Samstag, 08.09.2018
08:30 - 10:00
Seminarraum 22
S611
Mobile geriatrische Rehabilitation - Neues aus Praxis und Forschung

Moderation: R. Siegert, Bremen; M. Warnach, Berlin

Die Komplexität und Diversität geriatrischer Patienten erfordert ein umfassendes Versorgungssystem für diese Klientel. Ein Element des geriatrischen Versorgungsverbundes ist die Mobile geriatrische Rehabilitation. Das Symposium beleuchtet die Rolle der Mobilen Rehabilitation aus der Sicht der Praxis und stellt aktuelle Forschungsergebnisse vor.

Die Rolle der Mobilen Rehabilitation im Gesamtkonzept eines geriatrischen Zentrums und die Besonderheiten dieses immer noch innovativen Angebotes erläutert Kraft (Coburg) anhand des dortigen Geriatrie-Konzeptes. Im Folgenden fokussieren die Beiträge auf die Ergebnisse des BMG-geförderten Forschungsprojektes "Mobile geriatrische Rehabilitation in stationären Pflegeeinrichtungen und der Kurzzeitpflege - Ermittlung des allgemeinen Rehabilitationsbedarfes und Evaluation mobiler geriatrischer Rehabilitation".

In diesem multizentrischen Forschungsprojekt wurde zunächst die Häufigkeit von Rehabilitationsindikationen für Bewohnerinnen und Bewohner von Einrichtungen der Langzeit- bzw. Kurzzeitpflege untersucht. Warnach (Berlin) berichtet über diesen Rehabilitationsbedarf und führt aus, was mobile Rehabilitation in diesem Kontext leisten kann.

Welches outcome zeigt Mobile geriatrische Rehabilitation, durchgeführt in stationären Pflegeeinrichtungen oder in der Kurzzeitpflege? Gibt es Übereinstimmungen oder Unterschiede? Hierüber und auch zur Nachhaltigkeit sechs Monate nach Rehabilitationsbeginn berichtet Siegert (Bremen). Und schließlich ist bei dieser Versorgungsform zu berücksichtigen, dass die Pflegeeinrichtung über 24 Stunden die Gesamtbetreuung der Bewohner übernimmt, wohingegen die Mobile Rehabilitation ein intensives Rehabilitationsprogramm durchführt. Behrens (Halle/Frankfurt) stellt deshalb anhand von abgeleiteten Handlungsempfehlungen dar, wie Pflegeeinrichtung und Mobile Rehabilitation besser kooperieren können und sollen.

08:30
Die Rolle der mobilen Rehabilitation im Gesamtkonzept eines geriatrischen Zentrums
S611-1 

J. W. Kraft; Coburg

Mobile geriatrische Rehabilitation ist eine seit dem Jahr 2007 in die Regelversorgung überführte und im Jahr 2015 aufsuchende spezialisierte ambulante Versorgungsform, die besondere Chancen für Patienten bietet, die in den bekannten Versorgungsstrukturen nicht, nicht ausreichend oder gar nicht erfolgreich rehabilitiert werden können.

Patienten mit Einschränkungen von Kognition, Orientierung und Wahrnehmung, mit weiteren Folgen mentaler Schädigungen, mit erheblichen Störungen der Kommunikationsfähigkeit, oder auch Einschränkungen des Sehens und Hörens können besonders von einer Behandlung durch ein multiprofessionelles Team im gewohnten Lebensumfeld profitieren. Der Einbezug des persönlichen Umfeldes wie z.B. Angehörige oder Pflegende ist ein zentrales Element. Dabei ist auch eine Rehabilitation im Pflegeheim, sowie in der Kurzzeitpflege, dann mit einer durch das Rehabilitationsteam begleiteten Rückkehr ins häusliche Umfeld möglich.

Am Beispiel des Regiomed. Klinikum Coburg werden Chancen, Möglichkeiten und Synergieeffekte wohnortnaher Versorgung an einem Zentrum dargestellt, das Versorgungsstrukturen wie Akutgeriatrie mit Frührehabilitation, Gedächtnisambulanz, Palliativmedizin und Präventionsambulanz integriert mit stationärer, ambulanter und mobiler Rehabilitation.

