Freitag, 07.09.2018
08:00 - 09:30
Seminarraum 12
S307
"LiFE goes on": Neue Entwicklungen und Studien zum Lifestyle-integrated Functional Exercise (LiFE) Konzept

Moderation: C.-P. Jansen, Heidelberg

Viele Programme zur Verbesserung der motorischen Funktion und Steigerung der körperlichen Aktivität scheitern an einer nachhaltigen Änderung des Verhaltens. Sehr häufig brechen ältere Menschen die Teilnahme an strukturierten Trainingsprogrammen innerhalb von sechs Monaten wieder ab, während ein großer Teil erst gar nicht daran teilnehmen möchte. Mit dem „Lifestyle-integrated Functional Exercise“ (LiFE) Programm wurde vor einigen Jahren ein innovatives und insbesondere nachhaltiges Konzept vorgestellt, welches sowohl hohe Adhärenzraten als auch wesentliche Effekte auf körperliche Aktivität, motorische Funktion und Sturzrate aufweist. Es basiert auf der Idee, spezifische und evidenzbasierte Trainingsübungen in der individuellen Alltagsroutine zu verankern, anstatt diese im Rahmen eines separaten, strukturierten Bewegungsprogramms durchzuführen. Die persönliche Alltagsroutine gibt das Training vor. Im Symposium werden aktuelle Weiterentwicklungen des Konzepts und zielgruppenspezifische Anpassungen vorgestellt. Im Einzelnen behandeln die Vorträge Konzeptbeschreibungen und erste Studienergebnisse verschiedener LiFE-Ableger:
1)
einer anspruchsvollen Adaption des Programms für Personen ab 60 (aLiFE);
2) einer ICT-gestützten mHealth Lösung für Smartphone und Smartwatch (eLiFE);
3) einer Anpassung des LiFE-Konzepts zur kosteneffektiveren Durchführung im Gruppenformat (gLiFE);
4) die Konzeptualisierung eines Modells zur Beschreibung psychologischer und psychosozialer Aspekte der Modifikation von Gesundheitsverhalten;
5)
einer Pilotstudie zur Überprüfung der Durchführbarkeit des LiFE Konzepts bei kognitiv eingeschränkten, älteren Krankenhaus- und Rehabilitationspatienten.

08:00
Anpassung des LiFE Programms an die Zielgruppe der 60- bis 70-Jährigen - Adapted Lifestyle integrated Functional Exercise (aLiFE)
S307-1 

C. Barz, M. Schwenk, C. Nerz, M. Weber, C. Becker; Stuttgart, Heidelberg

Hintergrund und Ziele: Das LiFE (Lifestyle integrated Functional Exercise) Programm von Lindy Clemson (BMJ 2012;345:e4547) ist ein vielversprechender Ansatz zur Aktivitätssteigerung und Sturzprävention für über 70-Jährige. Kern des Konzepts ist die Integration von Übungen in die alltägliche Routine. Im Rahmen des EU-Projekts PreventIT wurde das LiFE Programm adaptiert, um es an die Leistungsvor­aussetzungen und Präventionsziele der Zielgruppe der 60- bis 70-Jährigen anzupassen. Das adaptierte LiFE Programm (aLiFE) wurde zunächst in einer Pilotstudie getestet und wird aktuell in einer randomisierten, kontrollierten Studie (RCT) untersucht.

Methoden: aLiFE beinhaltet spezifische lebensstil-integrierte Übungen zur Steigerung von Kraft, Gleichgewicht und körperlicher Aktivität, die im Hinblick auf ältere Menschen im 6. Lebensjahrzehnt anspruchsvoller gestaltet sind. aLiFE wurde mittels Pre-Post Test in einer Pilotstudie über 4 Wochen mit älteren Menschen zwischen 61 und 70 Jahren evaluiert. Trainer vermittelten das Programm im Rahmen von vier Hausbesuchen. Die Indikatoren für die Akzeptanz waren u.a. Adhärenz, Nutzen zur Verbesserung motorischer Leistungen und Sicherheit. Pre-Post-Veränderungen in der Gleichgewichtsfähigkeit und der Mobilität wurden mit Hilfe der Community Balance and Mobility Scale (CBMS) gemessen. Mittels tragbarer Akzelerometer wurde die körperliche Aktivität dokumentiert.

