Donnerstag, 06.09.2018
15:30 - 17:00
Hörsaal D
S204
Freie Vorträge - Erfassung von gesundheitsbezogenen Aspekten im Alter

Moderation: C. Rott, Heidelberg

15:30
Unterschiede der Gesundheitskompetenz in der Lebensphase Alter
S204-1 

D. Vogt, E.-M. Berens, S. Gille, D. Schaeffer; Berlin, Bielefeld

Hintergrund und Fragestellung: Es deutet sich an, dass ältere Menschen über eine geringere Gesundheitskompetenz verfügen als die Allgemeinbevölkerung. Besonders ältere Menschen sind auf Gesundheitskompetenz angewiesen, um chronische Erkrankungen und Funktionseinbußen managen und ihre meist komplexe gesundheitliche Situation bewältigen zu können. In der deutschsprachigen Gesundheitskompetenzforschung wurden sie bisher jedoch kaum oder nur als homogene Gruppe untersucht. Ziel des Beitrags ist es daher die Ergebnisse einer altersdifferenzierten Analyse zur Gesundheitskompetenz von Menschen im höheren Lebensalter vorzustellen.

Methode: Für die Auswertung wurden Daten von älteren Befragten der HLS-GER-Studie unterteilt in drei Altersgruppen (65-70, 71-75, ab 76 Jahren) verwendet. Gesundheitskompetenz wurde mittels HLS-EU-Q47 erfasst, der eingeschätzte Schwierigkeiten in den Bereichen Krankenversorgung, Prävention und Gesundheitsförderung und den Dimensionen der Informationsverarbeitung (finden, verstehen, beurteilen und anwenden) misst. Es werden Indices zwischen 0 und 50 gebildet. Die Assoziationen zwischen den Gesundheitskompetenz-Indices und den Altersgruppen wurden mittels Varianzanalysen (ANOVA) geprüft.

Ergebnisse: Insgesamt konnten 475 Menschen ab 65 Jahren einbezogenen werden. Es zeigen sich statistisch signifikante Unterschiede zwischen den betrachteten Altersgruppen in allen Bereichen und Dimensionen. Besonders in höherem Alter ab 76 Jahren bereitet der Umgang mit gesundheitsbezogenen Informationen vermehrt Schwierigkeiten. Die Bereiche Krankenversorgung und Gesundheitsförderung sowie die Suche, das Verstehen und die Beurteilung von gesundheitsrelevanten Informationen werden von den älteren Befragten als besonders schwierig eingeschätzt.

Diskussion und Schlussfolgerung: Die Analyse unterstreicht die Notwendigkeit weiterer altersdifferenzierter Studien zur Gesundheitskompetenz. Deutlich wird zudem, dass bei der Interventionsentwicklung unterschiedliche Strategien differenziert nach Altersgruppen und -phasen erforderlich sind.

15:45
Erfassung der körperlichen Fitness und Selbstständigkeitsprognose in der Kommune
S204-2 

C. Rott, R. Fülop, M. Carbotti; Heidelberg

Hintergrund: Die Erhaltung der Selbstständigkeit bis ins höchste Alter ist eine zentrale Leitlinie der Seniorenpolitik auf allen Ebenen. Wie Selbstständigkeit operationalisiert und die dafür erforderliche körperliche Fitness erfasst werden soll, wird bislang zu wenig thematisiert. Häufig kommen Konzepte und Instrumente zum Einsatz (z.B. ADI/IADL), die nur ein basales Funktionsniveau abbilden. Zu öffentlichen Testungen mit geeigneten Instrumenten kommen meist aber nur aktive und fitte Ältere. Personen, die in ihrer Selbstständigkeit gefährdet sind, werden kaum erreicht. Ziel der Studie war es daher, diese Gruppe durch einen zugehenden Ansatz für eine Testung zu gewinnen.

Methoden: Innerhalb eines Jahres wurden in allen 11 Seniorenzentren (SZ) der Stadt Heidelberg im Rahmen von Informationsveranstaltungen zum Thema Selbstständigkeit im Alter Fitness-Testungen angeboten. 152 Frauen und 33 Männer im Alter von 61 bis 94 Jahren nahmen daran teil. Die Erfassung der Fitness erfolgte mit dem Alltags-Fitness-Test (AFT, deutsche Version des Senior Fitness Tests von Rikli & Jones, 2013). Der Test misst die Kraft der Beine und Armen, die Ausdauer, die Beweglichkeit der unteren und oberen Extremitäten und die Geschicklichkeit. Anhand von Fitnessstandards kann eine Prognose der zukünftigen Selbstständigkeit erstellt werden.

Ergebnisse: Während die Beinkraft insgesamt recht gut ausgeprägt war, gab es große Defizite in der Schulterbeweglichkeit. 40% der Frauen und 36% der Männer hatten eine gute Prognose für ein selbstständiges Leben. Bei 44% (82 Personen) lag ein erhebliches Risiko für einen Selbstständigkeitsverlust vor. Als besonders gefährdete Gruppe erwiesen sich Männer im Alter von 60-79 Jahren.

