Samstag, 08.09.2018
11:15 - 12:45
Seminarraum 13
S708
Freie Vorträge - Soziale Teilhabe älterer Menschen

Moderation: V. A. Tesky-Ibeli, Frankfurt a. M.

11:15
„Mittendrin im Alter statt allein” (MIASA): Eine wirksame Intervention zur Reduzierung von Einsamkeit und Verbesserung des Wohlbefindens bei älteren Menschen
S708-1 

V. Kölligan, M. Klein; Köln

Einsamkeit ist ein Risikofaktor für psychische Störungen und hat somatische Folgen. Im höheren Lebensalter wird Einsamkeit durch Mobilitätseinschränkungen, knappe finanzielle Ressourcen oder kritische Lebensereignisse zu einer besonderen Herausforderung. Das Kleingruppenprogramm MIASA behandelt in 10 modularisierten, 90-minütigen Treffen interaktiv die Bereiche Selbstfürsorge, Aktivitätsaufbau, soziale Kompetenzen und Umgang mit belastenden Gedanken. Ziele des Programms sind niedrigschwellig und ökonomisch soziale Teilhabe zu fördern und Einsamkeit zu reduzieren. Die Wirksamkeitsevaluation des Programms erfolgt mittels eines Single-Group, Prä-Post-Designs mit 3 Messzeitpunkten (t0: zu Programmbeginn, t1: nach Programmende, t2: Follow-Up, 3 Monate nach Programmende). Bis zur Abstracteinreichung nahmen 29 Personen (76 % weiblich, 24 % männlich) zwischen 65 und 90 Jahren (M = 74, SD = 6.88) in 6 Kleingruppen an dem Programm teil, von denen 20 alle Treffen beendeten (Dropout: 31 %). Subjektiv bewerteten sie das Programm zu t1 überwiegend (73,3 %) als „sehr gut“ oder „gut“. Die verwendeten Skalen zeigen von t0 zu t1 bei n = 18 (t0), n = 17 (t1) und n = 11 (t2) eine signifikante (a) Steigerung der sozialen Integration (t(14) = -2.47, p < .05; FSozU) und (b) Reduzierung von Einsamkeitsgefühlen (t(14) = 2.77, p < .01; UCLA), Somatisierung (t(14) = 1.98, p < .05), Ängstlichkeit (t(14) = 3.01, p < .01) und Depressivität (t(14) = 2.31, p < .05) (BSI-18), sowie dysfunktionaler Einstellungen (t(13) = 2.21, p < .01; DAS18-B). Von t1 zu t2 zeigen sich nicht-signifikante Tendenzen in dieselben Richtungen. Den bisherigen Resultaten zufolge ist das Programm MIASA attraktiv für die Zielgruppe, kurzfristig wirksam und ökonomisch in der Durchführung. Weitere, momentan laufende Gruppen sollen die Datenbasis vergrößern und Rückschlüsse über längerfristige Effekte ermöglichen.

11:30
Intergenerationalität im Quartier - Bilder junger Menschen aus der Sicht älterer Quartiersbewohner
S708-2 

A. Bergholz; Köln

Im Zuge des demographischen Wandels und den daraus resultierenden gesellschaftspolitischen Maßnahmen sind Stadtquartiere in den Fokus wissenschaftlicher und praktischer Auseinandersetzung gerückt. In diesem Zusammenhang ist intergenerationales Zusammenleben in Quartieren ein wichtiger Aspekt, um beispielsweise gemeinschaftliches Miteinander und Nachbarschaft zu stärken.

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung geht der Beitrag der Frage nach, welche Bilder ältere Menschen von jungen Menschen haben, worauf diese basieren und wie diese im täglichen Quartiersleben wirken bzw. wie dort intergenerational zusammengelebt wird.

Die Analyse basiert auf einem metatheoretischen Handlungsmodell, welches zwischen stereotypisierten Wissen und handlungspraktischen Wissen (sogenannte Erfahrungsbilder) unterscheidet (Bohnsack 2014; Schäffer 2010). Zentral für die Auswertung ist die Herausarbeitung von konjunktivem Wissen (Mannheim 1980), auf denen die Erfahrungsbilder älterer Menschen von jungen Menschen beruhen.

Empirisch fußt der Beitrag auf dem Problemzentrierten Interview (Witzel 1985) mit Quartiersbewohnern zwischen 55 und 89 Jahren, die in einem Innenstadtquartier einer kleinen Großstadt in Nordrhein-Westfalen leben. Als Auswertungsmethode wurde die Dokumentarische Methode (Bohnsack 2014, Nohl 2012) genutzt.

