Donnerstag, 06.09.2018
15:30 - 17:00
Seminarraum 13
S208
Freie Vorträge - Herausforderungen an die Altenhilfe der Zukunft

Moderation: B. Wolter, Berlin

15:30
Zukunft der Altenhilfe. Der Beitrag der Zukunftsforschung
S208-1 

M. Opielka, S. Peter; Siegburg

Die Zukunft der Altenhilfe ist angesichts der demographischen Alterung moderner Gesellschaften wesentlich und strittig zugleich. Wir analysieren im Beitrag ein Projekt der Zukunftsgestaltung der Altenhilfe (in Schleswig-Holstein) mit dem Fokus auf eine Reihe von Zukunftswerkstätten zur Szenariogenerierung mithilfe der morphologischen Matrix. Dabei setzen wir uns mit der Erkenntnis auseinander, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer als wünschenswert aber nicht als wahrscheinlich angesehenen Zukunft. Wie können wir überall alt werden? Mit dieser programmatischen Frage nach den künftigen Bedingungen des Alterns vor allem im ländlichen Raum initiierte das Diakonische Werk Schleswig-Holstein im Frühjahr 2016 ein auf eineinhalb Jahre angelegtes Projekt der Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung (www.zash2045.de). Wissenschaftlicher Partner war das ISÖ – Institut für Sozialökologie in Siegburg (www.isoe.org). Sieben Trendanalysen auf der Grundlage von über 20 Expertengesprächen und einer umfassenden Literaturanalyse führten zu einer Unterscheidung in drei Strukturtrends, die gesellschaftliche Rahmenbedingungen mit sehr begrenzter politischer und wohlfahrtsverbandlicher Einflussnahme markieren, und vier Gestaltungstrends, auf die sich das Projekt im Fortgang konzentrierte. In der ersten Welle von zwei Zukunftswerkstätten im März 2017 wurden die sieben Trendanalysen mit Hilfe einer morphologischen Matrix über jeweils fünf Ausprägungen in insgesamt 35 Teilszenarien untergliedert, die von den TeilnehmerInnen in mehreren Arbeitsschritten auf je zwei utopische und dystopische Szenarien konzentriert wurden. Diese bildeten die Grundlage einer Online-Befragung. Dazu wurden die vier Szenarien auf zwei Szenarien verdichtet, da die überraschende Erkenntnis der Auswertung der Online-Beteiligung eine Gegenläufigkeit von „wünschenswerten“ und „wahrscheinlichen“ Szenarien war. Die überwiegend als „wünschenswert“ bewertete Zukunft galt zugleich mehrheitlich als wenig „wahrscheinlich“. Ziel dieser Workshops war daher die Entwicklung von Transfers, von Operationalisierungen vor allem des wünschenswerten Szenarios. Höhepunkt des Prozesses waren ein "Zukunftsmanifest" und eine große "Zukunftskonferenz" im Frühjahr 2018. Der Vortrag diskutiert den Beitrag der Zukunftsforschung für die Altersforschung am Beispiel dieses Projektes.

15:50
Gesundheitliche Eigenverantwortung im Alter - Im Spannungsfeld zwischen Solidarität und Subsidiarität?
S208-2 

P. Enste; Gelsenkirchen

Hintergrund: In Debatten zur Zukunft des Sozialstaats steht Eigenverantwortung im Bereich der Gesundheit sehr hoch im Kurs. Es fällt allerdings auf, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Maßnahmen mit gesundheitlicher Eigenverantwortung in Verbindung gebracht wird: Eigenbeteiligung an Gesundheitskosten, verantwortungsvolles gesundheitsrelevantes Verhalten oder Sanktionierung bei Risikoverhalten seien an dieser Stelle beispielhaft genannt. Doch was bedeutet eigentlich gesundheitliche Eigenverantwortung für ältere Menschen, von denne sie immer wieder gefordert wird? Und kann ein Mensch für etwas verantwortlich sein (im konkreten Fall Gesundheit), das er im Alter vielleicht nicht mehr besitzt? Und welche Ereignisse im Leben haben Einfluss auf die Wahrnemung von Verantwortung für die eigene Gesundheit? Diese Fragen sollen in dem Beitrag näher erörtert und beantwortet werden.

Methode: Die Ergebnisse der Studie basieren auf einem sequentiellen Mixed Methods Design mit einer quantitativen Befragung (n=375) und problemzentrierten Interviews (n=18). Befragt wurden Personen zwischen 60 und 96 Jahren. Die Auswertung erfolgte mit multivariaten Verfahren und strukturierender Inhaltsanalyse.

Ergebnisse: Die Studie zeigt, dass ältere Mesnchen allgemein ihre Verantwortung für die eigene Gesundheit sehr hoch einschätzen. Gesundheitliche Eigenverantwortung bedeutet dabei weitaus mehr als gesundheitsrelevantes Verhalten und kann beschrieben werden als innere Einstellung, im Rahmen seiner Möglichkeiten das Beste zu tun, um seinen Gesundheitszustand positiv zu beeinflussen. Gleichzeitig lassen sich unterschiedliche Attributionsmuster ausmachen: Wird bei abnehmendem Gesundheitszustand ein Teil der Verantwortung an andere Akteure (z.B. Hausarzt, soziales Umfeld) übertragen, geht dies einher mit einer Verbesserung der Lebensqualität. Es wird somit deutlich, dass sich Übernahme von Eigenverantwortung und gleichzeitige Übertragung von Verantwortung an andere Akteure nicht gegenseitig ausschließen. Die positive subjektive Beurteilung der Lebensqualität der unterschiedlichen Verantwortungstypen, die im Rahmen der quantitativen Untersuchung identifiziert werden konnten, zeigt vielmehr, dass eine Übertragung der Verantwortung nicht mit einem Verlust von Eigenverantwortung einhergeht und als Prozess des gelingenden Alterns angesehen werden kann.