Ergebnisse: 30 Personen absolvierten die Studie (Durchschnittsalter 66.4 ± 2.7 Jahre, 60% Frauen). Im Laufe der Intervention integrierten die Teilnehmer durchschnittlich 12.1 ± 1.8 Übungen in ihren Alltag. Die Übungen Aufstehen vom Stuhl (n=28), Treppensteigen (n=27), Einbeinstand (n=23), und über Hindernisse steigen (n=23) wurden am häufigsten in den Alltag implementiert. Einzelne Übungen wurden zwischen 3.6 – 6.1 Tagen/Woche und zwischen 1.8 – 7.8 Mal/Tag umgesetzt. Die Akzeptanz von aLiFE war hoch. Die Mehrheit der Teilnehmer empfanden die Übungen als hilfreich, sicher, angemessen schwierig und auf den individuellen Lebensstil anpassbar. Der CMBS Punktescore verbesserte sich um 6.7% (P=0.001). Die Gehzeit konnte um 7.8% gesteigert und die Sitz- und Liegezeit um 1.1% reduziert werden (P=0.131-0.355).

Zusammenfassung: Die Ergebnisse der Pilotstudie zeigten, dass aLiFE in der Zielgruppe der 60- bis 70-Jährigen durchführbar ist und gut angenommen wird.

08:15
Nutzung von mHealth-Technologie zur Unterstützung einer alltagsintegrierten Trainingsintervention
S307-2 

C. Nerz, C. Barz, A. Kroog, S. Mikolaizak, M. Schwenk, C. Becker; Stuttgart, Heidelberg

Hintergrund: Eine rasch alternde Bevölkerung belastet sowohl finanziell als auch operational zunehmend das Gesundheitssystem. Sogenannte mHealth Lösungen ermöglichen die Ausweitung gesundheitlicher Präventionsmaßnahmen und den gezielten Zugriff älterer Menschen auf technologiegestützte Bewegungsprogramme, mit dem Ziel, altersassoziiertem funktionellen und kognitiven Abbau entgegenzuwirken. eLiFE stellt eine solche mHealth-Lösung dar, bei der ein evidenzbasiertes Trainingsprogramm auf eine ICT-Plattform übertragen wird.

Methodik: eLiFE wurde im Rahmen des EU-geförderten PreventIT Projekts entwickelt und an 60 Personen in Stuttgart, Trondheim und Amsterdam evaluiert (NStuttgart = 20: MAlter = 67 Jahre; Nweiblich = 12). Es ermöglicht den Teilnehmern, selbstständig ihre Fitness zu testen und durch Übungen zu verbessern. Über Akzelerometer im Smartphone oder in der Smartwatch wird die individuelle körperliche Aktivität aufgezeichnet, in Echtzeit ausgewertet und abgebildet. Darauf basierend werden personalisierte Ratschläge zur Verbesserung von Kraft und Gleichgewicht sowie zur Steigerung der körperlichen Aktivität gegeben. Insgesamt wurden 4 Hausbesuche und 3 Telefonanrufe während eines Interventionszeitraums von 6 Monaten durch einen geschulten Trainer durchgeführt. Ein virtueller Trainer stand durchgehend zur Verfügung und bot Informationen zu den Übungen sowie Anleitungen zu deren Durchführung. Basierend auf den Sensordaten und der Berichterstattung der Teilnehmer wurde personalisierte Rückmeldung in Bezug auf zuvor ausgewählte Ziele bereitgestellt, um dadurch die langfristige Beibehaltung des Trainingsprogramms zu verbessern.

Ergebnisse: Das eLiFE Programm wurde im Allgemeinen gut von den Teilnehmern angenommen. Insbesondere die detaillierte Übungsanleitung anhand von Lehrvideos wurde als hilfreich empfunden. Von den 20 Teilnehmern in Stuttgart beendeten 15% das Programm vorzeitig.

Zusammenfassung: eLiFE stellt einen vielversprechenden Ansatz zur Modifikation und Förderung gesundheitswirksamen Verhaltens dar. Insbesondere die Verknüpfung trainingswissenschaftlicher Vorgaben mit der individualisierten, motivationalen Unterstützung birgt hohes Potenzial. Ansätze zur Verbesserung des Programms werden basierend auf der noch nicht abgeschlossenen Datenauswertung diskutiert.

