Freitag, 07.09.2018
10:45 - 12:15
Seminarraum 01
S405
Neue Engagementprofile in Pflege, Gesundheit und Sozialraum und die Weiterentwicklung der (Pflege-)Selbsthilfe

Moderation: S. Lechtenfeld, Dortmund

In den letzten Jahren haben sich die Engagementbereiche Alter, Pflege und Gesundheitsförderung sowie die Alten- und Pflegeselbsthilfe ausdifferenziert. In Nordrhein-Westfalen werden derzeit verschiedene Modellprojekte realisiert, die auf die Entwicklung und Erprobung ehrenamtlicher Begleitansätze sowie auf die Förderung der Pflegeselbsthilfe zielen.

Zugehende Engagementprofile wie ehrenamtliche Begleitansätze bieten älteren Zielgruppen in verschiedenen Lebenssituationen psychosoziale Unterstützung. Dazu gehört, Ältere in bestimmten Kompetenzbereichen zu ermutigen und darin zu bestärken, ihre Ressourcen selbstbestimmt und eigenverantwortlich (weiter) zu entwickeln (Empowerment). Ebenso geht es darum, Exklusionsgefahren zu begegnen, von denen vulnerable Zielgruppen (z.B. pflegende Angehörige) bedroht oder betroffen sind. Neben der Begleitung in spezifischen Lebenslagen (z.B. Pflegebegleiter, Patientenbegleiter, Gesundheitsbegleiter) fokussieren diese Ansätze die Unterstützung älterer Nutzer*innen in der Handhabung technischer Geräte oder Systeme (z.B. Technikbotschafter-, lotsen). Um eine Begleitung (älterer) Menschen übernehmen zu können, werden die an der ehrenamtlichen Tätigkeit Interessierten i.d.R. auf ihre Aufgaben vorbereitet und durch Schulungen qualifiziert (Ansatz des partizipativen Lernens).

Die Pflegeselbsthilfe befindet sich in Nordrhein-Westfalen im Aufbau. Im Rahmen eines Landesprojektes wird der Strukturaufbau durch sogenannte Kontaktbüros Pflegeselbsthilfe (KoPS) und Pflegeselbsthilfegruppen unterstützt. Ziel ist es, den flächendeckenden Aufbau von KoPS und bedarfsgerechte Pflegeselbsthilfegruppen auf kommunaler Ebene zu fördern und Angebote wohnortnah zur Verfügung zu stellen.

Im Symposium werden Entstehungskontext, Zielsetzung, Herausforderungen der praktischen Erprobung sowie erste Evaluationsergebnisse der aktuellen Projekte präsentiert und unter folgenden übergreifenden Fragestellungen diskutiert: Welche Perspektiven der Verstetigung zeichnen sich für die verschiedenen Ansätze ab? Wie werden die Angebote aus Nutzersicht bewertet? Wie kann ein gleichberechtigter Zugang zu diesen Angeboten sichergestellt werden? Wie sind die Ansätze aus geragogischer Perspektive zu beurteilen?

10:45
Neue Engagementprofile in Pflege, Gesundheit und Sozialraum - Überblick und Einordnung
S405-1 

A. Kuhlmann; Dortmund

Der einleitende Vortrag gibt auf der Grundlage einer Literaturrecherche und Inhaltsanalyse einen Überblick zu Entwicklung, Verbreitung, gesetzlichen Bezugspunkten und strukturellen Anbindungsmöglichkeiten von Engagementprofilen in den Bereichen Pflege, Gesundheit und im Sozialraum und ordnet diese in den Kontext aktueller Entwicklungen in der Alten- und Pflegeselbsthilfe ein. Neben einer allgemeinen Bewertung werden individuelle wie gesellschaftliche Chancen und Herausforderungen der Engagementprofile adressiert. Darüber hinaus wird der sozial- und gesundheitspolitische Kontext reflektiert, der für die Umsetzung der aktuellen Projekte zur Entwicklung und Erprobung neuer ehrenamtlicher Begleitansätze handlungsleitend ist.

11:00
”PuppetBegleitung” - Einführung einer Mensch-Technik-Interaktion für informell Pflegende und psychosoziale Begleitung der Pflegebeziehung
S405-2 

V. Reuter, A. Kuhlmann, E. Bubolz-Lutz, R. Schramek; Dortmund, Düsseldorf, Bochum

Pflegesituationen stellen für informell Pflegende eine Herausforderung dar. Das interdisziplinäre Projekt "OurPuppet" (BMBF, Laufzeit 01.05.2016 – 30.04.2019) zielt auf die Unterstützung und Entlastung pflegender Angehöriger insbesondere von Menschen mit Demenz durch Einsatz einer innovativen Mensch-Technik-Interaktion (M-T-I) in Form einer interaktiven Puppe. In einem partizipativ angelegten Forschungsprozess (Schramek, Reuter, Kuhlmann i.E.) wird eine sensorbasierte, interaktive Puppe entwickelt, die bei Abwesenheit des pflegenden Angehörigen mit dem Pflegebedürftigen kommunizieren kann. Untersucht wird, inwiefern der Einsatz des „OurPuppet“-Systems (M-T-I und psychosoziale Begleitung) zu einer Verbesserung des Wohlbefindens und der Beziehungsqualität zwischen Pflegendem und zu Pflegendem beitragen kann.

