Freitag, 07.09.2018
10:45 - 12:15
Seminarraum 11
S406
Mobilität bei geriatrischen Patienten

Moderation: A. Steinert, Berlin; N. Lahmann, Berlin

Symposium der Forschungsgruppe Geriatrie (FGG) der Charité Universitätsmedizin Berlin

Der Erhalt der Mobilität und Maßnahmen bei unterschiedlich eingeschränkter Mobilität stellen einen zentralen Bestandteil in der Versorgung geriatrischer Patienten dar. Ausreichende Mobilität ist die Voraussetzung für autonomes und selbstbestimmtes Handeln. Einschränkungen der Mobilität gelten als übergeordneter Risikofaktor für die fünf häufigsten sogenannten „Geriatrischen Syndrome“: Inkontinenz, allgemeine Funktionseinschränkungen, Demenzielle Erkrankungen, Dekubitus und Stürze (Inouye et al., 2007). Dies konnte im Rahmen einer großen multizentrischen Studie aus den Jahren 2008 bis 2012 für Bewohner in deutschen Pflegeheimen empirisch belegt und quantifiziert werden (Lahmann et al. 2014). Nicht zuletzt aus diesem Grund hat das „Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege“ (DNQP) sich dem Thema angenommen und im Frühjahr 2014 den Entwurf des neuen Expertenstandards zur „Erhaltung und Förderung der Mobilität“ vorgestellt (DNQP, 2014). Vor diesem Hintergrund wird für das Thema Mobilitätsstatus, Mobilitätseinschränkungen und präventiven und therapeutischen Maßnahmen in unterschiedlichen Settings des deutschen Gesundheitswesens ein eigenes Symposium auf dem DGGG Kongress veranstaltet.

10:45
Epidemiologie der Mobilität bei geriatrischen Patienten in Kliniken, Pflegeheimen und ambulanten Pflegediensten
S406-1 

K. Raeder, D. E. Jachan; Berlin

Einleitung: Mobilität ist eine wichtige Voraussetzung für den Erhalt der Lebensqualität im Alter. Eine eingeschränkte Mobilität gilt als Risikofaktor für verschiedene geriatrische Syndrome wie beispielsweise Inkontinenz und Sturz. Der Einsatz geeigneter Hilfsmittel kann den Mobilitätsstatus erhalten und/oder unterstützen.

Methode: Im Rahmen zweier deutschlandweiter multizentrischer Querschnittstudien wurden im Jahr 2015 in der ersten Studie 7 Kliniken mit 1133 Patienten, 16 Pflegeheime mit 994 Bewohnern und in der zweiten Studie 102 ambulante Pflegedienste mit 923 Klienten von geschultem Pflegefachpersonal mittels Fragebogen befragt. Die Mobilität wurde mit der „Elderly Mobility Scale“ erfasst. Die befragten Personen wurden drei Altersgruppen zugeordnet: ≤69 Jahre, 70-79 Jahre und ≥80 Jahre.

Ergebnisse: Von den ≥80-jährigen Personen waren in den Kliniken 35%, in den Pflegeheimen 26% und in den ambulanten Pflegediensten 24% immobil. Teilweise mobil waren in den Kliniken 20%, in den Pflegeheimen 23% und in den ambulanten Pflegediensten 30% der ≥80-Jährigen. Von den teilweise mobilen ≥80-jährigen Personen verwendeten in den Kliniken 10% keine Hilfsmittel und 62% einen Rollator, in den Pflegeheimen 7% keine Hilfsmittel und 78% einen Rollator und in den ambulanten Pflegediensten 3% keine Hilfsmittel und 82% einen Rollator. Von den immobilen ≥80-jährigen Personen in den Kliniken hatten 50%, in den Pflegeheimen 72% und in den ambulanten Pflegediensten 46% einen Rollstuhl.