Schlussfolgerung: Durch einen zugehenden Ansatz können in ihrer Selbstständigkeit gefährdete ältere Menschen erreicht werden. Es ist Aufgabe der Kommunen, für solche Personen effektive Bewegungsprogramme bereitzustellen, um Gebrechlichkeit und Pflegebedürftigkeit zu verzögern oder sogar zu verhindern. Die Möglichkeit einer kontinuierlichen Fitness-Testung sollte in der Kommune installiert werden.

16:00
MINDMAP Umfrage zu gesundheitspolitischen Strategien und Programmen zur Förderung der mentalen Gesundheit und Prävention mentaler Störungen älterer Menschen in Europa (European Commission, HORIZON 2020, grant agreement no 667661)
S204-3 

L. Neumann, U. Dapp, W. Jacobsen, F. van Lenthe, W. von Renteln-Kruse; Hamburg, Rotterdam/NL

Fragestellung: Das MINDMAP Konsortium (2016–2019) erforscht Zusammenhänge zwischen urbaner Umwelt und Lebensqualität zur Förderung mentaler und funktionaler Gesundheit älterer Menschen in Europa. Dafür werden die urbanen Langzeit-Kohorten GLOBE, HAPIEE, HUNT, LASA, LUCAS, RECORD, Rotterdam Study, Turin Study zusammengeführt. Ergänzend wurde eine Erhebung zu Strategien und Programmen zur Förderung mentaler Gesundheit im Alter in den dazugehörigen Städten Amsterdam, Eindhoven, Hamburg, Helsinki, Kaunas, Krakau, London, Nord-Trøndelag, Paris, Prag, Rotterdam und Turin durchgeführt. Die detaillierte Bestandsaufnahme zu Gesundheitsstrategien und Programmen diente der Untersuchung der Variabilität sowie der Ableitung von Empfehlungen für Wissenschaft, Politik und kommunale Planung unter Nutzung der Erkenntnisse der MINDMAP Städte.

Methodik: Die MINDMAP Partner benannten jeweils Experten mit bestmöglichem Überblick über das lokale Gesundheitsgeschehen (mentale Gesundheit) in den 12 Städten. Nach einem Pre-Test wurden semi-strukturierte Telefon-Interviews (1–2 h) durch dieselbe Person durchgeführt. Das Interview thematisierte Strategien und Strategien auf nationaler und städtischer Ebene und Programme und Anbieter zur Förderung der mentalen Gesundheit. Für die strukturierte Evaluation in einer Bewertungsmatrix wurden das geriatrische Kontinuum der Funktionalität und der WHO Public-Health Framework for Healthy Ageing zugrunde gelegt. Dafür analysierten zwei unabhängige Mitarbeiter die Interview-Transkripte, extrahierten und transformierten Interviewinformationen in die Bewertungsmatrix.

Ergebnisse: In der Vollerhebung (12/12 Städte) wurden 41 Strategien und 280 Programme auf Stadtebene berichtet. Jede Stadt benannte mindestens 1 relevante gesundheitspolitische Strategie zur Stärkung der mentalen Gesundheit (Range 1-7). Die Evaluation ergab, dass ältere Personen und spezifische Zielgruppen sowie multidimensionale Programme (bio-psycho-sozialer Ansatz) stärkere Berücksichtigung finden könnten.

Zusammenfassung: Die Ergebnisse zeigen eine große Bandbreite im Umgang mit den Herausforderungen des gesunden Älterwerdens und unterstreichen physische und mentale Fähigkeiten älterer Menschen sowie deren Wechselwirkungen mit dem städtischen Lebensraum.

16:15
Erreichbarkeit von Pflegeheimbewohner/innen in Gesundheitssurveys -Ergebnisse aus der Studie Improving Health Monitoring in Old Age (IMOA) des Robert Koch-Instituts
S204-4 

J. Fuchs, C. Koschollek, B. Gaertner, M. Grube, D. Lüdtke, M. Wetzstein, C. Scheidt-Nave; Berlin

Im Rahmen der Gesundheitssurveys des Robert Koch-Instituts werden bundesweit repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung Gesundheitsbefragungen und –untersuchungen durchgeführt. Pflegeheimbewohner/innen (PHB) waren bisher kaum erreichbar. Die durch die Robert Bosch Stiftung geförderte IMOA-Machbarkeitsstudie testete das auf Einwohnermeldeamts(EMA)-Stichproben  basierende Stichprobendesign dahingehend, ob Personen, die im Pflegeheim wohnen, in der Stichprobe identifiziert werden können und hinreichend  vertreten sind. In EMA-Registern ist für Personen, die in Institutionen wohnhaft gemeldet sind, ein bedingter Sperrvermerk (bSV) eingerichtet, ohne Hinweis auf ein Pflegeheim.

