Samstag, 08.09.2018
11:15 - 12:45
Hörsaal A2
S703
Roboter im häuslichen Umfeld – zwischen technischer Umsetzung und ethischen Herausforderungen

Moderation: R. Klebbe, Berlin

Die Frage nach einem selbstbestimmten Leben im Alter ist eine gesamtgesellschaftliche Frage. Ihre Beantwortung liegt dabei einerseits darin, welche Ressourcen den Betroffenen zur Verfügung gestellt werden, wie etwa im Rahmen der Hilfsmittelversorgung. Andererseits besteht sie darin, welche Bedingungen an deren Verwendung geknüpft sind. Insbesondere im Zusammenhang mit der digitalen Transformation unserer Gesellschaft werden vielfältige Lösungsmöglichkeiten der Herausforderung des demographischen Wandels in den Potentialen neuer Technologien gesehen. Einen prominenten Bestandteil bilden dabei auch Roboter, die, über den medizinischen Kontext hinaus, Einzug in die pflegerische Versorgung und den Service-Bereich finden. Roboter sollen das Leben vereinfachen und effizienter machen, indem sie z.B. bei den Aktivitäten des täglichen Lebens Unterstützung bieten. Darüber hinaus verbindet sich mit ihrem Einsatz die Hoffnung, Defizite in den Versorgungsstrukturen kompensieren zu können. Damit Roboter derartige Aufgaben zunehmend autonom übernehmen können, müssen sie ihr Verhalten auch selbst regulieren können und über eine gewisse Form eigenständiger Entscheidungsfähigkeit verfügen. Grundsätzlich muss jedoch festgestellt werden, dass den vielfältigen technischen Möglichkeiten im Bereich der Robotik ebenso adäquate Regeln für die Entwicklung und Anwendung im Umfeld des Menschen gegenübergestellt werden müssen. Unter dem Begriff der Roboterethik hat sich hierzu bereits ein gesellschaftlicher Diskurs gebildet, für den es hinsichtlich der unterschiedlichen Anwendungsbereiche entsprechende ethische und rechtliche Anforderungen zu erarbeiten gilt. Die vielfältigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und Entwicklungen zum Einsatz von Service- und Assistenz-Robotern in der Unterstützung hilfebedürftiger Menschen machen es daher unerlässlich, in diesen Diskurs frühzeitig ethische und rechtliche Implikation einzubringen, die die Entwicklungen in diesem Feld anleiten können.
Das vorliegende Symposium soll den Raum dafür schaffen, das Spannungsfeld ethischer und rechtlicher Fragestellung des Einsatzes robotischer Assistenzsysteme im unmittelbaren Umfeld älterer Menschen zu beleuchten und dabei unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen.

11:15
Roboter für die Unterstützung älterer Menschen - strategische Interessen und Folgen
S703-1 

J. Hergesell, A. Maibaum; Berlin

In der westlichen Gegenwartsgesellschaft wird der Diskurs um ein selbstbestimmtes Leben im Alter zur einer der dringendsten gesamtgesellschaftlichen Fragen. Im gegenwärtigen Diskurs postulieren verschiedenste Akteure innovative Technologien als Lösungsstrategie für Probleme wie den “Pflegenotstand”. Digitale Pflegetechnologien scheinen dabei die Interessen aller beteiligten Akteure zu vereinen: sie sollen den Verbleib in der eigenen Häuslichkeit ermöglichen, die pflegerische Versorgung effizienter und kostengünstiger gestalten und die Selbstständigkeit älterer Menschen steigern.

Exemplarisch für das Phänomen ist das derzeit populäre Reden über “Pflegeroboter”. Die schon bei digitalen Pflegetechnologien festzustellende deutliche Diskrepanz zwischen den im Diskurs postulierten Potentialen technischer Lösungen und deren tatsächlich empirisch nachzuweisenden Effekten im Pflegealltag tritt hier noch offensichtlicher zu Tage. Aus soziologischer Perspektive stellt sich daher die Frage, warum - obwohl im Pflegealltag in mittelfristiger Zeit kein nutzbringender Einsatz von robotischer Technologie zu erwarten ist - Pflegeroboter derart erfolgreich als probat für die Unterstützung älterer Menschen wahrgenommen werden.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass hinter der Forderung nach der Entwicklung von Pflegerobotern zahlreiche partielle Interessen zu finden sind. So können etwa politische Akteure eine dringend benötigte Lösung für den Pflegenotstand im demographischen Wandel präsentieren, Ingenieure und Roboterentwickler finden ein Anwendungsfeld für ihre Forschung und ökonomische Akteure erschießen sich im Gesundheitssektor einen neuen Markt. Es lässt sich die These formulieren, dass die bisher zu beobachtende Funktion des Redens über Pflegeroboter nicht ihre tatsächliche Anwendung im Feld der Pflege ist, sondern zur Legitimierung und Durchsetzung von partiellen Interessen genutzt wird.