08:50
Rehabilitationsbedarf in der Langzeit- und Kurzzeitpflege - was kann Mobile Rehabilitation leisten?
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M. Warnach; Berlin

In der im April 2018 abgeschlossenen, multizentrischen Studie "Ermittlung des allgemeinen Rehabilitationsbedarfs und Evaluation mobiler geriatrischer Rehabilitation in stationären Pflegeeinrichtungen und der Kurzzeitpflege" wurden 622 zufällig ausgewählte  Bewohner*innen von stationären Pflegeeinrichtungen und 138 Gäste von Kurzzeitpflegen in insgesamt 16 Pflegeheimen auf einen aktuell bestehenden Rehabilitationsbedarf hin untersucht. Grundlage der fachärztlichen Begutachtung waren eine  Untersuchung und Befragung der Patient*innen unter Einbeziehung  der  Pflege vor Ort ggfs. auch von Angehörigen mit einem Erhebungsinstrument, das entlang der aktuellen Vorgaben der "Begutachtungsrichtlinie - Vorsorge und Rehabilitation" des MDS und dem „Muster 61“ entwickelt worden war. Stichproben der Begutachtungsergebnissen wurden von Mitarbeitern des MDK Bremen evaluiert. In den Ergebnissen weist die Studie einen allgemeinen Rehabilitationsbedarf bei mehr als jedem/r fünften Heimbewohner*in (22,7%) in der Langzeitpflege aus. Für die Kurzeitpflege ist der Bedarf mit 32,6% höher; dabei ist der Anteil bei den Gästen der Kurzzeitpflege mit voriger stationären Krankenhausbehandlung  mit 44,4% besonders hoch. Der Bedarf für eine  mobile Form einer geriatrischen Rehabilitation war bei den Heimbewohner*innen in der Langzeitpflege mit  18,7%, bei allen Gästen der Kurzzeitpflege mit 15,2%, bei denen mit voriger Krankenhausbehandlung mit  21,1% ausgewiesen. Dabei erwies sich die MoGeRe für diese Patientengruppe als einzig vorstellbare Rehabilitationsform. Im Rahmen des Vortrags werden die wesentlichen Schritte der Begutachtung und die Ergebnisse dieser Reha-Bedarfsermittlung vorgestellt. Sie werden im Vergleich zu den Ergebnissen der Reha-XI-Studie und Daten zu den Reha-Empfehlungen im Rahmen der Pflegebegutachtung des MDK diskutiert. Zugleich werden vorliegende  Daten und mögliche Hintergründe zur geringen Inanspruchnahme von Rehabilitation durch Pflegebedürftige, insbesondere von Pflegeheimbewohnern aufgezeigt und kritisch bewertet. Die Ergebnisse der Studie unterstreichen die  Bedeutung der mobilen Rehabilitation für einen Zugang zu einer Rehabilitation überhaupt  und für die Verbesserung der rehabilitativen Versorgung dieses bisher vernachlässigten Klientels.

09:10
Mobile geriatrische Rehabilitation in der Pflegeeinrichtung - Eine multizentrische Verlaufsstudie
S611-3 

R. Siegert; Bremen

Mobile geriatrische Rehabilitation erfolgt im gewohnten oder ständigen Wohnumfeld der Rehabilitanden. Dieses besondere Setting ist dadurch begründet, dass nur unter diesem Kontext die Rehabilitationsfähigkeit  und eine positive Rehabilitationsprognose gegeben sind. Zum gewohnten oder ständigen Wohnumfeld können die Wohnung oder das Eigenheim zählen. Auch Einrichtungen der Langzeit- und (unter bestimmten Voraussetzungen) der Kurzzeitpflege zählen hierzu.

