Donnerstag, 06.09.2018
15:30 - 17:00
Seminarraum 25
S212
Freie Vorträge - Frailty/Delir

Moderation: M. Drey, München; C. Bollheimer, Aachen

15:30
Körperliches Training als Kernkomponente multimodaler Behandlung älterer Menschen mit Frailty - Ergebnisse einer randomisierten kontrollierten Pilotstudie
S212-1 

C. Thiel, T. Braun, C. Ziller, C. Bahns, T. Retzmann, L. Happe, J. Rasche, C. Grüneberg; Bochum

Hintergrund: Leitlinien empfehlen zur Behandlung von Frailty eine auf standardisierten Screenings basierende multimodale Intervention mit körperlichem Training als Kernkomponente. In einer randomisierten, kontrollierten Pilot-Studie (Registrierung DRKS00011831, positives Votum Ethikkommission) wurde die Machbarkeit einer Hauptstudie überprüft sowie eine Einschätzung der Effekte eines multimodalen, ressourcenorientierten Interventionsprogramms auf Frailty bei älteren Menschen vorgenommen.

Methode: Ältere Männer und Frauen mit Frailty, ≥65 Jahre alt, die im eigenen Hausstand und in Bochum leben, wurden zufällig einer Interventions- oder Kontrollgruppe zugeteilt. Die Interventionsgruppe erhielt die Regelversorgung sowie ein multimodales Interventionsprogramm. Diese Intervention beinhaltete ein multidimensionales Screening, mündliche Beratung und schriftliche Hinweise zum individuellen Funktions- und Gesundheitsstatus, als Hauptkomponente ein körperliches Heim-Trainingsprogramm („high-intensity functional exercise“ Programm; HIFE), sowie nach Bedarf gemäß Screening weitere Unterstützung für Kognition, Stimmung, Sturzrisiko, Medikation, Ernährung und Selbstversorgung. Die Kontrollgruppe erhielt nur die Regelversorgung. Die Machbarkeit wurde anhand von Kenngrößen für Prozesse, Ressourcen und Management (Durchführbarkeit), sowie anhand der Akzeptanz, Sicherheit und Effekte der Intervention analysiert. Zur Einschätzung der Effekte wurden der Frailty Index sowie sekundäre klinische Endpunkte vor und nach der 3-monatigen Intervention sowie nach 3 Monaten Follow-Up erhoben. Die Analyse der Daten erfolgte nach dem Intention-to-treat Prinzip.

Ergebnisse: Die Phase der Datenerhebung wurde im März 2018 mit insgesamt 41 älteren Menschen beendet und die Datenanalyse läuft. Ergebnisse werden auf dem Gerontologie und Geriatrie Kongress im September 2018 präsentiert.

Diskussion: Zur spezifischen Versorgung von Menschen mit Frailty in ihrer Wohnumgebung existieren in Deutschland kaum kontrollierte Studien. Eine auf systematischen Screenings basierende, individualisierte und multimodale Intervention mit dem Schwerpunkt körperliches Training stellt eine vielversprechende und kostengünstige Option häuslicher Versorgung dar.

15:45
Analyse und Vergleich des prädiktiven Wertes verschiedener Frailty-, Komorbiditäts- und Aktivitäten des täglichen Lebens-Instrumenten für die 1-Jahres-Mortalität in stationären geriatrischen Patienten
S212-2 

M. Ritt, J. I. Ritt, C. C. Sieber, K.-G. Gaßmann; Erlangen, Nürnberg

Hintergrund: Es ist unklar welches Tool am besten zur Risikostratifizierung bzw. Prädiktion der 1-Jahres-Mortalität stationärer geriatrischer Patienten geeignet ist. Wir evaluierten und verglichen daher kürzlich den prädiktiven Wert verschiedener Frailty-, Komorbiditäts- und Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL)- Instrumente für die 1-Jahres-Mortalität in stationären geriatrischen Patienten (Ritt M et al. Clin Interv Aging 2017; 12: 293-304).