Mit unserem Beitrag wollen die “Pflegerobotik” gesamtgesellschaftlich kontextualisieren, auf den ersten Blick nicht erkennbare mit ihr verknüpfte strategische Interessen thematisieren und tendenzielle Folgen der forcierten Entwicklungsförderung von Robotern mit dem Einsatzfeld “Alter” diskutieren.

11:35
Entwicklung eines robotergestützten Assistenzsystems für die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) unter besonderer Berücksichtigung der Nutzungsperspektiven
S703-2 

C. Eicher, J. Kiselev, K. Brukamp, D. Kiemel, A. Maier, S. Spittel, M. Greu謻 Berlin, Ludwigsburg

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), eine degenerative Lähmungserkrankung des Nervensystems, ist aufgrund ihres progredienten Charakters exemplarisch für den Einsatz intelligenter Technologien. Neben der Entlastung der Pflegenden und der Stärkung der Autonomie von Pflegebedürftigen stehen das Hantieren mit Gegenständen sowie das Bewegen des gelähmten Körpers im Vordergrund. Innerhalb des BMBF-geförderten Projekts ROBINA wird ein Roboterarm entwickelt, der ALS-Patienten in ihren Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL) unterstützt, indem er Befehle über eine multimodale Bedienoberfläche direkt vom Patienten erhält. Dabei stehen die Bedürfnisse der Patienten, Pflegefachkräfte, Angehörigen und der weiteren potentiellen Nutzergruppen wie Therapeuten oder Hilfsmittelanbieter im Vordergrund. Ihre Wünsche und Erwartungen werden zentral in den Entwicklungsprozess pflegerelevanter Technologien einbezogen, da sie selbst mit der Technologie in Berührung kommen und oft eine große Rolle bei der Akzeptanz der Pflegebedürftigen gegenüber neuer Technik spielen. Innerhalb der Projekt-Anforderungsanalyse wurden daher die Bedarfe verschiedener Nutzergruppen (N=117) erhoben. Der methodische Ansatz bediente sich neben der quantitativen Datenerhebung mittels Fragebögen auch einer qualitativen Datenerhebung mittels Interviews und teilnehmender Beobachtung. Dabei wurden relevante Themen adressiert, wie die Technikakzeptanz der Nutzergruppen und darauf einflussnehmende Faktoren, z.B. die Angst vor dem Verlust menschlicher Nähe oder der Erhalt sozialer Partizipation durch Assistenzsysteme. Ein zentrales Ergebnis ist die Gewährleistung der Patientensicherheit im Rahmen der Technikakzeptanz. Es wird ein adaptiver Technikeinsatz angestrebt, um die Systemanwendung auch mit Fortschreiten der Krankheit und Verlust von Körperfunktionen möglichst lange zu ermöglichen. Weiterhin konnten die Ergebnisse die Relevanz der individuellen Bewertung des Einsatzes des Roboterarms nach Alter, Geschlecht, Technikvorerfahrung und Krankheitsschwere zeigen. Subjektive Unsicherheiten betrafen die Realisierbarkeit und die Finanzierbarkeit. Insgesamt wurde das Vorhaben positiv bewertet. Die Ergebnisse der Anforderungsanalysen stellen eine wesentliche Grundlage für den weiteren Entwicklungsprozess dar. Zu beachten ist das große Transferpotential zu geriatrischen Patienten, da diese ebenso motorische Einschränkungen erleben, z.B. nach einem Schlaganfall, und vom Einsatz des Roboterarms profitieren würden.

11:55
AuRorA - Anforderungen an ein proaktives, interaktives Robotersystem zur Unterstützung älterer Erwachsener in ihrem selbstständigen Leben
S703-3 

