Freitag, 07.09.2018
17:30 - 19:00
Seminarraum 12
S507
Fahreignung im Alter

Moderation: G. Rudinger, Bonn; D. K. Wolter, Bonn

Bedingt durch den demographischen Wandelnimmt die Zahl älterer und auch hochbetagter Autofahrer stark zu. Die (fach-)öffentlichen Debatten um die Fahreignung älterer Autofahrer werden intensiver: im Spannungsfeld von Autonomie und Erhalt von Mobilität und Teilhabe einerseits und Verkehrssicherheit andererseits werden Fragen der Diagnostik, der Bedeutung altersphysiologischer Veränderungen und des Einflusses von Krankheiten und Medikamenten, aber auch von Möglichkeiten zum Erhalt der Fahreignung diskutiert.

Das Symposium gibt Einblicke in aktuelle Entwicklungen zu allen genannten Aspekten aus psychologisch-psychiatrischer Perspektive.

17:30
Multiprofessionelle Expertise als Antwort auf ethische, juristische und medizinische Herausforderungen in der Fahreignungsberatung bei kognitiven Einschränkungen
S507-1 

S. Spannhorst, P. Schulz, M. Töpper, S. Kreisel, M. Driessen; Bielefeld

Eine professionelle Fahreignungsberatung älterer Verkehrsteilnehmer in der Gedächtnissprechstunde stellt erhebliche Anforderungen an die Abwägung zwischen Autonomie und Sicherheit des Patienten. Basiskenntnisse über Aufmerksamkeits- und Handlungsparameter älterer Verkehrsteilnehmer bedürfen der Beachtung (1). Für eine sachgerechte Beratung haben sich in enger Rücksprache mit internationalen Experten erarbeitete Beurteilungsskalen im Alltag als nützlich erwiesen (2)(3). Ein eigener Risikoerfassungsbogen („SAFE“) (4) wird im Alltag der Gedächtnissprechstunde des Evangelischen Klinikums Bethel eingesetzt und derzeit anhand einer Studie mittels Fahrverhaltensbeobachtungen validiert. Allerdings werden Beurteilungsskalen allein das komplexe Konstrukt der Fahreignung sowie ethisch diffizile Empfehlungen zur Fahreignung nicht abbilden können. In einem eigenen Case report (5) wurden ethische, juristische und medizinische Herausforderungen der professionellen Fahreignungsberatung dargestellt. Anhand praxisbezogener Beispiele soll ausgeführt werden, dass eine standardisierte, individualisierte Herangehensweise im multiprofessionellen Team im Einzelfall wichtig ist. Auf diese Weise können allgemein anerkannte ethische Standards medizinisch-psychologischer Beratung (6) eingehalten werden.

Literatur:
1:Falkenstein, M.; Sommer, S.M. Altersbegleitende Veränderungen kognitiver und neuronaler Prozesse mit Bedeutung für das Autofahren. In Leistungsfähigkeit und Mobilität im Alter; Schlag, B., Ed.; TÜV Media GmbH: Köln, Germany, 2008; pp. 113–141.
2:Wolter, D: Beginnende Demenz und Fahreignung, Teil 1 und 2. Z Gerontol Geriat 2014;47:243–252 und 345–355
3:Spannhorst, S.; Kreisel, S.; Töpper, M.; Thomas, C. Konsensusverfahren zur Beratung von Senioren in der Gedächtnissprechstunde. NeuroTransmitter 2014, 25, 30–34.
4:Schulz P.; Spannhorst, S.; Beblo T. ;,Thomas, C.; Kreisel, S; Driessen, M.; Toepper, M: Preliminary Validation of a Questionnaire Covering Risk Factors for Impaired Driving Skills in Elderly Patients. Geriatrics 2016, 1,5.
5:Spannhorst S.; Toepper, M.; Schulz, P.; Wenzel, G.; Driessen, M.; Kreisel, S. : Advice for Elderly Drivers in a German Memory Clinic: A Case Report on Medical, Ethical and Legal Consequences. Geriatrics 2016, 1.9. 6:Beachamp,T.; Childress, J.: Principles of biomedical ethics, 7. Ausgabe 2012, Oxford University Press, Oxford/new York

17:50
Psychopharmaka und Fahrtüchtigkeit im Alter
S507-2 

D. K. Wolter; Bonn

Psychopharmaka können helfen, die Fahrtüchtigkeit zu verbessern, indem sie dazu beitragen, Symptome psychischer Störungen zum Verschwinden zu bringen, wie z. B. Antriebshemmung und Verlangsamung bei einer schweren Depression. Psychotrop wirkende Substanzen können aber auch umgekehrt die Fahrtüchtigkeit beeinträchtigen, etwa durch sedierende Nebenwirkungen oder die Beeinträchtigung neuropsychologischer Funktionen. Es kann schwierig sein, solche Nebenwirkungen von den Symptomen der Anlasserkrankung abzugrenzen.

Die Auswirkungen auf die Fahrtüchtigkeit sind bei den verschiedenen Psychopharmaka unterschiedlich ausgeprägt, so dass keine pauschalen Aussagen getroffen werden können. Außerdem ist auch eine differenzierte Betrachtung im Hinblick auf Einnahmezeitpunkt und -dauer, Adaption und Dosierung erforderlich.

Angesichts der weiten Verbreitung von Psychopharmaka und der häufigen Anwendung von v. a. Schlaf- und Beruhigungsmitteln sowie Antidepressiva bei alten Menschen ist es wichtig, diese Zusammenhänge zu kennen, um eine Risikoabschätzung vornehmen und die Patienten entsprechend beraten zu können. Der Vortrag will hierfür grundlegende Kenntnisse vermitteln.

