Freitag, 07.09.2018
10:45 - 12:15
Hörsaal C
S402
Chancen und Herausforderungen von Technologien im Alltag älterer Menschen

Moderation: U. Fachinger, Vechta

Neue Technologien haben das Potential, ältere Menschen in der Versorgung zu unterstützen oder ihnen bei Beeinträchtigungen ein selbstbestimmtes Leben in ihrer vertrauten Wohnumgebung zu ermöglichen. Konträr zu den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und den prognostizierten Vorteilen von derartigen Technologien, verharrt die Entwicklung dieser, abgesehen von einigen auf dem Markt erhältlichen Einzelanwendungen wie z. B. Hausnotrufsystemen, in Pilot- und Forschungsprojekten. So wird vielfach davon ausgegangen, dass dies u. a. auf Informationsasymmetrien zurückgeführt werden kann. Als Grund hierfür wird der Mangel an Wissen bei den potentiellen Käufern, Dienstleistern und (Zwischen-) Händlern über verfügbare Produkte oder auch über deren Qualität und Nutzen angeführt. Auch das Fehlen von nachhaltigen Geschäftsmodellen wird als Grund für die geringe Verbreitung benannt.

Der Nutzen dieser Technologien wird darin gesehen, dass diese älteren Menschen helfen könnten, sich selbst zu versorgen und ihren Alltag selbständig zu gestalten. Dies könnte wiederum dazu führen, dass diese Menschen verstärkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können und ihre Lebensqualität verbessert wird. Des weiteren könnte auch der Aufwand für formell und informell Pflegende reduziert und eine institutionelle Unterbringung verhindert oder hinausgezögert werden. Wenn mithilfe dieser Technologien weniger Leistungen der Sozialversicherungsträger in Anspruch genommen oder Organisationsabläufe effizienter gestaltet werden, könnten diese Technologien auch potentiell dazu beitragen, die Ausgaben der Sozialversicherungsträger zu reduzieren. Die Nutzen müssen jedoch die Kosten, die mit der Anschaffung, Wartung und Nutzung derartiger Technologien zusammenhängen, rechtfertigen.

Da die Studienlage bezüglich der potentiellen Chancen und Herausforderungen dieser Technologien bislang als mangelhaft bezeichnet werden kann, ist es das Ziel des Symposiums, die für derartige Technologien relevanten Folgen zu diskutieren. Es soll u. a. vor dem Hintergrund der Entwicklung von adäquaten Geschäftsmodellen den Fragen nachgegangen werden, welche Kosten- und Nutzenaspekte relevant sind, wie diese erhoben und gegeneinander abgewogen werden können.

10:45
Nutzen von Technologien für ein gutes Altern
S402-1 

M. Weidekamp-Maicher; Düsseldorf

Die Entwicklung neuer Technologien für ältere Menschen erfuhr in den vergangenen Jahren einen Konjunkturwechsel verschiedener Legitimationsdiskurse: Von innovativen Technologien als „Zaubermittel“ zur Lösung der mit einer älter werdenden Bevölkerung assoziierten gesellschaftlichen „Probleme“, über den Beitrag von Technik zur Förderung von Selbständigkeit und Autonomie bis hin zur Entwicklung von Technologien für gutes Leben bzw. gutes Alter(n). Die mit den Legitimationsdiskursen verbundenen Ziele zur Förderung technologischer Entwicklung betonen unterschiedliche Aspekte von Nutzen, z.B. welcher Nutzen, wozu und für wen realisiert werden soll. Im besten Falle soll es gar zur Kumulation verschiedener Nutzenarten für eine möglichst große Zahl von Stakeholdern kommen. Vor dem Hintergrund einer an Kraft gewinnender (Weiter-)Entwicklung digitaler Technologien, der Diskussion um eine bessere Implementierung assistiver Technologien in Haushalte von Menschen mit Pflegebedarf sowie ihrer Verzahnung mit sozialen Dienstleistungen und der Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle, die Kosten und Nutzen gegeneinander abwägen, besteht Bedarf nach einer theoretischen „Sortierung“ der unterschiedlichen Verständnisse von Kosten und Nutzen. Der Beitrag versteht sich als eine theoretische Analyse und befasst sich in einem ersten Schritt mit einer Gegenüberstellung der theoretischen Diskurse zur technologischen Entwicklung und ihrem Beitrag zu einem guten Alter(n). In einem zweiten Schritt werden die in den theoretischen Diskursen enthaltenen Nutzen- und Kostenbegriffe abgeleitet. Abschließend soll anhand konkreter Beispiele dargestellt werden, welche Arten von Kosten und Nutzen bei der Implementierung assistiver Technologien in privaten Haushalten von Menschen mit Pflege- und Betreuungsbedarf (mit dem Schwerpunkt auf Menschen mit Demenz) bisher betrachtet wurden und welche unsichtbar geblieben sind. Der Vortrag beinhaltet eine kritische theoretische Betrachtung von Zielen technologischer Entwicklung im Hinblick auf die Förderung eines guten Alter(n)s und dient als Einführung in ein Symposium, in dem im Rahmen weiterer Vorträge konkrete Beispiele für die Entwicklung von Geschäftsmodellen präsentiert werden.

