Freitag, 07.09.2018
17:30 - 19:00
Hörsaal C
S502
Ältere als Ko-Produzenten von Quartiersnetzwerken - real und digital

Moderation: E. Bubolz-Lutz, Düsseldorf; U. Fachinger, Vechta

„Keiner soll durch’s NETZ fallen“ – dieses Ziel hat das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte transdisziplinäre Forschungs- und Entwicklungsprojekt „QuartiersNETZ – Ältere als Ko-Produzenten von Quartiersnetzwerken im Ruhrgebiet“. Erreicht werden soll dies, indem eine (bessere) reale und digitale Vernetzung der Quartiersbewohner, Dienstleister, Institutionen, kommunalpolitisch Zuständigen und weiteren (zivilgesellschaftlichen) Akteuren in vier exemplarisch ausgewählten Wohnquartieren gefördert oder neu geschaffen wird. Die so entstehenden realen und digitalen Quartiersnetzwerke sollen gewährleisten, dass Menschen in allen Phasen ihres Älterwerdens am öffentlichen Leben teilhaben und an dessen Gestaltung mitwirken können. Entwickelt wurden neue Strategien und Konzepte, die auch nach Projektende weiter nutzbar und übertragbar sind und die Partizipation unterstützen. Auch wurden ineinandergreifende Strukturen auf Quartiers- und Stadtebene in Gelsenkirchen aufgebaut, die Impulse für andere Kommunen und Projekte bieten können.  

Die vorgestellten Erkenntnisse beziehen sich auf das vierjährige Modellprojekt QuartiersNETZ (2014 - 2018).  In Kooperation mit den Bürger*innen und Akteuren vor Ort wurden jeweils die Ausgangssituationen der Quartiere erfasst und abgebildet, Dienstleistungsstrukturen und Versorgungsprozesse analysiert, (niedrigschwellige) Teilhabe- und Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen, Technik entwickelt (z.B. eine Wunschbedienung für zu Hause, eine Quartiersplattform), Technik-Treffpunkte eingerichtet und Lernmöglichkeiten und Lernformate für freiwillig engagierte Technikbotschafter*innen und Quartiersredakteur*innen entwickelt.

Das Symposium bietet einen Einblick in Verfahren und Ergebnisse der einzelnen Teilprojekte, die die Perspektiven der Informatik, Sozialwissenschaften, Sozialpolitikwissenschaften, Geragogik, Ökonomie und Sozialarbeitswissenschaften zusammenführen. Vorgestellt und diskutiert werden die Chancen und Grenzen von digital unterstützten Quartiersentwicklungen in Stadtgesellschaften.

17:30
Stadtquartiere - Rahmenbedingungen verstehen und Ausgangssituation erfassen
S502-1 

M. Grates; Dortmund

Die Entwicklung von (Stadt-)Quartieren steht derzeit im Fokus von Politik, Öffentlichkeit, Verwaltung und Wissenschaft. Als auslösende Faktoren werden gesellschaftliche Wandlungsprozesse, wie z. B. soziale und demografische Veränderungen, angeführt. Auch das Forschungs- und Entwicklungsprojekt QuartiersNETZ zielt auf die Gestaltung von Stadtquartieren, in denen Menschen aller Lebenslagen und jeden Alters die Möglichkeit haben, am gesellschaftlichen Leben teilhaben und selbstständig im gewohnten Umfeld leben zu können.

Der Beitrag skizziert am Beispiel Gelsenkirchens welche Merkmale im Rahmen der Bestandsaufnahme im QuartiersNETZ mittels welcher Methoden erfasst wurden, um die Ausgangssituation für projektrelevante Fragestellungen aus Sicht der Sozialwissenschaften, Informatik, Ökonomie, Sozialen Arbeit, Geragogik und weiteren abzubilden.

Zentrale Ergebnisse und Annahmen, die sich daraus für die Quartiersentwicklungsprozesse ableiten lassen, werden dargestellt. Beispielsweise zeigt sich, dass die Quartiere aufgrund ihrer u. a. unterschiedlichen Sozial-, Versorgungs- und Akteursstrukturen unterschiedliche Voraussetzungen für die realen und digitalen Quartiersentwicklungsprozesse aufweisen. Deutlich wurde auch, dass vor allem die digitale Quartiersentwicklung das Projekt vor besondere Herausforderungen stellt. Der Beitrag schließt mit einer Reflexion der Vorgehensweise.

