Samstag, 08.09.2018
11:15 - 12:45
Seminarraum 22
S711
Freie Vorträge - Facetten des Alterns

Moderation: L. Amrhein, Dortmund

11:15
Kulturelle Lebensräume für Menschen mit Demenz. Ergebnisse aus einem intergenerativen Theater- und Musikprojekt
S711-1 

I. Medjedovic, V. Hoffmann, K. Irion, K. Söhle; Hamburg

Während für die offene Soziale Arbeit mit den sog. „jungen Alten“ bereits vielfältige Ansätze existieren, wird für die Soziale Arbeit mit Hochaltrigen ein Nachholbedarf konstatiert. Dominiert vom Leitbild des „abhängigen Alters“ besteht eine gewisse Ratlosigkeit, wie denn nun wirksame lebenswelt- und kompetenzorientierte Konzepte vor allem für diejenigen Hochaltrigen aussehen können, die stärker eingeschränkt sind, etwa in ihrer körperlichen Mobilität, ihren kognitiven Fähigkeiten oder schlicht in ihrem Lebensraum. Dabei verstärkt die zunehmende Erfahrung von Kontrollverlust über die eigene Lebensgestaltung den Bedarf an Angeboten, die die Selbst- und Mitbestimmung fördern. Kulturgeragogische Ansätze bergen spezifische Potenziale, diese Desiderate erfolgversprechend aufzugreifen. Dies soll am Beispiel eines intergenerativen Theater- und Musikprojekts in einem Hamburger Stadtteil aufgezeigt und diskutiert werden, das in mehreren Jahren erprobt, beforscht und weiterentwickelt wurde. Getragen und koordiniert durch ein soziokulturelles Zentrum, vernetzt das Projekt Einrichtungen der stationären Pflege mit Grundschulen aus dem Stadtteil.Die qualitativen Forschungsergebnisse zeigen eine durchweg positive Bilanz der beiden Zielgruppen sowie der beteiligten Professionellen im Hinblick auf die Wirkung des Projekts. Der stark partizipative Ansatz äußert sich in einer gleichberechtigten Teilhabe der beteiligten Generationen an den Interaktions- und Lernprozessen. Das Projektziel, intergenerative Begegnungen im Stadtteil zu schaffen und v.a. die Kinder für die Einschränkungen älterer Menschen mit Demenz zu sensibilisieren, wird erreicht. Didaktisch-methodische Herausforderungen ergaben sich im Hinblick auf die Aufrechterhaltung der Motivation der beteiligten Kinder, den Grad der Demenzerkrankung und die Fluktuation auf Seiten der beteiligten Seniorinnen und Senioren. Weitere Herausforderungen stellten sich auf der räumlich-infrastrukturellen und im Zusammenhang damit auf der Ebene der Kooperation zwischen den unterschiedlichen Institutionen und Professionen mit ihren jeweils eigenen Zielen und zur Verfügung stehenden Ressourcen. Antworten auf diese Herausforderungen mündeten in konzeptionelle Weiterentwicklungen.

11:35
Mit „geistiger Behinderung“ alt werden - Vorstellungen und Befürchtungen aus der Betroffenenperspektive
S711-2 

W. Stadel, Fulda

Die „Pioniergeneration" an Menschen mit sog. geistiger Behinderung erreicht das Rentenalter. Der 7. Altenbericht fasst zusammen, dass dieser Personenkreis vielfältigen Risiken ausgesetzt ist. Die traditionelle Behindertenhilfe - verstanden als Zusammenspiel von Kostenträgern, Leistungserbringern und rechtlichen Regelungen - hat nicht zuletzt angeregt durch die UN-BRK - damit begonnen, Hilfsangebote für Menschen mit geistiger Behinderung zu planen und zu entwickeln. Allerdings, so lässt sich feststellen, ohne oder nur mit wenig Beteiligung der eigentlich betroffenen Personen. Dies kann auch als Folge der jeweiligen Pfadabhängigkeit gedeutet werden. Projektbeschreibung/ Methode:In einer qualitativen Untersuchung soll herausgefunden werden, wie sich dem oben genannten Personenkreis zugerechnete Personen, sich ihr eigenes Alter vorstellen und welche Maßnahmen getroffen werden müssten, damit die betroffenen Personen die Deutungshoheit über die Gestaltung ihres eigenen Lebens mit zunehmenden Alter gewinnen bzw. erhalten. Um Ansatzpunkte im Sinne einer Sozialraumentwicklung und -organisation zu erhalten, werden Personen in erzählgenerierenden und leitfadengestützten Interviews befragt, welche Sorgen, Ängste, Erwartungen und Vorstellungen sie im Hinblick auf das eigene Altern haben. In zwei Wellen werden hierzu 7 Personen befragt. Der Zugang zum Feld erfolgt über ein Schneeballverfahren und ausschließlich über die betroffenen Personen selbst. Herrschte vor wenigen Jahren noch die Einschätzung vor, dass Menschen mit geistiger Behinderung nicht zur wissenschaftlichen Forschung beitragen können, wandelt sich die Meinung derzeit dahingehend, dass die anzuwendenden Methoden dem jeweiligen gegenüber angepasst werden müssen. Dies hat zur Folge, dass die Entwicklung geeigneter Methoden, ein nicht unwesentlichen Teil der Forschung darstellen. Schlussfolgerung /Ergebnisse: Die Studie befindet sich in der Erhebungsphase. Erste Interviews wurden geführt und mit der Auswertung wurde begonnen. Erste Eindrücke zeigen, dass gerade Personen, die sich in ihrem Lebensverlauf schon einmal von einer umfassenden Fremdbestimmtheit distanzieren konnten, große Widerstände entwickeln, bei der Vorstellung sich wieder in Abhängigkeitsverhältnisse zu begeben. Der drohende Verlust der Selbstwirksamkeit könnte wie eine Re-Traumatisierung wirken und wird - so scheint es derzeit - weitgehend verdrängt. Das verknüpfte Themenfeld wurde in dieser Form bislang in Deutschland wenig bearbeitet.

