Freitag, 07.09.2018
10:45 - 12:15
Seminarraum 14
S409
Interdisziplinarität und Vernetzung in Gerontologie und Geriatrie

Moderation: C. Kricheldorff, Cornelia

Mit der deutlichen Zunahme hochaltriger Menschen in unserer Gesellschaft des langen Lebens wächst auch die Bedeutung des Phänomens Multimorbidität in den relevanten Versorgungssettings. Die Diversität von Lebenslagen im Alter sowie massive Veränderungen in Familien- und Verwandtschaftsstrukturen kommen als weitere Faktoren hinzu, die es notwendig machen, neue und bedarfsgerechte Interventionen zu entwickeln, die sich an diesen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen orientieren. Diese müssen interdisziplinär ausgerichtet sein und von interprofessioneller Teamarbeit geleistet werden. Dabei geht es auch um die Vernetzung vorhandener Ressourcen. Dafür ist eine konsequent interdisziplinäre und interprofessionelle Orientierung in Studium und Weiterbildung unabdingbar. Das Symposium widmet sich vor diesem Hintergrund einigen Good-Practice-Beispielen für interdisziplinär/interprofessionell angelegte Qualifizierungsmodelle, die für die komplexe  Fachpraxis der Gerontologie und Geriatrie vorbereiten.

 

10:45
Interdisziplinarität und Vernetzung in Gerontologie und Geriatrie - eine Einführung
S409-1 

H. Brandenburg; Vallendar

Der Kongress thematisiert die Vielfalt disziplinärer Perspektiven. Es geht inhaltlich um Multiperspektivität und Interdisziplinarität in der medizinischen, pflegerischen und psychosozialen Versorgung des alten Menschen. Der damit verbundene Anspruch setzt ein gegenseitiges Verstehen voraus und ist zeitlich und organisatorisch nicht voraussetzungsfrei. Ebenfalls zeigen Befunde zur interdisziplinären Zusammenarbeit in Forschungsprojekten, dass nicht selten Angst bei den Beteiligten dahingehend vorhanden ist, das eigene Profil nicht richtig zur Geltung bringen zu können. Denn in der Konfrontation mit Denkstilen, Paradigmen und Wissenskulturen anderer Disziplinen sind die jeweiligen Akteure auf die eigene Disziplin zurückgeworfen. Sie müssen Erkenntnisinteresse, Gegenstand und Methodik der „Heimatdisziplin“ erläutern und verteidigen – und werden dabei nicht selten irritiert. Diese ambivalente Einschätzung ist ein Grund, genauer darüber nachzudenken, was unter Interdisziplinarität in der Pflegewissenschaft und Gerontologie verstanden werden kann (1.), welche Barrieren mit ihr verbunden sind (und welche Strategien demzufolge zur Förderung der Zusammenarbeit sinnvoll sind) (2.) und wie ein Modell der interdisziplinären Kooperation aussehen könnte (3.). Ziel dieses grundsätzlich und theoretisch ausgerichteten Beitrags ist es, unter Beachtung empirischer Erkenntnisse, einen Vorschlag zu unterbreiten, in welcher Art und Weise interdisziplinäres Arbeiten in Forschungsprojekten gelingen kann. Im Ergebnis wird betont, dass letztlich nur eine „faire Kooperation“ (Rawls) zielführend sein kann. Dabei ist Voraussetzung, dass alle Beteiligten eine echte Bereitschaft zum Dialog aufweisen und – ich wage es kaum zu formulieren – Lust auf die konstruktive Auseinandersetzung mit anderen haben (sollten). In diesem Sinne werden die einzelnen Beiträge kurz gewürdigt und mit einer grundlegenden Perspektive verbunden. 

11:00
Zukunft Alter - Verbundmaster Gerontologie Eine Kooperation zwischen der Katholischen Hochschule Freiburg, der Hochschule Mannheim und der Stiftungshochschule München
S409-2 

I. Himmelsbach, A. Hedtke-Becker, M. Wolfinger; Freiburg, Mannheim, Benediktbeuern

Das Projekt ‚Zukunft Alter: Wissenschaftliche Weiterbildung und Verbundmaster Angewandte Gerontologie‘ kehrt den wissenschaftlichen Qualifizierungsweg um und setzt bei wissenschaftlichen Weiterbildungen an, die berufsbegleitend und individuell inhaltlich, bis hin zu einem Master kumuliert werden können.

