Donnerstag, 06.09.2018
15:30 - 17:00
Seminarraum 12
S207
Neue Facetten der Lebensqualität im sehr hohen Alter – Ergebnisse der NRW80+ Repräsentativbefragung

Moderation: S. Zank, Köln; R. Kaspar, Köln

Die Lebensqualität von Menschen jenseits des achtzigsten Lebensjahres wird als in besonderem Maße von Erfahrungen der Verletzlichkeit bestimmt angenommen, aber auch als Phase existenzieller Einsichten und individueller Weiterentwicklung beschrieben. Das Projekt Lebensqualität und Wohlbefinden hochaltriger Menschen in Nordrhein-Westfalen hat sich zum Ziel gesetzt ein auch interdisziplinär tragfähiges Rahmenkonzept zur Lebensqualität zu entwickeln und in wesentlichen Teilen zu operationalisieren, um im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands zuverlässige Aussagen zu den Lebensverhältnissen und zum Wohlbefinden des ältesten Teils der Allgemeinbevölkerung zu ermöglichen.

Das Symposium rückt mit der Heterogenität von Lebensstilen, Typen sozialer Netzwerke, Spiritualität und der Erfahrung von interpersoneller Gewalt vier Aspekte der Lebenswirklichkeiten hochaltriger Menschen in den Fokus, die zwar bereits seit längerem als Facetten von Lebensqualität diskutiert werden, für die – zum einen wegen der wenigen generalisierbaren empirischen Studien, andererseits wegen einer zu engen oder undifferenzierten Operationalisierung - eine solide empirische Befundlage im Populationssegment sehr alter Menschen bis dato aber fehlte.

Einführend wird das dem Projekt NRW80+ an der Universität zu Köln zugrunde gelegte Challenges and Potentials (CHAPO) Modell der Lebensqualität hochaltriger Menschen vorgestellt und ein Überblick über das Design und die Inhalte der Repräsentativbefragung gegeben.

Wiebke Schmitz untersucht in Ihrer Arbeit den Zusammenhang zwischen unterschiedlichen sozialen Netzwerktypen sehr alter Menschen und gesundheitlicher Ungleichheit.

Michael Neise beschreibt in seinem Beitrag die Prävalenz unterschiedlicher Gewalterfahrungen im sozialen Nahraum hochaltriger Menschen und untersucht deren spezifische Risikofaktoren.

Luise Geithner geht der Frage nach, inwieweit eine Pluralität von Lebensstilen auch für das hohe Alter beschrieben werden kann und durch welche individuellen Ressourcen Lebensstile heutiger Hochaltriger gekennzeichnet sind.

Anna Janhsen geht in ihrem Beitrag der Frage nach, inwiefern sich unterschiedliche Spiritualitätsverständnisse (existentiell - funktional; immanent - transzendent) in der Hochaltrigkeit unterscheiden lassen und welchen Einfluss diese auf Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden und insbesondere den Umgang mit Sterben und Tod haben. 

15:30
Einführung
S207-1 

R. Kaspar, Köln

15:35
Soziale Netzwerktypen und Gesundheit im sehr hohen Alter
S207-2 

W. Schmitz; Köln

Der positive Einfluss der Integration in ein Netzwerk von sozialen Beziehungen auf die Gesundheit ist in zahlreichen Studien aufgezeigt worden. Es ist zu erwarten, dass insbesondere Personen im sehr hohen Alter aufgrund altersbedingter gesundheitlicher Einschränkungen von Ressourcen aus sozialen Beziehungen wie z.B. sozialer Unterstützung profitieren. Dennoch ist bislang wenig zur Struktur und Anzahl sozialer Beziehungen und deren Zusammenhängen mit der Gesundheit im sehr hohen Alter bekannt. Bisherige Befunde weisen darauf hin, dass das individuelle soziale Netzwerk mit steigendem Alter homogener, kleiner und auf enge soziale Kontakte fokussiert wird. Carstensens sozioemotionalen Selektivitätstheorie folgend investieren hochbetagte Personen aufgrund des Bewusstwerdens der eigenen Endlichkeit verstärkt in emotional nützliche Beziehungen. Aktuelle Ergebnisse zeigen daneben, dass soziale Netzwerktypen unterschiedlich mit verschiedenen Gesundheitsindikatoren zusammenhängen. Die vorliegende Untersuchung geht der Frage nach, welche sozialen Netzwerktypen sich bei Hochaltrigen  beobachten lassen und inwiefern sich diese hinsichtlich des Gesundheitszustands hochbetagter Personen unterscheiden.

