Donnerstag, 06.09.2018
13:45 - 15:15
Seminarraum 16
S110
Freie Vorträge - Mobilität/Sturz

Moderation: H. F. Durwen, Düsseldorf

13:45
Wer profitiert nach Teilnahme am Programm „Aktive Gesundheitsförderung im Alter” hinsichtlich einer Kompression von Morbidität? Ergebnisse der LUCAS Kohortenstudie im 13,8 Jahres-Langzeitverlauf
S110-1 

U. Dapp, C. E. Minder, L. Neumann, S. Golgert, B. Klugmann, W. von Renteln-Kruse; Hamburg, Zürich/CH

Fragestellung: Die WHO definiert gesundes Altern als Entwicklung und Erhalt funktionaler Kompetenz. Eine ungünstige Form des Alterns wird mit Frailty beschrieben, einem sukzessiven Abbau von Funktionen. Dieser Frailty Prozess ist positiv beeinflussbar. Bisherige Interventionen galten meist Personen im Krankenhaus oder Pflegeheim (stationären Setting). In dieser Arbeit wird der Erhalt funktionaler Kompetenz im kommunalen Setting untersucht.

Methodik: Das Programm „Aktive Gesundheitsförderung im Alter“ wurde für selbstständige Menschen ab 60 Jahre und älter und ohne Behinderung von einem interdisziplinär arbeitenden Gesundheitsberater-Team mit geriatrischer Expertise in der ersten Welle der LUCAS Langzeit-Kohortenstudie angeboten. Lebenszeit und behinderungsfreie Lebenszeit wurden separat für funktional kompetente Personen (viele Reserven) bzw. Personen mit wenigen funktionalen Reserven gemäß LUCAS Funktions-Index [1] über einen Zeitraum von 13,8 Jahren mittels Kaplan-Meier Kurven verglichen. Für mögliche Ungleich-Verteilungen bezüglich Alter, Geschlecht, Bildung, chronische Krankheiten und Funktions-Status wurde mit multivariaten Cox Regressionen adjustiert. Dies ermöglicht verlässliche Aussagen zu Zusammenhängen zwischen Mortalität und Morbidität (Kompression von Morbidität) einschließlich Einflüsse durch Lebensstil-Interventionen.

Ergebnisse: Funktional kompetente Teilnehmende lebten signifikant länger ohne Behinderung (p<0,001). Zudem war der durchschnittliche Anteil an Lebenszeit mit Behinderung für sie deutlich kleiner als für alle anderen Gruppen (funktional wenig Kompetente und Nicht-Teilnehmende).

Zusammenfassung: Die Ergebnisse belegen, dass das multidimensionale Programm „Aktive Gesundheitsförderung im Alter“ eine wirksame Maßnahme ist, um eine Kompression von Morbidität zu ermöglichen. Das Programm wirkt am stärksten bei funktional kompetenten älteren Menschen, für die es entwickelt wurde und bestätigte, dass gesundheitsfördernde Maßnahmen auch geeigneten Zielgruppen angeboten werden müssen. Die Ergebnisse ergänzen die geringe verfügbare Evidenz, alters-assoziierten funktionalen Beeinträchtigungen pro-aktiv zu begegnen, wie im Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention (PrävG) gefordert. [1] Dapp et al. BMC Geriatrics 2014; 14:141

14:00
Schmerz als wichtigste Determinante der sturzassoziierten Selbstwirksamkeit nach Hüft-/Beckenfraktur in der geriatrischen Rehabilitation
S110-2 

R. Pomiersky, B. Abel, A. Dautel, M. Schäufele, K. Pfeiffer, J. M. Bauer, K. Hauer; Heidelberg, Stuttgart, Mannheim

Fragestellung: Ein geringes Maß an sturzassoziierter Selbstwirksamkeit (SSWK) kann den Rehabilitationserfolg negativ beeinflussen.

Ziel der Studie war die Bestimmung von etablierten (Alter, Geschlecht, Motorik und depressive Symptomatik) und bislang wenig beachteten Determinanten (Schmerz) der SSWK bei Patient_innen nach Hüft-/Beckenfraktur in der geriatrischen Rehabilitation.

Methodik: Von 40 geriatrischen Patient_innen (82,1±6,7 Jahre) mit Hüft-/Beckenfraktur ohne kognitive Einschränkung (Mini-Mental State Examination: 28,3±1,1) wurden u.a. demographische Daten, SSWK (Short Falls Efficacy Scale International), Motorik (Short Physical Performance Battery), depressive Symptomatik (Montgomery–Åsberg Depression Rating Scale) und Schmerz (Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index, Subskala Schmerz) im Querschnitt erfasst. Nach der univariaten Überprüfung auf lineare Zusammenhänge (Korrelationen nach Pearson und Spearman) zwischen der SSWK und den etablierten Parametern, wurden Variablen mit p<,100 in eine erste multiple, lineare Regressionen mit der abhängigen Variablen SSWK eingeschlossen. In einem zweiten Modell wurde die Variablenliste um den Parameter „Schmerz“ erweitert. Interpretiert wurden die Parameter anhand der Signifikanzen (p<,05), der standardisierten Regressionskoeffizienten β und der Determinationskoeffizienten R² als Maß der Varianzaufklärung.