Innovativ ist dabei die begleitete Einführung des Technikeinsatzes und die psychosoziale Unterstützung der pflegenden Familien durch eigens geschulte PuppetBegleiter*innen. Anders als bestehende Begleitungsansätze konzentrieren sich die PuppetBegleiter*innen nicht alleine auf den Menschen mit Demenz oder die pflegende Person, sie nehmen vielmehr gezielt die Pflegebeziehung in den Blick. Auch unterstützen die Puppetbegleiter*innen den Prozess der Technikeinführung im häuslichen Umfeld, nehmen mit den Nutzer*innen gemeinsam die Handhabung der Puppe in den Fokus und sind für regelmäßige Gespräche im Pflegehaushalt anwesend, mit dem Ziel die informelle Pflegebeziehung zu fördern und dadurch die pflegenden Angehörigen zu entlasten.

Die PuppetBegleiter*innen werden in einer partizipativ konzipierten Schulung (Schramek & Bubolz-Lutz 2016) auf diese Tätigkeit vorbereitet. Neben den technischen Funktionen lernen sie zu Themen wie Biografiearbeit mit Menschen mit Demenz, Puppen als Übergangsobjekte, Bedeutung und Perspektiven von Beziehungen, achtsame Kommunikation in Pflegebeziehungen (Marte Meo), ethisch-soziale Spannungsfelder (z.B. Autonomie vs. Fremdbestimmung) etc.

Im Beitrag werden die Anforderungen dieses Begleitkonzepts, die Ergebnisse der Schulungsevaluation (teilstandardisierte schriftliche Befragung) und Erfahrungen aus ersten Einsätzen der Puppet-Begleiter*innen vorgestellt und mit Blick auf den weiteren Projektverlauf diskutiert.

11:15
”Freiwillige Gesundheitsbegleiter*innen” - Entwicklung und Erprobung eines neuen Engagementprofils im Rahmen des Aufbaus eines multifunktional nutzbaren Gesundheitszentrums in Bocholt Spork
S405-3 

B. Bertermann, A. Ehlers, A. Kuhlmann, S. Lechtenfeld; Dortmund

Die Vielfältigkeit und Individualität des Alter(n)s zeigt sich auch in der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Für viele (ältere) Menschen stellt es eine Herausforderung dar, einen gesundheitsförderlichen Lebensstil aufrecht zu erhalten oder zu entwickeln. Im Rahmen des Projektes „Gesundheitszentrum Spork: Aufbau und Verstetigung eines wirtschaftlich tragfähigen, interdisziplinären und zivilgesellschaftlichen Wertschöpfungsnetzwerkes im Quartier“ (Förderer: LeitmarktAgentur.NRW, Landesregierung Nordrhein-Westfalen und EFRE-NRW; Laufzeit: 03/2017 – 03/2020) wird deshalb u.a. ein auf freiwilligem Engagement gestützter Ansatz der Gesundheitsbegleitung entwickelt und erprobt.

Das neue Freiwilligenprofil „Gesundheitsbegleiter*innen“ zielt darauf, (ältere) Menschen für ein gesundes und aktives Leben zu sensibilisieren, den Zugang zu entsprechenden Angeboten zu erleichtern und zu ihrer regelmäßigen Nutzung zu motivieren. Die Qualifizierung der freiwillig Engagierten basiert auf dem Ansatz des partizipativen Lernens. In der Praxisphase werden die Gesundheitsbegleiter*innen kontinuierlich dabei unterstützt, ihre konkreten Begleitungserfahrungen zu reflektieren und das neue Freiwilligenprofil gemeinsam sukzessive weiter zu entwickeln.

Die grundlegende Fragestellung des Beitrags lautet, wie das Profil einer/ eines  Gesundheitsbegleiters*in unter Berücksichtigung des Konzepts des Selbstbestimmten Lernens und der Partizipativen Curriculumentwicklung entwickelt und in der Praxis erprobt werden kann. Hierzu werden konzeptionelle Eckpunkte der Qualifizierung sowie konkrete Ergebnisse und Erfahrungen, die im Verlauf der Qualifizierung und im Rahmen der notwendigen begleitenden Aktivitäten (Akquise der Freiwilligen und der begleiteten Personen, Vernetzung mit relevanten Akteuren vor Ort, juristische Absicherung der freiwilligen Tätigkeit usw.) gemacht wurden ebenso vorgestellt und diskutiert wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die sich aus den ersten praktischen Begleitungserlebnissen ergeben haben. Dabei zeigt sich, dass es sich bei dem neuen Freiwilligenprofil um eine komplexe und voraussetzungsreiche Tätigkeit handelt, bei der ein sensibles und verantwortungsvolles Vorgehen gefragt ist.

