Freitag, 07.09.2018
08:00 - 09:30
Seminarraum 25
S312
Freie Vorträge - Menschen mit Demenz - Herausforderungen und Lösungsstrategien

Moderation: S. Strumpen, Berlin; S. Yazici, Antalya/TR (angefragt)

08:00
Menschen mit Demenz in der Häuslichkeit. Ein Maßnahmenkatalog für bedarfsgerechte Wohnumfeldverbesserung
S312-1 

C. Naumann, U. Höhmann; Detmold, Witten

Ausgangssituation und Zielsetzung: Individuelle Beeinträchtigungen von Menschen mit Demenz (MmD) gefährden die selbständige Lebensführung in der häuslichen Umgebung und erfordern individuelle Lösungen. Um Abhilfe zu schaffen, werden oft wohnumfeldverbessernde Maßnahmen in Betracht gezogen, die jedoch optimal auf das individuelle Gesundheitsproblem abzustimmen sind. Vorhandene Informationsmaterialien berücksichtigen bislang weder die differenzierten Bedarfe der MmD noch die Komplexität der baulich-sozialen Umgebung. Deshalb wurde ein Maßnahmenkatalog entwickelt, der bauliche Interventionen systematisch aufbereitet und wesentliche individuelle personen- und umweltbezogene Einflussfaktoren benennt.

Methode: Die Struktur des Katalogs folgt dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff. Anhand der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) und der DIN 276-1 Kosten im Bauwesen werden die individuellen Rahmenbedingungen systematisiert. Ein speziell für diesen Anwendungsfall entwickeltes ICF-basiertes Core-Set „Demenz-Wohnungsanpassung“ schließt Core Sets für die Personengruppe und Ergebnisse wissenschaftlicher Studien ein und erlaubt die Beurteilung des individuellen Gesundheitsproblems eines MmD in seiner aktuellen Lebenssituation.

Ergebnis: Der anhand der ICF strukturierte Maßnahmenkatalog erlaubt es, im Rahmen eines dreistufigen Verfahrens eine wohnumfeldverbessernde Maßnahme an die individuellen Bedarfe, Ressourcen und Beeinträchtigungen der Person, und die Rahmenbedingungen der konkreten baulichen, ausstattungsbezogenen und sozialen Umwelt anzupassen.

Diskussion: Der Maßnahmenkatalog systematisiert das komplexe Wirkungsgefüge von Person und Umwelt und kann die Beratenden darin unterstützen, die passende Intervention für die betroffene Person mit Demenz unter Berücksichtigung des individuellen Gesundheitsproblems und der baulichen Rahmenbedingungen zu empfehlen. Der Leistungsinhalt der Pflegekassen zu wohnumfeldverbessernden Maßnahmen sollte in Bezug auf demenzgerechte Maßnahmen kritisch geprüft und um evidenzbasierte Maßnahmen erweitert werden. Die Entwicklung des Core-Sets „Demenz-Wohnungsanpassung“, auf dessen Grundlage die Kodierung personen- und umweltbezogener Rahmenbedingungen erfolgt, ermöglicht die Präzisierung der Outcome-Kriterien für Interventionen in der häuslichen Umgebung.

08:20
Stabilität von häuslichen Versorgungsarrangements für Menschen mit Demenz - Ergebnisse einer Meta-Study
S312-2 

K. Köhler, J. Dreyer, I. Hochgraeber, M. von Kutzleben, B. Holle; Witten

Hintergrund: Die meisten Menschen mit Demenz leben zuhause und werden von Angehörigen begleitet. Im Verlauf der Demenz ist der Erhalt einer stabilen Versorgungssituation sowohl ein handlungsleitendes Motiv betroffener Familien als auch ein zentrales sozial- und gesundheitspolitisches Ziel. Eine theoriebasierte Konzeptualisierung des Phänomens der Stabilität häuslicher Versorgungsarrangements steht bisher jedoch aus.

Forschungsfragen: Was konstituiert die Stabilität von häuslichen Versorgungsarrangements für Menschen mit Demenz? Was sind zentrale Einflussfaktoren auf Stabilität?

