Donnerstag, 06.09.2018
15:30 - 17:00
Seminarraum 11
S106
Alter(n) - Lernen - Bildung. Eine wissenschaftliche Standortbestimmung.

Moderation: R. Schramek, Hagen; C. Kricheldorff, Cornelia

Symposium des Arbeitskreises Geragogik der DGGG

Die theoretische Fundierung des Themenbereichs Alter(n) - Lernen - Bildung verweist auf die bislang eher diffuse wissenschaftliche Verortung der Geragogik, die stark von der jeweiligen Herkunftsdisziplin einzelner Wissenschaftler*innen geprägt ist. Es geht im Symposium also um eine Standortbestimmung

Ines Himmelsbach greift diese Herausforderung aus erziehungswissenschaftlicher Sicht auf und verknüpft diese klar mit der gerontologischen Perspektive. Im Zentrum steht dabei die fachliche Prämisse Altern lernen, also die Auseinandersetzung mit den Veränderungen und Herausforderungen, die der Prozess des Alterns mit sich bringt. Zentrale Theorieansätze und wissenschaftliche Debatten der Gerontologie werden dabei mit erziehungswissenschaftlichen Diskussionen um die Begriffe Bildung und Lernen verbunden, die vor allem im Alter zu einer Veränderung beziehungsweise einer Anpassung an sich verändernde Person- und Umweltbedingungen beitragen und befähigen.

Cornelia Kricheldorff rückt die Perspektive der Sozialen Gerontologie in den Fokus und setzt dabei typische Lernherausforderungen und Bildungsanliegen in Bezug zu geragogischen Prämissen und Handlungsansätzen. Dabei wird konsequent der Gedanke einer deutlichen Überschneidung von Konzepten der Interventionsgerontologie mit geragogischen Ansätzen entwickelt. Auf der Basis von Alternstheorien wird zudem die enge Verflechtung der Geragogik mit Konzepten der Sozialen Gerontologie und mit relevanten Themen und Ansätzen aus der Praxis sozialer Altenarbeit aufgezeigt.

Julia Steinfort-Diedenhofen verbindet in einer eher sozialpädagogisch geprägten Traditionslinie die Anliegen und Themen Sozialer Arbeit mit denen der Erwachsenenbildung und entwickelt daraus das Konzept der Sozialgeragogik, wobei eine Fokussierung auf soziale Fragen in der Bildungsarbeit mit älteren Menschen erfolgt. Aspekte von Bildungsbenachteiligung und sozialer Ungleichheit, also Aspekte einer kritischen Geragogik, werden dabei konsequent als Anliegen entfaltet.

Gemeinsames Anliegen ist die Forderung nach einer inhaltlichen Weiterentwicklung der Geragogik - von der aktuellen Multidisziplinarität hin zu mehr Interdisziplinarität, verbunden mit einer klaren wissenschaftlichen Positionsbestimmung.

Dominique Kern greift als Diskutant die verschiedenen Positionen kritisch auf und setzt dabei als Schweizer, der in Frankreich lehrt und forscht, auch internationale Impulse in der Debatte um das Thema Alter(n) – Lernen – Bildung.

15:30
Das Altern lernen - Theoretische Perspektiven in Erziehungswissenschaften und Gerontologie
S206-1 

I. Himmelsbach; Freiburg

Der Beitrag lotet die Chancen aus gerontologisches und erziehungswissenschaftliches Theoriewissen zu verbinden. Ausgehend von aktuellen theoretischen Diskussionen in Gerontologie und Erziehungswissenschaft beleuchtet der Beitrag den Begriff des Lernens im Alter. Dabei geht es weniger um eine pädagogische Adressierung älterer Menschen, sondern vielmehr um die Zentrierung des Individuums vor dem Hintergrund der Frage nach Lernprozessen, die von Nöten sind, um gut zu altern. Lernen im Alter, so die These, bedeutet vor allem das Altern selbst zu lernen und ist damit nicht ein von außen zugeschriebener Prozess, wie er in pädagogischen oder geragogischen Adressierungen stattfindet. Vielmehr handelt es sich um einen im Individuum eingeschriebenen Prozess, der sich im Verlauf des Alterns vollzieht, zum Teil als latenter Prozess, zum Teil als bewusster Prozess, der mit dem zunehmenden Bewusstsein von Endlichkeit und/oder zunehmenden altersbedingten Veränderungen einher geht. Der Beitrag versucht vor dem Hintergrund gerontologischer Theorien zu Awareness of Change (Wahl & Diehl), sozioemotionaler Selektivitätstheorie (Carstensen) und der grundlegenden Entwicklungsprozesse des Alterns im Sinne einer Orchestrierung von Steigerung, Stillstand und Verlust (Baltes), Argumente für einen auf das Altern hin ausgerichteten Lernbegriff zu finden. Dabei werden aktuelle erziehungswissenschaftliche Debatten aus der Bildungsbiographieforschung (Koller, Dausien) und Diskussionen um den Begriff des Lernens (Göhlich & Zirfas, Kade et al.) aufgegriffen und mit gerontologischen Theorieansätzen verwoben.

