Freitag, 07.09.2018
10:45 - 12:15
Seminarraum 22
S411
Freie Vorträge - Bewegungsbezogene Interventionen für ältere Menschen

Moderation: S. Krupp, Lübeck

10:45
Vielfalt leben!? Sportvereine in der Gesundheitsförderung von Menschen mit Demenz
S411-1 

V. Wolter; Dortmund

Fragestellung: Obwohl bisher keine sichere Prävention respektive Therapie für die bekannten Formen der Demenz bestätigt werden konnte, verdichten sich positive Ergebnisse über die ganzheitlichen Auswirkungen regelmäßiger körperlicher Aktivität, zu denen u.a. der Erhalt der autonomen Ausführung der Activities of Daily Living (ADL) zählt. Andererseits veranlassen, neben den subjektiv wahrgenommenen Veränderungen, vor allem entgegengebrachte Vorbehalte aus dem privaten wie öffentlichen Umfeld von Menschen mit Demenz, dass diese sich sukzessive aus ihren bisherigen Lebensräumen und alltäglichen Aktivitäten zurückziehen. Es braucht also ein Setting, welches die Gesundheit dieser Zielgruppe gezielt fördern kann und gleichzeitig niederschwellig zugänglich ist. Können Sportvereine, deren Standorte oftmals bekannt und ausreichend verbreitet sind, ein solches Setting schaffen? Ist Demenz bisher überhaupt ein Thema für Sportvereine?

Methodik: SportvereinsmitarbeiterInnen sowie (ehrenamtliche) MitarbeiterInnen aus den Arbeitsbereichen „Pflege/Betreuung“ und „Demenzberatung“ diskutierten 2015-2016 in Fokusgruppen (in Nordrhein-Westfalen) über ihre Erfahrungen in der Implementierung zielgruppenspezifischer Bewegungsangebote, um Strategien für die langfristige Durchführung zu entwickeln.

Ergebnisse: Die Ergebnisse verdeutlichten die hohe Relevanz der Sensibilisierung verschiedener RollenträgerInnen in Sportvereinen. Vor allem Mitglieder des Vereinsvorstandes und Übungsleitungen nahmen in der Kommunikation zu internen und externen Strukturen eine besondere Rolle ein, um fördernde Rahmenbedingungen für die Inklusion von Menschen mit Demenz und ihren pflegenden Angehörigen zu schaffen beziehungsweise eine Exklusion langjähriger, an Demenz erkrankter Mitglieder zu verhindern. Die Schlüsselfunktion zeigte sich in einem Netzwerk kommunaler Akteure, welches die zielgruppenspezifischen Bedarfe in den Fokus nimmt.

Zusammenfassung: Antizipierte Fremdheitsgefühle und ein eventuell vorauseilender Ruf der internen Erwartungen von Sportvereinen erhöhen das Risiko der Nicht-Teilnahme. Dieses betrifft, etwas abgeschwächt, auch aktuelle Vereinsmitglieder. Gelingt jedoch der Zugang, werden insbesondere physische, emotionale und soziale Faktoren der Gesundheit von Menschen mit Demenz gefördert.

11:05
Prävention fortschreitender Fähigkeitsverluste mit dem „Lübecker Modell Bewegungswelten” (LMB) - Risikoreduktion nach einem Jahr Training
S411-2 

S. Krupp, J. Kasper, C. Ralf, F. Balck, A. Hermes, T. Schmidt, M. Willkomm; Lübeck, Kiel

Fragestellung: Das LMB ist ein durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gefördertes, von der Forschungsgruppe Geriatrie Lübeck (FGL) interdisziplinär entwickeltes, multidimensional angelegtes Programm mit wöchentlich zweimal einer Stunde Gruppentraining sowie Eigenübungen. Die Evaluation der Effekte erfolgt in Kooperation zwischen FGL, Institut für Sport- und Bewegungstherapie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel und Institut für Sportwissenschaft, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Zeigt sich das Erhoffte nach einem Jahr Training?