Auf Grundlage der Auskünfte von n=1687 Teilnehmern einer repräsentativen Befragung von Personen über 80 Jahren in Nord-Rhein-Westfalen (NRW80+), werden mittels einer latenten Klassenanalyse drei soziale Netzwerktypen identifiziert. So zeigt sich, dass die sozialen Netzwerktypen der Ältesten durch weniger soziale Kontakte, eine geringere Diversität sozialer Beziehungen und höhere erhaltene soziale Unterstützung gekennzeichnet sind. In diesen qualitativ und quantitativ eingeschränkten Netzwerktypen ist darüber hinaus eine geringere kognitive und funktionale Gesundheit festzustellen.

Die Ergebnisse dieser Studie stehen im Einklang mit bisherigen empirischen Forschungsbefunden und den Annahmen der sozioemotionalen Selektivität. Bei fortgeschrittenem Lebensalter und schlechterer Gesundheit lassen sich kleinere und homogenere Netzwerktypen mit einem höheren Grad sozialer Unterstützung beobachten.

15:55
Gewalterfahrungen im sozialen Nahraum hochaltriger Menschen in NRW
S207-3 

M. Neise, R. Kaspar, C. Rietz, S. Zank; Köln, Heidelberg

Hintergrund: Gewalt (G) im sozialen Nahraum hochaltriger Menschen ist ein multidimensionales Phänomen, verbunden mit negativen emotionalen Konsequenzen für Betroffene. Dem sozial-ökologischen Modell folgend, bestehen diverse Risikofaktoren, die Personen auf unterschiedlichen Ebenen tangieren und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, von G betroffen zu sein. Diese lassen sich in personenbezogene Charakteristika (u.a. Persönlichkeit), sozialstrukturelle Faktoren (u.a. soziales Netzwerk) und gesellschaftliche Aspekte (u.a. Altersbilder) unterscheiden. Die Datenlage zur Prävalenz in der Hochaltrigkeit ist lückenhaft, da beeinträchtigte Personen oder Personen in institutionellen Kontexten häufig von Befragungen ausgeschlossen werden. Ziel des Beitrages ist die Aufdeckung von G.-Prävalenz in der Hochaltrigkeit unter Einbeziehung von Personen, die im Heim leben oder durch gesundheitliche Einschränkungen nicht an Befragungen teilnehmen können (Proxy). Darüber hinaus zielt der Beitrag auf eine differenzierte Erklärung von G unter Berücksichtigung einschlägiger Risikofaktoren.

Methode: Analysiert wurde eine Teilstichprobe (n=1081) basierend auf den Daten der NRW80+ Studie mit Fällen in denen keine dritte Person während der Befragung anwesend war, um eine valide Berichterstattung zu gewährleisten. G wurde durch ein neu entwickeltes Surveyinstrument (Fragebogen INDICATE) mit 16 Items basierend auf 8 G.-Subdimensionen (Einschüchtern, Beschämen & Beschuldigen, Entrechtung, Vernachlässigung, finanzielle Ausbeutung, körperliche Gewalt, unangemessene freiheitsentziehende Maßnahmen, sexualisiertes Fehlverhalten) erfasst und systematisch mit negativen emotionalen Konsequenzen für die betroffenen Personen verbunden. 8 Regressionsmodelle wurden berechnet zur Erklärung der angelegten Subdimensionen.

Ergebnisse: Es zeigt sich für Einschüchterung (40 %) die häufigste und sexuelles Fehlverhalten (3%) die geringste Prävalenz. Darüber hinaus liegen den einzelnen Subdimensionen unterschiedliche Risikofaktoren zu Grunde. Über alle Dimensionen hinweg zeigt sich, dass die Größe des sozialen Netzwerkes die Wahrscheinlichkeit für G reduziert, während interpersonelle Persönlichkeitseigenschaften die Wahrscheinlichkeit erhöht.

16:15
Die Vielfalt von Lebensstilen im hohen Alter
S207-4 

L. Geithner, M. Wagner; Köln

Die Vielfalt des Alterns wird auch durch ungleich verteilte finanzielle, soziale und kulturelle Ressourcen bedingt. Sie prägen individuelle Handlungsspielräume und bestimmen somit Lebensstile. Während für die „jungen“ Alten eine Pluralisierung von Lebensstilen beobachtet werden kann, ist unklar, wie sich Lebensstile bei sehr alten Menschen darstellen und in welcher Weise ihre Ressourcenausstattung einer Einschränkung der Handlungsspielräume entgegenwirkt. Gilt die Age-as-leveller These auch für Lebensstile, so müssten sozioökonomische Ressourcen im hohen Alter insbesondere bei pflegebedürftigen und im Heim wohnenden Personen an Bedeutung verlieren. Im Gegensatz dazu nimmt ihr Einfluss nach der Kumulationsthese zu.

