Freitag, 07.09.2018
08:00 - 09:30
Seminarraum 13
S308
Freie Vorträge - Technik im Einsatz für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen

Moderation: W. Teschauer, Ingolstadt

08:00
Demenz und Digitalisierung - Verändert die Technik die Welt der Pflege
S308-1 

W. Teschauer; Ingolstadt

In der Vergangenheit lag der Fokus bei der technischen Unterstützung von Menschen mit Demenz vor allem in Bereichen der Alltagsunterstützung durch Hilfsmittel wie Telefone mit Bildern von Kontaktpersonen oder automatische Abschalteinrichtungen für Herde.In den vergangenen Jahren jedoch eröffnete die Entwicklung der Digitaltechnik ein vorher ungeahntes Spektrum an Assistenzsystemen in den verschiedenen Lebensbereichen. Dazu gehören u.a. die Systeme des „ambient assisted living“-Konzepts, das Sensoren und Geräte im Haushalt in ein Gesamtkonzept einfügt. Möglicherweise werden spracherkennende Assistenten in der Zukunft Notrufsysteme ersetzen und Telefonnummern wählen. In der Entwicklung oder im direkten Angebot finden sich „waerables“ als technische Einrichtungen, die am Körper getragen werden und entweder selbst oder durch Unterstützung des Internets Daten der Person sammeln, auswerten und ggf. auch weitergeben. Viele von uns kennen solche Systeme in Form von Fitness-Trackern aus dem eigenen Alltag. Hierzu gehören auch die GPS-gestützte Systeme zur Orientierungshilfe oder zum Auffinden von Personen. Digitale Brillen, die die Realität mit virtuellen Informationen mischen (augmented reality) oder rein virtuelle Eindrücke liefern (virtual reality) werden gerade für die Nutzung in der Reminiszenztherapie weiterentwickelt. Computer (Notebook, Tablet, Smartphone)-gestützte Systeme können als Apps vielfältige Nutzungen für MmD bereitstellen, die weit über Programme zum Gedächtnistraining hinausgehen.Ein weiteres großes Thema sind Roboter wie „Paro“ oder „Pepper“. Paro ist ein bereits intelligentes Spielzeug in Robbenform („emotionale Assistenz“), Pepper ein androider, also menschenähnlicher Roboter, der je nach Programmierung singt, tanzt, zum Gespräch auffordert oder traurig ist, wenn man ihn nicht beachtet.Diese kurze, unvollständige Aufzählung der Möglichkeiten, die durch die Einführung der Digitaltechnik in das Umfeld von Menschen mit Demenz zeigt deutlich, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema dringend notwendig ist. Eine Reihe von wichtigen Fragen schließen sich an: Steht eine „Entmenschlichung“ der Pflege bevor? Wie reagieren Menschen mit Demenz auf solche Angebote? Was erhoffen sich die Entwickler? Wie gehen die unterschiedlichen Ursachen der Demenz, das Lebensalter der Patienten oder das Stadium der Erkrankung ein? Wie kann eine Beteiligung der Menschen mit Demenz in der Entwicklung praktisch und ethisch sinnvoll gewährleistet werden?

08:20
Fokusgruppeninterviews mit Fachkräften zu assistiven Technologien in der Demenzversorgung: Erste quantitative Ergebnisse
S308-2 

S. D. Freiesleben, H. Megges, C. Rösch, L. Wessel, O. Peters; Berlin

Hintergrund: Menschen mit Demenz und ihre pflegenden Angehörigen könnten von der Verwendung assistiver Technologien profitieren. Während der Produktentwicklung dient das Einbeziehen von Fachkräften als vielversprechende Methode, um die Nutzbarkeit und die Nützlichkeit von Produkten zu steigern. In dieser Studie wurden die Ansichten von Fachkräften zu assistiven Technologien in der Demenzversorgung, mit besonderem Fokus auf GPS-Uhren analysiert.

