Donnerstag, 06.09.2018
13:45 - 15:15
Seminarraum 12
S107
Freie Vorträge - Gerontopharmakologie

Moderation: O. Krause, Hannover; F. Hanke, Köln

13:45
Rationale Stressulkusprophylaxe in der Geriatrie
S107-1 

T. Frank, R. Nau; Göttingen

Protonenpumpenhemmer gehören zu den am meisten verschriebenen oder frei verkauften Medikamenten in Deutschland. In den letzten Jahren wurden immer mehr Erkenntnisse zu möglichen Folgeschäden einer unkritischen Verwendung bekannt.

Daher obliegt es dem klinisch tätigen Arzt zu prüfen, wer für eine Behandlung in Frage kommt. Neben einer Darstellung der aktuellen Literatur zu Behandlungsindikationen, erwünschten und möglichen unerwünschten Wirkungen wird eine Algorithmus dargestellt, wie die Entscheidung zur oder gegen eine Behandlung erleichtert werden kann.

Ziel ist die Durchführung einer rationalen Stressulkusprophylaxe in der Geriatrie.

14:00
The EURO-FORTA Project: Consensus Validation of the FORTA (Fit fOR The Aged) List in Several European Countries
S107-2 

F. Pazan, C. Weiß, M. Wehling; Mannheim

Many studies have revealed that older people are often the victims of inappropriate and unsafe pharmacotherapy. The main reason for this problem is that for most of the drugs there is no evidence regarding efficacy and safety in older people. This problem is worsened by the high prevalence of multimorbidity and therefore polypharmacy in this population. To improve the appropriateness of drug therapy in older people, we have developed a clinical aid called the FORTA List. FORTA was initially invented by Wehling and validated and expanded by twenty experts in a Delphi consensus procedure in Germany/Austria. Subsequently, we evaluated FORTA’s effectiveness in a pilot clinical trial as well as in a controlled prospective trial. These trials showed that FORTA significantly improves the quality of drug treatment and reduces the occurrence of adverse drug reactions. Based on these results, Delphi consensus validations of country/region-specific FORTA Lists were conducted in seven European countries/regions. 47 experts in total agreed to take part in our project. For each country/region, the overall mean consensus coefficient was higher than 0.9. FORTA Lists from six countries/regions plus the German/Austrian FORTA List were collated into the EURO-FORTA List containing 264 items in 26 major indication groups. For nearly 4 percent of the proposed items the consensus results differed from the original/proposed FORTA class. This study created seven new country/region-specific FORTA Lists as well as the EURO-FORTA List. The outcomes of this project are expected to increase the applicability of the FORTA List for international use.

14:15
Verlängerte Erhaltungstherapie bei venöser Thromboembolie: Überdenken der Standards bei geriatrischen Patienten?
S107-3 

C. Ploenes, M. Meisel, H.-P. Thomas, T. Engler; Düsseldorf, Dessau, Berlin, Trier

Das VTE- Rezidivrisiko ist nach ungetriggerten Primärereignissen, nach stattgehabtem Rezidiv und anderen klinischen Konstellationen erhöht. In diesem Fall ist grundsätzlich eine verlängerte Antikoagulations- Erhaltungstherapie zu erwägen. Andererseits ist das jährliche Blutungsrisiko unter dieser Behandlung konstant und bei hochbetagten und geriatrischen Patienten offensichtlich deutlich erhöht. Die Studienlage beschreibt in diesem „real-life“- Setting die Unzuverlässigkeit sämtlicher bisher exisitierender Blutungsrisiko-Scores, auch derjenigen, die speziell auf eine VTE- Antikoagulationstherapie abgestellt sind. Eine durch plasmatische Gerinnungshemmung ausgelöste intrakranielle Blutung geht mit einer Letalität von 50% und einer gravierenden Invalidität der Überlebenden einher. Auch eine Major-Blutung anderer Lokalisation ist für geriatrische Patienten in aller Regel ein gravierendes Ereignis mit potentieller Folgemorbidität. Neben der Evaluation der individuell bestehenden Blutungsrisiken sollte daher die Überlegung treten, welches zu verhinderndes VTE- Ereignis es rechtfertigt, dieses Blutungsrisiko einzugehen und wie wahrscheinlich es ist, daß dieses Ereignis in diesem individuellen Fall eintritt.

