Donnerstag, 06.09.2018
15:30 - 17:00
Seminarraum 14
S209
Gesundheit im Alter: Welchen Einfluss hat die Digitalisierung?

Moderation: A. Seifert, Zürich/CH; A. L. Schlomann, Köln

Internet- und Smartphone-basierte Technologien bestimmen bei vielen Menschen den Alltag. Diese Tatsache beeinflusst auch den Umgang mit Gesundheitsdaten. Technik kann dabei nicht nur als Hilfsmittel z. B. für die Messung von gesundheitsrelevanten Daten eingesetzt werden. Es besteht gleichzeitig auch eine enge Verflechtung der Technikanwendung mit dem gesundheitsbezogenen Informationsverhalten sowie dem Umgang mit Gesundheitsdaten insgesamt. Für die gerontologische Forschung ergeben sich hierbei Fragen, inwieweit ältere Menschen moderne Technologien zur Gesundheitsinformation, -messung und -verbesserung nutzen und wie sich die zunehmende Digitalisierung auswirkt. Im Symposium sollen hierzu Perspektiven und Ergebnisse aus verschiedenen Studien eingebracht und zur Diskussion gestellt werden.

Sabine Theis (Aachen) wird uns den gesundheitsbezogenen Informationsbedarf älterer Erwachsener aus Deutschland anhand einer repräsentativen Befragungsstudie aufzeigen und dabei beleuchten, inwieweit die Nutzung von digitalen Informationsquellen hierbei an Relevanz gewonnen hat.

Anna Schlomann (Köln) untersucht anhand von Querschnittsdaten und einer qualitativen Längsschnittstudie die Nutzung mobiler Tracking-Technologien (z. B. Fitnessarmband, Smartwatch) und deren langfristige Implementierung in den Alltag älterer Personen sowie den Zusammenhang mit der Wahrnehmung physischer Gesundheit.

Inwiefern Smartphones und Tablets die Umsetzung einer Lebensstilintervention unterstützen können, untersucht Katja von Storch (Köln). Sie erforscht am Beispiel eines technikgestützten Coachingprogramms für Diabetes-Typ-2-Patienten die Auswirkungen telemedizinischer Geräte auf das Selbstmanagement älterer Patienten.

Die digitale Welt des Internets beeinflusst nicht nur den Alltag älterer Menschen, sondern kann auch mit Potentialen für die kognitive Plastizität im höheren Lebensalter einhergehen. Dies belegt Stefan Kamin (Nürnberg) anhand longitudinaler Daten aus Europa, die zeigen, dass die kognitiven Fähigkeiten durch die Internetnutzung profitieren.

Alexander Seifert (Zürich) wird anhand repräsentativer Daten aus der Schweiz die Bereitschaft älterer Personen, ihre mit mobilen Geräten selbst erhobenen Gesundheitsdaten der (gerontologischen) Forschung zur Verfügung zu stellen, beleuchten.

15:30
Was müssen Sie wissen, um gesund zu bleiben? - Gesundheitsbezogener Informationsbedarf und Informationssuchverhalten älterer Erwachsener in Deutschland
S209-1 