Methodik: 171 Lübecker*innen mit Pflegebedarf (81,9 +/-9,2 Jahre, 21,6% männlich, Barthel-Index (BI) 76,3 +/-15,8) trainierten in 10 Senioreneinrichtungen (Interventionsgruppe, IG). 84 Kieler*innen (84,4+/-7,6 Jahre, 23,8% männlich, BI 73,6 +/-16,4) gleicher Einschlusskriterien bildeten die Kontrollgruppe (KG). Alle Studienteilnehmenden (TN) waren unbeschränkt in Bezug auf weitere Aktivitätsangebote und wurden an insgesamt fünf Untersuchungszeitpunkten im Dreimonatsabstand anhand von 14 Assessment-Instrumenten untersucht.

Ergebnisse: Nach einem Jahr nahmen noch 107 TN der IG und 55 TN der KG am Assessment teil. In der Intention-to-treat-Analyse wies die IG einen Anstieg des Mittelwertes (MW) des BI um 1,1 +/- 10,1 Punkte auf, die KG einen Abfall um 7,3 +/- 14,5 Punkte (p=0,00). 40,2% der TN in der IG verbesserten sich, 7,3% in der KG. Das relative Risiko (RR) für einen Abfall betrug in der IG 0,625. Das RR einer Verschlechterung der Ausdauer lag in der IG bei 0,806 (IG: MW-Anstieg um 0,9 +/-10,8 Stufen in 2 Minuten, KG: MW-Abfall um 2,2 +/-7,4 Stufen; p=0,04), das der Balance bei 0,632 (IG: MW-Abfall um 0,7 +/-10,8 Sekunden im Romberg-Stand, KG: Abfall um 4,9 +/- 9,3 Sekunden; p=0,01). Für eine Verschlechterung im Timed Up & Go ohne und mit Dual Task betrug das RR in der IG 0,536 bzw. 0,560 (p=0,00, bei beiden Tests signifikante Unterschiede des Verlaufs der MW zugunsten der IG zu allen Messzeitpunkten).

Zusammenfassung: Pflegebedürftige ältere Menschen haben durch Teilnahme an einem standardisierten, multimodal aktivierenden Programm wie dem LMB die Chance, einer weiteren Zunahme des Unterstützungsbedarfs entgegenzuwirken. Nach einem Jahr ist ein Teil der gemachten funktionellen Fortschritte durch den Alterungsprozess aufgezehrt, jedoch weiterhin eine deutliche Risikoreduktion gegenüber der Gruppe ohne LMB festzustellen.

11:25
Wirksamkeit eines Smartphone-unterstützten körperlich-kognitiven Trainingsprogrammes zur quartiersbezogenen Teilhabeförderung älterer Menschen
S411-3 

L. Günther, A. Osterhoff, C. Thiel, S. Sommer, M. Niehoff, M. Sharma, U. Handmann, O. Koch, C. Grüneberg; Bochum, Bottrop

Fragestellung: Bislang gibt es wenige Trainingsprogramme für ältere Menschen, die eine Förderung körperlicher und kognitiver Funktionen mit explizitem Teilhabefokus und Technikunterstützung kombinieren. Im transdisziplinären Rahmen wurde daher das BMBF-geförderte Trainingsprogramm Quartier agil – aktiv vor Ort entwickelt. Ziel der vorliegenden Studie ist die orientierende Prüfung der Machbarkeit des gewählten Ansatzes und der Synthese von Lessons Learned.

Methodik: In einem sechsmonatigen Interventionszyklus zur ersten Erprobung des Konzepts trainierten 19 selbstständig lebende, gesunde Menschen ab 65 Jahren in wöchentlichen Gruppentrainings körperliche und kognitive Funktionen. Dieses Training wurde angereichert durch smartphonebasierte Inhalte. Via Smartphone wurden u.a. Übungen für ein individualisiertes Training zur Verfügung gestellt und die TeilnehmerInnen wurden zur gemeinsamen sozialen Aktivität im Quartier sowie auch zur digitalen Teilhabe angeregt. Neben Prä-/Post-Erhebungen (körperlich-kognitive Variablen, Aktivität und soziale Partizipation) wurden Barrieren und Förderfaktoren der Technikunterstützung ermittelt.

Ergebnisse: Körperliche und kognitive Parameter zeigten positive Trends in spezifischen Funktionsbereichen (z.B. Balance, Aufmerksamkeit).Von den befragten TeilnehmerInnen gaben alle an, mit dem Programm Quartier agil zufrieden zu sein. Nach eigener Einschätzung der meisten TeilnehmerInnen förderte das Programm die soziale Vernetzung.Smartphoneübungen stießen mehrheitlich auf großes Interesse, wobei Technikkompetenz zur Nutzung des Smartphones häufig erst aufgebaut werden musste.

