Freitag, 07.09.2018
08:00 - 09:30
Seminarraum 11
S306
Freie Vorträge - Setting (teil-)stationäre Pflege

Moderation: A. S. Richter, Berlin

08:00
Möglichkeiten und Grenzen der Integrierten Tagespflege aus Sicht von Expert*innen
S306-1 

K. Hämel, G. Röhnsch; Bielefeld

Hintergrund: Auch alte Menschen, die pflegebedürftig sind, sollten in ‚ihrem‘ Quartier wohnen bleiben können. Adäquate ambulante und (teil)stationäre Unterstützungsangebote begünstigen dies. Als eine Angebotserweiterung stationärer Pflegeeinrichtungen gilt die Integrierte Tagespflege (ITP), in deren Rahmen Tagesgäste den Tag zusammen mit Heimbewohner*innen verbringen und gemeinsame wie auch spezifische Angebote nutzen. Tiefere empirische Kenntnisse dazu, welche Chancen und Herausforderungen sich im Zuge der Konzeptionierung und Durchführung der ITP als Angebot einer quartiersnahen Versorgung stellen, fehlen bislang. Dieser Beitrag knüpft an eine solche ‚Lücke‘ unter Bezug auf eine Teilstudie zur Evaluation des Mo­dell­projekts „Pflege stationär – weiterdenken!“ an.

Methodik: Es wurden 18 leitfadengestützte Interviews mit N=20 Experten*innen durchgeführt. Befragt wurden sowohl Expert*innen, die als Fachkräfte in den Modell­einrichtungen arbeiten, als auch Expert*innen, die auf Planungs- und Kooperationsebene in das Projekt involviert sind. Die Auswertung erfolgte computergestützt in Anlehnung an das Thematische Kodieren.

Ergebnisse: Chancen, die mit der ITP verbunden sind, erklären sich aus Sicht der Interviewten primär aus der relativ hohen zeitlichen Flexibilität für Tagesgäste und einer verbesserten sozialräumlichen Einbettung beider Nutzergruppen. ITP kann sozialer Isolation vorbeugen und soziale Teilhabe sichern. Herausforderungen ergeben sich für die befragten Expert*innen daraus, Tagesgäste so in die Abläufe sta­tionärer Einrichtungen zu integrieren, dass sowohl sie selbst als auch die Bewohner*innen davon profitieren und nicht etwa miteinander ‚in Konkurrenz‘ treten. Zudem liegen Herausfor­derungen in institutionellen Faktoren (Ängste von Fachkräften vor weiterer Arbeitsverdichtung; ein als solches erlebter Anstieg der Bürokratie durch erweiterte Dokumentationspflichten; Sicherstellung einer stabilen Refinanzierung).

Schlussfolgerungen: Trotz der mit ihr verbundenen Herausforderungen bietet die ITP aus Sicht der Expert*innen das Potential für eine quartiersnahe, sektorenübergreifende Versorgung älterer pflegebedürftiger Menschen. Für eine abschließende Bewertung sind weitere Analysen, insbesondere zu den Sichtweisen der Nutzer*innen, erforderlich.

08:20
Gesundheitsförderung von Bewohner*innen stationärer Pflegeeinrichtungen
S306-2 