S. Theis, K. Schäfer, P. Rasche, C. Bröhl, M. Wille, A. Mertens; Aachen

Ein tiefgreifendes Verständnis der Bedürfnisse der Nutzer ist entscheidend für die Entwicklung effektiver Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Für digitale Gesundheitssysteme spielt hier der Bedarf älterer Menschen eine besondere Rolle. In diesem Zusammenhang wurden im Projekt Tech4Age zwei Studien zum gesundheitsbezogenen Informationsverhalten älterer Menschen durchgeführt. Ergebnisse einer qualitativen Studie mit 26 Teilnehmern zeigte, dass ältere Menschen der wiederkehrenden Überzeugung sind, eine Auseinandersetzung mit gesundheitsbezogenen Informationen habe negative Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Der am häufigsten auftretende Informationsbedarf ist diagnostischer Art. Teilnehmer gelangen über den Arzt recht einfach an benötigte Informationen, während Informationen über Untersuchungsergebnisse nicht immer ausreichend zugänglich seien. Zusätzlich wurde eine Optimierung des Austauschs zwischen Ärzten als wünschenswert bezeichnet. Die private Dokumentation von Gesundheitsinformationen ist bei älteren Erwachsenen bereits üblich, aber die papierbasierte Dokumentation von Krankengeschichten, Vitaldaten und Medikamenteninformationen erschwert den Datenaustausch. Die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage mit älteren Erwachsenen aus dem gesamten Bundesgebiet ergänzen die genannten Ergebnisse. Hier zeigte sich, dass mehr als die Hälfte der Menschen älter als 60 Jahre sehr zufrieden bis zufrieden sind mit den Informationen die Ihnen zu Gesundheit zur Verfügung stehen. Gleichsam den Ergebnissen der qualitativen Studie, zeigt sich bei einer repräsentativen Umfrage (N=551), dass der Arzt für ältere Menschen die vertrauensvollste Informationsquelle darstellt. Ältere Menschen suchen selten regelmäßig nach gesundheitsbezogenen Informationen und teilen Sie zum überwiegenden Teil mit Arzt, Apotheker und Familienmitgliedern/Freunden. Daraus ergeben sich folgende Implikationen für die Gestaltung und Akzeptanz digitaler Gesundheitssysteme: (1) mangelnde Akzeptanz könnte damit zusammenhängen, dass ältere Menschen über herkömmliche Wege ausreichende Informationen über ihre Gesundheit erhalten, (2) Verschreibung oder Empfehlung digitaler Anwendungen über Arzt könnte Adhärenz und Akzeptanz erhöhen (3) Medikamentenapps könnten nicht nur Erinnern sondern durch weiterführende Informationen wie Wechselwirkungen oder Nebenwirkungen dem realen Informationsbedarf älterer Menschen entsprechen und damit einen Mehrwert liefern.

15:45
Langfristige Nutzung und mögliche Auswirkungen der Verwendung mobiler Bewegungsmessung mit digitalen Technologien
S209-2 

A. L. Schlomann, A. Seifert; Köln, Zürich/CH

Ein Mangel an körperlicher Aktivität kann die Gesundheit negativ beeinflussen. Ausreichend Bewegung kann zur Prävention von gesundheitlichen Einschränkungen im höheren Alter beitragen. Digitale Technologien wie Smartphones, Smartwatches, Fitness-Tracker und Apps ermöglichen eine mobile Bewegungsmessung mit einfachen Mitteln. Gründe für eine langfristige Nutzung von mobiler Bewegungsmessung bei Älteren sowie mögliche Auswirkungen der Verwendung sind bisher kaum erforscht. Die vorliegende Studie untersucht mobile Bewegungsmessung bei älteren Menschen auf Basis einer repräsentativen Stichprobe der Schweizer Bevölkerung ab 50 Jahren und einer qualitativen Langzeitstudie. Für die repräsentative Studie wurden 1.013 Personen (Ø-Alter: 65,3 Jahre) in einem Telefoninterview zur Nutzung mobiler Bewegungsmessung und zum Zusammenhang mit Zufriedenheit befragt. Die qualitative Langzeitstudie hat über die Dauer von einem Jahr Personen ab 65 Jahren wiederholt (n=15, 6, 6) in Leitfadeninterviews zu ihren Erfahrungen bei der Nutzung eines Fitness-Trackers befragt. Ein Fünftel (20,5%) der Befragten in den Telefoninterviews gab an, mobile Bewegungsmessung zu nutzen. In Regressionsanalysen zeigte sich, dass die Nutzung von mobiler Bewegungsmessung den positiven Effekt von körperlicher Aktivität auf Zufriedenheit mit der eigenen Fitness verstärken konnte. Mobile Bewegungsmessung ohne körperliche Aktivität hatte hingegen einen negativen Effekt auf die Zufriedenheit. Innerhalb der qualitativen Langzeitstudie konnten ergänzend Faktoren für die langfristige Nutzung von mobiler Bewegungsmessung identifiziert werden. Die Sensibilisierung für körperliche Aktivität und Erfolge sowie die Erinnerungsfunktion des Geräts trugen zur langfristigen Nutzung bei. Eine fehlende Individualisierung und Alltags-Passung, nachlassendes Interesse und eine schwierige Handhabung waren Gründe zum Nutzungsabbruch. Der Gesundheitsbezug des Geräts war sowohl fördernder als auch hemmender Faktor der Nutzung. Zusammengenommen tragen die Ergebnisse dazu bei, Nutzungsgründe und mögliche Auswirkungen der mobilen Bewegungsmessung bei älteren Menschen besser zu verstehen. Sie weisen auf Potentiale der Nutzung im Hinblick auf Wohlbefinden und Gesundheit sowie die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung der Geräte hin.