Ergebnisse: Im ersten Modell zeigten die eingeschlossenen, signifikanten Determinanten Motorik (β=-,310, p=,034), Alter (β=,309, p=,032) und depressive Symptomatik (β=,358, p=,013) eine Varianzaufklärung von 39,4% (R²=,394) für die SSWK. Im zweiten Modell erlaubten die Parameter Alter (β=,317, p=,020) und Schmerz (β=,338, p=,022) eine verbesserte Varianzaufklärung von 48,5% (R²=,485). Die Parameter Motorik (β=-,249, p=,072) und depressive Symptomatik (β=,227, p=,111) leisteten hierfür keinen signifikanten Beitrag.

Zusammenfassung: Diese Ergebnisse geben erste Hinweise darauf, dass die SSWK, als bedeutender Parameter für den Rehabilitationserfolg in der geriatrischen Rehabilitation, bei vulnerablen Patient_innen nach einer Hüft-/Beckenfraktur maßgeblich durch den Schmerz sowie das Alter beeinflusst wird.

14:30
Boden-Aufsteh-Training in der Rehabilitation sturzbedingter Hüftfrakturen - Ergebnisse einer klinischen Machbarkeitsstudie
S110-3 

R. Leonhardt, S. Mikolaizak, U. Lindemann, C. Becker; Stuttgart

Hintergrund: Nach einer sturzbedingten Verletzung kann Sturzangst die Fortschritte in der Rehabilitation bremsen und das Risiko für Folgestürze bei älteren Menschen erhöhen. Die Backward-Chaining-Methode (BCM) kann Sturzangst reduzieren, wird aber bisher in der Rehabilitation von Hüftfrakturen nur selten eingesetzt.

Zielsetzung: In einer Machbarkeitsstudie sollte die Durchführbarkeit eines Boden-Aufsteh-Trainings (BAT) unter Einsatz der BCM in der Rehabilitation sturzbedingter Hüftfrakturen untersucht werden.

Methode: Zielgruppe waren Reha-Patienten (65+ Jahre), mit einer Hüftfraktur < 3 Monate. Zusätzlich zum konventionellen Rehabilitationsprogramm wurde ein 2-wöchiges BAT unter Einsatz der BCM durchgeführt. Die Intervention fand erst im Einzeltherapie-, später im Gruppentherapiesetting statt. Primäre Endpunkte waren die Anwendbarkeit, Adhärenz, Motivation und Akzeptanz. Sekundäre Endpunkte konzentrierten sich auf die Sturzangst, erhoben mittels Falls Efficacy Scale International Short (FES-I Short) und Perceived Ability to Manage Falls (PAMF) sowie auf die Fähigkeit sicher vom Boden aufzustehen, gemessen anhand eines 12-stufigen Backward-Chaining-Scores (BCS).

Ergebnisse: Von Januar-März 2018 konnten mit einer Rekrutierungsrate von 82% 14 Patienten (11 Frauen) im Alter von 70-97 Jahren eingeschlossen werden. Alle Teilnehmer (TN) beendeten die Intervention im Schnitt mit 2 Einzel- und 4 Gruppentherapien. Die Anwesenheitsrate betrug 95%. Alle 14 TN konnten in den Analysen ausgewertet werden. Die Motivation der TN zeigte im Verlauf eine positive Tendenz, gemessen mittels likert-skalierter Motivationsfragen. Bezüglich Akzeptanz waren 92% der TN von dem Training als sinnvolle Rehabilitationsmaßnahme für sturzängstliche Patienten überzeugt, 86% empfanden das Gruppentraining als hilfreich oder etwas hilfreich. Die Sturzangst reduzierte sich signifikant (FES-I Short p=0,005, PAMF p=0,018). Anhand des BCS verbesserten alle TN ihre Fähigkeiten um mindestens 2 Stufen (p=0,0001).

Schlussfolgerung: Ein strukturiertes BAT lässt sich unter Anwendung der BCM in der geriatrischen Rehabilitation bei Patienten mit sturzbedingter Hüftfraktur erfolgreich im Einzel- und Gruppentherapiesetting anwenden und kann damit eine wertvolle Ergänzung in der Rehabilitation sein. Weitere Studien sollten den Langzeiteffekt des BAT, die Umsetzung des Erlernten in den Alltag und die Wirksamkeit bei weiteren Krankheitsbildern prüfen.