Erste Ergebnisse zeigen, dass vor allem generationenspezifische Aspekte relevant sind. Es zeigt sich ein starker Bezug zu den Normen und Werten des eigenen Jungseins. Weiterhin kann eine gewisse Distanz zwischen den Generationen für das Untersuchungsfeld des Innenstadtquartiers konstatiert werden, da es zu wenigen Begegnungen und zu wenig Austausch mit jungen Menschen kommt und somit wenige aktuelle Erfahrungsbilder vorhanden sind. Dies lässt darauf schließen, dass eher ein Nebeneinander als ein Miteinander der Generationen im Quartier vorherrscht.

11:45
Das Potenzial neuer Technologien zur Unterstützung von Pflege und Sorge über eine räumliche Distanz
S708-3 

A. Franke, B. Kramer, P. M. Jann, U. Otto, I. Bischofberger, K. van Holten, A. Zentgraf; Ludwigsburg, Zürich/CH

Aufgrund des demografischen Wandels, der zunehmenden Arbeitsmobilität und neuer Familienmuster bestehen soziale Beziehungen oft über große Entfernungen oder gar nationale Grenzen hinweg. Die Betreuung pflegebedürftiger Familienangehöriger kann eine besondere Herausforderung sein bzw. werden, wenn diese räumlich weit entfernt wohnen.

Das Thema „Distance Caregiving“ ist deshalb ein hochaktuelles, aber immer noch wenig diskutiertes Thema, auch in Deutschland. Das binationale Distance Caregiving-Projekt „DiCa“ (2016-2019) mit einem interdisziplinären Forschungsteam aus Deutschland und der Schweiz zielt darauf ab, verschiedene Dimensionen von „Distance Caregiving“ zu untersuchen: pflegende Angehörige, Arbeitgeber und Vorsorgeeinrichtungen. Ziel ist es, Strategien, Netzwerke, aber auch mögliche innovative Technologien zu identifizieren und familienfreundliche Unterstützungs- und Kommunikationsmechanismen aus der Sicht der Einzelnen, der Arbeitgeber und der professionellen Pflegekräfte in den Blick zu nehmen.

In diesem Beitrag werden Ergebnisse aus qualitativen Experteninterviews mit Arbeitgebern aus verschiedenen Branchen (z. B. Automobilindustrie, Versicherungsunternehmen, Vorsorgeeinrichtungen) über den möglichen Einsatz von neuen Technologien zur Unterstützung ihrer Mitarbeitenden, die einen Angehörigen über eine räumliche Distanz unterstützen, vorgestellt. Diese neuen Technologien kommen aus dem Bereich von AAL (Ambient Assisted Living) und Smart Home, schließen aber auch moderne Kommunikations- und Informationstechnologien mit ein. Erste Ergebnisse aus qualitativen Interviews mit „Distance Caregivers“ über den aktuellen Einsatz und das Potenzial neuer Technologien bei „Distance Caregiving“ werden vorgestellt.

Die Ergebnisse unterstreichen, dass die Unterstützung von „Distance Caregivers“ durch geeignete Maßnahmen und Instrumente die Beschäftigungsfähigkeit dieser Mitarbeitenden erhalten und die Belastung pflegender Angehöriger reduzieren kann.

12:00
Selbstbestimmte Behandlungsentscheidungen bei Demenz - wie kann eine Leitlinie dabei helfen?!
S708-4 

V. A. Tesky-Ibeli, M. Knebel, T. Müller, C. Winkelmann, J. Pantel, J. Haberstroh; Frankfurt a. M.

Hintergrund: Aufgrund des demographischen Wandels wird das medizinische Versorgungssystem in den nächsten Jahren mit einer wachsenden Zahl an Menschen mit Demenz konfrontiert werden. Sind zurzeit bereits über 1.4 Millionen Menschen an einer Demenz erkrankt so ist eine Verdoppelung bis 2050 möglich. Menschen mit Demenz sind in der Regel multimorbide und leiden neben der Demenz durchschnittlich an 4-6 weiteren Grunderkrankungen; sie sind folglich angewiesen auf medizinische Maßnahmen und werden regelmäßig mit Entscheidungen zur medizinischen Diagnostik und/oder Behandlung konfrontiert. Da die Einwilligungsfähigkeit der Betroffenen dabei häufig in Frage gestellt wird, werden regelmäßig stellvertretende Entscheidungen getroffen. Um beurteilen zu können, ob eine rechtlich wirksame Einwilligung vorliegt, bedarf es der Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit. Für dieses Vorgehen besteht der dringende Bedarf an Kriterien und Prozeduren, um eine Beurteilung der Einwilligungsfähigkeit von Menschen mit Demenz zu optimieren.

