Donnerstag, 06.09.2018
13:45 - 15:15
Seminarraum 14
S109
Das EXTEND Projekt: Wachsende Soziale Ungleichheiten in der späten Erwerbsphase, beim Rentenübergang und in der Rentenphase

Moderation: M. Heß, Berlin; G. Naegele, Dortmund

Als Reaktion auf die demografische Alterung und den damit eingehenden Bedenken bezüglich der langfristigen finanziellen Stabilität der Sozialversicherungssysteme fand in vielen europäischen Ländern ein Wandel von einer Politik der Frühverrentung zu einer des längeren Arbeitens statt. Begleitet wird der politische Wandel von veränderten Einstellungen und Verhalten von Arbeitgebern gegenüber älteren Arbeitnehmer*innen. Wurden diese lange als eher teuer und unproduktiv wahrgenommen, werden sie zunehmend als Pool für erfahrene und verlässliche Arbeitskräfte angesehen, die helfen können, die Lücken des Fachkräftemangels zu schließen. Sowohl auf der nationalen als auch auf der betrieblichen Ebene gibt es daher Bemühungen, den Renteneintritt hinauszuschieben und das Arbeitsleben zu verlängern. In vielen Ländern Europas werden gesetzliche Renteneintrittsalter angehoben und Frühverrentungsmöglichkeiten abgeschafft. Unternehmen führen alter(n)s- und lebenslauforientierte Personalmaßnahmen ein und ermöglichen flexible Rentenübergänge. Diese Anstrengungen waren erfolgreich, und die Renteneintrittsalter und Beschäftigungsraten älterer Arbeitnehmer*innen steigen in Europa. Allerdings gibt es vermehrte Warnungen, dass nicht alle Älteren gleichermaßen von den Reformen profitieren und es zu neuer sozialer Ungleichheit in der Phase des Rentenübergangs kommt. Das Ziel des Projekts EXTEND ist es diese potentiellen Ungleichheiten zu untersuchen. Im Symposium sollen die Arbeit und Ergebnisse präsentiert werden.

Im ersten Vortrag „Das EXTEND-Projekt: Überblick“ von Gerhard Naegele wird ein Überblick über das Projekt gegeben und die grundlegende Idee, Fragestellung Leithypothese dargestellt. Im Fokus des zweiten Vortrags von Philipp Stiemke und Moritz Heß stehen die Veränderungen auf der institutionellen Ebene und die Arbeitsmarkt- und Rentenreformen, welche auf eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit abzielen. Auf der betrieblichen Ebene untersucht Mariann Rigó wie sich alter(n)sfreundliche Personalmaßnamen auf wirtschaftliche Kennzahlen von Unternehmen auswirken und Jana Mäcken präsentiert Ergebnisse ihrer Promotion zum Einfluss von berufsbedingtem Stress bei älteren Arbeitnehmer*innen auf die Gesundheit und das Renteneintrittsalter.

13:45
Das EXTEND-Projekt: Überblick
S109-1 

G. Naegele; Dortmund

Soziale Ungleichheiten im Alter galten lange Zeit als „verschollene“ Themen der sozialen Gerontologie, obwohl in der Realität immer präsent. Mit den politischen Reformen zur Bewältigung der zumeist demografischen Herausforderungen, mit denen die sozialen Sicherungssysteme und der Arbeitsmarkt nicht nur in Deutschland konfrontiert sind und die allesamt auf die Überwindung der bis dahin weit verbreiteten Frühverrentungspraxis und/oder die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung Älterer hinauslaufen (in Deutschland z.B. „Rente mit 67“), haben sich neue soziale Ungleichheiten ergeben bzw. bereits bestehende aktualisiert. EXTEND (Acronym für Extending working Lives) untersucht dies am Beispiel der Übergänge in die Rentenphase und für die Zeit unmittelbar danach. Das Projekt ist gefördert im ersten Call der EU-Joint Programme Initiative More Years Better Life und wird in Dänemark, Deutschland, Finnland, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich unter der wissenschaftlichen Gesamtleitung der Forschungsgesellschaft für Gerontologie/Dortmund durchgeführt. Der Vortrag gibt einen Überblick über seine sozialpolitische und sozialgerontologische Verortung im deutschen und im EU-Kontext sowie einen Einblick in die insgesamt 8 Arbeitspakte einschließlich der wichtigsten projektspezifischen theoretischen Grundannahmen (CAD, Institutionalismus, Lebenslage-Konzept) und der jeweiligen methodischen Zugänge (u.a. Sekundäranalysen, Fallstudien, Einzel- und Fokusgruppen-Interviews, Dokumentenanalysen) EXTEND ist lösungsorientiert („solution driven“) und hat vier Schwerpunkte: (1) Analyse der praktizierten und geplanter Rentenpolitiken mit dem Ziel, Lebensarbeitszeit zu verlängern, (2) Rolle des Gesundheitszustandes vor und nach der Verrentung, (3) Betriebe als Akteure im Verrentungsgeschehen und als Mediator von sozialen Ungleichheiten (am Beispiel des Pflegesektors) sowie (4) „good practices“ und „cost benefit analysis“ von sozialpolitisvchen Maßnahmen zur Vermeidung/Überwindung sozialer Ungleichheiten. Die Kernhypothese von EXTEND lautet: "The measures to achieve extension of working lives will exacerbate social inequalities that have existed during the life-course and will lead to increasingly greater inequality."