R. Klebbe, P. kleine Stüve, N. Strutz, U. Müller-Werdan; Berlin, Furtwangen

Der Erhalt von Autonomie und Unabhängigkeit ist ein wesentlicher Bestandteil des erfolgreichen Alterns. Gleichzeitig impliziert der Alterungsprozess verschiedene physische und kognitive Funktionseinschränkungen, die ein unabhängiges Leben vor große Herausforderungen stellen. Interventionen zur Wahrung der Unabhängigkeit sind daher von großer Bedeutung und umfassen zunehmend auch den Einsatz von Service - und Assistenzrobotern. Neben der Zuverlässigkeit und Flexibilität der Systemfähigkeiten besteht ein großer Bedarf, Robotersysteme in die Lage zu versetzen, menschliche Kommunikation und menschliches Verhalten zur Grundlage ihres eigenen Handelns zu machen. An dieser Stelle setzt das öffentlich geförderte Projekt AuRorA an. Es hat zum Ziel, ein eigenständig lernendes Robotersystem zu entwickeln, das ältere Erwachsene durch ein interaktives, proaktives Roboterverhalten im Rahmen eines Smart Home bei ihren täglichen Aufgaben unterstützt. Auf Grundlage des User-Centered-Design Ansatzes erfolgt eine konsequente Einbeziehung älterer Erwachsener während des gesamten Entwicklungsprozesses. Präsentiert werden die Ergebnisse einer qualitativen Studie in deren Rahmen die Anforderungen an ein proaktives, interaktives Robotersystem erhoben wurden. Hierzu wurden halbstrukturierte Interviews mit 6 älteren Erwachsenen ab 65 Jahren und 4 Experten aus der Hotellerie durchgeführt. Basierend auf den Ergebnissen wurde ein Fragebogen für eine quantitative Studie entwickelt, um relevante Anforderungen auf der Grundlage einer größeren Stichprobe (N=150) zu untersuchen und die Ergebnisse der qualitativen Studie zu erweitern. Relevante Themen der beiden Studien umfassten den Unterstützungsbedarf älterer Erwachsener in ihrer Häuslichkeit, Anforderungen an Design, Mobilität und Kommunikationsfähigkeit im Sinne der Technologieakzeptanz sowie Grenzen und Bedenken gegenüber dem Einsatz von Robotersystemen zur Unterstützung von älteren Menschen. Ein zentrales Ergebnis im Rahmen der Technikakzeptanz ist die Gewährleistung der Selbstbestimmung der Probanden hinsichtlich des Unterstützungsgrades durch Systemfunktionen sowie der Verarbeitung von Nutzerdaten. Des Weiteren konnten die Ergebnisse die Relevanz einer natürlichen Interaktion mit dem System sowie einer damit verbundenen, intuitiven Bedienung herausstellen. Insgesamt wurde das Vorhaben positiv bewertet.

12:15
Technische Assistenzsysteme und Robotik: Beurteilungskontexte für soziale und ethische Aspekte
S703-4 

K. Brukamp; Ludwigsburg

Fragestellung: Zur Analyse sozialer und ethischer Aspekte im Gesundheitsbereich werden oft etablierte Prinzipien der mittleren Abstraktionsebene, wie beispielsweise Respekt vor der Autonomie von Personen, Nichtschaden, Fürsorge und Gerechtigkeit, berücksichtigt. Im Hinblick auf körperbezogene Technologien kommt häufig das Modell zur ethischen Evaluation soziotechnischer Arrangements (MEESTAR) zur Anwendung, bei dem die Dimensionen Fürsorge, Selbstbestimmung, Sicherheit, Gerechtigkeit, Privatheit, Teilhabe und Selbstverständnis untersucht werden. In Forschungs- und Entwicklungskontexten sollen Zielgruppen einbezogen werden, wie ältere Menschen für alltagsunterstützende Assistenzsysteme sowie Patientinnen und Patienten für Robotik im häuslichen Umfeld. Es stellt sich die Frage, inwiefern die angesprochenen Ansätze zur Bewertung ethischer, rechtlicher und sozialer Aspekte (ELSA) geeignet sind, um unterschiedliche Nutzungsperspektiven adäquat zu repräsentieren.

Methodik: Methodisch kamen empirisch moderierte, fokussierte und strukturierte Diskurse im Rahmen von ELSA-Workshops sowie Interviews von (potentiell) Nutzenden in Forschungsprojekten und theoretisch Literaturstudium und Reflexion in den Bereichen Sozialwissenschaften und Ethik zum Einsatz.

Ergebnisse: Die Prinzipien- und MEESTAR-Ansätze sind geeignet, die ELSA-Diskussionsergebnisse unter informierten Stakeholderinnen und Stakeholdern der Technikentwicklung und der klinischen Versorgung zu strukturieren. Auch Äußerungen von potentiellen Nutzerinnen und Nutzern lassen sich dementsprechend einordnen. Im Rahmen von dezidierten ELSA-Workshops zeigen sich eher systematische, reflektierte und im Sinne der Ansätze vollständige Beurteilungen. Mögliche Erklärungshypothesen betreffen die Systematik der moderierten Heranführung und die längerfristige Beschäftigung der Stakeholderinnen und Stakeholdern mit spezifischen Assistenz- und Robotikkontexten.

Zusammenfassung: Die Einbeziehung von Nutzenden, wie älteren Menschen bei technischen Assistenzsystemen im Alltag sowie Patientinnen und Patienten für Robotik im Wohnumfeld, zur Beurteilung von gesundheits- und körperbezogenen Technologien könnte voraussichtlich optimiert werden, wenn Settingfaktoren aus strukturierten Diskursen mit Stakeholderinnen und Stakeholdern übertragen würden. Darüber hinaus ist zusätzlich und unabhängig davon die praktische Benutzungstestung entsprechender Technologien sehr aussagekräftig und empirisch informativ.

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