Der Verbund besteht dabei aus drei Hochschulen mit jeweils unterschiedlichen, fachlichen Schwerpunkten:

  • Katholische Hochschule Freiburg
    Altern in Sozialraum und Quartier – Kommunale Beratung und Vernetzung
  • Hochschule Mannheim
    Gesundheit - Case Management und Planung
  • Katholische Stiftungsfachhochschule München
    Multidisziplinäre Interventionsgerontologie und Gerontopsychiatrie

Das Projekt verfolgt das Ziel, im Verbund gerontologisch ausgerichtete, wissenschaftliche Weiterbildungen als Baukastensystem anzubieten und auf der Basis dieser berufsbegleitenden Weiterbildungen die Möglichkeit eines Verbundmasters „Zukunft Alter: Angewandte Gerontologie“ am Standort der KH Freiburg zu etablieren. Aus drei berufsbegleitenden, wissenschaftlichen Weiterbildungen können zwei ausgewählt und absolviert werden. In Ergänzung mit einem Master-Abschluss-Modul können die zwei absolvierten Weiterbildungen wiederum zu einem Masterabschluss führen. Die einzelnen Weiterbildungen können jeweils mit einem Certificate of Advanced Studies (CAS) abgeschlossen werden.

Der Vortrag berichtet über das Konzept des Verbundmasters und die Entwicklungen des Projektes bis hin zum Akkreditierungsprozess und nimmt in einem zweiten Teil die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die didaktischen Konzepte der Lehrveranstaltungen in den ersten Weiterbildungsdurchgängen in den Blick.

11:15
Der geriatrische Patient - Eine interprofessionelle Herausforderung
S409-3 

B. Heimbach, I. Himmelsbach; Freiburg

Der Anteil der über 80-Jährigen wird sich in Deutschland in den kommenden 30 Jahren in etwa verdoppeln und bis zum Jahr 2050 auf ca. 10 Millionen anwachsen. Damit verbunden ist eine massive Zunahme praxisrelevanter Phänomene, wie Multimorbidität) und Fraility, deren Auswirkungen sich auf Alltagskompetenz, Mobilität, seelisches Wohlbefinden und Kognition niederschlagen. Um in diesem Kontext adäquate und bedarfsgerechte Angebote und Interventionen entwickeln und anbieten zu können, sind interprofessionelle Teams und interdisziplinäre Versorgungssettings notwendig. Alle daran beteiligten Berufsgruppen, wie Ärzte, Pflegekräfte und Fachkräfte der Sozialen Arbeit müssen deshalb bereits in ihrer Ausbildungs- und Qualifizierungsphase entsprechend teamfähig gemacht werden. Im Studium der Humanmedizin beispielsweise ist die grundsätzliche Bereitschaft zum interprofessionellen Arbeiten, im Kontext der Identifikation und im Umgang mit geriatrischen Patienten, als zwingende Voraussetzung im Lernzielkatalog Geriatrie formuliert.  

 

Das Zentrum für Gerontologie und Geriatrie (ZGGF) des Universitätsklinikums Freiburg und die Katholische Hochschule Freiburg haben deshalb in einem gemeinsamen Pilotprojekt ein interdisziplinäres Seminarkonzept für Studierende der Humanmedizin, Sozialen Arbeit, Pflegewissenschaft und Berufspädagogik in der Pflege entwickelt und erprobt. Dabei konnte auf folgende Voraussetzungen aufgebaut werden:  

1. Das Querschnittsfach „Basiswissen Medizin des Alterns und des alten Menschen“ (QB 7) wurde 2004 in die Lehre im Freiburger Medizinstudium implementiert.  

 2. In der Sozialen Arbeit ist die zentrale Fachprüfung mit einem Fallseminar verbunden, in dessen Rahmen die Interprofessionalität ein wichtiger Baustein ist.  

3. In den Pflegestudiengängen wird das interprofessionelle Denken vor allem auch über die Lehre im Bereich der gerontologischen Pflege vermittelt.

 

Es gibt also mittlerweile Orte im Studium, die die Basis für ein weiterführendes vernetztes Vorgehen in der Lehre bilden. Darauf aufbauend wurde nun ein von Anfang an auf Interdisziplinarität und Vernetzung ausgerichtetes Curriculum weiterentwickelt, das regelmäßig mit professionsgemischten Gruppen in der Lehre Anwendung findet. In diesem Beitrag zum Symposium werden die curricularen Inhalte vorgestellt und die Erfahrungen mit dem neuen Lehrangebot reflektiert.  