16:00
Auswirkungen telemedizinischer Geräte auf das Selbstmanagement von Diabetes Typ 2 PatientInnen
S209-3 

K. von Storch, E. Graaf, C. Rietz, M. C. Polidori Nelles, C. Woopen; Köln, Heidelberg

In der Diabetesversorgung bieten telemedizinische Daten ein großes Potenzial zur Erhebung, Übertragung und Auswertung von Vitaldaten sowie Aktivitätsprofilen. Telemedizin ist ein vergleichsweise neues Feld der Medizin und wird häufig noch kritisch betrachtet. Der technische Fortschritt und fehlende zeitliche Ressourcen machen den Einsatz telemedizinischer Geräte zunehmend attraktiv. Gerade bei DiabetespatientInnen können telemedizinische Geräte zu einem besseren Verständnis und somit zu einem besseren Umgang mit der Erkrankung führen. Studien zeigen, dass eine Lebensstilveränderung bezüglich des Ess- und Bewegungsverhaltens bei Diabetes Typ 2 sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt. Dadurch kann die Einnahme von Medikamenten reduziert und Folgeerkrankungen vermieden werden. Hier stellt sich die Frage, ob der Einsatz telemedizinischer Geräte das Selbstmanagement der Betroffenen verbessern, den Langzeitblutzucker senken und die subjektive Gesundheit steigern kann.

In der vorliegenden zweiarmigen randomisiert-kontrollierten Studie erhalten die TeilnehmerInnen der Interventionsgruppe ein Tablet als Gesundheitsstation, Gluko- und Aktimeter sowie ein 1-jähriges Telefoncoaching. Die Kontrollgruppe verbleibt weiter in der Regelversorgung. Die Datenerhebung erfolgt mithilfe eines Onlinefragebogens sowie zwei offenen Fragen zur persönlichen Erfahrung mit den telemedizinischen Geräten. Neben der standardisierten Erfassung des Selbstmanagements, der subjektiven Gesundheit und der Technikbereitschaft werden eigens konzipierte Items zum Technikeinsatz eingesetzt.

Erste Ergebnisse – die Studie ist derzeit noch nicht abgeschlossen – zeigen eine Reduktion der Blutzuckerwerte und eine Steigerung der Bewegung. Bei einer hohen Technikbereitschaft wird erwartet, dass die Nutzung der telemedizinischen Geräte eine nachhaltige Verhaltensänderung bewirken und somit das Selbstmanagement und die subjektive Gesundheit signifikant gesteigert werden können.

In einer Zeit des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen könnte die technikgestützte Lebensstilintervention ein erfolgreiches Mittel für den eigenständigen Umgang mit der Erkrankung zu sein. Die Vermeidung von Folgeerkrankungen kann wiederum zu einer ökonomischen Entlastung der öffentlichen Ausgaben in der Diabetesversorgung führen.

