Samstag, 08.09.2018
11:15 - 12:45
Seminarraum 25
S712
Freie Vorträge - Qualitätsinitiativen

Moderation: P. Koch-Gwinner, Erfurt; K. Hauer, Heidelberg

11:15
Optimierung klinischer Untersuchungsfertigkeiten Medizinstudierender mittels bettseitiger Sonographie im Rahmen der FAMULATUR PLUS an geriatrischen Patienten_Innen
S712-1 

A. Jerg, H. Christow, L. Jerg-Bretzke, M. Denkinger; Ulm

Problemstellung: Gemeinsam mit der Anamnese bildet die körperliche Untersuchung die Grundlage jeden ärztlichen Handelns. In Kontrast dazu dazu wird die Ausbildung des medizinischen Nachwuchses in der körperlichen Untersuchung vernachlässigt mit dem Resultat unzureichender Kenntnisse in diesem Bereich. Vor diesem Hintergrund wurde das Lehrkonzept FAMULATUR PLUS entwickelt.

Projektbeschreibung: Die FAMULATUR PLUS ist ein an der Universität Ulm entwickelter Lehransatz zur Optimierung praktischer Fertigkeiten in der körperlichen Untersuchung für Medizinstudierende im klinischen Studienabschnitt. Im Zentrum der Lehrintervention stehen in eine reguläre vierwöchige Famulatur integrierte wöchentliche Untersuchungskurse. In diesen werden vorhandene Kenntnisse unter Anleitung erfahrener Dozenten_Innen in Partnerübungen aufgefrischt und vertieft. Die Umsetzung des Erlernten erfolgt dann im Stationsalltag. Etwaig dabei auftretende Probleme werden im Rahmen eines Mentorats gelöst. Als Mentor_In fungieren die Stationsärzte_Innen. In den Evaluationen wurde studierendenseitig der Wunsch nach einer Visualisierung der erhobenen Befunde geäußert. Aufgrund dessen wurde ein Bedside-Teachingformat auf internistisch-akutgeriatrischen Stationen an der AGAPLESION BETHESDA KLINIK ULM implementiert das ebenfalls wöchentlich stattfindet. Im Rahmen dessen werden Patienten_Innen unter Supervision untersucht und die erhobenen Befunde anschließend mittels bettseitiger Sonographie verifiziert. Letztlich soll damit das Lernergebnis optimiert und Chancen und Limitationen der körperlichen Untersuchung aufgezeigt werden.

Evaluation: In einer ersten qualitativen Evaluation zeigte sich die FAMULATUR PLUS geeignet praktische Fertigkeiten Medizinstudierender in der körperlichen Untersuchung zu verbessern. Beispielsweise berichteten die Studierenden von einer verbesserten Selbsteinschätzung ihrer Untersuchungsfertigkeiten. Zudem wurde durch die Umsetzung des Bedside-Teachingformats in der Geriatrie das Interesse an diesem Fachgebiet geweckt. Bei den durchgeführten Interviews zeigte sich die Mehrheit der befragten Studierenden positiv von der Geriatrie überrascht. Insofern könnte die FAMULATUR PLUS auch ein probates Mittel zur Gewinnung geriatrischen Nachwuchses sein.

11:30
Qualität und Optimierungsbedarf in der Versorgung geriatrischer Patienten in ländlichen Regionen – Ergebnisse einer standardisierten Befragung
S712-2 

A. Beyer, M. Görsch, F. Radicke, L. Rehner, W. Hoffmann, N. van den Berg; Greifswald

Fragestellung: Die klinisch-geriatrische Versorgungskapazität in Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen (Betten pro 10.000 Einwohner ≥65 Jahre) betrug 2016 im Bundesdurchschnitt 16,4 Betten, in Mecklenburg-Vorpommern 8,2 und in Niedersachsen 9,4 (Quelle: Kompetenz-Centrum Geriatrie MDK). Ziel der Untersuchung ist die Bewertung der Qualität durch die Leistungserbringer der geriatrischen Versorgung in definierten ländlichen Regionen und die Identifikation von Problemen.

Methodik: Es wurden standardisierte Befragungen von Stichproben aus Ärzten, Apothekern, Pflegekräften und anderen Akteuren verschiedener Sektoren in Mecklenburg-Vorpommern und im Emsland (einem Landkreis in Niedersachsen) durchgeführt. Inhalte des Fragebogens waren u.a. die Bewertung der Qualität der geriatrischen Versorgung und mögliche Verbesserungsansätze.

