Samstag, 08.09.2018
08:30 - 10:00
Hörsaal B
S601
Erfolgreiches Altern – weiterhin ein erfolgreiches Konzept der Alternsforschung?

Moderation: H.-W. Wahl, Heidelberg; C. Tesch-Römer, Berlin

„Erfolgreiches Altern“ ist seit über einem halben Jahrhundert ein zentrales Leitmotiv der Alternsforschung. Nicht allein normative Definitionen eines guten Lebens im Alter (z.B. Rowe & Kahn, 1987), sondern auch empirisch fundierte Modelle zu Mechanismen und Strategien (Baltes & Baltes, 1990) gehören zum Korpus dieses Wissenschaftsbereichs. Das Defizitbild des Alters wurde damit zu einem gewissen Teil überwunden. Mittlerweile hat sich der Fokus von individuellen Mechanismen auf gesellschaftliche Strategien gerichtet, und es wird die Frage gestellt, welche Ressourcen die Politik für ein erfolgreiches Altern bereitstellen kann. Allerdings ist die wissenschaftliche Diskussion zu diesem Konzept weiterhin kontrovers, und es ist nach wie vor zu fragen, ob es gelungen ist, Alter und Altern mit neuen, positiven Sichtweisen und Visionen zu besetzen. Problematische Aspekte des Begriffs „erfolgreiches Altern“ betreffen die implizite Abwertung des Altwerdens mit Unterstützungs- und Pflegebedarf sowie die Vernachlässigung der Vielfalt des Alterns. Personengruppen, die nach lebenslanger Benachteiligung auch im Alter keinen bevorzugten Status erreichen, werden häufig nicht in den Blick genommen, wenn von „erfolgreichem Altern“ die Rede ist. Angesichts dieser komplexen Situation möchten wir in diesem Symposium der Frage nachgehen, ob der Begriff des "Successful Aging", der ja rezent verschiedene Special Issues in hochrangigen Zeitschriften auslöste, nach wie vor geeignet ist, als Leitkonzept einer positiven und optimistischen Alternsforschung zu dienen. Nach einer kurzen Einführung (C. Tesch-Römer), werden vier konzeptuell orientierte Beiträge mit empirischen Bezügen aus verschiedenen Disziplinen (Psychologie: C. Wrzus, Geriatrie: J. Bauer, Philosophie: H.J. Ehni, Soziologie: S. Lessenich) sowie ein interdisziplinär orientierter "Versöhnungsversuch" vorgestellt (H.-W. Wahl).

08:30
Einführung
S601-1 

C. Tesch-Römer, Berlin

08:35
Erfolgreiches Altern aus der Perspektive der Psychologie: Diversität zwischen Personen, zwischen Funktionsbereichen und über die Zeit
S601-2 

C. Wrzus; Heidelberg

Der Beitrag beleuchtet das Thema erfolgreiches Altern und die Angemessenheit dieses Begriffs aus der Perspektive der Psychologie und fokussiert dabei auf soziale und emotionale Funktionsbereiche. Darunter versteht man die Quantität und Qualität von sozialen Beziehungen sowie das Erleben und den Umgang mit Emotionen. Es werden zunächst empirische Befunde, zur Diversität zwischen Personen hinsichtlich sozialer Beziehung und emotionaler Entwicklung vorgestellt. Diese Befunde basieren auf einer Meta-Analyse von 277 Studien und auf Panel-Studien mit mehr als 10.000 Teilnehmern. Zur Verdeutlichung von Diversität zwischen Funktionsbereichen und über die Zeit werden Ergebnisse aus mehreren experience-sampling-Studien präsentiert. Diese untersuchten soziale Kontakte und emotionales Erleben über mehrere Wochen wiederholt im Alltag mittels Smartphone-Befragungen und peripher-physiologischen Messungen. Es zeigte sich, dass Altersunterschiede in diversen emotionalen oder sozialen Bereichen verschieden ausgeprägt sind: beispielsweise fanden zwei Studien mit 378 und 92 Personen, dass emotionale und kardio-vaskuläre Stressreaktionen auf umschriebene Stresssituationen mit höherem Alter geringer ausgeprägt waren, aber in komplexen Stresssituationen mit höherem Alter stärker ausgeprägt waren. Die Befunde verdeutlichen, dass sich Unterschiede in erfolgreichem Altern nicht nur zwischen Personen manifestieren, sondern auch innerhalb von Personen zwischen verschiedenen Funktionsbereichen sowie innerhalb von Funktionsbereichen über die Zeit. Diese Diversität stellt infrage, dass einheitliche Kriterien für erfolgreiches Altern identifizierbar oder sinnvoll sind. Hingegen wird deutlich, dass die Berücksichtigung der Diversität sowohl zwischen als auch innerhalb von Personen eine Stärken-bzw. Ressourcenorientierte Betrachtung individuellen Alterns ermöglicht, da Bereiche mit gleichbleibender oder verbesserter Funktionsfähigkeit identifiziert werden können. Diese Ressourcenorientierte Betrachtung ermöglicht die (Weiter-)Entwicklung von Interventionen hin zu „customized interventions“.