14:30
Weniger CDT - Infektionen in der Geriatrie mit rationalem Antibiotikaeinsatz
S107-4 

J. Dowideit, A. Krenz-Weinreich, K. Hoffmann, H. Geiss; Middelburg, Eutin, Ismaning

Clostridium difficile – Infektionen ( CDI ) stellen  durch Antibiotika verursachte Enterocolitiden unterschiedlichen Schweregrades  dar und treten bei geriatrischen Patienten in zunehmender Häufigkeit  auf.

Bestimmte Antibiotika weisen ein deutlich erhöhtes Risiko für CDI auf. Hierzu gehören 3.- und 4. Generationscephalosporine und Chinolone.

Ein entscheidender Schritt zur Reduktion von CDI besteht im rationalen und restriktiven Umgang mit diesen Substanzen.

Von zentraler Bedeutung ist die im Beitrag gezeigte Verbrauchserfassung und – steuerung durch Antibiotic Stewardship ( ABS ).

Auf diese Weise gelingt es wie im Beitrag zur Darstellung kommend  einen Rückgang der Häufigkeit  von CDI herbeizuführen. Auch kommt es zu  einer Abnahme problematischer Ribotypen mit klinisch günstigeren Verläufen , was für geriatrische Patienten von grosser Relevanz ist.

14:45
Polypharmazie bei älteren Schmerzpatienten in der ambulanten Pflege
S107-5 

J. Schneider, A. Budnick, A. Wenzel, D. Dräger, R. Kreutz; Berlin

Hintergrund: Schmerz ist eines der häufigsten Probleme in der älteren Bevölkerung in Deutschland. Schätzungen zu Folge leben ca. 50 Prozent der über 75-Jährigen mit mäßigen bis starken Schmerzen. Eine effiziente Schmerztherapie ist für den behandelnden Arzt eine Herausforderung, da bei älteren Patienten physiologische Veränderungen, Komorbiditäten und Polypharmazie (≥ 5 Medikamente) zu berücksichtigen sind. Insbesondere bei älteren Pflegebedürftigen, die zu Hause versorgt werden, ist der Stand der Forschung unzureichend.

Methodik: In der Querschnittstudie „Development of a Model for Pain Management in Older Adults ReCeiving Home CarE” (ACHE) werden mittels face-to-face Interviews vom 01.09.2017 bis 31.08.2018 ältere pflegebedürftige Schmerzpatienten, die in der eigenen Häuslichkeit betreut werden, zu ihrem Schmerz befragt. Das Ziel ist, die ärztliche und pflegerische Gesundheitsversorgung in dieser Studienpopulation zu analysieren. Basierend auf Selbstauskunft und vorliegenden Medikationsplänen werden die Arzneimittel über die IDOM-Software (Instrument zur datenbankgeschützten Online-Erfassung von Medikamentendaten) unter Nutzung der aktuellen Stammdatei des WIdO (Wissenschaftliche Institut der AOK) aufgenommen. Für eine erste Zwischenauswertung aus ACHE werden ärztlich verordnete Medikamente zum regelmäßigen Gebrauch und für den Bedarfsfall sowie nicht-ärztlich verordnete Selbstmedikation betrachtet.

Ergebnisse: Von 150 (Alter: 65 bis 98 Jahre) der bis April 2018 befragten älteren pflegebedürftigen Schmerzpatienten sind 133 von verschriebener Polypharmazie (88,7%) betroffen. Im Durchschnitt entfallen auf jeden Pflegebedürftigen 10,6 unterschiedliche Wirkstoffe. Berücksichtigt man zusätzlich nicht-ärztlich verordnete Selbstmedikationen, erhöht sich die Anzahl dieser Patienten auf 140 (93,3%). Insgesamt werden 1276 von 1590 erfassten Arzneimitteln (80,3%) regelmäßig eingenommen.

