Samstag, 08.09.2018
08:30 - 10:00
Seminarraum 12
S607
Freie Vorträge - Pflegebeziehungen

Moderation: M. Vukoman, Dortmund

08:30
Spezifische Theorie des Generationszusammenhalts für pflegende Familien
S607-1 

H. Jerábek; Prague/CZ

Wir benutzen das Modell Generationensolidarität nach V. L. Bengtson für eine spezifische Gruppe von pflegenden Familien. Man weiß, dass mit steigendem Bedarf und der Notwendigkeit einer persönlichen Pflege eines Senioren die pflegende Familie ihre Fürsorge steigert. [Jerabek 2014] Wir untersuchten Senioren im Alter von 75+, um die sich ihre Kinder (40–65 Jahre) kümmern, und haben die Hauptpflegeperson befragt. Unter den tschechischen Familien suchten wir ähnliche Typen wie in den USA und Holland. Der tschechische Typ F entspricht dem amerikanischen Typ ‘tight-knit’. Er ist durch Pflege eines Senioren und starke Bindungen in allen Dimensionen gekennzeichnet. Typ A, der nicht pflegt und schwache Bindungen in allen Dimensionen aufweist, ist mit dem Typ ‘detached’ in der Erforschung amerikanischer Familien und auch mit Typ ‘discordant‘ in der holländischen Forschung identisch. Es gibt zwei spezifische Typen tschechischer pflegender Familien. Typ D bezeichneten wir als ‘sozial motivierte Pflege’, er wird charakterisiert durch häufige Kontakte und eine bedeutende Pflege. Pflegemotivation dieser Familien sind häufige Kontakte der Familie mit dem Senioren. Der zweite tschechische Typ E ist ‘emotional motivierte Pflege’. Pflegemotivation sind hier emotionale Bindungen. Notwendige oder bedeutende Pflege der Familie ist vorhanden. Ein Test an der Pflegegeneration tschechischer erwachsender Kinder hat die Gültigkeit der Theorie von Bengtson belegt. Jerabek, H. [2014]: Bedürfnisse der Senioren und familiäre Altenpflege – Beispiel des sozialen Zusammenhalts. In: Amann, A, F. Kolland eds.: Das erzwungene Paradies des Alters? Weitere Fragen an eine Kritische Gerontologie. 2. Auflage. Wiesbaden: Springer VS 2014, S.149-173. Wir konstruierten erfolgreich einen Gesamt-Index Familienzusammenhalt (IFZ). Für diesen eindimensionalen IFZ benutzen wir das Messen von häufigen Kontakte, starke emotionale Bindungen, persönliche Pflege und einen Konsens in den Familien. Am Ende frage ich, ob sich der eindimensionale IFZ  auch auf weitere Länder anwenden lässt.

08:50
Pflegende Angehörige von Anfang an unterstützen. Was kann partizipative Sozialforschung zur Konzeptentwicklung beitragen?
S607-2 

O. H. Franz, T. Krieger, I. Steiger; Würselen, Maastricht/NL

Pflegende Angehörige leiden häufig unter Überlastung, die zu Vernachlässigung der eigenen Gesundheit, sozialer Isolation, Schlafstörungen und Depressionen führen kann (Adelman, Tmanova, Delgado, Dion, & Lachs, 2014).

Im geriatrischen klinischen Kontext kann für den häuslichen Pflegebedarf des Patienten normalerweise Unterstützung angeboten werden. Häufig können die pflegenden Angehörigen aber nur begrenzt zu ihrer eigenen Rolle beraten und kaum geschult werden. Wenn eine Pflegebedürftigkeit schon länger besteht, dann werden Zeichen von Überlastung häufig übersehen oder fehlgedeutet. Kliniker möchten aber in der Lage sein, übermäßiger Belastung von Angehörigen vorzubeugen oder, wenn es bereits dazu gekommen ist, zu intervenieren.

Im Rahmen des kürzlich aufgelegten Vade Mecum Konzepts zur Angehörigenunterstützung (Dorant & Krieger, 2017) soll ein tieferes Verständnis der derzeit vorhandenen Angebote gewonnen werden und erforscht werden, welcher weiterführende Unterstützungsbedarf besteht. In einem geplanten zukünftigen Schritt soll aus den gewonnenen Erkenntnissen das Aufgabenprofil für die neu zu schaffende Rolle eines geriatrischen Familienbegleiters erstellt und implementiert werden.

Das Vade Mecum Konzept verfolgt dabei einen partizipativen Ansatz qualitativer Sozialforschung. Das multiprofessionelle geriatrische Team sollte in der Rolle von Co-Forschern aktiv an der Planung, Datensammlung und Analyse für das Projekt beteiligt werden. Interviews und Fokusgruppen mit Angehörigen, Pflegekräften, Therapeuten, Ärzten sowie Mitarbeitern des Sozialdienstes und der Seelsorge wurden durchgeführt und die gewonnenen Daten thematisch analysiert.

Der Vortrag analysiert den partizipativen Forschungsansatz aus der Co-Forscher Perspektive und stellt erste Ergebnisse vor.