Ergebnisse: Der Fragebogen wurde in Mecklenburg-Vorpommern an 808 Akteure (Response 20%, n=159) und im Emsland an 734 Akteure (Response 26%, n=189) versendet. Antwortende waren zu 53% (n=185) im ärztlichen, zu 26% (n=91) im pflegerischen und zu 21% (n=72) in anderen Bereichen tätig. Verschiedene Qualitätsaspekte sollten per Likert Skala (Schulnotensystem: 1=sehr gut bis 6=ungenügend) bewertet werden. Die durchschnittlich beste Bewertung betraf mit 2,8 (SD 1,0) die „pflegerische Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen“, die schlechteste betraf die „Erreichbarkeit medizinischer Einrichtungen per Öffentlichem Nahverkehr (ÖN)“ mit 4.4 (SD 1,4). In der „Erreichbarkeit medizinischer Einrichtungen per ÖN“ gab es signifikante Unterschiede zwischen „städtischen“ (Orte >50.000 Einwohner) und „ländlichen“ Regionen (p=<0.001, OR 3.63). Analog war dies in der „Abdeckung geriatrischer Leistungen durch geriatrische Krankenhaus-Abteilungen“ der Fall (p=<0.02, OR 1.8). Am häufigsten wird eine angemessene geriatrische Versorgung durch „Lange Wartezeiten auf Facharzt-Behandlung“ (n=248, 71% aller Teilnehmer) gefährdet und am häufigsten bejahte Optimierungsmöglichkeit war eine bessere Vernetzung der Leistungserbringer über Berufsgrenzen hinweg (n=221, 63%).

Fazit: Qualität und Sicherstellung der geriatrischen Versorgung in ländlichen Regionen weisen aus Sicht der Akteure im Versorgungssystem Verbesserungsbedarfe auf. Die Ergebnisse unterstützen die Entwicklung von Versorgungskonzepten zur Optimierung der geriatrischen Versorgung, deren Implementation und deren Evaluation in Modellregionen.

11:45
Qualitätskriterien ambulant betreuter Wohngemeinschaften - Konzeptionelle Unterschiede
S712-3 

B. Preuß, A. Schmidt, K. Wolf-Ostermann; Bremen

Fragestellung: Zur Versorgung von Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf haben sich in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre verstärkt ambulant betreute Wohngemeinschaften (abWG) entwickelt. Politisch werden diese Alternativen zur klassischen vollstationären Versorgung explizit durch das Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG) und die Pflegestärkungsgesetze (PSG) gefördert. Trotzdem fehlen sowohl eine einheitliche Definition für abWG als auch gesetzliche Regelungen in Hinblick auf Qualitätsvorgaben für Leistungserbringer und allgemeine Rahmenbedingungen für abWG. Da derzeit bundesweit belastbare Daten zu Strukturen und Rahmenbedingungen sowie Aussagen zu qualitätsspezifischen Kriterien weitgehend fehlen, wurde hierzu in den Bundesländern Bayern und Berlin aktuell eine Studie durchgeführt. Der Beitrag befasst sich mit der Frage, welche Qualitätskriterien in abWG umgesetzt werden.

Methoden: In Querschnittserhebungen in den Jahren 2016 und 2017 wurden in Bayern (n = 60 abWG) und Berlin (n = 38 abWG) Daten bzgl. Struktur-, Bewohner- und Versorgungsparametern sowie aktuelle Daten zu Versorgungsoutcomes, wie Lebensqualität und Mobilitätsspektren von Bewohner(inne)n erhoben. Die Analyse der Daten erfolgte mit deskriptiven und inferenzstatischen Methoden.

Ergebnisse: Die Stichprobe umfasste insgesamt n = 98 abWG mit n = 651 Bewohner*innen. Durchschnittlich wohnen in den abWG n = 9 Bewohner*innen (davon zwei männlich) mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren. Es fallen deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern hinsichtlich der pflegefachlichen Schwerpunkte auf. In Bayern ist ein weitaus größerer Anteil der abWG (57 %) auf die Behandlung von Menschen mit Intensivpflegebedarf spezialisiert, während in Berlin die Versorgung von Menschen mit Demenz im Vordergrund steht (88 %). Entsprechend der Schwerpunkte unterscheiden sich auch Qualitätskriterien in den Bundesländern – übergreifend wird jedoch deutlich, dass wesentliche Elemente von abWG wie bspw. das uneingeschränkte Hausrecht oder eine aktive Selbstbestimmung nicht immer eingehalten werden.

Zusammenfassung: Die Entwicklung eines Qualitätssicherungskonzeptes für abWG erscheint vor dem Hintergrund der erzielten Ergebnisse sinnvoll und bestärkt noch einmal die derzeitigen gesetzlichen Forderungen (§113b SGB XI), ein Konzept für eine Qualitätssicherung in neuen Wohnformen zu entwickeln und zu erproben.

