Samstag, 08.09.2018
11:15 - 12:45
Seminarraum 16
S710
Empirische und konzeptuelle Beiträge zur Technikforschung mit Älteren

Moderation: T. Kolling, Frankfurt a. M.; H.-W. Wahl, Heidelberg

Der Einsatz von Technik bei alternden Personen soll u.a. dazu beitragen, Wohlbefinden zu erhalten, Autonomie zu stärken, soziale Teilhabe zu verbessern sowie die Gesundheitsversorgung zu verbessern. In diesem Symposium sollen aktuelle Studienbeispiele zu diesen Bereichen dargestellt werden. In einem ersten Vortrag (Uwe Sperling, Universitätsmedizin Mannheim, Geriatrisches Zentrum) wird untersucht, inwiefern der Einsatz von IT-gestützten Informationsplattformen, die den Austausch der in der geriatrischen Versorgung beteiligten Akteure (bspw. Pflegende, Therapeuten, Hausärzte) verbessern, einen positiven Einfluss auf Wohlbefinden hat. Ebenfalls werden in diesem Vortrag Akzeptanzbarrieren und Fragen des Datenschutzes diskutiert. In einem zweiten Vortrag (Sven Kernebeck, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen) werden potentielle Anwendungsszenarien moderner Conversational User Interfaces (CUI) im Gesundheitswesen dargestellt. Weiterhin werden Potenziale sowie mögliche Problemfelder von CUIs herausgearbeitet. In einem dritten Vortrag (Susanne Wallrafen, Sozialholding Stadt Mönchengladbach) wird das Projekt “UrbanLife+” präsentiert, welches durch den Einsatz von Techniklösungen die Verbesserung der Teilhabe von Seniorinnen und Senioren im urbanen Raum ermöglichen soll. Die bisherigen empirischen Ergebnisse, die mit Hilfe einer qualitativen Anforderungsanalyse erhoben wurden, reflektieren einerseits individuelle fördernde und hindernde Faktoren der Techniknutzung (z.B. Techniknutzung und –einstellung) als auch mögliche Barrieren im Quartier. In einem vierten Vortrag (Thorsten Kolling, Universität Frankfurt) werden aus einer primär psychologischen Theorieperspektive individuelle Vorbedingungen der Akzeptanz und Wirksamkeit von Technik anhand vorhandener empirischer Daten (Kommunikations- sowie emotionale Robotik) vorgestellt. Weiterhin wird analysiert, unter welchen Bedingungen der Einsatz von Technologie zu positiver oder negativer Altersstereotypisierung führen kann. Die Vorträge werden abschließend von Frau Cornelia Kricheldorff vor dem Hintergrund der aktuellen Lage der Forschung zu Technik im Alter im deutschsprachigen Raum kritisch reflektieren.

11:15
GeriNetzBW: Unterstützung geriatrischer Netzwerke in Baden-Württemberg durch den IT-basierten Austausch von Routinedaten
S710-1 