Methodik: Es wurden Fokusgruppeninterviews mit 18 Fachkräften aus dem Bereich Gerontologie und Gerontechnologie durchgeführt. Die drei gebildeten Gruppen unterteilten sich zu gleichen Teilen (je n = 6) in Wirtschaft, Versorgung und Wissenschaft. Alle Fachkräfte testeten vor der quantitativen Datenerfassung eine frei verkäufliche GPS-Uhr. Es wurden demografischen Standardfragen, die Erfahrung mit Demenz und assistiven Technologien in Jahren, die Zahlungsbereitschaft einmal pro Monat für eine den Vorstellungen entsprechende GPS-Uhr, die technologische Affinitätsskala für elektronische Produkte (TA-EG) und die Benutzerfreundlichkeit mit der ISONORM 9241/10 Skala erhoben. Für die hier präsentierte quantitative Analyse wurden Spearmans Korrelationen, einfache lineare Regressionen und einfaktorielle ANOVAs durchgeführt.

Ergebnisse: Das durchschnittliche Alter der Fachkräfte betrug 41.3 Jahre (SD = 10.9), die Hälfte war weiblich (50%) und mindestens die Hälfte hatte fünf oder mehr Jahre Erfahrung mit Demenzerkrankungen (66.7%) und assistiven Technologien (50%). Eine signifikante negative Korrelation zwischen TA-EG und Erfahrung mit Demenz (r = -62, p = .006) wurde gefunden und blieb nach der Kontrolle für Alter, Geschlecht, Bildung und Erfahrung mit assistiven Technologien signifikant. Die Ergebnisse der einfachen linearen Regressionen waren nicht signifikant. Eine signifikante einfaktorielle ANOVA zwischen TA-EG und Gruppenzugehörigkeit wurde gefunden [F (2, 15) = 6.76, p = .008], wobei die Gruppe Wirtschaft (M = 79.5, SD = 4.4) signifikant höhere Werte aufwies als die Gruppe Versorgung (M = 64.7, SD = 6.7, p = .008) und die Gruppe Forschung (M = 68.0, SD = 9.9, p = .040).

Diskussion: Die Fachkräfte aus den verschiedenen Gruppen unterschieden sich bezogen auf die untersuchten Variablen kaum, mit Ausnahme der Bewertung technologischer Affinität. Für die qualitative Datenanalyse bedeutet dieses Ergebnis, dass die Ansichten von Fachkräften nur gering von demografischen und Störvariablen beeinflusst werden.

08:40
Dyadische Interaktionen beeinflussen die Nutzererfahrung mit GPS-Geräten in der häuslichen Pflege bei Demenz
S308-3 

C. Rösch, H. Megges, S. D. Freiesleben, O. Peters; Berlin

Hintergrund: GPS-Uhren können Menschen mit Demenz (MmD) und einer Hinlauftendenz sowie deren pflegende Angehörige (PA) unterstützen. In dieser Studie untersuchen wir die Bedeutung der Interaktion zwischen den eine Dyade bildenden MmD und PA im Hinblick auf die Nutzererfahrung.

Methodik: Im häuslichen Umfeld testeten 20 Dyaden zwei ähnliche GPS-Uhren für jeweils vier Wochen. Für die Analysen wurden Daten zu drei Zeitpunkten (T1, T2, T3) erhoben. Zu jedem Zeitpunkt füllten die Dyaden die Skalen zur technologischen Affinität für elektronische Geräte (TA-EG), zur Lebensqualität (EUROHIS-QOL), zur Selbstwirksamkeit (SWE) und zur Benutzerfreundlichkeit (ISONORM 9241/10) aus. Zu den Zeitpunkten T2 und T3 bewerteten die Dyaden die Designeigenschaften (Farbe, Schrift, Größe, Gewicht, Knöpfe und Akkulaufzeit), die Telefonfunktion und die Häufigkeit der Nutzung dieser Funktion. Die Interdependenz innerhalb der Dyade wurde mit dem Akteur-Partner-Interdependenz-Modell ermittelt.

