Samstag, 08.09.2018
11:15 - 12:45
Seminarraum 12
S707
Freie Vorträge - Alter(n) und Lebensplanung

Moderation: P. Engel, Marburg

11:15
„Ich würde gerne ein bisschen freier sein wollen” - Ältere pflegende (Ehe-)Partner*innen zwischen Autonomiesicherung und Selbstaufgabe
S707-1 

M. Vukoman, F. Schönberger, C. Walter; Dortmund

(Ehe-)Partner*innen stellen eine der größten Gruppen der sogenannten „Care-Reserve“ (Haubner 2017) dar und sind gleichsam bedeutend für die Aufrechterhaltung des deutschen Pflegesystems. Gerade ältere (Ehe-)Partnerinnen haben einerseits, bspw. aufgrund von Zuneigung und/oder Gewohnheit im Sinne einer Fortführung der jahrzehntelangen wechselseitigen Care-Verantwortung eine hohe Bereitschaft, die Hauptpflegearbeit zu übernehmen („…wir sind fast 60 Jahre verheiratet und dann ähm, gehört das halt dazu.“). Andererseits haben sie kaum eine Alternative dazu, sind sie doch in der deutschen „familialistischen Pflegekultur“ (Lessenich 2003) moralisch geradezu dazu „verpflichtet“ („Ich denke, es geht gar nicht anders. Ja, ich muss das so machen!“). Gleichzeitig spielen auch immer Faktoren der Lebenslagen, wie z.B. der sozioökonomische Status, die eigene Gesundheit, das soziale Netzwerk etc. eine Rolle für die Organisation, Ausgestaltung und Bewältigung dieser (plötzlich auftretenden) neuen Situation in einer Paarbeziehung.

Das Projekt „Pflege im Quartier“ (PiQ) geht u.a. der Frage nach, wie die verschiedenen häuslichen Pflegesettings älterer Menschen organisiert sind und welche Probleme und Bedarfe dabei sichtbar werden. Auf der Basis fallkontrastiver Auswertung leitfadengestützter Einzel- und Paarinterviews, als Teilergebnis des Projektes, werden Strategien der befragten Paare zur Bewältigung von Belastungen durch die Pflegesituation dargestellt. Exemplarisch wird sich hier auf die Fälle von (Ehe-)Partner*innen-Pflege beschränkt, andere ebenfalls im Zuge von PiQ untersuchte Pflegesettings bleiben hier unberücksichtigt. In die Analyse flossen außerdem egozentrierte Netzwerkkarten ein und zeigen, ergänzend zu den Interviews, Problemfelder und Ressourcen der Paare auf. Hieraus werden Implikationen sowohl für die pflegerische und sozialarbeiterische Praxis als auch die (kommunale) Pflegepolitik abgeleitet und bieten damit konkrete Handlungsansätze auf verschiedenen Ebenen zur strukturellen Verbesserung der Situation von älteren pflegenden (Ehe-) Partner*innen und damit zur Verbesserung ihrer jeweiligen Lebensbedingungen.

11:35
Auflösung von Langzeitpartnerschaften im höheren Lebensalter unter besonderer Berücksichtigung eines postpartnerschaftlich gelingenden Miteinanders
S707-2 

A.-V. Blaschke; Halle (Saale)