Methoden: 307 stationäre geriatrische Patienten mit einem Alter von 65 Jahren oder älter wurden in die prospektive Studie eingeschlossen. Die Clinical Frailty Scale (CFS), ein 40-Item Frailty Index (FI), die FRAIL Scale, die Cumulative Illness Rating Scale for Geriatrics (CIRS-G), die Komorbiditäts-Domäne des FI (Komorbiditäts-D-FI), Einschränkungen in den sechs Basis-ATLs des Katz-Index (ATL-Katz)) und die Instrumentellen- und Basis-ATL-Domäne des FI (IATL/ATL-D-FI), wurden während des stationären Aufenthaltes der Patienten erhoben. Die Patienten wurden über 1 Jahr nachbeobachtet.

Resultate: Die CFS, der FI, die FRAIL Scale, die CIRS-G, die Komorbiditäts-D-FI, der ATL-Katz, und die IATL/ATL-D-FI wiesen in der gesamten Kohorte und in den Subgruppen der unter 83-Jährigen (83 Jahre war der Altersmedian in der Studienkohorte) sowie der mindestens 83-Jährigen einen prädiktiven Wert für die 1-Jahres-Mortalität auf (alle P < 0.05). In der gesamten Kohorte und in den mindestens 83-Jährigen zeigten die CFS und der FI einen besseren prädiktiven Wert für die 1-Jahres-Mortalität im Vergleich zu den anderen Instrumenten (alle P < 0.05). In den unter 83-Jährigen wies die CFS im Vergleich zu den anderen Instrumenten einen besseren prädiktiven Wert für die 1-Jahres-Mortalität auf (alle P < 0.05).

Schlussfolgerung: Die CFS und, in den mindestens 83-Jährigen, auch der FI erwiesen sich unter den oben genannten Tools als die Instrumente mit dem besten prädiktiven Wert für die 1-Jahres-Mortalität in stationären geriatrischen Patienten.

16:00
Sarcopenia and Physical fRailty IN older people: multi-componenT Treatment strategies: die EU Studie SPRINTT
S212-3 

R. Kob, D. Schöne, E. Freiberger, C. C. Sieber; Nürnberg

Einleitung: Die EU fördert gemeinsam mit Industriepartnern (IMI) das SPRINTT Projekt, eine multizentrische Studie in neun europäischen Ländern. Das Institut für Biomedizin des Alterns ist der deutsche Partner dieses Konsortiums in dieser Phase III multizentrischen, einfach-verblindeten, randomisierten und kontrollierten Studie. Das primäre Ziel der Intervention ist der Erhalt bzw. die Verbesserung der Mobilität, operationalisiert durch den 400 Meter-Gehtest.

Methode: Eingeschlossen wurden ii) selbständig lebende Menschen, ii) 70 Jahren, iii) die fähig waren 400 Meter in < 15 min zu gehen, ii) funktionelle Einschränkungen aufwiesen (Short Physical Performance Battery (SPPB) 3-7 (80%), 8-9 (20%) und iii) eine geringe DXA-gemessene appendikuläre Skelettmuskelmasse hatten (Total: Männer < 19,75kg, Frauen < 15,02 kg; BMI-adjustiert: Männer <0,789, Frauen <0,512). Die der Interventionsgruppe zugeteilten Teilnehmer (n=62) absolvieren ein, in der Intensität moderat-intensives, strukturiertes Training mit mehreren Komponenten (Ausdauer, Kraft, Gleichgewicht: 2x60 Minuten/Woche unter Supervision & 3x30 Minuten/Woche Heimtraining). Zusätzlich erhalten sie mindestens 1x/Jahr eine individualisierte Beratung zu Ernährung und körperlicher Aktivität. Die Teilnehmer der Kontrollgruppe (n=61) nehmen, im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe an einem Schulungsprogramm teil (Vorträge über Gesundheit im Alter, Übungen für Gedächtnistraining 2x60 Minuten/Monat, jeweils 10 Minuten Stretching der oberen Extremitäten).