15:55
Altern - Lernen - Bildung aus der Perspektive der Sozialen Gerontologie
S206-2 

C. Kricheldorff; Freiburg

In diesem Beitrag wird die Frage fokussiert, in welchem Verhältnis Soziale Gerontologie und Geragogik zueinander stehen und wie sie sich im Verhältnis zur Gerontologie und zur Erziehungs- und Bildungswissenschaft wissenschaftlich verorten. Es geht also um eine Art wissenschaftlicher Standortbestimmung, die Ausgangspunkt sowohl für Bildungsangebote, als auch für sozialgerontologische Interventionen darstellt. Auf der Basis der Skizzierung typischer Phänomene und Themen der Sozialen Gerontologie wird ihre enge Verknüpfung mit Bildungsaspekten deutlich, die jeweils deutliche Bezüge und Anknüpfungspunkte für die Geragogik aufweisen.

In einem weiteren Schritt werden die für die deutsche Gerontologie besonders relevanten Alternstheorien mit geragogischen Prämissen und Handlungsansätzen in Bezug gesetzt. Daraus ergibt sich die klare Schlussfolgerung, dass geragogische Konzepte deutliche inhaltliche und theoretische Überschneidungen mit interventionsgerontologischen Ansätzen aufweisen. In Wissenschaft und Praxis gibt es bislang aber kaum Verknüpfungen, vielmehr agieren Interventionsgerontologie und Geragogik relativ unverbunden nebeneinander – ein Umstand der viele mögliche Synergien bislang leider ungenutzt lässt. Im Beitrag werden konkrete Beispiele aufgezeigt, wie diese offenkundige Differenz künftig aufgebrochen werden kann.

16:20
Lebensweltliche Bezüge der Alternsbildung - eine sozialgeragogische Profilschärfung
S206-3 

J. Steinfort-Diedenhofen; Köln

Die Entwicklungen passender Bildungsarrangements im und für das Alter(n) geraten mit Blick auf ihre Adressaten und Nutzer auch nach zwei Jahrzenten geragogischer Bemühungen immer noch an ihre Grenzen. Bildung hat oftmals einen exkludierenden Charakter, die Unterschiede zwischen bevorzugten und benachteiligten Gruppen verstärken sich und die Schere zwischen bildungsgewohnten und bildungsungewohnten Personen öffnet sich weiter. Daran ändern auch politisch forcierte positive Bilder eines aktiven und produktiven Alters wenig. Auch ob die Formate in traditionellen Bildungsangeboten klassischer „Komm-Strukturen“ oder auch in innovativ-informellen organisierten „Bring-Strukturen“ ausgerichtet sind, hat wenig Konsequenzen für das Erreichen der Zielgruppen.

Dieser Ausgangslage gegenüber steht die Forderung, dass Bildung in der zweiten Lebenshälfte mit Blick auf die gemeinsame Gestaltung des demografischen Wandels, als neue Kultur der Mitverantwortung fungieren sollte, die Menschen aller Lebenslagen einbezieht. Angesichts der Heterogenität der Alternsverläufe und Lebenslagen liegt es auf der Hand dem Anliegen nachzugehen, Bildungsaktivitäten im Alter und für das Altern noch stärker auf die unterschiedlichen Milieus und Lebenswelten der Adressaten hin auszurichten. Bildung im Alter darf keine bestimmten Gruppen älterer Menschen exkludieren, da ihr nicht nur die Aufgabe der Entfaltung individueller Potenziale zukommt, sondern auch die der Überwindung sozialer Ungleichheiten, weshalb im Beitrag die Chancen einer sozialgeragogisch ausgerichteten Perspektive diskutiert werden.


Diskutant: D. Kern, Mulhouse/F

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