Ziel des Beitrags über die Ergebnisse der Master-Arbeit zum Thema "Auflösung von Langzeitpartnerschaften im höheren Lebensalter. Hintergründe, Auswirkungen und Bewältigung" soll, nach der Beleuchtung allgemeiner Befunde zu Liebe und Partnerschaft,  Auslösern und Ursachen, Auswirkungen sowie Bewältigungsaspekten und partnerschaftlichen Neuorientierungsoptionen (infolge) dieses kritischen, statistisch immer präsenteren Lebensereignisses, insbesondere sein, Faktoren eines postpartnerschaftlich gelingenden Miteinanders nachzuspüren. Dazu wurden, in Anlehnung an die Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring, mit einem Gesprächsgruppenleiter, einer Scheidungsanwältin sowie einem Paartherapeuten geführte Experteninterviews ausgewertet. Im Ergebnis stehen die Kategorien "Definition", "Bedingungsfaktoren", "Vorteile" und "Sinnhaftigkeit" eines respektvollen Aufeinanderbezogenseins nach der Trennung. Zusammenfassend formuliert, wirkt ein solches auf vielfältige Weise heilsam, sofern nicht individuelle resp. kontextuelle Einflussfaktoren einer entsprechend gelagerten Beziehungsarbeit entgegenstehen. Eine friedvolle Beziehung im Nachgang des gemeinsam gestalteten Lebensabschnitts erscheint im Hinblick auf die eingedenk des Broken-Heart-Syndroms und der erhöhten Suizidalität mitunter tödlichen, meist durch Entfremdung, Inkompatibilität und sexuelle Außenbeziehungen in Gang gesetzten, in aller Regel in den höheren Lebensabschnitt lediglich verlagerten, also nicht durch ebendiesen verursachten Aufkündigungen aber umso bedeutsamer, wenngleich auch die meisten Betroffenen das grundsätzlich für beide Seiten, insb. bei zerrütteten Einverdienerehen auch materiell einschneidende Auseinandergehen im Zeitverlauf gut verkraften, wofür v. a. die Resilienz als auch neue Liebesbeziehungen verantwortlich sind. Für die Soziale Arbeit ergeben sich zahlreiche Anknüpfungspunkte, angefangen etwa bei der Unterstützung eines sozialen Wandels in Richtung weniger exklusiver Beziehungskonstruktionen, über Angebote des Ruhestandsmanagements bis hin zur Trauerbegleitung. Nicht zuletzt stellen sich durch die veränderte familiäre Situation auch pflegeorganisatorische Fragen. Daneben sollen einige Forschungsdesiderate, wie die in der Literatur nicht beleuchteten Brüche homo-, bi- oder pansexueller Verbindungen, aufgezeigt sowie die eigene Forschungspraxis gerade in Bezug auf die Hard-to-reach-Thematik auch bei dieser Zielgruppe kritisch reflektiert und eine partizipative Alternative angedacht werden.

11:55
Altern und eine veränderte soziale Praxis - „Doing Age” jenseits von Generalisierungen?
S707-3 

J. Weigt; Vechta

In der Gerontologie zielt der Diskurs unter anderem auf die Auseinandersetzung und Neuverhandlung im Umgang mit Altersbildern ab. Der Schritt hin zum Perspektivwechsel „Vielfalt des Alterns“ in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Bereits im 6. Altenbericht wurde deutlich die Perspektive auf zeitgerechte Altersbilder gerichtet. Altersbilder zeigen sich im Wechselspiel von Selbst- und Fremdwahrnehmungen. Einerseits beeinflusst das Selbstbild und die Berücksichtigung eigener Potenziale die Wahrnehmung und andererseits auch der Umgang innerhalb von Lebensspielräumen und der Entfaltungsmöglichkeiten im Umfeld intergenerationaler Beziehungen. Interessant ist es, sich der Vorstellung „zeitgerechter“ Altersbilder anzunähern. Im Diskurs um „Doing Age“ handelt es sich um alter(n)sbezogene Praktiken, welche sich, so Schroeter (2014), sowohl korporal als auch in Deutungs- und Sinnmustern zeigen. In der Vermittlung von Symboliken (bspw. Kleidung oder Haltung) findet demnach „wahres“ und „vermeintliches“ Alter Ausdruck. Insbesondere werden Praktiken als „alterstypisch“ wahrgenommen und als „altersangemessen“ akzeptiert. Dieses Wechselspiel deutet auf ein Selbst- und Fremdbild-Dilemma hin. Zwischen verfestigten Altersbildern früherer Generationen und der eigenen Wahrnehmung der aktiven Gestaltung der höheren Lebensphasen bildet sich eine Kluft.