Diskussion: In den Kliniken und ambulanten Pflegediensten stand mehr als der Hälfte der immobilen ≥80-jährigen Personen kein Rollstuhl zur Verfügung und 40% der teilweise mobilen ≥80-jährigen Patienten in den Kliniken verwendeten keinen Rollator. Das Risiko, zu stürzen, ist bei den immobilen und teilweise mobilen Personen deutlich erhöht und kann durch entsprechend angepasste Hilfsmittel gesenkt werden. Darüber hinaus kann auch die funktionelle Harninkontinenz unter Einsatz von geeigneten Mobilitätshilfen positiv beeinflusst werden.

11:00
Funktionelle Einschränkungen, Frailty und Lebensqualität bei mangelernährten, geriatrischen Patienten zum Zeitpunkt der Krankenhausentlassung
S406-2 

L. Otten, K. Franz, C. Herpich, J. Kiselev, U. Müller-Werdan, K. Norman; Berlin, Nuthetal

Fragestellung: Hospitalisierte geriatrische Patienten haben häufig einen schlechten Ernährungszustand, der mit einer erhöhten Komplikationsrate und verminderten Lebensqualität einhergeht.

Wir untersuchten funktionelle Einschränkungen, Frailty-Status und Lebensqualität bei geriatrischen Patienten einer akut-geriatrischen Klinik, die ein Risiko für eine Mangelernährung oder eine bestehende Mangelernährung aufwiesen, vor Entlassung in die Häuslichkeit.

Methodik: Mangelernährung wurde bei Patienten ohne kognitive Einschränkungen anhand des Mini Nutritional Assessment–Short Form (MNA-SF) identifiziert (Risiko: 8-11 Punkte, Mangelernährung: <8 Punkte). Frailty wurde nach den Fried-Kriterien bewertet (Fried 2001). Hierfür wurden maximale isometrische Handkraft mittels Dynamometrie und Gehzeit gemessen sowie Gewichtsverlust, Erschöpfung und physische Aktivität standardisiert erfragt. Selbst-berichtete funktionelle Einschränkungen wurden mithilfe des Fragebogens der Longitudinal Amsterdam Aging Study (LASA) evaluiert. Lebensqualität wurde anhand des EQ5D5L-Index (5 Stufen: Mobilität, Selbstversorgung, Aktivität, Schmerzen, Angst) und Visual Analogue Scale (EQ-VAS) bewertet.

Ergebnis: Es wurden 204 Patienten in die Analyse eingeschlossen (77,5±6,3 Jahre, 59,8% Frauen), davon hatten 106 (52,0%) ein Mangelernährungsrisiko und 97 (47,5%) eine Mangelernährung. Mangelernährte Patienten waren häufiger frail als die mit einem Risiko (60 (30,8%) vs. 30 (15,4%), p<0,001). Selbst-berichtete funktionelle Einschränkungen waren bei Patienten mit Mangelernährung stärker ausgeprägt (17,3±6,2 vs. 14,3±5,6 von max. 30 Punkten, p=0,001), während sich die Lebensqualität nicht signifikant unterschied (EQ5D5L-Index und EQVAS). Betrachtet man die einzelnen Stufen des EQ5D5L-Index, gaben Patienten mehrheitlich an, Probleme zu haben.

Schlussfolgerung: Mangelernährte Patienten wiesen sowohl objektiv gemessene als auch subjektiv berichtete Einschränkungen auf, unterschieden sich aber nicht bezüglich der Lebensqualität im Vergleich zu Patienten mit einem Mangelernährungsrisiko.

11:15
Entwicklung eines textilbasierten waschbaren Mikroelektroniksystems zum Monitoring Pflegebedürftiger im ambulanten und stationären Bereich: EmPower
S406-3 