14:05
Von Frühverrentung zum längeren Arbeiten: Reformen und Beschäftigung älterer Arbeitnehmer*innen in Europa
S109-2 

P. Stiemke, M. Heß, G. Naegele; Dortmund

In den letzten Jahren fand in Europa ein grundlegender Wandel von einer Politik der Frühverrentung zu einer des längeren Arbeitens statt. Ziel ist es ältere Arbeitnehmer*innen länger im Erwerbsleben zu halten und so die finanzielle Stabilität der gesetzlichen Rentenversicherungen zu garantieren. So wurden gesetzliche Renteneintrittsalter erhöht, Frühverrentungspfade geschlossen und private Altersvorsorge gestärkt. Es scheint, als zeigten die Reformen Wirkung, da tatsächliche Renteneintrittsalter und Beschäftigungsquoten ältere Arbeitnehmer*innen in Europa steigen, wenn auch mit großen Unterschieden zwischen den Ländern.

Im Beitrag wird untersucht, wie sich dieser Anstieg des tatsächlichen Renteneintrittsalters und Beschäftigungsquoten ältere Arbeitnehmer*innen sowohl zwischen den Ländern als auch zwischen Gruppen von älteren Arbeitnehmer*innen unterscheiden.

Hierfür werden in einem ersten Schritt exemplarisch für die fünf Länder Großbritannien, Niederlande, Finnland, Dänemark und Deutschland, die als „Early Mover“ Länder angesehen werden können, die Renten- und Arbeitsmarktreformen dargestellt. Weiterhin werden die Beschäftigungsquoten Ältere basierend auf Daten des Labour-Force-Survey differenziert dargestellt. Erste Ergebnisse zeigen, dass der Anstieg der Beschäftigungsquoten am stärksten bei Personen mit mittlerer Bildung ist, wobei die Quote insgesamt bei Älteren mit hoher Bildung am höchsten ist, was darauf schließen lässt, dass nicht alle älteren Arbeitnehmer*innen gleichermaßen von dem Politikwechsel profitieren beziehungsweise die nötigen Voraussetzungen für einen längeren Verbleib im Erwerb haben. Diese Unterschiede werden nun in einem dritten Analyseschritt für Deutschland, wo der Anstieg der Beschäftigungsquoten am steilsten war, mit Daten des Deutschen Alterssurvey (DEAS) genauer untersucht. Hierfür wird mit linearen Regressionen der Einfluss von Qualifikationsniveau, Geschlecht und weiteren Faktoren auf das Renteneintrittsalter für zwei Renteneintrittskohorten (2004–2009) und (2010–2014) untersucht. Dabei zeigt sich auch beim Renteneintrittsalter eine Individualisierung des Rentenübergangs.

14:25
Finanzielle Bewertung spezifischer HR-Maßnahmen durch das Deutsche Betriebspanel
S109-3 