B. Wolff; Hannover

Ende 2015 lebten deutschlandweit rund 783.000 Pflegebedürftige in einer der 13.600 Einrichtungen stationärer Altenpflege. Es sind zumeist schwerer oder schwerstpflegebedürftige Menschen mit komplexer Multimorbidität. Das 2015 in Kraft getretene Präventionsgesetz sieht die Durchführung von präventiven Maßnahmen auch für Bewohner*innen stationärer Pflegeeinrichtungen vor. Im Kontext dazu möchte das hier vorgestellte Projekt Antworten auf folgende Fragestellungen geben: Wie kann es im Rahmen eines systematischen Analyse- und Entwicklungsprozesses gelingen, eine Gesamtkonzeption und die Implementierung von Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung anzustoßen und umzusetzen? Gelingt es dabei alle Beteiligten, wie die Bewohner*innen, Angehörige, Leitungskräfte sowie Beschäftigte in Pflege, Betreuung und Hauswirtschaft konsequent im Gesamtprozess zu beteiligen? Ist eine Umsetzung entsprechender Maßnahmen im Rahmen eines zeitlich eng strukturierten Arbeitsalltags der Beschäftigten möglich? Das Projekt „Gesundheitsförderung für Bewohner*innen stationärer Pflegeeinrichtungen“ wird von der BARMER Niedersachsen-Bremen gefördert und von der LVG&AFS Niedersachsen e.V. in enger Kooperation mit dem pro familia Landesverband Niedersachsen e.V. über eine Laufzeit von zwei Jahren bis Januar 2019 koordiniert. Zunächst erfolgte in fünf Projekteinrichtungen eine umfassende Bedarfs- und Ressourcenanalyse in Form von Fokusgruppen. In Projektwerkstätten wurden pro Einrichtung die erhobenen Ergebnisse umfassend diskutiert und Handlungsfelder zur weiteren Bearbeitung herausgearbeitet. Im Rahmen einer kontinuierlichen Arbeit in Projektgruppen werden anhand der priorisierten Themen konkrete Konzepte und Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung entwickelt und in weiteren Schritten umgesetzt und evaluiert. Es ist in allen Projekteinrichtungen gelungen einen systematischen Analyse- und Entwicklungsprozess gemeinsam mit allen Beteiligtengruppen anzustoßen. Es werden bereits konkrete Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung umgesetzt. Im Vortrag werden die unterschiedlichen Perspektiven der Bewohner*innen und ihrer Angehörigen sowie der Beschäftigten der Pflegeeinrichtungen gegenübergestellt werden. Des Weiteren sollen sowohl die ausgewählten Themen und erste einrichtungsspezifische Konzepte und Maßnahmen vorgestellt sowie die Möglichkeiten und Grenzen eines partizipativen Vorgehens herausgearbeitet werden.    

08:40
Zwei Perspektiven auf das Leben in stationären Altenhilfeeinrichtungen - Bewohner- und Angehörigendaten im Vergleich
S306-3 

R. Stemmer, S. Schimanski-Kahle, C. Mack, J. Klein; Mainz

Im Altenheim zu leben ist für viele Bewohner (nicht gewünschtes) Resultat von Einschränkungen. Die Stärkung von Autonomie, Partizipation und Selbstständigkeit von Bewohner/innen in Altenpflegeheimen trägt zu deren Wohlbefinden bei, wird aber nicht immer im erforderlichen Umfang umgesetzt (SVR, 2014).Das kritische Verhältnis von Angehörigen ist u.a. begründet in der Unzufriedenheit der Angehörigen mit der angebotenen Pflege oder innerfamiliären Konflikten, die nach außen gewendet werden (Haesler et al. 2006).Die vorliegende Studie vergleicht im Rahmen eines vom BMBF geförderten Projektes (Förderkennzeichen 13FH012SA5) die Wahrnehmung eines Altenheimes aus der Sicht der Bewohner/innen mit der Sicht der Angehörigen. Zeitpunkt der Datenerhebung: August-September 2016. Design / Methode: qualitativer Querschnitt. Datenerhebung in vier Altenheimen in Deutschland. Zur qualitativen Erhebung wurden 11 leitfadengestützte Interviews mit Angehörigen und 12 episodische Interviews mit Bewohner/inen geführt. Der Leitfaden wurde literaturgestützt entwickelt und gruppenspezifisch angepasst. Die Datenauswertung der transkribierten Interviews erfolgt jeweils durch zwei Personen nach Statusgruppen getrennt, orientiert an den Regeln der zusammenfassenden Inhaltsanalyse nach Mayring mit MAXQDA. Das ethische Clearing wurde von der Ethikkommission der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e.V. (DGP) erteilt. Ergebnisse: Angehörige: unzureichende Kommunikationswege, Zeitmangel, häufiger Personalwechsel, begrenztes Engagement der Pflege- und Betreuungspersonen. Die Angehörigen sehen sich in der Rolle, wahrgenommene Mängel bei der Versorgung auszugleichen. Ergebnisse Bewohner/innen: Selbstständigkeit als permanentes Anliegen, Überlebensstrategien in der Institution, Leben in einem Altenheim als unerwartetes Ereignis, durch organisationale Strukturen eingeengt sein, zufrieden sein mit dem neuen Leben, sich versorgt fühlen durch engagierte aber gestresste Pflegende, gestresst sein durch Konflikte mit anderen Bewohner/innen. Diskussion: In Übereinstimmung mit der Literatur weichen die Wahrnehmungen der Angehörigen und der Bewohner/innen deutlich voneinander ab. Die Angehörigen betonen die Mängel und definieren ihre Rolle im Sinne von Kompensation. Als Ausdruck der wahrgenommenen Abhängigkeit sind die Bewohner/innen eher daran interessiert sich zu arrangieren. Wohl nicht zufällig werden von ihnen nur Konflikte mit anderen Bewohner/innen offen thematisiert