Ergebnisse: Insgesamt wurden 123 Teilnehmer in die deutsche SPRINTT Kohorte eingeschlossen. Der Altersdurchschnitt betrug 81,4 (SD 5,4) Jahre und der Frauenanteil lag bei 65,9%. Der kognitive Status (Minimental Status Test) betrug 27,1 (SD 1,8) Punkte (von 30) und der SPPB Score beträgt Durchschnitt 6,1 (SD 1,3) Punkte. Der 400 m Gehtest wurde in 9,1 (SD 2,3) Minuten absolviert. Die aLM betrug 17,8 (SD 4,7) Kg im Rohwert.

Diskussion: Die Baseline Daten zeigen, dass es sich um eine funktionell eingeschränkte Gruppe älterer Menschen handelt. Der Vortrag wird weitere Erkenntnisse aus der laufenden Studie beinhalten und Probleme bei der Rekrutierung thematisieren.

16:15
PAINT (Preventive Art Intervention Therapy) ein interdiziplinärer Ansatz zur Delirprävention und Steigerung des Wohlbefindens akutgeriatrischer Patienten
S212-4 

K. Singler, J. Masuch, F. Baierlein, C. Helbig, S. Krammel, M. Gosch; Nürnberg

Fragestellung: Im Rahmen der PAINT-Studie soll erstmalig wissenschaftlich evaluiert werden, ob kunsttherapeutische kognitive Stimulation delirpräventiv wirksam ist (PAINT I) und, ob der Einsatz von Kunsttherapie sich positiv auf Parameter des geriatrischen Assessments auswirkt (PAINT II).

Methodik: Es handelt sich um eine monozentrische randomisierte Verlaufsstudie (09/2017 - .08/2019).

PAINT I: Bei akutgeriatrischen Patienten wird bis zum Zeitpunkt der Entlassung zweimal täglich eine standardisiert durchgeführte kunsttherapeutische kognitive Stimulation durchgeführt. Mittels 4AT erfolgt ein tägliches Delirscreening, einschließlich Dokumentation von Subtyp und Dauer. PAINT II: Geriatrische Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen, Depression oder chronischem Schmerzsyndrom nehmen während eines Aufenthaltes in der geriatrischen Tagesklinik zweimal wöchentlich an einem kunsttherapeutischen Angebot teil. Mittels eines standardisiert durchgeführten erweiterten geriatrischen Assessments werden Veränderungen funktioneller und kognitiver Parameter vor und nach der Behandlung erhoben.

Drei Monate nach der Entlassung findet ein Telefoninterview statt, um die Nachhaltigkeit der Intervention zu erheben.

Ergebnisse: Bisher wurden 27 bzw. 55 (PAINT I/II) Patienten in die Studie eingeschlossen. Das mittlere Alter betrug 86 vs. 83,5 Jahre. Im Studienarm PAINT II zeigte sich nach den bisherigen Ergebnissen eine positive Auswirkung der Intervention auf Emotionalität und Wohlbefinden (5-WHO Well being Index) der Patienten. In PAINT I lagen zum Zeitpunkt der Abstracteinreichung erst wenige noch nicht genügend Daten vor. Die bisherigen Ergebnisse lassen aber einen positiven Effekt der kunsttherapeutischen Intervention im Rahmen delirpräventiver Maßnahmen vermuten.

Zusammenfassung: Durch die Studie soll zum einen der Effekt von Kunsttherapie als Teil des geriatrischen Teams bei Patienten mit Schmerzsyndrom, Depression oder beginnender Demenz erhoben werden, zum anderen ein möglicher delirpräventiver Effekt evaluiert werden.

16:30
Validierung eines Aktivitätssensors zur Erfassung körperlicher Aktivitätsparameter und innovativer Gangparameter im Alltag von multimorbiden, geriatrischen Patienten mit kognitiven Einschränkungen nach Rehabilitation
S212-5 

M. Bongartz, R. Kiss, A. Lacroix, P. Ullrich, T. Eckert, C.-P. Jansen, J. M. Bauer, K. Hauer; Heidelberg, Bielefeld

Fragestellung: Ziel der Studie war die Evaluation der biometrischen Qualität eines neu entwickelten Aktivitätssensors (uSense) zur Erfassung etablierter Parameter für körperliche Aktivität sowie erstmals im Alltag gemessener, innovativer, habitueller Gangparameter von multimorbiden, geriatrischen Patienten nach Rehabilitation.