14:30
Steigerung der „Life-Space”-Mobilität von älteren Personen mit kognitiven Einschränkungen nach der Rehabilitation
S110-4 

P. Ullrich, C. Werner, T. Eckert, M. Bongartz, R. Kiss, J. M. Bauer, K. Hauer; Heidelberg, Bielefeld

Fragestellung: Multimorbide, ältere Personen mit motorischen und kognitiven Einschränkungen sind stark gefährdet, ihre Mobilität und damit Selbstständigkeit zu verlieren. Ziel der Studie war, die Effekte eines zielgruppenspezifischen Heimtrainingsprogramms auf die „Life-Space“-Mobilität (LSM) nach stationärer Rehabilitation in dieser Population zu untersuchen.

Methoden: In einer 12-wöchigen, randomisierten, kontrollierten und doppelverblindeten Interventionsstudie mit 3-monatigem Follow-Up nahmen 118 geriatrische Patienten (Alter: 82,3 ± 6,0 Jahre) mit leichten bis mittleren kognitiven (Mini-Mental State Examination: 23,3 ± 2,4 Punkte) und motorischen Einschränkungen (Short Physical Performance Battery: 5,2 ± 2,3 Punkte) nach der Entlassung aus der stationären Rehabilitation teil. Die Teilnehmer der Interventionsgruppe (IG) absolvierten ein zielgruppenorientiertes Heimtrainingsprogramm zur Verbesserung motorischer Schlüsselqualifikationen und Steigerung der körperlichen Aktivität, welches durch einen innovativen motivationalen Ansatz unterstützt wurde. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe (KG) führten eine unspezifische Hockergymnastik im häuslichen Umfeld durch. Beide Trainingsgruppen erhielten fünf persönliche Hausbesuche und wöchentliche Telefonanrufe während der Interventionsphase. Die LSM wurde anhand eines neu entwickelten und erfolgreich validierten Fragebogens „Life-Space Assessment in Persons with Cognitive Impairment“ (LSA-CI) erhoben.

Ergebnisse: Kovarianzanalysen mit den Eingangswerten als Kovariate zeigten für alle Endpunkte (LSA-CI Gesamtscore, LSA-CI Subscores für maximale, unterstützte und unabhängige LSM) signifikante Verbesserungen in der IG gegenüber der KG (p≤0,001-0,023; eta²: 0.06-0.20). Diese positiven Trainingseffekte waren teilweise (LSA-CI Gesamtscore, unterstützter LSA-CI Subscore) auch nach der 3-monatigen Follow-up Phase ohne unterstütztes Training noch in der IG zu beobachten (p≤0,023-0,026; eta²: je 0.06).

Zusammenfassung: Die Studienergebnisse zeigten signifikante Verbesserungen der LSM durch ein zielgruppenspezifisches Heimtrainingsprogramm mit hohem Potential zur Verbesserung weitergehender Therapieziele wie Autonomie und Lebensqualität bei einer multimorbiden vulnerablen Patientengruppe mit deutlich eingeschränkter LSM.

14:45
Tablet-basierte Unterstützung der Patienteneinbeziehung in der mobilen Rehabilitation - MoreCare@Home
S110-5 

J. Kiselev, A. Steinert, R. Klebbe, A. Ruß, K. Schuhmacher, N. Reithinger, U. Müller-Werdan; Berlin

Hintergrund: Die Mobile Rehabilitation (MoRe) stellt eine Versorgungsform dar, bei der eine rehabilitative multidisziplinäre Intervention im Wohnumfeld des Patienten erbracht wird. Aufgrund der sich daraus ergebenden Arbeitsweise, der verschiedenen Berufsgruppen in der MoRe sind kurzfristige Abstimmungen mit Patienten jedoch nur schwer realisierbar. Aus diesem Grund wurde im Projekt MORECARE eine Tablet-basierte Plattform zur Kommunikation zwischen Patienten, Therapeuten und der Koordination der MoRe entwickelt. Kernstück dieser Plattform ist die patientengerechte Informationsbereitstellung sowie die Erleichterung der Partizipation am Rehabilitationsprozess.