11:30
Technikbegleitung im Pflege-Mix - eine Kooperation von freiwilligen „Technikbotschaftern” und Pflegefach- und Betreuungskräften als „Techniklotsen”
S405-4 

E. Bubolz-Lutz, J. Stiel; Düsseldorf

Menschen, denen der Zugang zum Internet verschlossen bleibt, können die Chancen der Digitalisierung nicht wahrnehmen und verlieren Möglichkeiten der Teilhabe. Besonders bestimmte Gruppen älterer Bürger*innen sind von digitaler Exklusion betroffen. Dazu gehören nicht zuletzt Menschen mit Pflegebedarf und die sie im häuslichen Umfeld pflegenden Angehörigen. Gerade für diesen Personenkreis hat das Projekt QuartiersNETZ (BMBF 2004 – 2008) Strategien zur Verbesserung von Teilhabe durch Ermutigung und Befähigung zur Nutzung digitaler Medien entwickelt. Vorgestellt wird ein zweistufiges Verfahren, das es im Sinne des „Pflege-Mix“ (Kooperation von Haupt- und Ehrenamtlichen) Personen aus Pflegehaushalten erleichtert, Technik verstärkt und gezielt zu nutzen.

Im Rahmen des Projektes sind fehlende geeignete Ansprechpartner*innen als eine der zentralen Barrieren der Nutzung digitaler Medien identifiziert worden. Hierzu wurde im Rahmen des Teilprojektes „Technikbegleitung“ eine Interventionsstrategie zum Aufbau von freiwillig engagierten Technikbotschafter-Initiativen für die Quartiere erprobt. Freiwillige jeden Alters wurden gewonnen und auf ihr Engagement vorbereitet, um dann in den Stadtteilen – u.a. auch in speziell eingerichteten Techniktreffs – aktiv zu sein. Die Evaluationsergebnisse hinsichtlich der Nutzer*innen der Angebote zeigen, dass mit Technikbegleitung auch exklusionsgefährdete ältere Personen erreicht werden können, also Personen, die durch traditionelle Bildungseinrichtungen eher nicht (mehr) erreicht werden.

Speziell zur Erreichung von Personen in Pflegehaushalten wurde das Tätigkeitsprofil des „Techniklotsen“ entwickelt und eingeführt: Im Rahmen von drei Workshops (insgesamt 20 Unterrichtsstunden) werden professionelle Dienstleister, Pflegefachkräfte und Betreuungskräfte auf die Aufgabe vorbereitet, eine Brücke zu den freiwilligen Technikbotschaftern zu schlagen und erste kleine Impulse und Erläuterungen zur Ermutigung von Techniknutzung zu geben.

Berichtet wird über die erfolgreiche Strategie, durch das Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamt Personen zur Nutzung von Technik zu motivieren und sie über Technikbegleitung in das Leben im Quartier einzubeziehen.

11:45
Aufbau der Pflegeselbsthilfe in Nordrhein-Westfalen - Erfahrungen aus dem Projekt KoNAP
S405-5 

C. Dahlheim, L. Heuel; Düsseldorf

Das „Kompetenz-Netz Angehörigenunterstützung und Pflegeberatung“ (KoNAP) (gefördert vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, den Landesverbänden der Pflegekassen sowie dem Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV)) zielt darauf, die bestehende Unterstützungsstrukturen für pflegende Angehörige landesweit zu erfassen.

KoNAP unterstützt Pflegebedürftige und ihre Angehörigen beim schnellen Auffinden der passenden Beratungsangebote und bei möglichen Schwierigkeiten, die sich aus der Inanspruchnahme der Beratungsangebote ergeben. Über eine Internetplattform (www.pflegewegweiser-nrw.de) erhalten Ratsuchende zudem einen schnellen Überblick über sämtliche Angebote und Fragen rund um das Thema Pflege in NRW. Über die landesweite Hotline (0800 4040044) werden Angehörige und Pflegebedürftige schnell und unbürokratisch in das jeweilige ortsnahe Angebot gelotst.

Parallel unterstützt und koordiniert KoNAP die Pflegeselbsthilfe in NRW. Hierfür wurden örtliche Kontaktbüros Pflegeselbsthilfe (KoPS) aufgebaut. Zentrale Aufgaben der KoPS sind die Sicherstellung der Erreichbarkeit pflegender Angehöriger sowie die Unterstützung der Gründung lokaler Pflegeselbsthilfegruppen. Überlegungen zur bedarfsgerechten Weiterentwicklung der Pflegeselbsthilfe beziehen auch aufsuchende Angebote ein, um zeitlich stark eingebundene und hoch belastete pflegende Angehörige besser zu erreichen. KoNAP und die KoPS arbeiten mit örtlichen Einrichtungen und kommunalen Fachdiensten zusammen.

Der Beitrag stellt das Projekt im Überblick sowie die bisherigen Umsetzungserfahrungen und zukünftigen Herausforderungen im Bereich der Pflegeselbsthilfe dar.

Diskutantin: R. Schramek, Bochum

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