Methodik: Zur Überprüfung der Konstruktvalidität (mittels der klinisch relevanten Parameter körperliche Leistungsfähigkeit und Mobilitätsradius) und konkurrenten Validität wurden Korrelationen nach Spearman (rho) berechnet. Die Test-Retest-Reliabilität wurde mittels Intraklassenkorrelationen (ICC) ermittelt. Der Anteil an fehlerfreien Messungen wurde genutzt zur Analyse der Durchführbarkeit. Etablierte Parameter für körperliche Aktivität sowie innovative Gangparameter von multimorbiden, geriatrischen Patienten mit kognitiven Einschränkungen (n = 110, Mini-Mental State Examination: 23.3 ± 2.4) wurden mit dem uSense und einige der etablierten Parameter für körperliche Aktivität wurden zur Überprüfung der konkurrenten Validität zeitgleich mit einem validierten gut etablierten Bewegungssensor (PAMSysTM) erfasst.

Ergebnisse: Zwischen u-Sense Parametern und Parametern der körperlichen Leistungsfähigkeit (range rho: 0,02-0,63) und Mobilitätsradius (range rho: 0,01-0,59) zeigte sich im Durchschnitt eine mittlere bis hohe-, im Vergleich zum kognitiven und medizinischen Status  eine  niedere bis moderate Konstruktvalidität (range rho: 0,01-0,30). Hohe Korrelationen (rho: 0.59– 0.91) zwischen etablierten körperlichen Aktivitätsparametern, gemessen mit uSense und PAMSysTM, dokumentierten eine hohe konkurrente Validität. Im Durchschnitt gute bis exzellente Test-Retest-Reliabilität zeigte sich bei allen uSense Parametern (range ICC: 0.68 - 0.97). Der Anteil der fehlerfreien Messungen indizierte mit 85.5% eine gute Durchführbarkeit.

Zusammenfassung: Der uSense ermöglicht die valide und reliable Erfassung von etablierten Parametern der körperlichen Aktivität und innovativen Gangparametern bei multimorbiden, geriatrischen Patienten. Das uSense Aktivitätsmonitoring erlaubt erstmals eine Analyse des habituellen qualitativen/quantitativen Gangverhaltens dieses schwer messbaren Kollektivs, die bislang auf Laborsettings beschränkt war.

16:45
Patterns of Cognitive Decline at Higher Ages: Are More Educated Persons Better Off?
S712-5 

J. Wörn, M. Aartsen, H. Comijs, M. Huisman; Köln, Oslo/N, Amsterdam/NL

Inequalities in health persist at higher ages and might also affect cognitive functioning. E.g., it is a common finding that persons with higher educational achievement show higher levels of cognitive functioning and a lower risk of dementia. In contrast however, longitudinal studies altogether do not support the idea that higher educational achievement is protective against cognitive decline. One reason for this seeming discrepancy might result from the assumption that decline is either faster or slower for more educated persons, or occurs at the same rate for persons with different education. The pattern might however be more complex, with cognitive reserve hypothesis predicting that decline is initially slower but accelerates later on among more educated persons, while it is initially faster and might level off in the longer run among less educated persons. This hints towards the existence of differences in the shape of cognitive decline and calls for the study of relatively long age ranges, such that different shapes can become visible. Using growth curve models and data from the Longitudinal Aging Study Amsterdam, we examine decline in multiple cognitive domains after age 65 over a period of 20 to 25 years and investigate whether the initial rate of decline is slower and acceleration of decline is stronger for more (vs. less) educated persons. Studying such qualitative differences in the shape of cognitive decline with a unique dataset, our study will give important insights into more complex patterns of health inequalities at higher ages.

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