09:00
Vielfalt in Care-Kontexten am Lebensende - eine Frage der Ethik?
S306-4 

S. Migala, U. Flick; Berlin

In Palliative Care markiert das Verständnis von einem Sterben in Würde für alle Menschen, unabhängig von ihren individuellen, soziokulturellen und religiösen Bedürfnissen und Zugehörigkeiten, eine wichtige Zielsetzung in unserer zunehmend in Diversität alternden Gesellschaft. Zugleich werden eine vorausschauende Planung und selbstbestimmte Entscheidungen oft wie selbstverständlich als Ausdruck von Autonomie betrachtet und eine offene Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben vorausgesetzt. Dies entspricht jedoch nicht immer den Vorstellungen oder Fähigkeiten der Betroffenen. Gerade der Blick auf besonders vulnerable Gruppen zeigt, dass eine diskriminierungsfreie Versorgung eine noch zu bewältigende Aufgabe darstellt. Im Fokus eines vom BMG geförderten Projekts steht die Frage nach dem normativen Gehalt von Konzepten der Interkulturalität oder des Diversity Managements und ihrer Eignung für eine gute und gerechte Versorgung am Lebensende durch Organisationen. Ein besonderes Interesse gilt dem Verständnis und der Bedeutung von kultureller Diversität, die ihr diesbezüglich aus verschiedenen Perspektiven zugeschrieben wird. Die Studie nimmt eine interdisziplinäre Forschungsperspektive ein, in der Methoden qualitativer Forschung trianguliert und in ihrer Begründung und Anwendung im Sinne einer empirisch informierten Ethik systematisch reflektiert werden. Neben einer Diskursanalyse und Interviews mit Expert_innen wurden in einer Sekundäranalyse Daten aus episodischen Interviews mit Sterbenden und Angehörigen (n=56, mit/ohne Migrationshintergrund) hinsichtlich ihrer ethischen Überzeugungen analysiert und im Lichte der leitenden ethischen Prinzipien von Palliative Care reflektiert. Sich zeigende divergente Wertvorstellungen oder erlebte Benachteiligungen durch strukturelle Mängel können dabei nicht nur als Widerspruch zu einem engen Verständnis von Autonomie bewertet werden, sondern werden bei daraus resultierenden Nachteilen auch zu einer Frage der Gerechtigkeit oder des Nichtschadens. Erfahrungen mit Interventionen zur Steuerung von Entscheidungen, die einem libertären Paternalismus-Verständnis entsprechen, lassen sich dagegen besser mit dem Prinzip des Wohltuns vereinbaren. In die Diskussion werden alternative Ansätze der Care Ethik einbezogen. Erörtert wird, inwiefern eine Stärkung der Dimensionen Achtsamkeit und Verantwortung begründet alternative Handlungsmöglichkeiten zulässt und Risiken mindert, Personen zu exkludieren oder zu benachteiligen.

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