Im BMG-geförderten Forschungsprojekt "Mobile geriatrische Rehabilitation in stationären Pfleegeeinrichtungen und in der Kurzzeitpflege" zielte ein Studienarm auf die  Evaluation mobiler geriatrischer Rehabilitation in diesem Wohn- bzw. Aufenthaltskontext. Beteiligt waren fünf Studienzentren in fünf verschiedenen Bundesländern, allesamt Einrichtungen mit dem Versorgungsangebot der mobilen geriatrischen Rehabilitation.

Erhoben wurden der funktionelle Status und die soziale Teilhabe in ihrer Veränderung über die Zeit (maximal 4 Messzeitpunkte). In einer Verum-Gruppe konnten initial 116 Rehabilitanden untersucht werden, die in dieser Wohnform lebten und bei denen eine entsprechende Rehabilitationsmaßnahme durch die Kostenträger genehmigt und dementsprechend durchgeführt wurde. In einer zweiten Gruppe wurden 49 Personen untersucht, bei denen im vorlaufenden Studienarm die Indikation für eine mobile geriatrische Rehabilitation gestellt wurde (siehe Warnach), diese den untersuchten Personen dann aber nicht zu Gute kam.

Im Verlauf zeigte sich nach Ende der Rehabilitationsmaßnahmen eine Verbesserung sowohl des funktionellen Status als auch der sozialen Teilhabe . Beide Effekte waren nachhaltig auch noch sechs Monate nach Beginn der mobilen Rehabilitation gegeben bei 89 verbliebenen Teilnehmern. Eine andere Tendenz wiesen die Ergebnisse für die zweite Gruppe auf sowohl bezüglich funktionellem Status als auch sozialer Teilhabe bei 37 verbliebenen Teilnehmern. Dropouts beider Gruppen waren ganz überwiegend durch zwischenzeitliches Versterben charakterisiert, eine Tatsache, die bei dieser Klientel immanent ist.

Der Beitrag stellt die Erhebungsinstrumente und die Ergebnisse vor. Konklusionen und Limitationen werden diskutiert.

09:30
Die Abhängigkeit medizinischer geriatrischer Rehabilitation Pflegebedürftiger von der Bezugspflege Handlungsvorschläge zur Kooperation aus Organisationsverlaufsstudien stationonärer Pflegeeinrichtungen in fünf Bundesländern
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J. C. Behrens, C. von Carnap, K. Grune, J. W. Kraft, L. Köhler, C. Friedrich, N. Martin, M. Pflug, C. von Rothkirch, M. Schmidt-Ohlemann, R. Siegert, S. Thiel, M. Warnach, M. Weiglein, M. Wolf; Frankfurt a. M., Woltersdorf, Coburg, Bremen, Bad Kreuznach, Berlin

Rehabilitation und Pflege sind bekanntlich die finanziell bedeutendsten sekundär-präventiven Maßnahmen im deutschen Versorgungssystem. Beide haben, da das Sozialgesetzbuch IX auch für sie gilt, das gesetzliche Ziel, Selbstbestimmung und Teilhabe zu stärken (§§ 1 f. SGB IX, siehe auch ICF der WHO und die  UN-Behindertenrechtskonvention).

In der abgeschlossenen, durch das Bundesministerium für Gesundheit auf Beschluss des Deutschen Bundestages geförderten ersten multizentrischen klinisch-epidemiologischen und Organisationsverlaufsstudie wurden Rehabedürftigkeit und Rehaindikation pflegebedürftiger Bewohner*innen stationärer Pflegeeinrichtungen, ihre Verläufe nach Rehaindikation mit und ohne mobiler Reha und Organisationsentwicklungsprojekte über 2,5 Jahre erhoben, um Hindernisse und Förderfaktoren mobiler geriatrischer Rehabililtation in stationären Pflegeeinrichtungen identifizieren zu können. Dabei wurden drei Phasen erkennbar, in denen Mobile medizinische Rehabilitation besonders von guter Kooperation mit der der Bezugspflege (und umgekehrt) gewinnen kann: der Zugang (also Antrag- und Indikationsstellung), die Durchführung und die Nachsorge der medizinischen Rehabilitation in der Pflegeeinrichtung.

