Einschränkung behandelt. Seit 1990 bestehen in Deutschland geriatrische Einrichtungen mit Spezialstationen für diese Patientengruppe. Eine erste Bestandsaufnahme war 2010 erfolgt, jedoch nicht im Rahmen einer nationalen Umfrage.

Ziel der Arbeit: Bundesweite strukturierte Erfassung von Spezialbereichen für Patienten mit kognitiver Beeinträchtigung in geriatrischen Einrichtungen.

Methoden:

Mit einem online-Fragebogen (surveymonkey®) wurden alle Weiterbildungsbefugten des Faches Geriatrie mit einer Weiterbildungsermächtigung von mindestens 12 Monaten befragt.

Ergebnisse: Bundesweit wurden 495 geriatrische Einrichtungen angeschrieben, von denen 161 (32,5%) antworteten. Weitere 13 Einrichtungen antworteten über einen Weblink, der in einem Newsletter der DGG versandt wurde. 2017 sind 41 Spezialstationen mit einer Größe von durchschnittlich 13,3 ± 4,8 Betten in Betrieb. Fünfzehn weitere Einrichtungen planen die zeitnahe Eröffnung eines Spezialbereiches, davon fünf im Jahre 2018. Vier Spezialbereiche wurden wieder aufgelöst. Alle Spezialbereiche weisen architektonische, strukturelle und personelle Besonderheiten auf, die den Empfehlungen des Positionspapiers der DGG entsprechen. Vereinzelte Evaluationen weisen auf positive Effekte bezüglich Mobilität und Verhaltensauffälligkeiten hin.

Schlussfolgerung: Es zeigt sich eine Zunahme an Neueröffnungen von Spezialbereichen in den letzten Jahren. Eine methodisch optimierte Evaluation hinsichtlich des klinischen Verlaufs der Patienten incl. Follow-up und Kosteneffektivität fehlt und sollte in naher Zukunft erfolgen.

08:35
A holistic approach to health care for older persons with dementia: An innovative model of Dementia Friendly Hospital
S609-2 

M. F. Wyman; Madison/USA

There is growing interest in “Dementia Friendly” initiatives: programs designed to improve services and promote engagement for persons with dementia (PwD). Healthcare settings are also a target for interventions to reduce stigma and improve the care experience for PwD and their caregivers. Our holistic, innovative model of Dementia Friendly Hospital (DFH) was developed in a community setting, and includes six key components: 1) training of clinical staff in person-centered dementia care, 2) training of non-clinical facility staff to improve communication skills with PwD, 3) incorporation of DFH environmental design principles, 4) identifying DFH Champions among staff, 5) securing support from facility leadership and advocacy, and 6) collaboration with community organizations. The approach is based in inclusive, socially-based models and principles of evidence-based dementia care. We first describe the model in detail, and then discuss facilitators and barriers to implementation of the model in a large Veterans Affairs Medical Center and in a smaller community hospital in the Midwest USA. At the Veterans Affairs Medical Center, outcomes of a brief and well-accepted staff training were promising, resulting in an increase in basic knowledge of dementia communication strategies among 240 non-clinical clerical staff, and an improvement in self-efficacy for dementia care among 98 clinical nursing assistants (t (97) = -10.602, p < .001; d = 1.07). Improvements in the facility environment have been successfully implemented and are ongoing. This novel DFH model represents a promising initiative for transforming healthcare culture and improving the healthcare experience for PwD.

08:50
Raumkonzepte von Spezialstationen für die Versorgung von Patienten mit Demenz in Akutkrankenhäusern
S609-3 

J. Kirch, K. Büter, G. Marquardt; Heidelberg, Dresden

Hintergrund: Studienergebnisse weisen darauf hin, dass die Behandlung von akut erkrankten geriatrischen Patienten mit zusätzlichen kognitiven Beeinträchtigungen auf spezialisierten Stationen („Spezialstationen“) in Akutkrankenhäusern positive Effekte hinsichtlich der Selbsthilfefähigkeit und Mobilität sowie auf die Reduktion von herausfordernden Verhaltensweisen hat. Das Behandlungskonzept auf Spezialstationen umfasst neben einer Vielzahl von Maßnahmen auch die Umsetzung eines demenzsensiblen Raumkonzeptes. Dabei wird der therapeutische Effekt architektonischer Mittel auf Menschen mit Demenz genutzt, der empirisch belegt ist. Empfehlungen für eine demenzsensible Gestaltung von allgemeinen Krankenhausstationen und für die räumliche Gestaltung von Spezialstationen finden sich in Übersichtsarbeiten von Büter et al. 2017 und Hofmann et al. 2014. Sie reichen von baulichen Strukturen wie den Raum- und Flächenprogrammen bis hin zur Innenraumgestaltung.

