Samstag, 08.09.2018
08:30 - 10:00
Hörsaal A2
S603
Auswirkungen von Pflege auf die Pflegenden

Moderation: B. Eifert, Dortmund

Mit der Alterung der Gesellschaft wird der Bedarf an formellen und informellen Pflegeleistungen weiter steigen, da ein hohes Alter das Risiko pflegebedürftig zu werden, erhöht. In Deutschland werden ca. 70% aller Pflegebedürftigen zu Hause, überwiegend nur von ihren Angehörigen, versorgt. Mit der Übernahme von informeller Pflege geht Verbundenheit und die Bereitschaft einher, sich um das Wohlbefinden einer anderen Person zu kümmern. Jedoch bedeutet die Pflegeübernahme oft einen deutlichen Einschnitt in den Lebensalltag der Pflegenden mit tiefgreifenden Folgen u.a. für die Gesundheit sowie den Lohn. Im Symposium Auswirkungen von Pflege auf die Pflegenden steht genau dies im Fokus. Der Beitrag von Frewer-Graumann zeigt einführend auf, welche Veränderungen Hauptbezugspersonen von Menschen mit Demenz in ihrem Alltag durch die Fürsorgeverantwortung erleben. Anschließend stellen Minkus, Ehrlich und Hess die Auswirkung der Pflegeübernahme auf den Lohn der Pflegenden vor. Basierend auf Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und mittels Fixed-Effects-Regressionen zeigen sie, dass sich für Frauen der Stundenlohn aufgrund von Pflege verringert, während er für Männer gleichbleibt. In den nachfolgenden Beiträgen steht die Gesundheit im Fokus. Im Beitrag von Kaschowitz werden auf Basis des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE) Gesundheitsfolgen von Pflege unter Berücksichtigung verschiedener Gesundheitsmaße untersucht. Es zeigt sich, dass je nach gewähltem Gesundheitsmaß für bestimmte Pflegende unterschiedliche Auswirkungen auf die Gesundheit festgestellt werden können. Im abschließenden Beitrag von Hampel werden die subjektiven Gesundheitsvorstellungen und das Gesundheitshandeln Pflegender untersucht. Die leitfadengestützten Interviews verdeutlichen ein multidimensionales Gesundheitsverständnis Pflegender und zeigen, dass „objektiv“ ungesunde Verhaltensweisen von Betroffenen als „gesund“ aufgefasst werden können. Insgesamt zeigt sich, dass Pflegeübernahme umfassende aber nicht ausschließlich negative Folgen für Pflegende haben kann. Allerdings betreffen die Folgen nicht alle Pflegenden gleichermaßen und sind abhängig von Kontextfaktoren wie Erfahrungen, Ressourcen und soziale Netzwerken.

08:30
„Es ändert sich alles” - Der Alltag mit Demenz aus der Perspektive der Angehörigen
S603-1 

S. Frewer-Graumann; Dortmund

Fragestellung: Bisher ist relativ wenig darüber bekannt, was Hauptbezugspersonen von Menschen mit Demenz im Alltag als einschneidende Veränderungen durch die Übernahme von Fürsorgeverantwortung erleben. Hauptbezugspersonen von Menschen mit Demenz gelten – im Vergleich zu anderen Gruppen pflegender Angehöriger – als belasteter. Der Frage, welche Veränderungen sie als mehr oder weniger belastend, was sie vielleicht auch als bereichernd wahrnehmen, wird in diesem Beitrag nachgegangen. Daran knüpft die Frage an, was Hauptbezugspersonen als unterstützend und hinderlich in der Bewältigung dieser Alltagsveränderung erleben.

Methode: Es wurden 14 qualitative Interviews mit Hauptbezugspersonen mittels eines Leitfadens erhoben und mit der Grounded Theory ausgewertet. Teilweise konnten auch Interviews mit Menschen mit Demenz selbst geführt werden.

Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen aus einer subjektiven Perspektive, wie einschneidend die Veränderungen im Alltag durch die Übernahme von Fürsorgeverantwortung sind. Es kann ein Einblick in die verschiedenen Lebensbereiche gegeben werden, die aus der Perspektive der Hauptbezugspersonen von diesen Veränderungen betroffen sind. Dazu zählen beispielsweise der Einfluss auf soziale Beziehungen wie Freunde und Familie, auf die Gesundheit oder Arbeit aber auch die alle Lebensbereiche betreffende Reduktion von Selbstbestimmung. Gleichzeit kommen viele „unfreiwillige“ Kontakte mit Ärzt*innen, dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) hinzu und der Alltag ist geprägt von Bürokratie, mit der sich viele Hauptbezugspersonen überfordert fühlen. Viele vorhandenen Entlastungs-und Unterstützungsangebote werden als nicht passend oder unterstützend wahrgenommen und dementsprechend, trotz eines individuellen Bedarfes, nicht genutzt.

Diskussion: Die Ergebnisse geben erste Hinweise auf das subjektive Erleben von Alltagsveränderungen durch die Übernahme von Fürsorgeverantwortung bei einer demenziellen Erkrankung eines Angehörigen. Insgesamt Bedarf es mehr Forschung um die Perspektive der pflegenden Angehörigen, als diejenigen die die tägliche Betreuung und Unterstützungsarbeit leisten, deutlicher – auch in die Konzipierung von Unterstützungsangeboten – einfließen zu lassen.

08:50
Die Auswirkungen von informeller Pflege auf den Lohn
S603-2 

U. Ehrlich, L. Minkus, M. Heß; Berlin, Bremen, Dortmund

Hintergrund: Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels wird die Zahl der Menschen, die professionelle oder informelle Pflege benötigen weiter steigen. Besonders die informelle Pflege wird dabei an Bedeutung gewinnen und die Anzahl an der Personen, die häusliche Pflege leisten, wird größere werden. Allerdings sind die Auswirkungen von Pflege auf die Arbeitsmarktsituation und -bedingungen der Pflegenden noch relativ wenig erforscht.

Forschungsfrage: Im vorliegenden Beitrag wird untersucht wie sich häusliche Pflege auf den Lohn von Pflegenden auswirkt. Weiterhin wird analysiert, ob sich Geschlechterunterschiede im möglichen Zusammenhang zwischen Pflege und Lohn finden.

Daten und Methoden: Basierend auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (2001-2015) werden getrennt für Männer und Frauen Fixed-effects-Panelregressionen durchgeführt, um den Einfluss von häuslicher Pflege auf den Stundenlohn zu untersuchen. Das Sample wird dabei auf die Kohorten 1965-1983 beschränkt und es wird auf mögliche konfundierende Einflüsse durch sozio-ökonomische und arbeitsplatzbezogenen Unterschiede (Bildung, Größe und Sektor der Firma, Anzahl der Kinder, Partnerschaftsstatus, subjektive Gesundheit, Vermögen, Alter und Jahr der Messung) kontrolliert.

Ergebnisse: Für Frauen zeigt sich ein negativer Effekt von häuslicher Pflege auf den Stundenlohn, während sich für Männer keine signifikanten Effekte zeigten.

Diskussion: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass häusliche Pflege sich negativ auf die Arbeitsmarktsituation von Frauen, nicht aber Männern auswirkt. Somit könnte häusliche Pflege dazu beitragen den Gender-Pay-Gap zu vergrößern.

Keywords:

Lohneinbußen, häusliche Pflege, SOEP, Gender-Pay-Gap Fixedeffects-Panelregression

09:10
Andere Messung, anderes Ergebnis? Die Bedeutung des Gesundheitsmaßes bei der Analyse der Gesundheitsfolgen von informeller Pflege
S603-3 

J. Kaschowitz, P. Lazarevic; Dortmund, Wien

Hintergrund: Angesichts der hohen Bedeutung informeller Pflege ist die Analyse gesundheitlicher Folgen von Pflegeübernahme wichtig. Übereinstimmend zeigt frühere Forschung negative Folge für die psychische, nicht jedoch für die körperliche Gesundheit. Hier sind die Ergebnisse widersprüchlich, was möglicherweise auf die Verwendung unterschiedlicher Gesundheitsmaße zurückgeführt werden kann.

Forschungsfrage: Variieren die Ergebnisse der Analyse des Zusammenhangs von informeller Pflege und Gesundheit in Abhängigkeit des verwendeten Gesundheitsmaßes?