Im Rahmen der Studie NRW80+ werden Lebensstile durch verschiedene Aktivitäten (z.B. sportliche, künstlerische Aktivitäten) und deren Häufigkeit erfasst. Mit den Daten wird analysiert, welche Aktivitätsprofile auftreten und durch welche Personengruppen diese gekennzeichnet sind. Es erfolgt eine Untersuchung von Vielfalt und Häufigkeit der Aktivitäten zwischen privat und im Heim wohnenden sowie zwischen pflegebedürftigen und nicht pflegebedürftigen Personen. Es wird aufgezeigt, welche individuellen Ressourcen für die jeweiligen Gruppen von besonderer Bedeutung sind und damit auch, welche Ressourcen es Pflegebedürftigen und Heimbewohnern ermöglichen, ein breites Spektrum an Aktivitäten oder einen aktiven Lebensstil aufrecht zu erhalten.

Die Untersuchungen weisen darauf hin, dass die Heterogenität sowohl hinsichtlich der Anzahl verschiedener Aktivitäten als auch der Häufigkeit ihrer Ausführung im Vergleich zu nicht pflegebedürftigen und privat wohnenden Personen niedriger ist. Für Pflegebedürftige und Heimbewohner weisen Bildung, die Größe des sozialen Netzwerks und soziale Unterstützung Effekte auf die Vielfalt und Häufigkeit der Aktivitäten aus. Das Einkommen ist dagegen von geringer Relevanz. So ist es wahrscheinlich, dass sich die Vielfalt der Lebensstile unter Bedingungen von Pflegebedürftigkeit und Institutionalisierung zwar reduziert, individuelle Ressourcen, hierbei vor allem kulturelles und soziales Kapital, jedoch weiterhin dazu beitragen, Handlungsspielräume zu erhalten.

16:35
Kann Glaube Berge versetzen? Spiritualität im Kontext von Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden
S207-5 

A. Janhsen, C. Woopen, C. Rietz; Köln, Heidelberg

Nachdem Spiritualität lange zu einem marginalisierten Thema der Gerontologie gehörte, wird ihrer Relevanz für das höhere Lebensalter gegenwärtig zunehmend mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Spiritualität wurde inzwischen sogar als eine eigenständige Dimension erfolgreichen Alterns vorgeschlagen. So konnte nicht nur in einer Vielzahl von empirischen Studien allgemein der in den meisten Fällen positive Einfluss von Spiritualität auf die psychische und physische Gesundheit, das Wohlbefinden, die Lebenszufriedenheit und auch die Mortalität nachgewiesen werden, sondern auch für die Bewältigung von funktionalen Einbußen, im Umgang mit chronischen Krankheiten oder mit Sterben und Tod. Allerdings wird in Studien in diesem Bereich in der Regel nicht zwischen Spiritualität und Religiosität unterschieden und ein funktionales, primär auf ihre Coping-Funktion reduziertes Verständnis von Spiritualität zugrunde gelegt.

Die subjektiv empfundene Wirklichkeit von Spiritualität im höheren Lebensalter erscheint jedoch deutlich heterogener und krisenhafter als diese funktionalistischen Zugriffe auf Spiritualität nahelegen. Dieser Beitrag diskutiert daher auf der Grundlage der Daten aus der NRW80+-Hochaltrigenstudie, wie sich Spiritualität in der Hochaltrigkeit mit Blick auf ein immanentes und ein transzendentes Verständnis inhaltlich präsentiert und welchen Einfluss diese unterschiedlichen Subdimensionen auf die Lebenszufriedenheit und das affektive Wohlbefinden haben. Dabei wird im Besonderen in den Blick genommen, welchen Einfluss die unterschiedlichen Spiritualitätsverständnisse auf den Umgang mit Sterben und Tod nehmen, gilt auf der einen Seite eine akzeptierende Haltung gegenüber dem eigenen Sterben als besondere Entwicklungsaufgabe des höheren Lebensalters zur Aufrechterhaltung von Lebensqualität (vgl. Theorie der Gerotranszen-Dance) als auch auf der anderen Seite Spiritualität als wichtiger Resilienzfaktor für eine geringe Angst gegenüber Sterben und Tod (vgl. Theorie der Gerotranszendenz).

Diskutantin: D. Jopp, Lausanne/CH

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