U. Sperling, T. Obenauer, H. Burkhardt; Manheim

An der geriatrischen Behandlung sind zahlreiche Berufsgruppen beteiligt: Pflegende, Therapeuten, Haus- und Fachärzte, Akut- und Rehakliniken, Sanitätshäuser und Apotheken. Oft haben sie jedoch zu wenig Austausch untereinander und mit koordinierenden Stellen. Es fehlt an konkreten vernetzten Konzepten und an passgenauen IT-Lösungen für die Erfassung, Speicherung und den Austausch der nötigen Informationen, um effizient zum Wohl des Patienten zusammenzuarbeiten. Wie diese Lücke geschlossen werden kann, haben das Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe, das Deutschen Rote Kreuz in Bad Friedrichshall und die Universitätsmedizin Mannheim, Geriatrisches Zentrum im Projekt GeriNetzBW, gefördert vom Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg, erforscht. Im städtischen (Mannheim) und im ländlichen Raum (Bad Friedrichshall) wurden exemplarisch Versorgungsnetze mit Workshops und interdisziplinären Fallbesprechungen aufgebaut und unterstützt. U. a. waren 4 Pflegeheime, 5 Ärzte, 4 Therapeuten, 3 Sanitätshäuser involviert. Mit Beteiligung der Akteure wurde eine IT-Lösung (GeriNetzBW-Software) entwickelt und in der Praxis erprobt. Flankiert wurden diese Maßnahmen durch die Eingangsanalyse der genutzten Dokumentations- und Kommunikationsstrukturen, die Prozessentwicklung zur fachlichen Abstimmung der Patienteneinschätzung, die wöchentliche Befragung der Akteure in Bezug auf die GeriNetzBW-Software und eine Befragung am Ende der Feldphase. Die Akteure benannten Kommunikationslücken, die durch bessere Vernetzung und den Einsatz von integrierten IT-Lösungen geschlossen werden können. Die Dokumentation und der Austausch von Basisinformationen sind durch den Einsatz der GeriNetzBW-Software grundsätzlich gelungen. Um ihre Potentiale auszuschöpfen, müssen möglichst viele an der Behandlung beteiligte Akteure sie aktiv nutzen. Die dafür notwendige Integration in die bestehenden IT-Systeme der Praxen, Pflegeheime und Sanitätshäuser stößt jedoch auf erhebliche Hürden, die im Rahmen des Projekts erforscht, aber nicht überwunden werden konnten. Datenschutzrechtliche und ethische Fragen haben eine hohe Bedeutung. Mit GeriNetzBW wurde eine zukunftsweisende Strategie zur IT-gestützten Vernetzung der bei der geriatrischen Behandlung beteiligten Akteure demonstriert.

11:35
It´s a Long Way to the Bot! Zeitenwende bei der altersgerechten Mensch-Technik-Interaktion durch Chatbots und Conversational User Interfaces auf Basis Künstlicher Intelligenz?
S710-2 

S. Kernebeck; Witten

Wie Menschen mit Technik interagieren, ist durch die exponentielle Entwicklung von Computerleistungen und Speicherkapazitäten einem kontinuierlichen Wandel unterzogen. Solch rapide Entwicklungen erfordern im Alter eine fortlaufende Anpassung der Nutzer*Innen an neue Interaktionsmöglichkeiten mit Technologien. Dies ließ sich bei der Evolution des Graphical User Interface (GUI) als Schnittstelle zwischen Mensch und Technik beobachten. Aktuell ist bei der Mensch-Technik-Interaktion ein Paradigmenwechsel von Graphical User Interfaces, zu chatbot-basierten Conversational User Interfaces (CUI) zu beobachten. CUI´s bestehen vordergründig aus einer Text-Messaging-Oberfläche, wie sie z.B. von WhatsApp bekannt ist. Die Interaktion zwischen Mensch und Technik funktioniert also auf Basis von text- oder sprachbasierten Dialogen. Hierbei werden die Eingaben der Nutzer*Innen analysiert, worauf softwarebasiert eine Antwort ausgegeben wird. Chatbot-basierte CUI´s werden zunehmend mit Methoden aus Computerwissenschaft und Linguistik entwickelt, wie z.B. Natural-language Processing (NLP) und Künstlicher Intelligenz (KI). So lassen sich unstrukturierte Informationen und Kontextwissen zu Krankheitssymptomen durch Text oder Sprache eingeben. Auf dieser Basis werden Informationen zu wahrscheinlichen Diagnosen bereitgestellt: Dies demonstrieren Chatbots wie Ada bereits eindrucksvoll. Vorteile eines CUI sind z.B. die Reduktion von Komplexität und einer Orientierung der Mensch-Technik-Interaktion an menschlichen Kommunikationsgewohnheiten. Diese Form der Interaktion genießt bei älteren Menschen bereits breite Akzeptanz und erfordert somit kaum Gewöhnung oder Einweisung, wie es bei regulären GUI´s oft der Fall ist. In diesem Beitrag werden Potentiale und Herausforderungen von chatbot-basierten CUI´s im Kontext von Alter, Technik und Gesundheit diskutiert. Hierzu werden Merkmale von Chatbots sowie Einsatzszenarien im Gesundheitswesen dargestellt. Zudem werden mögliche Fragestellungen diskutiert, die bei der Entwicklung und Evaluation von Chatbots und der altersgerechten Technikgestaltung eine Rolle spielen. Zum Beispiel stellen sich Fragen, wie die Sprache und der Dialog-Fluss zwischen Mensch und Chatbot gestaltet werden müssen, damit die Konversation durch die Nutzer*Innen als natürlich und nicht verletzend oder zu „maschinell“ empfunden werden. Genauso sind Einflüsse wie Alter, Kultur oder der Bildungsgrad der Nutzer*Innen Faktoren, die die Nutzung und die Akzeptanz beeinflussen.