M. Rigó; Dortmund

In jüngster Zeit wurde in vielen europäischen Ländern ein Politikwechsel von der Frühverrentung zum späteren Renteneintritt eingeleitet. Obwohl offizielle Regelungen ein wirksames Instrument sind, um Arbeitnehmer*innen länger im Beruf zu halten, können sie zu wachsenden sozialen Ungleichheiten führen und gering qualifizierte Arbeitnehmer*innen besonders benachteiligen. Längeres Arbeiten in einem angemessenen Arbeitsumfeld würde nicht nur den Sozialversicherungssystemen zugutekommen, sondern auch den einzelnen Mitarbeiter*innen, die in der Lage und bereit sind, in bezahlter Arbeit zu bleiben. Daher ist die Entwicklung von Strategien, die darauf abzielen, ein angemessenes und unterstützendes Arbeitsumfeld für Arbeitnehmer*innen zu gewährleisten, und die Analyse dieser Strategien sowohl aus mikroökonomischer als auch aus makroökonomischer Sicht von großer Bedeutung. Die Untersuchung beleuchtet verschiedene HR-Strategien auf organisatorischer Ebene, die darauf abzielen, das Arbeitsleben der Mitarbeiter*innen zu verlängern. Im Einzelnen werden die finanziellen Auswirkungen von Maßnahmen zum Altersmanagement, Gesundheitsmanagement und Work-Life-Balance-Management auf die Unternehmen analysiert. Zur Durchführung der Analyse werden Daten des Deutschen Betriebspanels mit jährlich rund 15.000 Betrieben verwendet. Die finanzielle Leistungsfähigkeit der Unternehmen wird anhand ihrer Arbeitsproduktivität (Umsatz/Beschäftigung) und einer fünfstufigen Rentabilitätskennzahl bewertet. Die verschiedenen Regressionsspezifikationen beinhalten Kontrollen für detaillierte Branchen, Betriebsgröße und Tarifstatus. Die Querschnitt- und Korrelationsanalysen deuten darauf hin, dass Unternehmen, die mindestens eine Art von spezifischen HR-Maßnahmen eingeführt haben, im Durchschnitt produktiver und profitabler sind. Die Panelschätzungen finden geringere Auswirkungen und deuten auf keine oder nur geringe positive Auswirkungen auf die finanzielle Leistungsfähigkeit der Unternehmen hin. Die Ergebnisse im Gesundheitssektor sind qualitativ ähnlich und implizieren etwas geringere Auswirkungen auf die Produktivität und größere Auswirkungen auf die Rentabilität.

14:45
Berufsbedingter Stress bei älteren Arbeitnehmern. Auswirkungen auf die Gesundheit und das Renteneintrittsalter
S109-4 

J. Mäcken; Köln

Hintergrund: Politische Entscheidungsträger in alternden Gesellschaften zielen durch das Heraufsetzten des Renteneintrittsalters auf eine Verlängerung des Arbeitslebens. Ungeachtet der Bemühungen gehen viele Beschäftigte vorzeitig in den Ruhestand. Vorangegangene Forschung hat gezeigt, dass der Hauptgrund für den vorzeitigen Ruhestand ein schlechter Gesundheitszustand ist. Die Gesundheit wird wiederrum vom Arbeitsumfeld beeinflusst, in der ein Großteil der Menschen einen vergleichsweise hohen Anteil der Lebenszeit verbringt. Auch die Zunahme der Prävalenz von psychischen Erkrankungen zeigt, dass Arbeitsbelastungen zu einem immer größeren Risiko für Gesundheit und Frühverrentung geworden sind.

Ziel: Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen berufsbedingtem Stress und dem Renteneintrittsalter. Des Weiteren wird analysiert, ob Gesundheit den Zusammenhang mediiert. Methodik: Die deutsche Teilstichprobe des longitudinalen Survey of Health, Aging and Retirement in Europe (SHARE) wurde mit Registerdaten der deutschen Rentenversicherung verknüpft. Die Stichprobe besteht aus 304 Individuen im Alter zwischen 50-65 Jahren zu Befragungsbeginn zwischen 2004 und 2015. Die Daten beinhalten Informationen über den selbstberichteten Gesundheitszustand (SRH), berufsbedingten Stress, gemessen Anhand des Anforderungs-Kontroll-Modells und des Modells beruflicher Gratifikationskrisen. Es wurden Multigroup Strukturgleichungsmodelle verwendet um direkte sowie indirekte Effekte von berufsbedingtem Stress auf das Renteneintrittsalter über die Gesundheit zu ermitteln. Berufsbedingter Stress ist dabei der Gesundheit und dem Renteneintritt zeitlich vorgelagert.

Ergebnisse: Berufsbedingter Stress hat keinen Effekt auf den SRH. Nur eine Dimension von berufsbedingtem Stress, das Anforderungs-Kontroll-Modell und ein schlechter Gesundheitszustand führen zu einem niedrigeren Renteneintrittsalter. SRH fungiert nicht als Mediator in diesem Zusammenhang.

Schlussfolgerungen: Die Verbesserung der psychosozialen Arbeitsbedingungen kann dazu beitragen, Frühverrentung über den Gesundheitszustand der Arbeitnehmer hinaus zu reduzieren. Eine geringere Arbeitsbelastung kann das Arbeitsleben potenziell verlängern, da es einen direkten Beitrag zur Erklärung des niedrigen Renteneintrittsalters leistet.

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