Methoden und Samples:  1) N=700 zufällig (Stichtag) ausgewählte Bewohner*innen pflegender Einrichtungen aus fünf Bundesländern wurden nach den Kriterien des GKV-Spitzenverbandes und des MDS auf Rehabedürftigkeit und Rehaindikation untersucht. 2) In anfänglichen Gruppendiskussionen wurden in je einer Einrichtung pro Bundesland alle in diesen Einrichtungen in den vergangenen beiden Jahren durchgeführten Rehabilitationen erörtert und Hemmnisse und Förderfaktoren identifiziert, die dann in zweijährigen Organisationsentwicklungsprojekten entweder abgebaut oder ausgebaut wurden

Herausforderungen und Empfehlungen

zur Phase 1, dem Zugang und der Indikationsstellung: Die klinisch epidemiolgische Reihenuntersuchung hat viele Reha-Indikationen bei Bewohner*innen ergeben, die schon Monate in einer pflegerischen Einrichtung leben und die nicht wegen eines Unfalls ins Krankenhaus kamen, wo ihr Rehabedarf festgestellt wurde. Wer soll den Reha-Bedarf dieser Bewohner*innen feststellen oder zumindest vermuten können, wenn es nicht die Hausärzte tun? Es bleibt die Fachpflege. Die Fachpflege erwies sich in unserer Untersuchung zwar als ansatzweise in der Lage, einen mögliche Rehabedarf zu vermuten. Ihr waren aber die gesetzlich ja vorhandenen Möglichkeiten gar nicht bekannt und ihr standen die Verfahren nicht zur Verfügung, um den Weg vom vermuteten Bedarf zum Antrag zu erleichtern. Hier ist regelmäßig, z.B. einmal jährlich, eine halbtägige bezahlte Fortbildung der direkt Pflegenden in den Chancen rehabilitativer Verfahren, in den Anzeichen eines möglichen Bedarfs und vor allem in den Verfahren der Antragstellung angezeigt. Noch ertragreicher als jede Fortbildung ist bekanntlich Teilnahme an der Praxis, so dass Beteiligungen an Rehaverfahren auch Pflegeeinrichtungen kompetenter macht (lernende Organisationen). Noch deutlicher als der Zugang zu Reha erwies sich die fachärztliche Indikationsstellung als recht abhängig von der Fach- als Bezugspflege. Es zeigte sich nämlich in den mehr als 700 fachärztlichen Reihenuntersuchungen, dass auch eine einstündige fachärztliche Anamnese kaum ausreicht, alle Informationen zu erheben, die für eine Indikationsstellung gebraucht werden. Die Fachärztinnen griffen nicht nur auf die Pflegedokumentation zurück, sie waren in der Regel auch auf ein Gespräch mit der Fach- als Bezugspflege angewiesen.

Zur Phase 2, der Durchführung der Rehabilitation in der stationären Pflegeeinrichtung. Das MoRe-Team kannte anfangs in allen Einrichtungen die Pflegeplanung nicht, und das Pflegeteam nicht die Rehabilitationsplanung. Hierzu sind eine Fülle organisatorischer Massnahmen umgesetzt worden.

Zur Phase 3, der Nachhaltigkeit der Rehabilitation: Da die MoGeRe wie alle Rehabilitationen eine zeitlich befristete Maßnahme ist, ist es völlig offensichtlich, dass die Fachpflege die Maßnahmen der MoGeRe übernehmen muss, zumindest nicht konterkarieren darf, soll die MoGeRe nachhaltig sein. Die ‚Übergabe‘ von der MoGeRe an die Fach- und Bezugspflege gelingt umso besser, je mehr die Pflege schon in die Durchführung der MoGeRe einbezogen war. Auf alle Fälle verlangt die Übergabe zeitliche und organisatorische Ressourcen der Pflegeeinrichtungen, die nicht einfach vorauszusetzen sind, sondern organisiert werden müssen.

Literatur

(1) Richtlinien der Spitzenverbände der GKV und des MDS (2016)

(2) Behrens J, Zimmermann M, Sozial ungleich behandelt? Göttingen, Bern,

Oxford: Hogrefe 2017

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