Daten und Methoden: Mithilfe des „Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe“ (Wellen 1, 2, 4-6) wird der Zusammenhang zwischen informeller Pflege innerhalb oder außerhalb des Haushalts und Gesundheit in zehn Ländern untersucht. Dazu werden unterschiedliche Maße der physischen (selbst-eingeschätzte Gesundheit, I(ADL), GALI, diagnostizierten Krankheiten) als auch der psychischen (EURO-D, CASP-12) Gesundheit herangezogen. Es werden Quer- und Längsschnittmodelle geschätzt.

Ergebnisse: Pflegende innerhalb des Haushalts schätzen ihre Gesundheit schlechter ein als Nicht-Pflegende. Dies gilt für die meisten herangezogenen Gesundheitsmaße und diese Zusammenhänge finden sich auch im Längsschnitt. Für Personen, die Pflege außerhalb des Haushalts übernehmen, zeigt sich dagegen, dass diese ihre Gesundheit besser einschätzen als Nicht-Pflegende. Im Längsschnitt lässt sich, je nach verwendetem Gesundheitsmaß, sowohl eine Verbesserung als auch eine Verschlechterung der Gesundheit aufgrund von Pflege feststellen.

Diskussion: Die Ergebnisse bestätigen Gesundheitsunterschiede zwischen Pflegenden innerhalb und außerhalb des Haushalts und damit, dass Pflegende nicht unbedingt weniger gesund sind als Nicht-Pflegenden. Sie machen jedoch zumindest für Pflegende außerhalb des Haushalts deutlich, dass ja nach gewähltem Gesundheitsmaß unterschiedliche Auswirkungen von Pflege auf Gesundheit festgestellt werden können. In vertiefenden Analysen soll dies weiter untersucht werden auch unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Länderkontexte.

Keywords:

Informelle Pflege, Europa, Gesundheitsmessung, Längsschnittanalyse

09:30
Gesundheitsvorstellungen und Gesundheitshandeln pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz
S603-4 

S. Hampel; Dortmund

Forschungsfrage: Aus der Forschung ist bekannt, dass pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz eine hoch und vielfältig belastete Personengruppe darstellen. Die Gesundheit der Pflegeperson gilt dabei als zentraler Einflussfaktor auf das Stresserleben und die Belastung. Untersuchungen, die sich mit der Gesundheit pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz auseinandersetzen, legen hierbei häufig einen Expertenbegriff von Gesundheit zugrunde. Hinsichtlich der subjektiven Gesundheitsvorstellungen pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz und deren Einfluss auf das Gesundheitshandeln existiert aktuell noch Forschungsbedarf. Dieser Beitrag beschäftigt sich daher mit der Fragestellung: Was tun pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz in ihrem Alltag, um ihre eigene Gesundheit zu erhalten und welche subjektiven Vorstellungen von Gesundheit liegen diesem Handeln zugrunde?

Daten und Methode: Zur Beantwortung der Fragestellung wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt. Insgesamt wurden 24 leitfadengestützte, teilstandardisierte Interviews mit häuslich pflegenden Angehörigen von Menschen mit Demenz geführt und inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse: Pflegende Angehörige weisen mehrheitlich ein sehr differenziertes Gesundheitsverständnis auf bei dem vor allem physische, psychische und soziale Aspekte betont werden. Die befragten pflegenden Angehörigen sehen eine Vielzahl von Einflussfaktoren auf ihre eigene Gesundheit, vor allem wird auf die häusliche Pflegesituation eingegangen und der damit verbundenen Pflegeverantwortung ein besonderer Stellenwert beigemessen. In der Analyse konnte der Zusammenhang von individuellen Gesundheitsvorstellungen auf das Gesundheitshandeln bestätigt werden. Dies führt z.B. dazu, dass klassisches Risikoverhalten wie Rauchen von den Befragten als „gesund“ ausgelegt wurde, wenn es in ihrer subjektiven Deutung zur Entspannung beiträgt.

Diskussion: Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse kann festgehalten werden, dass subjektive Gesundheitsvorstellungen pflegender Angehöriger von Menschen mit Demenz aufgrund ihres Einflusses auf das Gesundheitshandeln stärker berücksichtigt werden sollten, um zielgruppenspezifische Angebote der Gesundheitsförderung entwickeln zu können.

Keywords

Gesundheitshandeln – und Vorstellungen, Leitfadeninterviews, Menschen mit Demenz, Pflegende Angehörige

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