Diskussion: Die vorläufigen Studienergebnisse zeigen, dass Polypharmazie bei älteren pflegebedürftigen Schmerzpatienten in der ambulanten Pflege sehr häufig ist. Daher sollten bei der Auswahl der Schmerzmedikation nicht nur die Intensität, Lokalisation und Dauer des Schmerzes, sondern auch Polypharmazie und daraus resultierende mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen sowie Interaktionen bei der Therapie bedacht werden

15:00
AGITATE: Der Apotheker im akutstationären geriatrischen Behandlungsteam - Einfluss auf Wiedereinweisungen und transsektorale Kommunikation
S107-6 

M. Freitag, O. Krause, T. Laurentius, A. Eisert, C. Bollheimer; Aachen, Hannover

Fragestellung: Im vorliegenden Projekt wird der Zusatzeffekt eines klinischen Apothekers im Hinblick auf transsektorielle Nachhaltigkeit bezüglich Arzneimitteltherapiesicherheit und –adhärenz untersucht.

Methodik: Die Implementierungsstudie (AGITATE) wird im Vorher/Nachher-Verfahren durchgeführt und endet 12/2019 (clinicaltrials NCT03412903):In der ersten Phase, welche als Kontrolle dient, erhebt der Apotheker ausschließlich die Arzneimittelanamnese. In der zweiten Phase werden zusätzlich eine Adhärenzprüfung und eine literatur-/datenbankgestützte Medikationsanalyse mit 18 Domänen durchgeführt, die in einer interdisziplinären Visite mit dem Stationsarzt diskutiert werden. Eine Beratung der Patienten wird angeboten. Zuletzt werden in einem Konsil im Entlassbrief die Entscheidungsgrundlage für Änderungen, persistierende Wechselwirkungen etc. dargestellt, damit der Hausarzt alle Informationen erhält und begründete Änderungen aus dem Krankenhaus eher übernimmt. Analysiert werden neben den primären Endpunkten - den Krankenhausaufenthalten und days spent at home innerhalb von sechs Monaten nach Entlassung - auch Unterschiede zwischen ärztlicher und pharmazeutischer Arzneimittelanamnese und die transsektorielle Übernahmerate der Medikationsempfehlungen durch den Hausarzt. 

Ergebnisse: In die seit 02/2018 laufende Kontrollphase sind bereits 28 Patienten eingeschlossen worden. Die Anamnesen zeigen in 10 Fällen klinisch relevante - definiert durch Bewertung des Arztes und notwendige Änderung der Medikation -, in drei Fällen fraglich relevante Fehler oder fehlende Informationen. Durchschnittlich haben die Patienten 16,8 Tage des ersten Monats zu Hause verbracht (n=15, SD=12,32), häufig bedingt durch Kurzzeitpflege oder Reha. Gleichzeitig hat es 4 erneute Krankenhauseinweisungen gegeben. In 6 von 17 Fällen sind die Empfehlungen des Krankenhauses vom Hausarzt nicht übernommen worden.

Zusammenfassung: Ziel von AGITATE ist es unter anderem, die Kommunikation zwischen stationären und ambulanten Institutionen zu verbessern. Die ersten Ergebnisse suggerieren, dass an den Schnittstellen bei der Arzneimitteltherapie ein großer Informationsverlust entsteht, der dem Patienten potentiell schaden könnte. Die erste Phase legt die Vergleichsgrundlage für die Implementierungsphase, in der eine intensive Beratung und Betreuung von Patienten und medizinischem Personal durch einen klinischen Apotheker erfolgt. Im Verlauf wird bewertet, ob dies zu einer Verbesserung der Endpunkte führt.

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