Freitag, 07.09.2018
08:00 - 09:30
Seminarraum 22
S311
Arbeitsmarktbeteiligung älterer Menschen während der Übergangsphase in den (Un-)Ruhestand: Ergebnisse der Studie “Transitions and Old Age Potential” (TOP)

Moderation: A. Mergenthaler, Wiesbaden

Seit einigen Jahren ist in Deutschland eine Zunahme der Erwerbsbeteiligung älterer Menschen zu beobachten, auch jenseits der Regelaltersgrenze. So ist nicht nur die Erwerbstätigenquote bei den 55- bis 64-Jährigen deutlich gestiegen; auch bei den 65- bis 69-Jährigen nahm der Anteil der Erwerbstätigen zwischen 2006 und 2016 von 7 % auf 15 % zu. Im Zusammenhang mit einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit stellt somit auch die Fortführung oder die (Wieder-)Aufnahme einer Erwerbstätigkeit für immer mehr ältere Menschen eine Option der Betätigung im Ruhestandsalter dar. Dieser Trend verdeutlicht, dass es immer häufiger zu einer Neubestimmung des Ruhestands kommt, weg von der „wohlverdienten Entpflichtung“ hin zum individuellen Projekt des aktiven Unruhestands mit unscharfen Grenzen.

Die Gestaltung der Erwerbsbeteiligung älterer Menschen hängt von individuellen Ressourcen sowie sozialen und gesellschaftlichen Opportunitäten und Restriktionen ab. Der Grad der Gestaltbarkeit und die damit verknüpften Möglichkeiten und Herausforderungen sind daher individuell unterschiedlich. Ältere Menschen profitieren davon, die Faktoren zu kennen, welche die Erwerbsbeteiligung auch jenseits der Regelaltersgrenze mitbestimmen, um ihre eigene Arbeitsmarktbeteiligung für sich selbst gewinnbringend und zufriedenstellend gestalten zu können. Es bestehen jedoch nach wie vor deutliche Forschungslücken, was die Einflüsse dieser Merkmale auf die Arbeitsmarktbeteiligung älterer Menschen angeht.

Die Studie „Transitions and Old Age Potential“ (TOP) des BiB bietet eine aktuelle Datengrundlage, die in zwei Wellen die Übergangsphase in den Ruhestand und die Erwerbstätigkeit Älterer abbildet. Im Jahr 2013 wurde eine Stichprobe von 5.002 Personen zwischen 55 und 70 Jahren befragt, von denen in 2015/2016 insgesamt 2.501 Personen erneut teilnahmen.

Im Symposium werden ausgewählte theoretische Überlegungen und empirische Befunde aus den beiden Wellen der Studie TOP zu ermöglichenden Faktoren, Barrieren und Spannungsfeldern von Erwerbstätigkeit während des Ruhestandsübergangs, die auf individuellen Entscheidungen und vorgegebenen Rahmenbedingungen beruhen, präsentiert und zur Diskussion gestellt.

08:00
Konzeptionelle Überlegungen zur Erfassung und Erklärung des (Un-)Ruhestandes in Deutschland
S311-1 

F. Micheel; Wiesbaden

Dieser Beitrag setzt sich mit der definitorischen Abgrenzung zwischen Arbeit und Ruhestand bzw. Unruhestand auseinander. Eine kritische Prüfung verschiedener Indikatoren zur Bestimmung des Ruhestandes ergibt, dass in den Sozialwissenschaften keine einheitlich verwendete Definition existiert, was eine nähere Bestimmung der zentralen Konzepte notwendig macht. Unter Unruhestand verstehen wir eine der aktiven Erwerbsphase nachgelagerte Lebenslage im späten Erwachsenenalter, die in Abgrenzung zum Ruhestand durch eine Fortführung, Ausweitung oder (Wieder-)Aufnahme mindestens einer sozial oder ökonomisch produktiven Tätigkeit gekennzeichnet ist.