11:05
Digitale Informationen im häuslichen Pflegesetting - Herausforderungen einer Nutzenbewertung
S402-2 

S. Helten; Dortmund

Unternehmen der ambulanten pflegerischen Versorgung sind bereits heute mit großen Herausforderungen wie einer hohen Bürokratisierung sowie einem Fachkräftemangel konfrontiert. Der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK) bietet zahlreiche Potenziale, diesen Herausforderungen zu begegnen und zur Steigerung von Qualität, Effizienz und Effektivität beizutragen. Die Nutzung dieser Technologien in der Pflege - etwa zur sektorenübergreifenden Vernetzung - bleibt jedoch bislang hinter diesen Möglichkeiten zurück. Damit Effekte wie die Kompensation von personellen Engpässen oder eine Reduktion von Kosten entstehen, bedarf es einer möglichst flächendeckenden Einführung entsprechender Strukturen. Eine Finanzierungsoption bestünde in ihrer Aufnahme in die Regelversorgung der Gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherungen (GKV und GPV), welche jedoch die Erfüllung bestimmter Qualitätskriterien und Nutzenansprüche voraussetzt. Durch die hohe Komplexität der pflegerischen Versorgung sind die antizipierten Effekte durch IuK jedoch nicht kausal nachweisbar, weshalb es für die meisten Produkte und Dienstleistungen allenfalls Ansätze einer Nutzenbewertung gibt. Im Beitrag werden die Herausforderungen einer Nutzenbewertung dargelegt und exemplarisch anhand des Projektes „Pflege im Quartier“, das in der Stadt Gelsenkirchen auf die Verbesserung (vor)pflegerischer Strukturen durch eine Optimierung von Informations- und Kommunikationsflüssen abzielt, erläutert. Im Projekt werden eine digitale Pflegeplattform und eine App entwickelt, womit Informationen zeit- und ortsunabhängig bereitstehen. Neben der digitalen Vernetzung erfolgt ein Auf- und Ausbau eines Netzwerks von ortsansässigen Akteuren für die (vor)pflegerische häusliche Versorgung. Um die Kosteneffizienz zu ermitteln, werden die kritischen Versorgungsbereiche im häuslichen Pflegesetting mit potenziellen Lösungen durch die neuen Strukturen abgebildet. Mittels Szenario-Technik werden die entstehenden Ausgaben der GKV und GPV für unterschiedliche Nutzertypen ermittelt. Anschließend erfolgt eine Gegenüberstellung dieser mit den Ausgaben, die aus den im Projekt veränderten (digital unterstützten) Versorgungsprozessen resultieren, was eine Einschätzung potenzieller Einsparungen durch die neuen Strukturen ermöglicht.

11:25
Nachhaltige Geschäftsmodelle als Grundlage zur erfolgreichen Etablierung von AAL-Technologien
S402-3 

J. Bleja; Dortmund

Fragestellung: Der demografische Wandel stellt die Gesellschaft vor große Herausforderungen. Es wird davon ausgegangen, dass u. a. die Ausgaben für Pflegebedürftigkeit und für deren soziale Folgen sowie der Pflegefachkräftemangel zunehmen. In diesem Zusammenhang werden AAL-Technologien das Potenzial zugesprochen, einen wichtigen Beitrag zur zukünftigen Sicherstellung der Versorgungsqualität zu leisten und zur Ausgabenreduzierung beizutragen. Sie bieten zudem die Möglichkeit, Pflegepersonal zu entlasten, sodass dieses sich verstärkt den zwischenmenschlichen und sozialen Aspekten zuwenden kann. Trotz der hohen Potenzialeinschätzung von AAL-Systemen zeigen sich vermehrt Probleme, die entwickelten Lösungen nachhaltig im Markt zu etablieren. Experten identifizieren insbesondere den Mangel an geeigneten Geschäftsmodellen als eine der Kernproblematiken der Branche. Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel des Vortrags, die theoretisch-konzeptionellen Grundlagen zur Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle aufzuzeigen.