Zusammenfassung: Das Trainingsprogramm Quartier agil hat das Potenzial, bei gesunden älteren Menschen die soziale Partizipation zu stärken, den Erhalt körperlicher und kognitiver Leistungen zu unterstützen und Barrieren zur digitalen Teilhabe abzubauen. Die Smartphoneschulung/-nutzung benötigt erhebliche Ressourcen. Für die Weiterentwicklung von Quartier agil sind zukünftig auch vulnerable ältere Menschen mit körperlichen und/oder kognitiven Leistungseinbußen in den Blick zu nehmen, deren soziale Teilhabe bedroht oder bereits eingeschränkt ist, sowie die technische Komponente auf Basis bislang gewonnener Lessons Learned nutzerorientiert zu schulen.

11:45
Intensives Intervall Training als vielversprechende Interventionsmethode bei Personen mit leichter kognitiver Einschränkung (MCI)
S411-4 

S. Rüdiger, T. Stuckenschneider, S. Schneider; Köln

Hintergrund: Aufgrund der steigenden Prävalenz von neurodegenerativen Erkrankungen(Prince et al., 2015) rücken Interventionsstrategien im Anfangsstadium (z.B. bei leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI)) in den Fokus. Laut den jüngsten Praxisleitlinien der Amerikanischen Gesellschaft für Neurologie (ANN) wird regelmäßige körperliche Aktivität über einen Zeitraum von 6 Monaten als vielversprechende Therapiemaßnahme empfohlen(Petersen et al., 2017). Welche Form von körperlicher Aktivität am wirksamsten ist um weiterem kognitiven Abbau vorzubeugen ist jedoch noch nicht genau definiert(Colcombe &Kramer, 2003; Zheng, Xia, Zhou, Tao& Chen, 2016). Erste tierexperimentelle Ergebnisse und Untersuchungen mit gesunden älteren Personen weisen darauf hin, dass sich kurze intensive Intervalleinheiten positiv auf die Neurogenese des alternden Gehirns auswirken und den Erhalt kognitiver Leistungen besser fördern als moderates Ausdauertraining(Coetsee&Terblanche, 2017; Lezi, Burns& Swerdlow, 2014; Saucedo, Vanaudenaerde, Troosters& Wenderoth, 2015). Ziel der Studie war es daher den Effekt eines intensiven Intervallausdauertrainings auf die kognitive Leistungsfähigkeit von MCI Patienten zu erfassen. Es wurde angenommen, dass bereits nach einer 12-wöchigen Trainingsperiode erste Effekte auf die kognitive Leistung gezeigt werden können.

Methode: 19 Teilnehmer mit diagnostizierter MCI (74,74 ± 7,34 Jahre, MOCA: 22,84 ± 2,03) trainierten 2 -3 x/Woche à 35 min mit 4x 4 min intensiver Belastung bei 80-90% der maximalen Herzfrequenz auf einem Fahrrad-Ergometer. Kognitive Funktionen wurden mithilfe des Montreal Cognitive Assessment (MoCA) (Nasreddine et al., 2005) und des Trail Making Tests A und B (TMT A, B) (Arbuthnott & Frank, 2000; Oosterman et al., 2010) erfasst.

Ergebnisse: Nach 12 Monaten zeigte sich eine signifikante Verbesserung sowohl des MOCA Scores (p= 0,008) als auch der TMT A (p= 0,042) und TMT B Zeit (p=0,000).

Diskussion: Die Ergebnisse zeigen bereits nach 12 Wochen Training positive Effekte auf die kognitive Leistungsfähigkeit von MCI Patienten. Dies würde dafür sprechen, dass bereits kurze aber dafür eher intensive Trainingsreize ausreichen die kognitive Leistung zu verbessern und sich positiv auf das alternde Gehirn auswirken. Da der initiale Interventionszeitraum auf 6 Monate ausgelegt ist zeigen diese Ergebnisse einen vielversprechenden Trend an, welcher nach Abschluss der gesamten Intervention noch genauer analysiert werden muss.

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