Zur Erklärung des Übergangs vom „normalen“ Erwerbsleben zum (Un-)Ruhestand wird auf ein psychologisches Handlungsmodell (modifiziertes Rubikon-Modell in Anlehnung an Heckhausen & Gollwitzer, 1987) zurückgegriffen, das für den vorliegen Forschungsgegenstand konzeptionell erweitert wurde. Ausgangspunkt der theoretischen Überlegungen ist der ausdrückliche Wille zu einem verzögerten Ruhestand, dessen Umsetzung mentale und soziale Ressourcen voraussetzt. Zudem müssen entsprechende familiale oder arbeitsmarktbezogene Opportunitätsstrukturen existieren, um die Realisation individueller Absichten zum (Un-)Ruhestand zu ermöglichen.

Am Beispiel der Erwerbsarbeit im Ruhestandsalter verstärkt der Blick in die empirische Literatur den Verdacht, dass diesem Phänomen ein Entscheidungsprozess zugrunde liegt, der sich in deutlich abgrenzbare Phasen (in Bezug auf Absichten, Planung und tatsächliche Erwerbstätigkeit) untergliedern lässt. Eine weitere Erkenntnis ist, dass sowohl die individuelle Handlungs- (z. B. persönliche Werte) als auch strukturelle Ebene (z. B. betriebliche Rahmenbedingungen oder Bildungsunterschiede) gleichermaßen den Entscheidungsprozess im Hinblick auf Erwerbsarbeit im Ruhestandsalter beeinflussen.

Für die gerontologische Praxis lässt sich ableiten, dass sich der Diskurs über den (Un-)Ruhestand in Deutschland in einem Spannungsfeld entlang der Dimensionen „Können“ (Ressourcen), „Sollen/Müssen“ (normative Erwartungen), „Wollen“ (individuelle Absichten) und „Dürfen“ (rechtliche und sozialstrukturelle Opportunitäten) bewegt.

08:20
Karrieren nach der Rente: Karriere- und Arbeitsvorstellungen von arbeitenden Rentner*innen
S311-2 

L. Naegele, Vechta; M. Heß, Dortmund; J. Mäcken, Dortmund

08:40
Arbeitsplatzmuster und die Dauer von Erwerbstätigkeit im Ruhestand
S311-3 

V. Cihlar, U. M. Staudinger; Wiesbaden, New York/USA

Fragestellung: Erwerbstätigkeit im Ruhestand stellt zumeist ein eher kurzfristiges Phänomen dar. Der Renteneintritt der Babyboomer könnte dazu führen, dass dieses Phänomen in Deutschland noch weiter verbreitet auftreten und damit für eine große Anzahl älterer Menschen relevant werden wird. Diese Präsentation beschäftigt sich mit dem Arbeitsplatzmuster im Ruhestand und dessen Einfluss auf die Dauer der Erwerbstätigkeit. Macht es einen Unterschied, ob diejenigen, die im Ruhestand erwerbstätig sind, lediglich weiter in ihrem früheren Beruf tätig sind oder ob sie sich für eine andere, neue Tätigkeit entscheiden?

Methodik: Die analytische Stichprobe ist eine Teilstichprobe des Datensatzes Transitions and Old Age Potential (TOP), einer längsschnittlichen Lebensphasenstudie mit zwei Wellen von 57- bis 73-jährigen Personen. Für die berichtete Studie wurde die Stichprobe auf Personen beschränkt, die nach ihrem Übergang in den Ruhestand mit einer Erwerbstätigkeit begonnen, aber zum zweiten Messzeitpunkt diese Tätigkeit bereits wieder beendet hatten. Dies führt zu einer Stichprobe von N = 160 Personen. Eine schrittweise lineare Regression in fünf Modellen untersucht den Zusammenhang ausgewählter unabhängiger Variablen mit der finalen Dauer der Erwerbstätigkeit im Ruhestand. Ein Wechsel der Beschäftigung im Übergang vom Karriere- zum Ruhestandsjob bildet die zentrale erklärende Variable.