18:10
Trainingsmaßnahmen für ältere Autofahrer
S507-3 

M. Falkenstein; Bochum

Mit zunehmendem Alter treten Veränderungen sensorischer, motorischer und mentaler (kognitiver) Funktionen auf, die die Fahreignung beeinträchtigen können. Maßnahmen zur Förderung der Fahrtüchtigkeit Älterer sind zum einen verhältnisbezogen, wie die die altersfreundliche Gestaltung von Verkehrsumwelt und Fahrerassistenzsystemen. Verhaltensbezogene Maßnahmen hingegen beinhalten das individuelle Training fahrrelevanter Fähigkeiten und Fertigkeiten. Herkömmliche verhaltensbezogene Maßnahmen beinhalten Fahrtrainings auf dem Verkehrsübungsplatz, im Realverkehr oder im Fahrsimulator. Weitergehende Maßnahmen zielen auf die Verbesserung fahrrelevanter Fertigkeiten und Funktionen durch körperliches und kognitives Training.

Fahrsicherheitstrainings auf dem Übungsplatz sind nützlich, verändern aber nicht das für Ältere schwierige Fahren in schwierigen Situationen im realen Verkehr. Dies wird am besten durch ein Fahrtraining im Realverkehr eingeübt. Eine Trainingsstudie im deutschsprachigen Raum ist die Dortmunder Fahrtrainingsstudie. Nach dem Training erreichten die älteren (70+) Fahrer das Leistungsniveau, welches untrainierte Autofahrer mittleren Alters auf der Teststrecke zeigten. Relativ gute Fahrer benötigten nur wenige Trainingsfahrten, während relativ schlechte Fahrer ein längeres Training benötigten. Trainings am Fahrsimulator erbringen ebenfalls klare Verbesserungen des Fahrverhaltens Älterer; sie sind jedoch technisch aufwändiger als das Fahrtraining im Realverkehr.

Trainings spezifischer Fertigkeiten wie die Erkennung von Gefahrensituationen können nicht nur im Realverkehr sondern auch am PC durchgeführt werden. Kognitive und körperliche Funktionstrainings zielen auf die Verbesserung wichtiger Grundfunktionen, die für das Fahren essenziell sind, wie Aufmerksamkeit und exekutive Funktionen. Sie haben den Vorteil, dass sie sehr einfach und nach Einweisung auch ohne Trainer durchzuführen sind. Etliche Studien zeigen, dass ein PC-basiertes kognitives Training bei Älteren solche Funktionen verbessern kann; bei einigen Studien zeigen sich auch Verbesserungen des Fahrverhaltens. Motorisches und koordinatives Training bewirkt bei Älteren nicht nur motorisch-koordinative, sondern auch kognitive Verbesserungen. Zur Wirkung auf das Fahrverhalten sind weitere Studien notwendig.

18:30
Qualifizierte (freiwillige) Rückmeldefahrten für ältere Autofahrer
S507-4 

G. Rudinger; Bonn

Die Empfehlung des Arbeitskreises III „Senioren im Straßenverkehr“ beim 55. Deutschen Verkehrsgerichtstag 2017: „Für die Einführung genereller, obligatorischer und periodischer Fahreignungsüberprüfungen gibt es derzeit keine Grundlage“ basiert auf der Erkenntnis, dass es für solche Ansätze in keiner der großen internationalen Studien ein Effekt i. S. der Schadensvermeidung und des Sicherheitsgewinns ermittelt werden konnte. Derzeitige Verfahren zur Ermittlung der Fahrfähigkeit sind nicht in der Lage, eineindeutig und trennscharf Fahruntaugliche von Fahrtauglichen zu unterscheiden. Eine positive Kosten-Nutzen Bilanz ist unter ethischer, juristischer, ökonomischer und methodisch-wissenschaftlicher Perspektive nicht gegeben. Wir favorisieren personenorientierte Ansätze, deren Ziel die Ausschöpfung der individuellen Potenziale zur Aufrechterhaltung, Verbesserung oder auch Wiederherstellung einer sicheren Verkehrsteilnahme bis ins hohe Lebensalter ist. Dafür sind freiwillige Fahrproben im Realverkehr als „qualifizierte Rückmeldefahrt“ zu empfehlen: Beeinträchtigungen der Fahrfähigkeit (im Alter), die in diesem Kontext erkannt wurden, können durch gezieltes Training reduziert werden, ganz im Sinne, sich in eigener Verantwortung möglicher Defizite, ihrer Auswirkungen zu stellen und über Kompensationsmöglichkeiten umfassend zu informieren. Die Fahrverhaltensbeobachtung ermöglicht die Rückmeldung und Bewertung der Stärken und Schwächen und die Ableitung individueller nachfolgender Trainingsziele. Genau diese Mischung (aus Theorie und Praxis) führt zu besserem Fahrverhalten. Training ist nur erfolgreich, wenn Einsicht in die Zusammenhänge entwickelt wird. Ganz in diesem Sinne spricht sich auch die Landesverkehrswacht NRW dafür aus, dass Senioren ihre Fahrtüchtigkeit mit Hilfe von (freiwilligen) „Rückmeldefahrten“ mit einem Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz im Realverkehr prüfen. Entsprechend lautet auch die Empfehlung des Arbeitskreises III „Senioren im Straßenverkehr“ beim 55. Deutschen Verkehrsgerichtstag 2017: „Instrumente zur besseren Einschätzung der eigenen Fahrkompetenz sind zu entwickeln und wissenschaftlich zu evaluieren. Vorgeschlagen wird eine qualifizierte Rückmeldefahrt, deren Ergebnis ausschließlich dem Betroffenen mitgeteilt wird.“

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