08:47
Geriatrie
S601-3 

J. M. Bauer; Heidelberg

08:59
Erfolgreiches Altern - Perspektive der Philosophie
S601-4 

H.-J. Ehni; Tübingen

Die gerontologische Konzeption des erfolgreichen Alterns wie etwa diejenige, die von Rowe und Kahn vorgebracht und weiterentwickelt wurde, umfasst zwei grundlegende Funktionen. Erstens sollen bestimmte Formen des Älterwerdens und des Alters gegenüber anderen als „erfolgreich“ ausgezeichnet werden. Insofern sind diese Formen so bewertet, dass sie vorzuziehen sind oder als besser verstanden werden. So sind die Kriterien für erfolgreiches Altern nach Rowe und Kahn die Abwesenheit von Krankheit und Behinderung, ein hohes Niveau physischer und kognitiver Leistungsfähigkeit und eine aktive Beteiligung am gesellschaftlichen Leben (z.B. Rowe und Kahn 1997). Zweitens sollen sowohl für Individuen als auch die Gesellschaft Empfehlungen ausgesprochen werden, wie diese Formen zu erreichen sind. Beide Funktionen beruhen auf Wertungen. In einem bestimmten Sinn als positiv bewertet werden dabei Eigenschaften von Lebensweisen und die Lebensphase Alter. Durch solche Wertungen überschneidet sich die gerontologische Frage nach dem „erfolgreichen“ Alter(n) mit der philosophischen Frage nach dem „guten“ Leben. Dieser wechselseitige, interdisziplinäre Bezug wurde jedoch sowohl in der Gerontologie als auch in der Philosophie bisher wenig untersucht. Daher soll in diesem Beitrag zunächst dieses neue interdisziplinäre Untersuchungsfeld systematisch beschrieben werden. Hierzu wird eine hilfreiche Differenzierung der Philosophin Ursula Wolf herangezogen (Wolf 1999). Wolf unterscheidet fünf Ebenen der Frage nach dem guten Leben: Entscheidungen in einer gegebenen Situation, Konflikte zwischen unterschiedlichen Zielen, Konflikte zwischen individuellen und allgemein gesellschaftlich akzeptierten Zielsetzungen, Entscheidungen für eine Lebensform und schließlich die fünfte Ebene von existenziellen Krisen. Diese Ebenen und ihre Bezüge zum erfolgreichen Altern werden erläutert. Hierbei soll deutlich werden, wie beide Seiten von einem interdisziplinären Dialog profitieren können: Die Gerontologie, indem sie Themen wie Bedingungen des guten Lebens, Wertepluralismus und Umgang mit existenzieller Negativität in den Blick nimmt. Die Philosophie, indem sie auf die besonderen Umstände des Alter(n)s als Bedingungen und Herausforderungen für ein gutes Leben aufmerksam wird.

09:23
Erfolgreiches Altern als heuristisch fruchtbarer Begriff der Alternsforschung - ein „Versöhnungsversuch” zwischen Überschwang und Ablehnung
S601-6 

H.-W. Wahl, C. Tesch-Römer; Heidelberg, Berlin

Seit Jahrzehnten findet ein facettenreicher Kampf innerhalb (und außerhalb) der Alternsforschung, vor allem der behavioral-sozialen Alternsforschung, statt, um das traditionelle und wahrscheinlich in seiner Kraft immer wieder unterschätzte Defizitmodell des Alterns zurückzudrängen. Trotz vielfältig differenzierender Befunde und des Nachweises von Entwicklungspotenzialen im Alter erscheint es als schwieriges, wenn nicht aussichtsloses Unterfangen, ein allgemein bzw. weithin akzeptiertes „Positivmodell“ des Alterns zu etablieren. Im Vergleich zu anderen Begriffen und Modellen (von „gelingendem Altern“ bis zu „healthy aging“) gelingt dies unserer Ansicht nach am wirkungsvollsten dem seit Anfang der 50er Jahre geprägten Konzept des „erfolgreichen Alterns“. In diesem Beitrag entfalten wir ein vierteiliges Argument, um den Begriff des „erfolgreichen Alterns“ für die Alternsforschung fruchtbar zu machen, ohne sich allein auf Eliten (Personen mit hoher Bildung und hohem Einkommen) oder auf „gesunde“ Ältere zu beziehen. (1) Wir argumentieren, dass auch die neueste Rowe-Kahnsche Variante (Successful Aging 2.0) die hochwahrscheinliche empirische Realität außer Acht lässt, dass sich nicht allein unsere „aktive“, sondern auch unsere „passive“ Lebenserwartung in Zukunft weiter deutlich verlängern wird. (2) Wir argumentieren, dass eine Öffnung des Konzepts in Richtung „Communion“, „Dependency“ und Gestaltung von Pflegebeziehungen sinnvoll möglich ist. (3) Wir argumentieren, dass das visionäre Element des „Successful Aging“ überaus hilfreich für zukünftige Vorstellungen von Altern in den unterschiedlichsten Gestalten ist. (4) Wir argumentieren, dass eine stark pluralistische Vorstellung von erfolgreichem Altern für die Alternsforschung insgesamt heuristisch fruchtbar ist. Dies alles führt aus unserer Sicht dann auch zu einem deutlich kontextuellen und gesellschaftlich geprägten und weniger individuellen Ansatz in Bezug auf erfolgreiches Altern.

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