Methode: Bestehende Evidenz zum Phänomen Stabilität wird im Rahmen einer Meta-Study synthetisiert. Dies geschieht in einem Dreischritt der Analyse von Forschungsergebnissen (Meta-Data), Theorien (Meta-Theory) und Methoden (Meta-Method), gefolgt von einer integrierenden Meta-Synthese. Es werden qualitative, quantitative und mixed-methods Studien sowie systematische Reviews analysiert. Zentrale Auswertungsmethode ist die thematische Synthese. Zur Methode vgl. PROSPERO (CRD42016041727).

Ergebnisse: Es wurden n=136 Publikationen eingeschlossen. Meta-Theory: In Bezug auf die theoretische Rahmung der Studien dominieren Stresstheorien sowie Trajekt- und Entscheidungsmodelle. Meta-Method: Quantitative Studien fokussieren meist Risikofaktoren für instabile Versorgung, erklären die dahinter liegenden Prozesse jedoch kaum. Qualitative Studien zielen oft darauf ab, Versorgungshandeln von Angehörigen zu verstehen, benennen aber selten stabilisierende Einflüsse. Meta-Data: Stabilität stellt sich als komplexes Phänomen dar, dass durch den Verlauf der Demenz sowie das Handeln der involvierten Akteure und ihrer Beziehung geprägt ist und im Kontext des jeweiligen Sozial- und Gesundheitssystems, sowie der Kultur zu verstehen ist. Meta-Synthese: Ein theoretisches Modell erklärt das Phänomen der Stabilität und bietet Ansatzpunkte für dessen Operationalisierung.

Diskussion: Es bestehen Forschungslücken in Bezug auf die Perspektive der Menschen mit Demenz auf Stabilität, auf längsschnittliche Rekonstruktionen des oft über Jahre dauernden Versorgungsverlaufs, sowie auf positive Aspekte der Versorgung und deren Einfluss auf die Stabilisierung häuslicher Arrangements.

Ausblick: Die Ergebnisse der Meta-Study bilden die Grundlage für empirische Forschung mit dem Fernziel, stabile/instabile Versorgungsarrangements identifizieren und passgenaue Interventionen anbieten zu können.

08:40
Etablierung eines sektorenübergreifenden Casemanagers „Lüneburger Alterslotse” bewirkte die Optimierung der häuslichen Lebenssituation von geriatrischen Mitbürgern im Landkreis Lüneburg
S312-3 

C. Maaser, U. Borchers, M. Frischkorn, J. Summann, J. Welcker, J.-H. Kramer, M. Backeberg, R. Buescher, M. Elvers, K. Blumenbach; Lüneburg, Bielefeld, Artlenburg

Einleitung: Die sektoral organisierte Gesundheitsversorgung stellt die älter werdende Gesellschaft vor besondere Herausforderungen. Zielsetzung: Etablierung eines unabhängigen, qualifizierten und Sektoren übergreifend tätigen Case Manager („Lüneburger Alterslotsen“).

Methoden: Zielgruppe waren geriatrische Mitbürger im Landkreis Lüneburg. Eine Teilnahme am Projekt war durch persönliche Anmeldung, über den Hausarzt oder Stationsarzt bei Klinikaufenthalt möglich. Schwerpunkte beim Erstbesuch waren Erfassung der Versorgungssituation und des Hilfebedarfes (z.B. Sozialanamnese, Selbsthilfefähigkeit, Überprüfung der Medikamenteneinnahme) unter Verwendung von standardisierten Erhebungsbögen, Informierung über passende Angebote und Ansprechpartner im Gesundheitswesen in der Region Lüneburg, Koordinierung von Beratungsangeboten, Analyse der häuslichen Umgebung zur Sturzprophylaxe, Erarbeitung eines individuellen Hilfeplans mit konkreten Maßnahmen, Unterstützung bei der Antragsstellung/Behördengängen und Erstellen einer Notfallmappe. Der Hausarzt wurde über die Ergebnisse sowie Optimierungsmöglichkeiten informiert. Die Umsetzung des Hilfeplans wurde 4 Wochen nach Erstbesuch überprüft. Folgebesuche erfolgten alle 6 Monate zur Reevaluation.