17:45
Dienstleistungsstrukturen und Versorgungsprozesse im Quartier
S502-2 

M. Mähs, T. Michalik; Vechta

Fragestellung: Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen gewinnt die Sicherstellung einer bedarfsgerechten quartiersbezogenen Versorgung der älteren Menschen an Bedeutung. So stellt sich die Frage, wie Dienstleistungsstrukturen und Versorgungsprozesse im Quartier adäquat gestaltet werden können, um eine Versorgung zu gewährleisten, die es den Menschen ermöglicht, auch bei altersassoziierten Einschränkungen möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung zu verbleiben. Des Weiteren ist fraglich, welche Lösungsansätze zur Aufrechterhaltung und Entwicklung nachhaltiger Versorgungsstrukturen im Quartier geeignet sind, die Bedarfe der Bewohnerinnen und Bewohner effektiv zu decken. 

Methodik: Es wurde ein Mixed-Method-Ansatz verwendet. Für die Status quo Analyse der Bedarfe und der Bedarfslücken wurden sowohl quantitative wie auch qualitative Verfahren zur Erfassung und Beurteilung der örtlichen Strukturen auf der einzelwirtschaftlichen, gruppen- und quartiersbezogenen Ebene exemplarisch in vier Modellquartieren der Stadt Gelsenkirchen genutzt. So konnten die Bedarfe erfasst, die Bedarfslücken identifiziert und die Dienstleistungsstrukturen und -prozesse analysiert werden. Um die Entwicklung eines Versorgungskonzepts und den damit verbundenen Aufbau von Versorgungsstrukturen und -prozessen zu fördern, wurden zudem Maßnahmen zur Ansprache, Vernetzung und Kooperation unterschiedlicher Akteure partizipativ erarbeitet.

Ergebnisse: Zur Identifikation und zur Schließung von Bedarfslücken im Quartier bedarf es des aktiven Mitwirkens der verschiedenen Beteiligten sowie einer Vernetzung unterschiedlicher Akteure, wie Dienstleister, ehrenamtlich Engagierte sowie kommunale Organisationen. Um die Beteiligung der Akteure zu erhöhen, ist der Einbezug von Multiplikatoren sinnvoll. Neben den Vernetzungen und Kooperationen zwischen einzelnen Akteuren ist die Benennung eines Orchestrators für die Koordination des Gesamtversorgungskonzepts empfehlenswert.

Zusammenfassung: Durch die Entwicklung adäquater Dienstleistungs- und Versorgungsstrukturen im Quartier kann älteren Menschen ein selbstbestimmtes Leben in der heimischen Wohnumgebung trotz altersassoziierter Beeinträchtigungen ermöglicht werden.

18:00
QuartiersNETZwerke von und mit Älteren entwickeln
S502-3 

E. Heite; Gelsenkirchen

Der Beitrag fokussiert die im Rahmen des Projektes QuartiersNETZ gestalteten Prozesse der Quartiersentwicklung (Aufbau von Partizipations-, Dienstleistungs-, Netzwerkstrukturen) und beleuchtet die Rolle Älterer hierin.

Die Älteren werden als wichtiger Teil der Stadtgesellschaft verstanden. Sie gestalten die Entwicklung ihres eigenen Quartiers mit seinen jeweiligen Besonderheiten mit. Sie sind angesprochen als Experten ihres spezifischen Alltags und der lokalen Lebenswelt. Sie bringen sich in allen Bereichen der komplexen und in allen Teilen partizipativ angelegten Projektarchitektur mit ihren Kompetenzen, Fähigkeiten und (Zeit-)Ressourcen ein, sei es um Partizipationsmöglichkeiten entsprechend zuzuschneiden, zu erproben und zu verbessern, Informations- und Kommunikationswege zu kreieren, die Entwicklung technischer Unterstützungslösungen (wie z.B. digitale Quartiersplattform, „Wunschfernbedienung“) voran zu bringen, zu nutzen und beim Einstieg zu helfen oder die im Projekt eingerichteten Techniktreffs durch ihre Angebote als neue Orte des Lernens und Ausprobierens mit Leben zu füllen. Dies tun sie als Technikbotschafter*innen, Quartiersredakteur*innen oder „Aktive“ im Quartier. Die Älteren sind aber auch  Schlüsselpersonen, Multiplikator*innen, Vermittler*innen für wiederum andere. Sie sind somit (Ko-)Produzent*innen eines lebendigen Netzwerks im Quartier.

Die verschiedenen Entwicklungsstränge (siehe übrige Beiträge) werden eingebunden in einen Gesamtprozess, der wiederum anschlussfähig (Einbettung in die spezifischen Gegebenheiten der Stadt und des Quartiers) und nachhaltig (Ressourcenbündelung, Netzwerkmanagement, Gesamtkonzept) angelegt ist. Es zeigt sich, dass hierbei die Verknüpfung von Quartiersebene und Gesamtstadt, repräsentativen Demokratieelementen mit direktdemokratischen Beteiligungsformen, real und digital besondere Chancen bietet, jedoch auch von Beginn an zu gestalten ist. Ebenso zeigt sich im Hinblick auf die Breite der Beteiligung Älterer, dass Veranstaltungsformate zu entwickeln sind, die neben den frühzeitig im Projekt etablierten Komm-Strukturen auch zugehenden Charakter haben.