16:10
Entwicklung eines theoretischen Modells für Qualität in der Pflege als Grundlage für eine systematische Ableitung von Indikatoren zur Messung von Qualität und deren Berichterstattung
S208-3 

M. Hasseler; Heidelberg

Hintergrund: In Deutschland wird überwiegend noch das lineare Modell der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität von Donabedian für Qualitätsfragen in der pflegerischen Versorgung zugrunde gelegt. Internationale Forschungsergebnisse lassen jedoch die Erkenntnis zu, dass vielfältige und wechselseitig interagierende Faktoren die Qualität in der Pflege beeinflussen und eine systemische Perspektive für die weitere Entwicklung von Merkmalen, Kriterien und Indikatoren von Qualität in der Pflege angemessener erscheint.
Methodik: Auf der Grundlage von nationalen und internationalen empirischen Erkenntnissen zu Qualität in der Pflege sowie von diversen System-/Organisations-/Prozesstheorien wird mit Hilfe der Situationsanalyse nach Clarke (2012) ein theoretisches Konstrukt/eine angewandte Theorie für „Qualität in der Pflege“ entwickelt.
Ergebnisse: Der bislang dominierende lineare Ansatz im Verständnis von Qualität in der Pflege, der von Donabedian`s Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität ausgeht, ist vor dem Hintergrund der in dieser Arbeit ermittelten Erkenntnisse nicht haltbar. Es werden diverse Elemente von Qualität in der Pflege analysiert, deren einzelnen Bestandteile untereinander, aber auch mit einzelnen Bestandteilen anderer Elemente, interagieren. Aufgrund dieser Interdependenzen entstehen nicht-lineare Wirkungen, die alle einen Einfluss auf Qualität in der Pflege haben. Qualität in der Pflege ist demzufolge als ein komplex-adaptives und instabiles System einzugrenzen. Zukünftig sind nicht nur Studien erforderlich, die die Relevanz der in dieser Arbeit entwickelten angewandten Theorie untersuchen, sondern auch die zahlreichen Interdependenzen der Elemente und Einzelbestandteile, die für die Entwicklung und Entstehung von Qualität in der Pflege bedeutsam zu sein scheinen, einer näheren Analyse unterziehen.

16:30
Webgestützter Leitfaden für alters- und demenzsensible Architektur im Krankenhaus
S208-4 

C. Derr, W. Teschauer, K. Weinkauf, B. Dietz; Ingolstadt, Bamberg

Die demographische Veränderung unserer Gesellschaft führt dazu, dass der Anteil der über 65-jährigen Krankenhauspatienten 2013 bei 43,2 % lag und in Zukunft mit einer deutlichen Steigerung zu rechnen ist. Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse der "GHoSt"-Studie, dass 40 % aller Patienten im Krankenhaus über 65 Jahre an einer kognitive Beeinträchtigung und 20 % der Krankenhauspatienten in dieser Altersgruppe an einer Demenz leiden. Der webgestützte Leitfaden mit Planungshinweisen für eine alters- und demenzsensible Architektur von Akutkrankenhäusern zielt darauf ab, eine unterstützende Umgebung für ältere Patienten, besonders aber für Menschen mit Demenz zu bieten. Die Grundlage des Leitfadens bildet dabei eine evidenzbasierte, systematische Literaturrecherche, mit der Erarbeitung von architektonischen Planungshinweisen, eingebettet in einen gerontologischen Gesamtzusammenhang. Ziel war es, relevante Beiträge zu finden, die sich mit dem Einfluss von Umweltfaktoren auf Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen bzw. Krankenhäusern beschäftigen. Die gefundene Literatur wurde auf Ihre Relevanz bewertet und nach Evidenzklassen geordnet, um dem Benutzer transparent und verlässlich zu dokumentieren auf welcher wissenschaftlichen Grundlage diese Hinweise beruhen. Anhand der unterschiedlichen Evidenzstufen können sich die Benutzer einen Überblick über die Aussagekraft und Qualität der Planungshinweise verschaffen. Des Weiteren wurden für die Erarbeitung der konkreten Planungshinweise bereits vorhandene internationale Planungschecklisten zusammengeführt, auf ihre Übertragbarkeit auf Akutkrankenhäuser in Deutschland hin überprüft und nach jeweils 15 Themenkomplexen  und Raumgruppen geordnet. Anschließend wurden die bereits in Evidenzklassen eingeordneten Artikel auf Empfehlungen für die architektonische Umsetzung hin überprüft, als konkrete Planungshinweise formuliert und den Themen oder Räumen zugeordnet. Unter der Webadresse www.demenz-im-krankenhaus-bayern.de ist ab Sommer 2018 der Leitfaden mit Planungshinweisen für eine alters- und demenzsensible Architektur von Akutkrankenhäusern verfügbar. Die Entwicklung des Leitfadens wurde von der Robert Bosch Stiftung und dem Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege gefördert.

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