Ergebnisse: Es wurden 17 Dyaden analysiert (Dropoutrate 10 %). Ein signifikanter Akteureffekt ausgehend von PA wurde für die Bewertung der Telefonfunktion zwischen T2 und T3 (r = .47, p = .050), ausgehend von MmD für den Mittelwert aller Designeigenschaften (MD) zu T2 und T3 (r = .57, p = .00) und ein negativer Akteureffekt zwischen QOL und MD jeweils zu T2 (r = - .44, p = .03) und T3 (r = - .52, p = .00) gefunden. Signifikante Partnereffekte ausgehend von PA zwischen QOL und Benutzerfreundlichkeit zu T1 (r = .47, p = .01) und T2 (r = .44, p = .03), zwischen QOL und MD zu T2 (r = .41, p = .04), zwischen TA-EG und Benutzerfreundlichkeit zu T2 (r = .44, p = .03), Benutzerfreundlichkeit von T1 zu T2 (r = .43, p = .050) und MD von T2 zu T3 (r = -.62, p = .00) wurden gefunden. Es zeigte sich ein Partnereffekt ausgehend von MmD für die Benutzerfreundlichkeit von T1 zu T2 (r = .49, p = .02).

Diskussion: Diese Untersuchung liefert erste wichtige Ergebnisse inwiefern Interdependenz innerhalb einer Dyade die Nutzererfahrung bei GPS-Uhren beeinflussen kann. Die Mehrzahl der gefundenen Partnereffekte gehen von PA aus. Die Ergebnisse zeigen, dass zukünftigen Studien dyadische Interaktionen berücksichtigen sollten.

09:00
Demenzgerechte Gestaltung und Einbindung von Aktivierungsinhalten im I-CARE-System zur technischen Unterstützung informell Pflegender
S308-4 

F. Putze, A. Depner, J. Lohse, L. Steinert, T. Schulze, C. Simon, A. Kruse, T. Schultz; Bremen, Heidelberg, Karlsruhe

Das I-CARE-System (www.projekt-i-care.de) ist ein personalisierbares, tabletbasiertes System zur Aktivierung von Menschen mit Demenz in ad-hoc-Tandems durch informell Pflegende wie Angehörige oder Freiwillige. Neben kohortenangepasstem Aktivierungsmaterial, wie thematischen Bilderreihen und Rätseln sowie allgemein nutzbaren Videos und Liedern, kommt dabei auch sehr individuelles Material der NutzerInnen zum Einsatz. Das System wurde im Rahmen eines interdisziplinären und multiprofessionellen Projekts und mit intensiver partizipativer Einbindung der NutzerInnen entwickelt. Eine zentrale Rolle dabei spielt die Gestaltung und Einbindung der Aktivierungsinhalte. Für die Gestaltung des Katalogs an Aktivierungsinhalten wurden technisch operationalisierbare Richtlinien erstellt. Ein weiteres Ziel war es, Überforderung bei der Auswahl aus einem zu großen Katalog zu vermeiden. Gleichzeitig soll die Selbstbestimmung der Nutzenden gefördert werden.

Eine Lösung für diese gegensätzlichen Anforderungen wird durch das I-CARE-Empfehlungssystem geboten. Dabei handelt es sich um eine Programmkomponente, die biographische, verlaufsbezogene und kontextuelle Informationen kombiniert um geeignete Empfehlungen abzuleiten. Nach jeder Aktivierungssitzung werden explizite und implizite Bewertungen der BenutzerInnen (z.B. basierend auf der Interaktion mit dem Gerät) verwendet, um die individuellen Empfehlungen laufend an die beobachteten Präferenzen anzupassen.

Der Vortrag beschreibt die interdisziplinäre Zusammenarbeit zur Gestaltung der Empfehlungen, unter Berücksichtigung der technischen Möglichkeiten und Einschränkungen, der praktischen Beobachtungen aus dem Feld, der Auswertung von Experteninterviews und des theoriegeleiteten Designs. Darüber hinaus werden die Ergebnisse einer Feldstudie präsentiert, bei der das System über einen Zeitraum von mehreren Monaten von 22 Teilnehmertandems (mit bis zu 50 Sessions pro Person und mehr als 600 bewerteten Aktivierungsinhalten) eingesetzt wurde. Es werden Verlaufsanalysen zur  Nutzung verschiedener Aktivierungsformen präsentiert sowie eine Auswertung der impliziten und expliziten Bewertungen der Inhalte. Darüber hinaus werden Auswertungen des Empfehlungssystems im Vergleich zu einem nichtpersonalisierten Vergleichssystem diskutiert.

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