Ergebnisse: Die Beschäftigung gewechselt zu haben, stellt einen stabilen Prädiktor dar. Unter Kontrolle sozio-demografischer, ressourcen-, status- und Engagement-bezogener Variablen waren Personen, die einen Wechsel in der Beschäftigung von ihrem Karrierejob hin zur Tätigkeit im Ruhestand erlebten, 1,9 Jahre länger erwerbstätig als diejenigen, die ihren Karrierejob lediglich über den Eintritt in den Ruhestand hinaus verlängerten (B = 1,88; p < 0,001).

Interpretation: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Arbeitsplätze für Erwerbstätigkeit über den Ruhestandseintritt hinaus so gestaltet werden sollten, dass diese zu einem gewissen Teil neue bzw. neuartige Tätigkeiten im Vergleich zum Karrierejob beinhalten. Ein neu konfigurierter und auf das höhere Lebensalter zugeschnittener Arbeitsplatz kann Motivation sowie Handhabbarkeit von beruflichen Aufgaben erhöhen.

09:00
Enkelbetreuung und Arbeitsmarktbeteiligung älterer Frauen in Deutschland
S311-4 

A. Mergenthaler, N. F. Schneider; Wiesbaden

Die Arbeitsmarktbeteiligung in Deutschland ist in den letzten Jahren gestiegen, insbesondere bei älteren Frauen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob ein längeres Arbeitsleben zu Konflikten mit anderen produktiven Rollen im späteren Erwachsenenalter führt. Dies gilt insbesondere für die Unterstützung innerhalb der Familie, die in Deutschland vor allem durch Frauen geleistet wird. Ziel der Studie ist es, den Zusammenhang zwischen Typen von Enkelbetreuung und den Erwerbsübergängen älterer Frauen zu beleuchten.

Die Untersuchung basiert auf einem Sample von Frauen aus den beiden Wellen der Studie „Transitions and Old Age Potential“ (TOP), die zwischen 1948 und 1958 geboren wurden (N = 468). Zusammenhänge zwischen den Typen der Enkelbetreuung und dem Erwerbsumfang (Arbeitsstunden pro Woche) sowie dem Erwerbsausstieg zwischen 2013 und 2016 werden deskriptiv und in getrennten Modellen multivariat untersucht.

Die deskriptiven Befunde zeigen, dass 68 % der älteren Frauen, die entweder eine Enkelbetreuung aufnehmen oder deren Häufigkeit steigern, den Erwerbsumfang reduzieren oder sich vollständig aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen. Bei Frauen, die keine Enkel betreuen, sind es lediglich 50 %. Multivariate Analysen zu Veränderungen des Erwerbsumfangs zwischen 2013 und 2016 zeigen eine negative Assoziation für Frauen, die in beiden Wellen Enkel betreuen (β =-5,84; p < 0,01). Im Hinblick auf den Erwerbsaustritt zeigen sich ambivalente Ergebnisse. Einerseits hatten ältere Frauen, die eine Enkelbetreuung aufnehmen oder deren Häufigkeit erhöhen, eine zweimal höhere Chance eines Erwerbsaustritts (HR = 2,05; p < 0,01) verglichen mit Frauen, die keine Enkel betreuen. Dieser Befund entspricht der Rollen-Substitutions-Hypothese. Andererseits zeigen Frauen, die die Häufigkeit der Enkelbetreuung verringern oder die Betreuung einstellen, auch eine höhere Chance, den Arbeitsmarkt zu verlassen (HR = 2,65; p < 0.01). Dieses Ergebnis deckt sich mit der Disengagement-Theorie.

Die Ergebnisse zeigen, dass eine Enkelbetreuung die Chance einer Verminderung des Erwerbsumfangs oder eines Erwerbsaustiegs bei älteren Frauen erhöht. Die Befunde deuten somit auf ein Vereinbarkeitsproblem zwischen familialen und beruflichen Rollen bei Frauen im höheren Erwachsenenalter hin.

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