08:30
Entwicklung eines gruppenbasierten LiFE-Übungsprogramms: Hintergrund, Design und Ergebnisse einer Pilotstudie.
S307-3 

F. Kramer, C.-P. Jansen, S. Labudek, C. Nerz, C. Barz, L. Fleig, C. Becker, M. Schwenk; Heidelberg, Stuttgart, Berlin

Fragestellung: Ursprünglich wird LiFE unter relativ hohem ökonomischen und personellen Aufwand individuell über Hausbesuche vermittelt (iLiFE). Zur Überprüfung einer Ökonomisierung des Konzepts wurde im Rahmen des BMBF Projekts LiFE-is-LiFE eine gruppenbasierte Version entwickelt (gLiFE) und pilotiert. Im Vortrag werden die Entwicklungsphasen des gLiFE-Programms dargestellt sowie Ergebnisse einer Pilotstudie zur Durchführbarkeit des neuen Programms präsentiert.

Methodik: Unter Berücksichtigung entsprechender Kernelemente des Medical Research Council entwickelte ein interdisziplinäres Forschungsteam das gLiFE-Programm in aufeinanderfolgenden Phasen: In Phase 1 wurden geeignete methodische (Wie) und didaktische (Was) Vorgehensweisen für die Vermittlung der Kraft- und Gleichgewichtsübungen sowie der Übungen zur Steigerung der körperlichen Aktivität in der Gruppe entwickelt. Phase 2 beinhaltete die Anpassung und Weiterentwicklung der für die Vermittlung benötigten Materialien (z.B. gLiFE Assessment Tool). In Phase 3 wurde das entwickelte gLiFE-Konzept in einer siebenwöchigen Pilotstudie (N = 6, M = 71,7 Jahre, n = 5 weiblich) durchgeführt und mittels Fragebogendaten zur Durchführbarkeit, Sicherheit und Nützlichkeit der LiFE-Übungen evaluiert.

Ergebnisse: Die vorgesehenen Organisationsformen für die Vermittlung der LiFE-Übungen sowie die angepassten Materialien zeigten sich für die angedachte Zielgruppe als durchführbar und geeignet. Vier von fünf Teilnehmern (TN) fühlten sich während der Ausführung der LiFE-Übungen in der Gruppe „sehr sicher“, einer „sicher“. Insgesamt empfanden alle TN die Übungen zur Steigerung ihrer Kraft und Gleichgewichtsfähigkeit als „sehr hilfreich“ bzw. „hilfreich“. Hinsichtlich der körperlichen Aktivität galt dies für 80% der Teilnehmer. Alle TN würden das gLiFE-Programm weiterempfehlen.

Zusammenfassung: Die Pilotstudie liefert erste Hinweise für die sichere und altersgerechte Durchführbarkeit des neu entwickelten gLiFE-Konzepts. Ob gLiFE a) hinsichtlich der Effektivität dieselben positiven Effekte erzielt wie iLiFE und b) kostengünstiger ist, wird in einer randomisierten Nicht-Unterlegenheitsstudie (NZiel = 300, Start April 2018) überprüft.

08:45
Die Alltagsintegration der LiFE-Übungen als Gesundheitsverhaltensänderung bei älteren Menschen: individuelle und soziale Aspekte
S307-4 

S. Labudek, C.-P. Jansen, F. Kramer, L. Fleig, C. Nerz, C. Barz, H. Plessner, C. Becker, M. Schwenk; Heidelberg, Berlin, Stuttgart

Fragestellung: Ursprünglich wurde das LiFE-Programm als individuelles Format (iLiFE) entwickelt. Der Fokus von LiFE liegt aus gesundheitspsychologischer Sicht auf einer Verhaltensänderung im Sinne einer Integration funktioneller Kraft- und Gleichgewichtsübungen sowie mehr körperlicher Aktivität (kA) in den Alltag älterer Menschen. Die vorliegende Studie soll überprüfen, inwieweit zusätzlich zu bereits etablierten Komponenten des Health Action Process Approach (HAPA) auch intrinsische Motivation und Gewohnheitsstärke mit der Verhaltensänderung zusammenhängen. Zudem werden sowohl Teilnehmende des iLiFE-Formats als auch der neu entwickelten Gruppenversion von LiFE (gLiFE) berücksichtigt.