Problemstellung und Ziel der Studie: Es ist keine Erhebung zur baulichen Umsetzung von Planungsempfehlungen für Spezialstationen bekannt. Daher sollen bestehende Raumkonzepte erfasst und der Umsetzungsgrad demenzsensibler Empfehlungen dokumentiert werden. In Ergänzung zu Aussagen von Projektinvolvierten können Möglichkeiten und Defizite bei der Umsetzung von Empfehlungen aufgezeigt und dadurch Handlungsoptionen für die Weiterentwicklung von Raumkonzepten von Spezialstationen bereitgestellt werden.

Methodisches Vorgehen: Es fanden Ortsbegehungen und Interviews mit ärztlicher und pflegerischer Leitung bestehender Spezialstationen statt (n=15). Für das Erfassen der Raumkonzepte wurden sowohl die Umsetzung der Empfehlungen nach Hofmann et al. 2014 dokumentiert inkl. der Flächen- und Raumprogramme sowie die Umsetzung der Empfehlungen nach Büter et al. 2017.

Ergebnisse: Auf der Ebene der Innenraumgestaltung findet sich ein hoher Umsetzungsgrad der Empfehlungen, wie der Einsatz von Farbkontrasten zur besseren Sichtbarkeit von Türen oder Sanitärobjekten. In Bezug auf die baulichen Strukturen ist festzustellen, dass die besichtigten Stationen sich stark in ihren Raum- und Flächenprogrammen unterscheiden. Es zeigen sich individuelle Konzepte, die unter anderem bedingt sind durch das Zusammenspiel unterschiedlicher baulicher Bestandssituationen mit funktionalen Anforderungen an Brandschutz und Hygiene.

09:05
Spezialstation - Station Silvia Köln
S609-4 

J. G. Hoffmann; Köln

Patienten mit der Nebendiagnose Demenz verschlechtern sich häufig in ihrer Kognition während eines stationären Aufenthaltes und sind oftmals in einem höheren Maße gefährdet, während der Behandlung ein Delir zu entwickeln.

Station Silvia, eine Achtbettenstation mit einem Gemeinschaftsraum (Wohn-, Essbereich), ist organisatorisch an die Geriatrie angeschlossen, aber baulich davon abgetrennt. Alltagsbegleiter unterstützen das interdisziplinäre Team. Beleuchtung und Farbgebung der Station orientieren sich am schwedischen Silviahemmet-Konzept. Alle Mitarbeiter besitzen eine Basiskompetenz im Umgang mit Patienten mit Demenz.

Es werden patientengebundene Merkmale mit standardisierten Assessmentinstrumenten erhoben, und in den Bereichen Mobilität, Kraft und Alltagsfähigkeit werden pre- post-Messungen durchgeführt.

Alltagsfähigkeit und Mobilität der Patienten auf Station Silvia verbessern sich während des stationären Aufenthaltes:

Der Barthel-Index als Marker der Alltagsfähigkeit lag zum Zeitpunkt der Aufnahme im Durchschnitt bei 44,7 Punkten und stieg im Verlauf auf 53,8 Punkte bei Entlassung an, ein statistisch hoch signifikanter (p<0,001) Unterschied.

Auch der Wert des DEMMI-Tests erhöht sich als Ausdruck einer gesteigerten Mobilität im Laufe der Behandlung von 47,9 auf 52,7 (p<0,001).

Agitiertes Verhalten wurde auf Station Silvia (51,7%) seltener als in der Literatur beobachtet (57% bzw. 62,5%). Zu körpernahen Fixierungen ist es im gesamten Zeitraum nicht gekommen.

 

Unsere Ergebnisse geben einen weiteren Hinweis darauf, dass die spezialisierte Versorgung und die Umgebung einer speziell auf die Bedürfnisse von Patienten mit Demenz ausgerichteten Station positive Effekte bezüglich des Verlaufs von Funktionalität und Verhalten dieser Patienten haben.

15:19
Risiken und Nebenwirkungen einer Spezialstation - bessere Alternativen
S609-5 

J. Wiechelt; Bad Schwalbach

Zunehmend werden als Modell für die Versorgung von Menschen mit Demenz im Krankenhaus „Spezialstationen“ etabliert und eingeführt.

Im Contra-Part der Debatte werden auf Basis eines Erfahrungsberichtes Schwierigkeiten und Probleme einer „Spezialstation für Menschen mit kognitiver Einschränkung“ erläutert: Personalaufwand, baulicher Aufwand, Re-Finanzierbarkeit, Vorwurf der „Ghettoisierung“, Konflikt innerhalb des Hauses bzw. der Stationen, und „falsche Anreize“ nach außen. Es wird versucht, mögliche alternative Lösungen für den klinischen Alltag darzulegen.

09:35
Diskussion
 


Diskutantin: B. Romero, Berlin

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