12:00
Implementierung des PEPP-Entgeltsystems beim psychiatrischen Versorgungspersonal: Multi-Stakeholder-Ansatz für den Vergleich von Gerontopsychiatrie und allgemeiner Psychiatrie
S712-4 

N. Schippel, C. Rietz, S. Zank; Köln, Heidelberg

Fragestellung: Nachdem die Abrechnung nach dem Pauschalierenden Entgeltsystem Psychiatrie und Psychosomatik (PEPP) nun seit 1.1.2018 für alle stationären psychiatrischen Einrichtungen verpflichtend ist, ergibt sich die Frage, wie dieses in der Kritik stehende Vergütungssystem in der Versorgungsrealität umgesetzt und angenommen wird. Entscheidend für den Erfolg einer flächendeckenden Innovation und des damit verbundenen Change-Prozesses ist vor allem, wie das Versorgungspersonal mit den neuen Anforderungen umgeht. Das Personal steht vor der Aufgabe, die Kernfunktion der Patientenversorgung bestmöglich zu übernehmen und sich dabei den wachsenden administrativen Aufgaben und neuen finanziellen Anreizen zu stellen.

Methodik: Es wurden in 15 teilstrukturierten Interviews mit Versorgern in einer psychiatrischen Klinik in NRW (pflegerisches & ärztliches sowie kaufmännisches Personal) hemmende sowie fördernde Faktoren der Implementierung ermittelt. Diese Determinanten wurden zusätzlich in einem quantitativen Studienstrang anhand von Daten des Institutes für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) und des medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) beurteilt. Durch eine Unterscheidung zwischen allgemeiner- und Gerontopsychiatrie (GP) konnten Unterschiede in den Settings sowie deren Auswirkung auf die Implementierung untersucht werden.

Ergebnisse: In der GP lässt sich ein höherer Day-Mix-Index (1,08 vs. 0,94) als Indikator für die tagesbezogene Fallschwere verzeichnen, was sich mit den Aussagen der Interviews hinsichtlich höherer Komplexität in der GP deckt. Die komplexeren Behandlungsfälle fallen mit höherem Dokumentationsaufwand und stärkeren wahrgenommenen Barrieren, besonders in der Kompatibilität mit der hohen Beziehungsarbeit im Stationsalltag zusammen. Die MDK-Anfragen richten sich in der GP stärker auf die Verweildauern, die insgesamt in der GP höher ausfallen. Es zeigen sich Potenziale in den Kommunikationskanälen und der Informationsweitergabe an die Mitarbeitenden sowie in höherer Transparenz bezüglich der Budgetwirksamkeit der Leistungsdokumentation innerhalb der Klinik auf.

Zusammenfassung: Die Implementierungsbarrieren zeigen sich vor allem im komplexeren Bereich der GP, wodurch die Mitarbeitenden eine ablehnende Haltung gegenüber der Innovation entwickeln. Die Triangulation der Methoden eröffnet multiple Blickwinkel zur Exploration von Hindernissen und potenziell fördernder Faktoren des Erfolgs der Innovation.

12:30
Fear of falling and activity avoidance are associated with life-space mobility in geriatric patients with cognitive impairment
S712-6 

K. Hauer, P. Ullrich; Heidelberg

Background: Analysis of fear of falling (FOF)-related determinants for life-space mobility (LSM) in vulnerable, multimorbid patients with cognitive impairment and acute motor impairment following discharge from geriatric rehabilitation are lacking. The aim of this cross-sectional study was to identify association between LSM and FOF-related parameters in a vulnerable population with severely restricted LSM.

Methods: Participants were n = 117 home-dwelling older patients with mild to moderate cognitive impairment (age ≥ 65 years; Mini Mental State Examination 17-26) following discharge from geriatric rehabilitation. FOF was assessed as fall-related self-efficacy (Falls Efficacy Scale-International, FES-I) and FOF-related activity avoidance (Fear of Falling Avoidance Behavior Questionnaire, FFABQ). LSM was assessed using the Life-space Assessment in Persons with Cognitive Impairment (LSA-CI) including a total score (LSA-CI-T) and three subscores (maximal [LSA-CI-M], independent [LSA-CI-I], equipment-assisted LSM [LSA-CI-E]). Associations were analyszed using Spearman rank correlation coefficients (rs). 

Results: FES-I and FFABQ were significantly associated (all p < 0.01) with LSA-CI-T (FESI: rs = -0.24; FFABQ: rs = -0.38) and also with LSA subscores documenting impact of personal and equipment-based support (FESI: LSA-CI-I: rs = -0.25; FFABQ: LSA-CI-E: rs = -0.35, LSA-CI-I: rs = -0.44).

Conclusion: Fall-related self-efficacy and fall-related activity avoidance were significantly associated with LSM in a cognitively impaired, high-risk group for FOF and activity restriction, highly relevant for quality of life in old age. FOF (and related markers) therefore may represent a relevant goal to improve LSM in multimorbid persons affected with FOF.

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