Ergebnisse: Im Projektzeitraum konnten 297 Patienten (Durchschnittsalter 82,1 Jahre) eingeschlossen werden. Aus der Zeitreihenanalyse konnten u.a. folgende Effekte im Vergleich zum Eingangsassessment beschrieben werden: Anstieg der Anzahl mit anerkanntem Pflegegrad, nur geringe Abnahme des Barthel-Index, Anstieg der Anzahl mit Vorsorgevollmacht sowie Medikamentenplan. Deutliche Abnahme der Patienten, die nicht mehr ihre Wohnung verlassen. Der Ernährungszustand blieb relativ unverändert. Die Auswertung zur Teilnehmerzufriedenheit ergab u.a., dass sich das Gesundheitsverhalten bei 2/3 der Patienten besserte, 80% ein besseres Verständnis der ärztlichen Behandlung angaben, was u.a. zur regelmässigen Medikamenteneinnahme führt. 80% gaben Entlastung der Angehörigen an. Eine Befragung der Hausärzte ergab ein durchweg positive Bewertung mit dem Wunsch einer Fortführung des Projektes.

Fazit: Das strukturierte, sektorenübergreifende Case Management durch die Alterslotsinnen wurde erfolgreich implementiert und konnte bei der Identifizierung der Bedürfnisse von geriatrischen Patienten, der Einleitung von bedarfsgerechten Maßnahmen und der Steigerung der Versorgungsqualität beitragen.

09:00
Herausforderndes Verhalten: Erleben professionell Pflegender und Strategien der Bewältigung
S312-4 

P. Kowar, A. H. Jacobs, A. Helmbold; Köln, Bonn

Einleitung: Unter herausforderndem Verhalten versteht man Verhaltensauffälligkeiten, die von der Umgebung als belastend empfunden werden. So werden insbesondere Pflegende von demenzerkrankten Menschen vor großen Herausforderungen gestellt. Ebenso können sich im Zusammenhang mit einem Delir Situationen mit herausfordernden Verhalten verstärken.

Methodik: In der hier durchgeführten qualitativen Studie wird Herausforderndes Verhalten aus der Perspektive von Pflegepersonen betrachtet, dabei soll der Frage nachgegangen werden, wie Pflegende Herausforderndes Verhalten erleben und damit umgehen. Unter der theoretischen Perspektive des Stressmodels von Lazarus (1984) wird das Ziel angestrebt stressauslösende, sowie stressreduzierende Faktoren zu ermitteln. Dazu werden halbstrukturierte Interviews durchgeführt und mit Hilfe einer strukturierenden Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) analysiert

Ergebnisse: Als herausfordernd werden vor allem Patienten wahrgenommen, die aggressiv und handgreiflich sind. Dies wird von den Pflegenden als Bedrohung und Angst wahrgenommen. Als Rahmenbedingung zeigt sich Personal- und Zeitmangel, wodurch sich der Pflegende allein, hilflos, ängstlich und überfordert fühlt und kann dadurch selber aggressiv werden. Da Pflegende eigentlich das Ziel haben, anderen zu helfen, und für sie Glaube und innere Werte wichtig sind, kann dies zu einem inneren Konflikt führen. Kurzfristige Aufwirkungen sind erhöhter Blutdruck, Überlastungsanzeigen, Kompensation durch Gespräche mit Kollegen, wobei das Arbeitsklima wichtig ist, Familie und Hobbys, um Abstand zu gewinnen. Längerfristige Effekte können im positiven Fall zu vorbeugenden Maßnahmen führen, in negativen Fällen aber die gesamte Familie belasten oder auch zur Kündigung führen.

Zusammenfassung: Die Wahrnehmung von Herausfordernden Verhalten ist sehr individuell. Hierbei spielen mehrere Faktoren eine Rolle. U.a. sind hierbei personelle Faktoren zu nennen wie innere Einstellungen, familiärer Zusammenhalt, Ziele und Wissen. Auch äußere Rahmenbedingungen spielen eine große Rolle. Hierunter ist z.B. Personalmangel, fehlende Fortbildungen und Weiterbildungen oder auch fehlendes Kontrollgefühl zu nennen. Es zeigen sich in der hier durchgeführten Studie im negativen Fall gesundheitliche Schäden, die bis hin zur Kündigung führen können. Da auch in Zukunft ein weiterer Pflegemangel herrscht, ist es wichtig negative Effekte im Rahmen von herausforderndem Verhalten zu verhindern.

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