Fragestellung: Die hier präsentierte Studie hatte zum Ziel, die entwickelte Plattform aus Nutzersicht zu evaluieren. Dabei stand die Fragestellung im Vordergrund, inwieweit die Autonomie, Selbstbestimmung und SelbstManagement-Fähigkeit der in der More befindlichen Patienten durch die patientenseitige App-Anwendung gestärkt werden kann. Schließlich wurde insgesamt die Nutzerakzeptanz und –freundlichkeit des Gesamtsystems beurteilt. Methodik: Für die Evaluation des MoreCare-Systems wurden ab Mai 2018 20 Patienten konsekutiv eingeschlossen und mit dem Gesamtsystem ausgestattet. Alle Patienten wurden für den Gesamtzeitraum der jeweiligen Rehabilitation beobachtet. Die Teilnehmer wurden vor Beginn der Intervention zu ihrer Technikerfahrung, Technikbereitschaft, ihrer Selbst-Management-Befähigung, ihrem Autonomiebedürfnis sowie ihrer aktuellen Lebensqualität mit Hilfe von standardisierten Fragebögen und teilstrukturierten Interviews befragt. Diese Befragung wurde am Ende der jeweiligen Rehabilitationsphase wiederholt.

Ergebnisse: Während das Gesamtsystem aus Sicht der eingeschlossenen Patienten auf großes Interesse stieß und mit einer hohen Akzeptanz einherging, zeigten sich verschiedene Hürden in der Anwendung einzelner Bestandteile, die in der weiteren Entwicklung Berücksichtigung finden müssen. Im Rahmen der Präsentation werden Einflussfaktoren für die auftretenden Probleme sowie Lösungsmöglichkeiten anhand der durchgeführten Interviews präsentiert.

Zusammenfassung: Eine Kommunikationsplattform für ältere Patienten in der MoRe kann dazu beitragen, organisatorische Probleme zu verringern und die Patienten stärker in den Versorgungsprozess mit einzubeziehen.

15:00
Vergleichender Einsatz von Sturzrisiko-Screenings und Sturzpräventionsmaßnahmen bei geriatrischen Krankenhauspatienten - eine ökonomische Bewertung
S110-6 

L. Neumann; Hamburg

Fragestellung: Sturzereignisse älterer Krankenhauspatienten sind unerwünschte Ereignisse mit berichteten Häufigkeiten von 1,3-8,9 Stürzen/1.000 Belegtagen. Sie gehen mit verlängerter Verweildauer, Immobilität und Institutionalisierung einher und verursachen zusätzliche Kosten z.B. berichtet i.H.v. 4.233 USD/Pat. Wirksame Sturzpräventionskonzepte beinhalten Sturzrisiko-Screenings und multifaktorielle präventive Interventionen. Im BMBF Förderschwerpunkt „Gesundheit im Alter“ (Fkz: 01ET0708, 01ET1002A) wurde das LUCAS Sturzrisiko-Screening entwickelt und validiert. Im Unterschied zum verbreiteten STRATIFY Screening beinhaltet es weniger zu bewertende Risikofaktoren bei verbessert abgegrenzter Hochrisikogruppe. Ziel war der gesundheitsökonomische Vergleich des Sturzpräventionskonzepts unter Einsatz des LUCAS Sturzrisiko-Screenings vs. STRATIFY in einer akutstationären geriatrischen Klinik.

Methodik: Als Quellen dienten zwei Datensätze (DS) mit Patienten >=65 Jahre: DS I: 2004-2006 (n=4.735) sowie DS II: 2010-2011 (n=2.402). Aus der Krankenhausperspektive wurden eine Kosten-Kosten-Analyse (DS I) und eine Kosten-Effektivitäts-Analyse (DS I: STRATIFY; DS II: LUCAS) durchgeführt. Sensitivitätsanalysen untersuchten die Robustheit. Die Menge benötigter personeller Ressourcen und Materialien für die Durchführung des Sturzpräventionskonzeptes wurden mit Fragebogen-Erhebung generiert. Outcome war die Rate gestürzter Patienten.

Ergebnisse: Der Vergleich zwischen den Sturzrisiko-Screenings LUCAS und STRATIFY ergab: Kosten-Kosten-Analyse: inkrementelle Kosten -82,23 EUR/Pat.; Kosten-Effektivitäts-Analyse: inkrementelle Kosten -200,88 EUR/Pat.; inkrementelles Outcome/Pat. 0,02; ICER -11.973,75 EUR.

Zusammenfassung: Die Unterschiede zwischen den Handlungsalternativen STRATIFY und LUCAS erklärten sich durch eine veränderte Sturzrisikostruktur der Patienten und durch verkürzte Krankenhausverweildauern. Die Robustheit der Analysen bestätigte sich (Ausnahme: Minimum-Analyse der Kosten-Kosten-Analyse). Im Klinikalltag ist das LUCAS Sturzrisiko-Screening dem STRATIFY überlegen und trägt zu verbesserter Patientensicherheit bei. Aus gesundheitsökonomischer Sicht ist das LUCAS Sturzrisiko-Screening vorteilhaft, da bei identischer Risikostruktur ein Kostenvorteil generiert werden kann.

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