16:15
Profitieren kognitive Fähigkeiten von der Internetnutzung im höheren Lebensalter?
S209-4 

S. Kamin, F. R. Lang; Nürnberg

Empirische Befunde im Forschungsfeld "Alter(n) und Technik" zeigen, dass kognitive Fähigkeiten mit der Nutzung von digitaler Technik und Anwendungen assoziiert sind. Diese Arbeiten basieren jedoch auf Querschnittsdaten. Wenig ist bekannt über die wechselseitige Beziehung zwischen kognitiven Veränderungen und der alltäglichen Nutzung von moderner Technik. In diesem Beitrag untersuchen wir die longitudinale Beziehung zwischen kognitiven Fähigkeiten und der Internetnutzung im Alter. Nutzen ältere Menschen mit besseren kognitiven Fähigkeiten eher das Internet? Und inwiefern können kognitive Fähigkeiten von der Internetnutzung profitieren? Zur Beantwortung dieser Fragen wurden zwei Erhebungswellen des SHARE Datensatzes (2013 und 2015) mit insgesamt 29,788 Personen ab 50 Jahren (M = 66.62; SD = 9.57) aus 14 Ländern ausgewertet. Befunde der Cross-Lagged-Panel Analyse zeigten einen positiven Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und der Internetnutzung zum ersten Messzeitpunkt. Weiterhin zeigten sich signifikante wechselseitige Beziehungen: Personen mit besseren kognitiven Fähigkeiten hatten eine größere Wahrscheinlichkeit das Internet über einen Zeitraum von zwei Jahren zu nutzen. Andererseits konnten ältere Internetnutzer ihre kognitiven Fähigkeiten über die Zeit verbessern. Diese Befunde zeigen, dass die zunehmende Digitalisierung mit Potentialen für die kognitive Plastizität im höheren Lebensalter einhergehen kann.

16:30
Bereitschaft älterer Menschen, selbst erhobene mobile Gesundheitsdaten mit Forschenden zu teilen
S209-5 

A. Seifert; Zürich/CH

Tragbare Tracking-Technologien (wie z. B. Smartwatches, Fitness-Tracker und Apps auf dem Smartphone oder Tablet) haben den Prozess der Messung gesundheitsbezogener Daten digitalisiert. Aus der Forschungsperspektive werden Daten zur Gesundheitsaktivitäten zunehmend relevant, insbesondere im Hinblick auf individuelle Behandlungskontrollen und -empfehlungen. Die Verwendung persönlicher Gesundheitsdaten für die Forschung kann allerdings u. a. durch die mangelnde Bereitschaft von datenerfassenden Personen, ihre mobil erfassten Daten für die Forschung zur Verfügung zu stellen, eingeschränkt werden.

Die vorliegende Studie untersuchte die Bereitschaft älterer Personen, ihre selbst erhobenen Gesundheitsdaten für die (gerontologische) Forschung bereitzustellen. Basis hierfür ist eine repräsentative Stichprobe (N = 1.013) der Schweizer Bevölkerung ab 50 Jahren (Ø-Alter: 65,3 Jahre). Die Beteiligten wurden in einem Telefoninterview zur Nutzung mobiler Tracking-Technologien und zur Bereitschaft der Datenfreigabe befragt.

43 % der befragten Personen nutzen ein Fitnessarmband, eine Smartwatch, ein Smartphone oder ein Tablet. 27 % nutzen diese Geräte auch, um damit gesundheitsbezogene Daten aufzuzeichnen. 57 % der befragten Personen ab 50 Jahren, die sich selbst vermessen, sind eher oder sehr bereit, ihre aufgezeichneten Daten für die Forschung freizugeben. Die Bereitschaft ist höher, wenn die Daten den behandelnden Ärzten bereitgestellt werden sollen. Dennoch ist im Vergleich die Bereitschaft der Datenfreigabe gegenüber den Krankenversicherungen geringer. In Regressionsanalysen zeigte sich, dass einzig das Einkommen signifikant zur Erklärung der Bereitschaft zur Datenfreigabe beiträgt, andere Faktoren (Alter, Geschlecht, Bildung, Region, Technikinteresse, Sport, subjektive Gesundheit) jedoch nicht.

Die Studie zeigte eine relativ hohe bzw. positive allgemeine Bereitschaft, selbst erfasste mobile Gesundheitsdaten mit der Forschungsgemeinschaft zu teilen. Zukünftige Studien sollten diese Bereitschaft näher untersuchen und konkrete ethische, datenschutzrechtliche sowie technische Rahmenbedingungen eines solchen Datenaustausches formulieren.

Diskutant: C. Rietz, Heidelberg

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