S. Kuntz, S. Strube-Lahmann, N. Lahmann; Berlin

Problemstellung: Ein großer Anteil der pflegerischen Betreuung wird zu Hause von Angehörigen übernommen. Haben diese keinen gesundheitsbezogenen beruflichen Hintergrund, besteht oftmals ein großer Bedarf an Anleitung, Beratung und Unterstützung insbesondere bezogen auf Krankenbeobachtung und das frühzeitige Erkennen von krisenhaften Zuständen. Sensorisch basierte Messmethoden erlauben eine kostengünstige, laufende Erfassung von Vitalzeichen (Atmung, Puls, Temperatur) und weiterer Aspekte wie bspw. die Veränderung der Hautfeuchtigkeit oder dem Grad und Umfang der Mobilität. Auf Basis der abgeleiteten sensorischen Daten werden Algorithmen entwickelt welche daraufhin notwendige Interventionen initiieren. Dabei ist es wichtig, dass die Sensoren körpernah am Patienten angebracht sind, jedoch diesen gleichzeitig in seiner Lebensführung nicht beeinflussen. Ziel des Projektes ist die Entwicklung eines in sich geschlossenen, mobilen, aufbereitungsbeständigen, textilintegrierten Mikroelektroniksystems, dass die kontinuierliche multimodale Messung von Puls, Atmung, PO2, Hautfeuchtigkeit, Temperatur und Bewegung ermöglicht. Darüber hinaus erfolgt die Entwicklung und Umsetzung von Kommunikationsplattformen entsprechend der Nutzerqualifikation.

Methodik: In einem iterativen Prozess entwickelt ein Konsortium aus einem Elektronik- und einem Textilunternehmen sowie einer Textiltechnischen und einer klinischen Forschungseinrichtung ein textilbasiertes Sensorelektroniksystem sowie entsprechende Ausgabeformate. Die Testung der neu konzipierten Sensorik hinsichtlich ihrer validen und reliablen Messeigenschaften erfolgt durch den Abgleich mit klinischen etablierten Erfassungsgeräten sowie der Beobachtung der Bewegung. Die Messreihen werden bei gesunden Probanden und geriatrischen Patienten durchgeführt.

Stand der Umsetzung: Die Überprüfung medizinisch relevanter Messgrößen und die Festlegung von Norm- und Grenzwerten für bestimmte Krisenzustände ist erfolgt. Weiterhin wurden Algorithmen – gebildet aus verschiedenen Vital- und Bewegungsparametern - für bestimmte Krankheitsbilder erstellt. Erste Ergebnisse aus dem Expertenworkshop „Entwicklung von Sensorbekleidung aus Sicht der praktischen Pflege“ geben positives Feedback über die Stoffauswahl. Die Testung des Demonstrators ist in Vorbereitung und wird demnächst erfolgen.

11:30
Messung relevanter Fähigkeiten für die Fahrleistung älterer Menschen bei aktiver Teilnahme im Straßenverkehr
S406-4 

A. Latendorf, A. Steinert, U. Müller-Werdan; Berlin

Hintergrund: In Deutschland sind ca. 377.000 Menschen im Alter von über 65 Jahren im Besitz einer PKW-Fahrerlaubnis. Die einmal erteilte Fahrerlaubnis ist in Deutschland unbefristet und gültig, so lange nicht relevant gegen die StVO verstoßen wird. Der Gesetzgeber schreibt keine Altersobergrenze für das Führen eines PKW vor. Mit zunehmenden Alter verändert sich jedoch die kognitive und körperliche Konstitution und die Wahrschein­lichkeit altersassoziierter Erkrankungen (wie z.B. Demenzerkrankungen) steigt. Dies kann Auswirkungen auf die Fahrleistung haben und auf die Fähigkeit, sicher am Straßenverkehr teilzunehmen und sich und andere nicht zu gefährden. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes wurde im Jahr 2016 den an Unfällen mit Personenschaden beteiligten PKW-Fahrern, die mindestens 65 Jahre alt waren, 79% Fehlverhalten zur Last gelegt. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung ist auch mit einem Anstieg an Senioren mit altersassoziierten Einschränkungen oder Erkrankungen zu rechnen, die im Besitz eines Führerscheins sind.

Methodik: Die kognitive, visuelle und motorische Leistungsfähigkeit wurde mit validierten psychometrischen, visuellen und motorischen Testverfahren erhoben. Es wurden u.a. der Landolt-Sehtest, der Alters-Konzentrations-Test (AKT), Subtests aus der Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung/Version Mobilität sowie aus dem Alltags-Fitness-Test eingesetzt.