 

Adelman, R. D., Tmanova, L. L., Delgado, D., Dion, S., & Lachs, M. S. (2014). Caregiver burden: A clinical review. JAMA - Journal of the American Medical Association, 311(10), 1052–1059. https://doi.org/10.1001/jama.2014.304

Dorant, E., & Krieger, T. (2017). Contextual exploration of a new family caregiver support concept for geriatric settings using a participatory health research strategy. International Journal of Environmental Research and Public Health, 14(12). https://doi.org/10.3390/ijerph14121467

 

09:10
Double Duty Carer - Vereinbarkeit von professioneller und familialer Pflege
S607-3 

I. Horváth-Kadner, K. Thümmler, H. Clasen, W. Beckmann, R. von der Weth, A.-K. Haubold, T. Fischer; Dresden

Hintergrund: Besonders an Pflegekräfte wird häufig die Erwartung herangetragen, bei der Versorgung ihrer pflegebedürftigen Angehörigen zu unterstützen. Dabei sind sog. Double Duty Carer (DDC) besonderen beruflichen Belastungen ausgesetzt: Schicht- und Wochenendarbeit stellen DDC vor Herausforderungen in Hinblick auf eine Work-Life-Balance. Eine beeinträchtigte Gesundheit und vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf können Folgen sein. Die Vereinbarkeit von professioneller und familialer Pflege hat positive und negative Facetten (Modell zur Work-Family-Balance - Greenhaus & Allen, 2011). Ziel ist es, die Situation der DCC in Hinblick auf Vereinbarkeit, deren Einflussfaktoren und Folgen darzustellen.

Methoden: Eine bundesweite, cluster-randomisierte Befragung bei Pflegekräften in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen ist abgeschlossen. Es wurden Angaben zu Arbeitszeiten, deren Flexibilitätsanforderungen sowie -möglichkeiten, positive und negative Facetten der Vereinbarkeit (Balance-Check, Trierer Kurzskala zur Work-Life-Balance) sowie der Gesundheit (SF-12) erbeten. Bei DDC wurden zudem Umfang, Aufgaben, sowie Flexibilitätsanforderungen und -möglichkeiten der Angehörigenpflege erfragt. Vertiefende Interviews mit DCC fokussiert auf Copingstrategien und erlebter Unterstützung werden derzeit vorbereitet.

Ergebnisse: Ausgehend von den Befragungsergebnissen werden Inhalte und Umfang familialer Pflegeaufgaben dargestellt. Diese werden neben zeitlichen Anforderungen in der Angehörigenpflege und in der beruflichen Pflege in Beziehung gesetzt zu Angaben der Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben und Gesundheit von DDC. Ergänzt werden diese Ergebnisse durch Erkenntnisse aus den Interviews zur erlebten Unterstützung und angewandten Copingstrategien.

Diskussion: Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Entwicklung von Unterstützungsmaßnahmen ein. Die Maßnahmen sollen auf strukturell-organisationaler Ebene (z. B. Arbeitszeit, Arbeitsorganisation) und persönlich bei DDC (z. B. Unterstützung bei der Organisation der Angehörigenpflege, Stärkung der persönlichen Ressourcen) ansetzen.  Die von Bischofsberger und Jähnke (2015) entwickelte Taxonomie zu Unterstützungsmaßnahmen pflegender Angehöriger sollen berücksichtigt werden.

09:30
Fragile Vertrautheit zuhause: Disruptive Transitionen in live-in Be-treuungsarrangements
S607-4 

H. Kaspar, K. van Holten; Zürich/CH

Dieser Beitrag fokussiert auf live-in Betreuungs- und Pflegearrangements in der häuslichen Langzeitversorgung und die Anpassungsleistungen, die diese von allen Beteiligten erfordern. Anders als allgemein angenommen, sorgen live-in Sorge-Arrangements nicht automatisch für Kontinuität und den Erhalt von Vertrautheit und Kontrolle. In live-in Sorge-Arrangements erfolgt die Versorgung von betreuungsbedürftigen älteren Menschen in ihrem eigenen Haushalt durch eine Person, die rund um die Uhr zur Verfügung steht und im selben Haushalt wohnt. Man spricht deshalb auch von 24h-Betreuung. Bei den live-in Betreuungspersonen handelt es sich in der Regel um Pendelmigrantinnen aus ökonomisch deutlich schwächeren Regionen Europas. Live-in Sorgearrangements können daher als transnationale Sorge-Arrangements in einem sich globalisierenden Care-Markt bezeichnet werden. Ultimatives Ziel solcher Betreuungsarrangements ist es, das Altern und Sterben zuhause zu ermöglichen. Dies ergaben semi-strukturierte Interviews mit Angehörigen, die eine Pendelmigrantin als live-in Betreuerin für ihre betreuungs- und pflegebedürftigen Eltern oder Partner/innen engagiert haben (van Holten et al. 2013). Mit dem Verbleib zuhause sollen Vertrautheit und Kontinuität sowie Selbstbestimmung gewährleistet werden. Eine Sekundäranalyse der besagten Interviewdaten zeigt allerdings, dass die Einführung eines live-in Sorge-Arrangements weitgehende Veränderungen mit sich bringt. Vertraute und zuweilen über Jahrzehnte hinweg etablierte Alltagsroutinen werden gestört, Aufgaben- und Kompetenzbereiche müssen neu ausgehandelt werden, die Kontrolle über den privaten und intimen Raum des Zuhauses ist nicht mehr gegeben und zuweilen wird die Selbstbestimmung stark eingeschränkt. Der Beitrag (a) beschreibt diese Eingriffe und disruptiven Transitionen und ihren Effekt auf alle Beteiligten, d.h. die betreuungs- und pflegebedürftige Person, ihre Angehörige(n) und die live-in Betreuerin, (b) erläutert verschiedene Strategien im Umgang mit dieser Herausforderung und (c) schliesst mit dem Fazit, dass diese Anpassungsleistungen und ihre Auswirkungen oft unterschätzt werden und daher detaillierte Kenntnisse darüber vonnöten sind, damit über die Art einer benötigten 24h-Betreuung but informiert entschieden werden kann.

Zurück