11:55
Kulturgeschichte der Gehhilfe Funktonelle und semantische Vielfalt von Assistenzsystemen für die Fortbewegung im Alter
S711-3 

D. Schäfer, A. von Hülsen-Esch, H. Fangerau; Köln, Düsseldorf

Fragestellung: Der transdisziplinäre Vortrag verbindet medizin- und kunsthistorische sowie technikethische Ansätze. Er fragt im historischen Kontext nach der kulturellen Semantik von Assistenzsystemen, die vorwiegend älteren Menschen zugeordnet werden: Welche Bedeutung haben Stock, Rollstuhl und Rollator abgesehen von ihrer technischen Funktion für die Entwicklung und Affirmation von Altersstereotypen?

Methodik: Mit Hilfe von Text- und Bildquellen aus dem 16.-21. Jahrhundert wird zunächst die historische Entwicklung von Hilfen zur Fortbewegung für alte Menschen analysiert, die teilweise einander ablösen und bis heute in gewisser Konkurrenz zueinander stehen. Dabei werden kulturelle Haupt- oder Nebenbedeutungen der Assistenzsysteme ermittelt. Die semantische Vielfalt wird mit Altersrollen und -stereotypien verglichen, die in bestimmten Epochen vorherrschend waren.

Ergebnisse: Der Stock als älteste Gehhilfe findet sich seit der ägyptischen Hochkultur im Kontext von Autoritäts- und Herrschaftsinsignien (Herrscher-, Konsul-, Bischofsstab) und Reiseutensilien (Wanderstab mit Stütz- und Abwehrfunktion); vor allem seit der Frühen Neuzeit stoßen pejorative Bedeutungen (Bettel- und Blindenstab, Hilfe für Zustände der Gebrechlichkeit und des Mangels) hinzu. In der jüngsten Geschichte entwickeln sich diversifizierte Funktionen: Die Unterarmgehstütze wird beispielsweise vermehrt als Assistenzsystem nach Operationen infolge Sportverletzungen eingesetzt und steht damit für eine veränderte kulturelle Semantik (Rehabilitation anstelle chronischer Defekt). Beim Rollstuhl konkurrieren seit der Frühen Neuzeit die Funktionen von Behinderten- und Luxus-Fortbewegungsmittel. Rollatoren dienen nicht nur als Fortbewegungs-, sondern auch als Transportmittel für Einkäufe und als mobile Sitzplätze. Walking Sticks zuletzt symbolisieren ein aktives Alter(n), wobei sich hier, wie auch beim Stockgebrauch allgemein, eine Geschlechterdifferenz eröffnet.

Zusammenfassung: Die skizzierten Assistenzsysteme, die nur teilweise und verhältnismäßig spät medizinische Beachtung fanden, erfüllen in Geschichte und Gegenwart nicht nur diverse praktische Funktionen, sondern spiegeln und symbolisieren Alterszuschreibungen: Regierung, Richteramt und Leitung, Pilgerschaft zum Lebensende und zum Jenseits, Religiosität, Trost- und Unterstützungsbedürftigkeit, Behinderung und Defekt, Selbstbestimmung und Autarkie durch Mobilität etc.

12:15
New policy developments in mental healthcare for older people in India: a step towards better care?
S711-4 

T. M. Kafczyk, K. Hämel; Bielefeld

Background: In the last years, the need to improve mental health care has been increasingly discussed in the Indian society – accompanied by (legal) efforts to frame and develop appropriate mental health care structures in the public health system. The fastest growing cohort in India – older people – has been identified as one of the most vulnerable groups to mental health issues. However, research on the chances and challenges of the new policies in addressing specifically the mental health needs of older people is lacking.

Methods: Basis of this analysis are key national strategic documents (2011-17) and semi-structured interviews (n = 8) with mental health care experts working in leading positions within the health care system and government-associated and civil society organizations. Data has been coded and analysed based on content analysis.

Results: The recognition of older people as a group that needs mental healthcare is described in policies and seen as an overdue development according to interviewees. Strategies are to strengthen family- and community-based mental healthcare based on community health centres. Older people with mental health problems are expected to benefit from legislatively established support on the family-level, further education of community health workers and nurses in mental health and the implementation of specific mental health services. However, in view of the rising number of older people without informal support network, experts remind that older people could not be sufficiently reached by measures that target the family-level. Moreover, experts point out that while political visions and new service models go into the right direction, they are vaguely defined and build on unrealistic promises such as existing functioning structures; the neglection of this problem hinders implementation. Inappropriate public spending for mental health, a still widely spread lack of awareness of the mental health needs of older people in the health sector on different levels and absent old age needs-assessment activities need to be tackled to unfold the full potential of new policies within the public health system.

Conclusion: While first steps have been taken, it needs to be ensured that older people are equally included in developments in mental healthcare in India. Barriers to provide needs-based mental healthcare for older people and best policy practice examples in primary care need to be explored.

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