Ergebnisse: In die Studie wurden 40 gesunde Personen mit PKW-Führerschein (50% männlich) im Alter von 65 bis 80 Jahren (M = 73,6) eingeschlossen, die regelmäßig Auto fahren. Im Sehtest erreichten 27,5% der Probanden keinen Visus von 0,7; weitere 25% konnten mit einem Auge einen Visus von mindestens 0,7 erreichen. Ein Visus von 0,7 entspricht 70% Sehleistung und gilt als Grenze für sicheres Autofahren. Der AKT misst die Konzentrationsfähigkeit und Vigilanz. Alle Teilnehmenden lagen sowohl in der Bearbeitungszeit als auch in der Anzahl der richtigen Antworten im durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen Bereich. Weitere Ergebnisse aus der Studie zeigten, dass in Bereichen der kognitiven Leistungsfähigkeit (z.B. geteilte Aufmerksamkeit) Einschränkungen bestanden, die Einfluss auf die Fahrleistung haben können.

Ausblick: Ziel ist es, mittels eines Selbsttests in Form eines computergestützten Fragebogens Unfälle im Straßenverkehr zu vermeiden, die aufgrund von alters­bedingten Einschränkungen bei fahrleistungsrelevanten Fähigkeiten entstehen.

11:45
Möglichkeiten und Grenzen eines Smartphone-basierten Analysesystems zur Messung verschiedener Gangparameter
S406-5 

A. Steinert, I. Sattler, U. Müller-Werdan; Berlin

Hintergrund: Mithilfe verschiedener Parameter des Gangbildes (z.B. Gehgeschwindigkeit, Schrittlänge) können Aussagen über die Sturzgefahr älterer Menschen getroffen werden. Zur Beurteilung des Gangbildes existieren validierte Systeme, die Gangparameter präzise bestimmen können. Diese Systeme sind jedoch häufig mit einem hohen Kostenfaktor, Schulungsaufwand und Platzbedarf verbunden. Auf Smartphone- oder Kinect-Kamera basierende Systeme können bei geringerem Aufwand, eine Alternative darstellen. Diese haben sich jedoch aufgrund fehlender Validierungen in der Praxis noch nicht etabliert.

Methodik: Im Rahmen einer Pilotstudie mit 40 Probanden (Alter ≥ 65 Jahre) wurde das Gangbild mit drei verschiedenen Systemen analysiert: GaitRite - Ganganalyse-Teppich (Goldstandard), Motognosis System (System zur Bewegungserkennung auf Basis einer Kinect Kamera), Lindera Smartphone App. Die Probanden legten jeweils dreimal eine Gehstrecke von ca. 5 m in ihrer präferierten und in erhöhter Gehgeschwindigkeit zurück. Zur Prüfung der Übereinstimmung der Parameter der drei Systeme wurde der Intra-Klassen Koeffizient (ICC) sowie die Bland-Altman Methode (Bland et al., 1986) angewendet. Des Weiteren wurden Einflussfaktoren auf Unterschiede in vier Parametern untersucht.

Ergebnisse: Bei der Auswertung der Daten wurden folgende vier Parameter verglichen: Gehgeschwindigkeit (Meter pro Sekunde); Kadenz (Schritte pro Minute), Schrittlänge (in cm) und Schrittzeit (Zeitdauer vom ersten Kontakt eines Fußes bis zum ersten Kontakt des anderen Fußes in Sekunden). Dabei konnten Korrelationen zwischen den Messwerten des GaitRite Systems und der Lindera App, sowie zwischen dem Motognosis System und der Lindera App ermittelt werden.

Zusammenfassung: Es finden sich Korrelationen zwischen den Messwerten der drei Systeme, die jedoch nicht für alle vier erhobenen Parameter abbildbar sind. Zwar wurden nicht in allen Parametern valide Werte ermittelt, jedoch können auf Smartphone- bzw. Kinect-Kamera basierende Systeme eine einfache oder kostengünstigere Alternative zum GaitRite System darstellen. In weiterführenden Validierungsstudien mit einer entsprechenden Fallzahl soll dies untersucht werden.

Zurück