Methodik: Auf der Basis einer breiten Literatursichtung wird ein dynamisches und nachhaltiges Modell entwickelt werden, das sich den sich ändernden Strukturen anpassen lässt und eine übergeordnete Perspektive einnimmt. Ausgangspunkt für die Entwicklung eines derartigen Geschäftsmodells für die erfolgreiche Etablierung von AAL-Technologien stellen geeignete Finanzierungsstrategien dar, die über eine direkte Finanzierung durch den Endnutzer hinausgehen. Dabei werden sowohl die Anforderungen und Bedarfe auf Nutzer-, Dienstleister- und Anbieterseite Berücksichtigung finden.

Ergebnis und Zusammenfassung: Bereits existierende Modelle sind vorrangig zur Beschreibung der betriebswirtschaftlichen Geschäftsmodellstruktur eines einzelnen Unternehmens geeignet. Gerade im Bereich von AAL-Technologien zeigt sich jedoch, dass es einer Vielzahl unterschiedlicher kollaborierender Akteure bedarf. Für diese Art der Zusammenschlüsse gilt es, die passenden Geschäftsmodellstrukturen noch zu entwickeln. Damit diese Kooperationen langfristig stabil sind, verlangt es zudem nach einer von allen Beteiligten als fair empfundenen Operationalisierung und Verteilung der Effizienzgewinne.

11:45
Ökonomische Evaluation von AAL-Technologien - Erfassung des Nutzens von intelligenten Rollatoren
S402-4 

M. Mähs; Vechta

Einleitung: AAL-Technologien haben das Potential, ältere Menschen zu unterstützen, ein selbstbestimmtes, sicheres Leben in ihrer vertrauten Wohnumgebung zu führen. Um die Nutzung dieser Technologien zu erhöhen, könnten sie beispielsweise zur Unterstützung der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung als Regelleistungen der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung implementiert und ihre Kosten von den Sozialversicherungsträgern erstattet werden. Hierfür ist es jedoch notwendig, die Effektivität und Wirtschaftlichkeit dieser Technologien aufzuzeigen. Zurzeit fehlen allerdings Indikatoren, die den Nutzen von derartigen Technologien anzeigen können. Vor diesem Hintergrund wird am Beispiel von intelligenten Rollatoren sowie eines Anwendungsszenarios ein Inventar von Indikatoren erstellt, anhand dessen die Effektivität und Wirtschaftlichkeit von AAL- Technologien analysiert werden kann.

Methodik: Ausgangspunkt der Indikatorentwicklung bildet die Erstellung eines heuristischen Wirkmodells auf Basis des Modells der Funktionsfähigkeit und Behinderung und ein systematisches Review zu Studien, in denen der Nutzen von traditionellen und intelligenten Rollatoren evaluiert wurde. Hierfür wurde in den Datenbanken PubMed, IEEE, CINAHL und Gerolit nach geeigneten Studien gesucht sowie eine Handsuche durchgeführt. Aufbauend auf den Ergebnissen dieser Recherche findet eine Klassifikation und Auswahl möglicher Indikatoren für eine gesundheitsökonomische Evaluation von intelligenten Rollatoren statt.

Ergebnisse: Das Wirkmodell zeigt die Komplexität der Zusammenhänge zwischen einem intelligenten Rollator und dessen Auswirkungen auf den Nutzer sowie die Gesellschaft. Es werden relevante Dimensionen des Nutzens deutlich: die Verbesserung der Lebensqualität, der Mobilität sowie von Selbstmanagementkompetenzen und die Verringerung des Unterstützungsbedarfes. Außerdem gibt es Faktoren, die den Nutzen beeinflussen können, wie z. B. die Sicherheit und Bedienfreundlichkeit.

Fazit: Es wurde ein Inventar an Indikatoren für die ökonomische Evaluation von intelligenten Rollatoren entwickelt. Als nächster Schritt ist eine Evaluation und Validierung dieser Indikatoren, z. B. im Rahmen von Delphi-Panels und Fokus-Gruppen sowie unter Anwendung im praktischen Setting, erforderlich.

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