In der ersten Stufe des Auswahlverfahrens wurden sechs nach Stadt/Land und Ost/West stratifizierte Gemeinden in Deutschland festgelegt, in der zweiten Stufe insgesamt 8.000 Personen ab 65 Jahren zufällig aus den EMA-Registern ausgewählt.  Dabei sollten Personen mit bSV in die Ziehung explizit eingeschlossen und der bSV übermittelt werden. Die Ermittlung der Adressen von Pflegeheimen in den ausgewählten Gemeinden erfolgte auf verschiedenen Wegen: 1. den übermittelten bsV, 2. durch eine manuelle Internetrecherche von Pflegeheimen in den ausgewählten Gemeinden (inkl. Prüfung, ob Adresshäufungen auf ein Pflegeheim hinweisen) und 3. dem Kauf von Pflegeheimadressen bei einem kommerziellen Anbieter. Die darüber ermittelten Anteile identifizierter PHB in der Stichprobe wurden mit Daten der Pflegestatistik verglichen.

Insgesamt wurden 382 PHB unter 114 Pflegeheimadressen identifiziert. Die EMAs übermittelten nur teilweise den bsV. Die größte Übereinstimmung mit den Daten der Pflegestatistik lieferte die Internetrecherche mit anschließendem Abgleich von Adresshäufungen (4,6% vs. 4,2%). Die Identifikation von bSV-Adressen lieferte in den übermittelnden Gemeinden eine Pflegeheim-Quote von 3,5% und ähnelt damit dem Ergebnis des Adresskaufs (3,0%).

In EMA-Stichproben sind PHB zwar in den zu erwarteten Raten vertreten, können jedoch nicht ohne zusätzlichen personellen Aufwand identifiziert werden. Für diese Zielgruppe wird künftig ein auf sie angepasstes Erhebungsdesigns benötigt, um sie zur Teilnahme an den Surveys gewinnen zu können.

16:30
Schmerzverarbeitung bei pflegebedürftigen älteren Menschen mit chronischen Schmerzen im ambulanten Bereich - Prüfung des FESV mittels Behavior Coding
S204-5 

A. Wenzel, A. Budnick, J. Schneider, R. Kreutz, D. Dräger; Berlin

Hintergrund: Chronische Schmerzen stellen für den älteren Menschen ein bedeutsames Gesundheitsproblem dar, da diese im Langzeitverlauf Pflegeabhängigkeit fördern oder eine Steigerung der Intensität des Pflegebedarfs hervorrufen können. Im Rahmen des Projekts „Development of a Model for Pain Management in Older Adults ReCeiving home CarE” (ACHE) wird mittels des Fragebogens zur Erfassung der Schmerzverarbeitung (FESV) das Bewältigungsrepertoire sowie die schmerzbedingten Beeinträchtigungen pflegebedürftiger älterer Menschen mit chronischen Schmerzen beschrieben. Der FESV ist bereits an mehreren Stichproben chronischer Schmerzpatienten, u.a. Pflegeheimbewohnern, überprüft worden. Insbesondere in der Pflegeheimbewohnerpopulation kam es jedoch zu einer Häufung fehlender Werte. Die Gründe dafür sind jedoch unklar. Somit ist das Ziel der vorliegenden Untersuchung, mittels des Behavior Codings, die Eignung des FESV bei älteren pflegebedürftigen Personen mit chronischen Schmerzen zu prüfen.

Methoden: Der FESV umfasst 38 Items mit einer 6-stufigen numerischen Rating-Skala. Erfasst werden drei Bereiche (schmerzbedingte psychische Beeinträchtigungen sowie die kognitive und behaviorale Bewältigung). Der Klassifizierung von Interviewer- und Befragtenverhalten liegt ein Behavior Coding System zugrunde, welches an Prüfer u. Rexroth (1996) angelehnt ist. Mit diesem System wurden während der Interviews Verhaltensweisen erfasst, um potentielle Schwierigkeiten mit dem FESV zu ermitteln. Vor der Interviewdurchführung wurde mit dem Mini Mental Status Test (MMST) der kognitive Status erfasst.

Ergebnisse: Von 11/2017 bis 04/2018 konnten 20 Interviews klassifiziert werden. Das Durchschnittsalter der Befragten lag bei 81,45 Jahren (SD 7,42). In die Analyse wurden vier Interviewerinnen sowie 16 weibliche und drei männliche Probanden eingeschlossen. Der MMST Score lag im Mittel bei 25,8 (SD 4,07). Die Interviews wurden von einem Beobachter (Coder) mittels des entwickelten Codesystems bewertet. Erste Ergebnisse zeigen, dass der Sinn der Items von den Probanden erfasst wurde, sich jedoch die 6-stufige numerische Rating-Skala als schwierig erweist.

Diskussion: Insgesamt weisen die ersten Ergebnisse darauf hin, dass der FESV trotz seiner Komplexität zur Erfassung der Schmerzverarbeitung bei älteren Pflegebedürftigen geeignet ist. Wir empfehlen jedoch eine Vergleichsstudie mit dem FESV, bei der 3 bis 7-stufige numerische Rating-Skalen miteinander verglichen werden.

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