11:30
Der geriatrische Patient im häuslichen Versorgungssetting in Georgien - Interdisziplinäre Ansätze und Konzepte (GEPA)
S409-4 

C. Kricheldorff, H. Schumann; Freiburg

Die demografische Herausforderung ist in Georgien besonders ausgeprägt, weil viele junge Menschen das Land verlassen und die Bevölkerung insgesamt schrumpft. Alte Menschen bleiben zurück, während Versorgungsstrukturen außerhalb der Familie, die einen Hilfebedarf in der Langzeitpflege substituieren könnten, kaum existieren.

Die ‚National Health Care Strategy‘ für Georgien hat vor diesem Hintergrund vier große Herausforderungen identifiziert:

1. Überproportionaler Zuwachs der Bevölkerung 65+ mit mangelhafter materieller Sicherung im Alter und einem oft nicht sehr guten Gesundheitsstatus, was zu einer hohen Vulnerabilität führt und mit zunehmendem Alter einen hohen Pflegebedarf erzeugt.

2. Wachsende Zahl kardiovaskulärer Erkrankungen, Seh- und Hörbeeinträchtigungen und Krebs, vor allem bei der älteren Bevölkerung. Hinzu kommen Risikofaktoren wie Tabakkonsum, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel in allen Altersgruppen.

3. Unterversorgung mit notwendigen Medikamenten, weil diese überwiegend selbst finanziert werden müssen.  

4. Personalsituation im Bereich des Gesundheitswesens, die durch ein Missverhältnis zwischen der hohen Anzahl von Ärzten und einer sehr kleinen Gruppe qualifizierter Pflegekräfte geprägt ist.    

Auf der Basis dieser Herausforderungen wurden strategische Ziele formuliert, die unter anderem auf die Verbesserung der Qualität der medizinischen Versorgung, die strategische Planung im Bereich der personellen Ressourcen und des relationalen Anteils von medizinisch-pflegerischem Personal zur Patientenzahl zielen.  

Das Projekt GEPA, durchgeführt von einem multiprofessionellen Professorenteam der KH Freiburg (Medizin, Gerontologie und Pflege) in Kooperation mit dem ZGGF des Universitätsklinikums Freiburg, der Orthodoxen St. King Tamar Universität Tbilisi und dem Caritasverband Georgien wird, vier Jahre lang vom DAAD aus Mitteln des BMZ gefördert. Es setzt an den skizzierten gesundheitspolitischen Herausforderungen an und bietet interdisziplinäre Multiplikatorenschulungen, öffentliche Fachsymposien und Hospitationen in Deutschland zur Verbesserung der gemeindenahen Versorgung geriatrischer Patienten in Georgien. Im Zentrum des Vortrags stehen die Vorstellung des Programms und die Reflexion über bisherige Erfahrungen.  

11:45
Freiwillige Patientenbegleiter als Baustein zivilgesellschaftlicher Verantwortungsübernahme im Projekt LoChro - Lokales gestuftes Versorgungsmanagement bei chronisch erkrankten älteren Menschen
S409-5 

N. Friedrich, J. Kiekert; Freiburg

Das Forschungsprojekt LoChro (Local Chronic Care Management), gefördert vom BMBF, untersucht eine besser koordinierte Versorgung für Senior*innen mit chronischen Erkrankungen in der Region Freiburg. Die multimorbiden Senior*innen sollen von einem Versorgungsplan und eine dadurch besser aufeinander abgestimmte Versorgung und Vernetzung mit lokalen Strukturen profitieren. Die Studie wird bis zu 800 Personen ab 65 Jahren einschließen, die in der Notaufnahmen des Universitätsklinikums Freiburg rekrutiert werden.

Die LoCho-Intervention erstellt gemeinsam mit den Patient*innen und professionellen Versorgungskoordinatorinnen einen Versorgungsplan, der eine aufeinander abgestimmte Versorgung ermöglichen soll.

Fehlt ein ausreichendes informelles Unterstützungsnetzwerk und reicht die Stärkung der Selbstmanagementfähigkeit nicht aus, werden geschulte freiwillige Patientenbegleiter*innen vermittelt. Diese besondere Akteursgruppe agiert begleitend als „Brückenbauer*innen“ im Versorgungssystem, übernimmt zeitlich befristet Aufgaben im Sinne einer niederschwelligen Unterstützung und realisiert somit Ansätze der Vernetzung und Interdisziplinarität. Die Schulung der LoChro-Patientenbegleiter*innen ist modular aufgebaut und folgt dem Ansatz des Selbstbestimmten Lernens.

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