Methode: Hilfestellung soll an dieser Stelle die AWMF-Leitlinie „Einwilligung von Menschen mit Demenz in medizinische Maßnahmen“ schaffen. Sie soll strukturierte Empfehlungen zur Sicherung der Handlungsfähigkeit von Menschen mit Demenz (insbesondere im Sinne der Selbstbestimmung) bei Entscheidungen über medizinische Maßnahmen (Diagnostik, ärztliche Heilbehandlung, palliativmedizinische Maßnahmen) zur Verfügung stellen. Auf Seiten der Patienten sollen hierdurch Autonomie (Entscheidungen in der Situation, Berücksichtigung von früheren Willensäußerungen) und Wohlbefinden ermöglicht werden. Die hemmenden und fördernden Faktoren der Umsetzung und die Anwendbarkeit der entwickelten Leitlinie werden mithilfe eines selbst entwickelten Online-Fragebogens ermittelt und analysiert.

Ergebnisse: Erste Ergebnisse zu Akzeptanz, Übernahme, Angemessenheit und Machbarkeit sollen im Rahmen des Kongresses präsentiert werden.

12:15
Schützt bürgerschaftliches Engagement gegen übermäßigen Alkohol- und Tabakkonsum im Alter? Teil I: Befunde aus dem German Socio-Economic Panel (SOEP)
S708-5 

M. Pavlova, M. Lühr, M. Luhmann; Vechta, Bochum

Bürgerschaftliches Engagement als eine Form sozialer Teilhabe im Alter kann den Substanzkonsum über unterschiedliche Pfade beeinflussen. Einerseits sind wegen sozialer Kontrolle durch andere Engagierte und Engagement als sinnvolle Tätigkeit, die eine Alternative zum Risikoverhalten anbietet, Schutzeffekte denkbar. Andererseits kann Substanzkonsum als Bestandteil sozialer Interaktionen betrachtet und insofern durch Engagement auch gefördert werden.

In dieser Studie haben wir die Auswirkungen verschiedener Formen des Engagements auf den Alkohol- und Tabakkonsum bei älteren (65-75 Jahre alt am Anfang des Beobachtungszeitraums) Personen aus Deutschland untersucht. Als Datengrundlage dient der SOEP, eine repräsentative jährliche Befragung der Gesamtbevölkerung in Privathaushalten. Um für Selektionseffekte kontrollieren zu können, haben wir eine Mehrebenenanalyse durchgeführt, wobei jährliche Beobachtungen innerhalb von Personen gruppiert wurden und zwischen der interindividuellen Unterschieden (between-Varianz) und individueller Veränderung über die Zeit hinweg (within-Varianz) unterschieden wurde. In separaten Modellen wurde für soziodemographische Merkmale, subjektive Gesundheit und Wohlbefinden sowie andere Aktivitäten kontrolliert.

Auf der between-Ebene zeigte sich, dass Personen, die im Beobachtungszeitraum jemals Mitglied in einer freiwilligen Organisation/Partei/Verein oder relativ häufig politisch aktiv waren, seltener gar keinen Alkohol tranken. Eine Mitgliedschaft hing auch mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit des Rauchens zusammen, während eine durchschnittlich häufigere politische Beteiligung mit einer höheren Wahrscheinlichkeit des Rauchens einherging.

Auf der within-Ebene ergaben sich signifikante positive Effekte einer Mitgliedschaft auf moderaten Alkoholkonsum ein Jahr später. Zudem wirkte sich bei Frauen eine häufigere politische Beteiligung positiv auf seltenen und negativ auf moderaten Alkoholkonsum im nächsten Jahr aus. Bei Männern wurden positive Effekte einer häufiger als üblich ausgeübten Freiwilligenarbeit auf die Intensität des Rauchens ein Jahr später beobachtet.

Diese Befunde lassen zum einen auf ausgeprägte Selektionseffekte schließen, zum anderen weisen sie darauf hin, dass bürgerschaftliches Engagement im Alter auch unerwünschte Auswirkungen auf eine Veränderung im Alkohol- und Tabakkonsum haben kann.

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