Bereits an diesem Punkt kann es von Bedeutung sein, die Vorstellungen und Deutungen sowie Praktiken der Adressaten zu berücksichtigen, um Lebenswelten der Älteren von Morgen mit ihnen und nicht „über sie“ zu entwickeln, sozusagen Partizipation als Handlungsform im Diskurs um „Doing Age“ zu berücksichtigen. Im Vortrag soll es um die konzeptionelle Darstellungen des Selbst-und Fremdbild-Dilemmas hinsichtlich der Altersbilder gehen, um die Vorstellungen über „alterstypische“ soziale Praktiken im Zusammenhang zu betrachten, vor dem Hintergrund Partizipation als Handlungsform im Diskurs um „Doing Age“ zu diskutieren. Ziel ist es dabei die Diskussion um die Perspektivendifferenzierung hinsichtlich der Altersbilder, jenseits von Generalisierungen über das Alter(n) mit zu entwickeln.

12:15
Kompetenzentwicklung älterer Arbeitnehmer*innen im Handwerk: Determinanten existierender Angebotsstrukturen im Handwerksektor
S707-4 

L. Naegele; Vechta

Vor dem Hintergrund demografischer Alterungsprozesse sowie zunehmend dynamisierter Arbeitswelten rücken ältere Arbeitnehmer*innen zunehmend ins Zentrum des Interesses von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Diese Entwicklungen werfen, neben Fragen nach alter(n)sgerechten Arbeitswelten, insbesondere Fragen des betrieblichen Qualifikations- und Kompetenzentwicklungsmanagement auf. Um Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhalten wird es zunehmend erforderlich sein, alle Altersgruppen in Kompetenzentwicklungs- und Weiterbildungsmaßnahmen einzubinden. Es stellt sich nun die Frage, inwieweit ältere Arbeitnehmer*innen überhaupt als Zielgruppe betrieblichen Kompetenzmanagements in den Blick genommen werden und welche Abwägungsprozesse auf Betriebsseite vorgenommen werden um in das „lebenslange Lernen“ von älteren Arbeitnehmer*innen zu investieren. Die hier vorgestellte Dissertation nähert sich diesen Fragen mit einem speziellen Fokus auf den Handwerkssektor in Deutschland. Um den in der Arbeit aufgeworfenen Forschungsfragen nachzugehen wurden in einem ersten Schritt, im Rahmen einer schriftlichen Befragung, 257 Betriebsinhaber*innen von Handwerksunternehmen in Niedersachsen befragt. Mit Hilfe von hierarchischen Clusteranalysen konnten drei distinkte Muster betrieblicher Handlungsweisen identifiziert werden: (1) „Limited“, (2) „Mix ‘n Match und (3) „Do-it-All“. Diese lassen sich vor allem in Bezug auf Angebotshäufigkeit, angebotene Kompetenz- und Weiterbildungsformaten bzw. deren Fokussierung auf Ältere unterscheiden. Im Zentrum des Interesses des zweiten qualitativen Analyseschrittes lagen die Determinanten dieser distinkten Verhaltensmustern bzw. Angebotsstrukturen sowie deren Rückkopplung an existierende theoretische Bezüge. Hierzu wurden 16 leitfadengestützte Interviews mit Führungskräften aus Handwerksbetrieben geführt und mit Hilfe der empirischen Typenbildung ausgewertet. Es zeigte sich, dass die Erklärungskraft des im Weiterbildungsdiskurs häufig dominante Rational-Choice-Ansatz, im Kontext der klein- und mittelständigen Struktur von Handwerksbetrieben, den tradierten Aus-und Weiterbildungsstrukturen sowie der besonderen Rolle des Betriebsinhaber*innen im Handwerkssektor als begrenzt anzusehen ist. Darüber hinaus erwiesen sich insbesondere die Theorie der Segmentierten Arbeitsmärkte sowie das Promotorenmodell als fruchtbar für die theoretische Begründung distinkter Muster betrieblichen Kompetenzmanagements im Handwerk.

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