11:55
UrbanLife+: Teilhabe von Seniorinnen und Senioren am städtischen Leben in Mönchengladbach durch Mensch-Technik-Interaktion (MTI)
S710-3 

S. Wallrafen, H. Wallrafen; Mönchengladbach

Der alte Mensch möchte so lange wie möglich – auch mit seinen altersbedingten Einschränkungen - selbstbestimmt in seiner eigenen Häuslichkeit, seinen eigenen vier Wänden leben. Selbstbestimmtes Leben findet allerdings nicht nur in den eigenen vier Wänden statt. Er möchte auch weiterhin in „seinem Quartier“ agieren, dort Menschen treffen und Angebote jedweder Art nutzen, allumfassend (soziale) Teilhabe erfahren. Selbstbestimmung und Teilhabe älterer Menschen werden aber wesentlich davon bestimmt, wie sicher sie sich in ihrer jeweiligen Umgebung bewegen können. Nachlassende Fähigkeiten zur Interkation mit der Umgebung schränken die soziale Teilhabe Älterer jedoch ein, teils bis hin zur sozialen Isolation. Hier eröffnen Methoden der Mensch-Technik-Interaktion (MTI) vielfältige neue Möglichkeiten, altersbedingte Einschränkungen auszugleichen. Im Mittelpunkt stehen die Wünsche und Anforderungen der alten Menschen an ihren unmittelbaren Sozialraum (Quartier) sowie die Verbesserung der empfundenen Sicherheit für unterstützungsbedürftige Menschen bei der Bewegung im öffentlichen Raum durch den Einsatz von MTI-Innovationen. Zur gezielten Analyse der Anforderungen und Bedürfnisse der Zielgruppe wurden im ersten Schritt über 130 leitfadengestützte Interviews mit Heimbewohnern und Einwohnern zweier Stadtteile in Mönchengladbach geführt. Auf Basis dieser empirischen Ergebnisse konnte ein Fragebogen entwickelt werden, der in über 6.000 Haushalte verschickt wurde. Mit einer Rücklaufquote von über 21 % konnten Erkenntnisse über die Zielgruppe 65+ gewonnen werden: zu soziodemografischen Aspekten, zur Mobilität, zu Barrieren im Sozialraum sowie zur Nutzung von und Einstellung zu Technologien wie PC, Smartphone oder Tablet. Im weiteren Verlauf des Forschungsprojektes UrbanLife+, das noch bis Oktober 2020 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, werden diese Erkenntnisse genutzt, um gezielt MTI-Innovationen zu entwickeln, die auf die Bedürfnisse der Nutzer ausgerichtet sind. Erprobt werden erste Entwicklungen bereits prototypisch. Darüber hinaus werden in konkreten Einsatzprojekten Praxislösungen für Handel, Industrie und Dienstleister entwickelt, getestet und evaluiert, mit dem Ziel Möglichkeiten innovativer Gestaltung seniorengerechter Stadtquartiere aufzuzeigen.

12:15
Technik im Alter: Psychologische Zugãnge zu Akzeptanz, Wirksamkeit und Stereotypisierung
S710-4 

T. Kolling, Frankfurt a. M.

Die Themen Digitalisierung und Robotisierung einer demographisch sich wandelnden westlichen Gesellschaft nehmen in der öffentlichen sowie wissenschaftlichen Diskussion aktuell eine bedeutsame Rolle ein. Der vorliegende Beitrag reflektiert vor dem Hintergrund psychologischer Mechanismen der Lebensspannenentwicklung (z.B. selektive Optimierung mit Kompensation, sozio-emotionale Selektivitätstheorie) proximale (z.B. Technikerfahrung) und distale (z.B. Persönlichkeit) Variablen, die auf die Akzeptanz und Wirksamkeit etablierter, moderner sowie zukünftiger Technologien durch ältere Nutzergruppen einwirken. Ebenfalls werden theoretische Ideen sowie empirische Befunde zur Bedeutung positiver sowie negativer Stereotypisierung durch Techniknutzung im höheren Alter vorgestellt.

Diskutantin: C. Kricheldorff, Freiburg

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