Methodik: Zur Modellierung der Gesundheitsverhaltensänderung wurde das HAPA um Motivationsqualität und Gewohnheitsstärke erweitert. Beide Komponenten werden gezielt im LiFE-Programm angesprochen. Gleichzeitig wurden LiFE-spezifische Komponenten (z.B. die LiFE-Übungen) ins HAPA integriert. Sowohl die LiFE-Übungen als auch kA wurden mit Gewohnheitsstärke in Beziehung gesetzt. Die statistische Prüfung des Modells wird mittels Fragebogendaten erfolgen, die in einer randomisiert-kontrollierten Studie (geplantes N = 300, Start April 2018) eingesetzt werden. Das gLiFE Konzept wurde mithilfe des modifizierten HAPA und der Behaviour-Change-Technique (BCT) Taxonomie v1 entwickelt. Die praktische Umsetzung der einzelnen BCTs wurde in einem Trainermanual verschriftlicht, in einer Pilotstudie (N = 6) getestet und in einer anschließenden Fokusgruppe auf seine Akzeptanz überprüft.

Ergebnisse: Das modifizierte HAPA und die praktische Umsetzung der BCTs in der Intervention sowie deren wissenschaftliche Begründung werden im Rahmen des Vortrags präsentiert. Das Gruppenformat hielt der Testung in der Pilotstudie bezüglich seiner Durchführbarkeit stand. Die Akzeptanz seitens der Teilnehmenden war durchweg positiv.

Zusammenfassung: Eine wissenschaftliche Überprüfung der Gesundheitsverhaltensmodifikation im Rahmen des LiFE-Programms ist für eine theoriegeleitete Weiterentwicklung des Programms notwendig. Durch die systematische Berücksichtigung und Förderung psychologischer Einflussfaktoren wie der Motivation oder Selbstregulation könnte die Effektivität des LiFE-Programms zusätzlich gesteigert werden.

09:00
Feasibility of the Lifestyle Integrated Functional Exercise Concept in Cognitively Impaired Older Inpatients / Pilotstudie zur Überprüfung der Durchführbarkeit des Lifestyle Integrated Functional Exercise Konzeptes bei kognitiv eingeschränkten, älteren Krankenhaus- und Rehabilitationspatienten
S307-5 

N. Belala, C. Becker, M. Schwenk, A. Kroog; Heidelberg, Stuttgart

Fragestellung: Immer häufiger werden kognitiv eingeschränkte ältere Menschen zur stationären Behandlung in Krankenhäuser aufgenommen, oftmals aufgrund von Infektionskrankheiten, Herzversagen, Sturzunfällen oder elektiven Behandlungen. Während die Behandlung dieses akuten Zustandes meist erfolgreich ist, verschlechtert sich der Mobilitätsstatus aufgrund von Immobilisation, Stürzen und Bewegungsmangel häufig. Es werden daher neue therapeutische Ansätze benötigt, um einen Mobilitätsverlust während des Krankenhausaufenthaltes zu verhindern und die Ergebnisse dieser vulnerablen Patienten zu verbessern. Das LiFE-Konzept (lifestyle integrated functional exercise), das mit der Durchführung von ADLs zusammenhängende Situationen zum Training von Patienten nutzt, könnte eine innovative, nachhaltige Übergangstherapie darstellen, um einen funktionellen Verlust langfristig zu verhindern. Eine Pilotstudie wurde durchgeführt, um die Machbarkeit und Akzeptanz des LiFE Programmes zunächst in subakuter Umgebung (geriatrische Rehabilitation) zu testen.

Methodik: Anhand von n=20 kognitiv mittelschwer beeinträchtigten, älteren Rehabilitationspatienten (84,5 Jahre) wurden die Machbarkeit und Akzeptanz des LiFE Übungsprogrammes getestet. Zusätzlich erhoben wurden Sturzangst, Schmerz und Unsicherheit während der Übungsausführung. Die Patienten wurden des Weiteren zu subjektivem Nutzen und Sicherheit der durchgeführten Übungen befragt.

Ergebnisse: Für alle Übungen konnten Bodeneffekte festgestellt werden. Die Untersuchung zeigte, dass zwei Übungen für über die Hälfte der Teilnehmer zu schwierig waren (Steigen über Objekte und Fersengang). Im Gegensatz dazu war die Sitz-zum-Stand-Übung für 95% der Patienten durchführbar. Die Häufigkeit der vorliegenden Bodeneffekte in der Studiengruppe für die übrigen Übungen variierte zwischen 20% und 40%.

Zusammenfassung: In dieser Gruppe kognitiv mittelschwer beeinträchtigter Rehabilitationspatienten war das Programm nur unter supervidierten Bedingungen mit gelegentlicher Unterstützungsleistung durchführbar. Um eine Testung mit kognitiv eingeschränkten Akutpatienten durchführen zu können, ist zunächst eine Anpassung des LiFE Programmes nötig. Erst dann kann ein transsektoraler Therapieansatz empfohlen werden.

Zurück