Chancen und Herausforderungen dieses ko-produktiven Prozesses werden im Beitrag diskutiert.

18:15
Partizipative Technikentwicklung - Methodik und Umsetzungsbeispiele
S502-4 

J. Sorgalla, S. Sachweh; Dortmund

Ubiquitäre Technologien wie das Internet verändern die Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, leben und arbeiten. Diese sich auch in den kommenden Jahren weiter verstärkende, digitale Transformation birgt zahlreiche Chancen und Risiken. Es liegt daher auch in der Verantwortung von Technikentwickler*innen, entstehende Technologien so zu gestalten, dass möglichst alle Bürger*innen von neuen technischen Lösungen profitieren können und sich die digitale Exklusion nicht weiter verstärkt. Eines der Ziele des Projektes QuartiersNETZ war es daher, die im Projektvorhaben skizzierten technischen Lösungen partizipativ mit älteren Bürger*innen zu entwickeln, um den tatsächlichen Nutzen der Technik für diese sehr heterogene Gruppe größtmöglich zu gestalten. Hieraus ergab sich die Herausforderung, komplexe Partizipationsprozesse in komplexe technische Entwicklungsprozesse zu integrieren.

Auf Basis von Entwicklungsbeispielen aus dem Projekt QuartiersNETZ wird insbesondere für die Domäne der Softwareentwicklung deutlich, dass eine zu geringe Nutzerpartizipation das Risiko erhöht, bestimmte Gruppen auszuschließen und Technik an den Nutzer*innen vorbei zu entwickeln, während ein zu offener Prozess die Gefahr birgt, Entwicklungsschritte niemals abschließen zu können. Dies zeigte sich beispielsweise bei der Entwicklung einer digitalen Quartiersplattform, die es den Bürger*innen und Akteuren im Quartier ermöglicht, sich zu vernetzten und die bereits vorhandenen Strukturen eines Wohnquartiers digital ergänzt. So wurde zum einen eine Methode entwickelt, einer möglichst heterogenen Gruppe Älterer Partizipation an Technikentwicklung zu eröffnen. Zum anderen galt es einen Rahmen zu finden wo und inwieweit Mitgestaltungsmöglichkeiten bestehen und wo der technische Entwicklungsprozess seine partizipativen Grenzen hat. Zum Teil blieben auch durch die Entwickler*innen intendierte Partizipationsmöglichkeiten durch die Bürger*innen ungenutzt.

Partizipation bei der Entwicklung von technischen Systemen ermöglicht die Erstellung hochgebrauchstauglicher Software, unterliegt dabei jedoch Grenzen, die sowohl auf Seiten der Bürger*innen, als auch der Entwickler*innen und des technisch und organisatorisch Machbaren in Projektkontexten liegen – was der Beitrag kritisch diskutiert.

18:30
Technikbegleitung - Aufbau von Initiativen zur Stärkung der Teilhabe Älterer im Quartier
S502-5 

J. Stiel; Düsseldorf

Menschen, denen der Zugang zum Internet verschlossen bleibt, können die Chancen der Digitalisierung nicht wahrnehmen und verlieren Möglichkeiten der Teilhabe. Besonders bestimmte Gruppen älterer Bürger*innen sind von digitaler Exklusion betroffen. Es ist zu befürchten, dass ohne geeignete Interventionen die voranschreitende Digitalisierung auch soziale Ungleichheiten im Alter weiter verstärkt. Als Barrieren neue Technologien und digitale Medien zu nutzen, wurden u.a. auch fehlende geeignete Ansprechpartner*innen und Gelegenheiten zum Ausprobieren und Lernen identifiziert.

Im QuartiersNETZ-Teilprojekt „Technikbegleitung“ wurde als eine Interventionsstrategie der Aufbau von Technikbotschafter-Initiativen in den Quartieren erprobt – als eine Möglichkeit die (digitale und damit soziale) Teilhabe Älterer zu stärken. Partizipativ mit älteren Bürger*innen, Geragog*innen, Informatiker*innen, Sozialarbeiter*innen und weiteren Akteuren aus der Stadt wurden Konzepte entwickelt, Initiativen zur Technikbegleitung stadtweit und auf Quartiersebene aufzubauen, Freiwillige jeden Alters zu gewinnen, sich über ein ebenfalls entwickeltes Curriculum zu „Technikbotschafterinnen und -botschaftern“ zu qualifizieren und dann in den Quartieren aktiv zu sein. Dazu wurden die notwendigen Rahmenbedingungen identifiziert, die ein solches Engagementformat im Speziellen mit sich bringt.

 

In den im Projekt eingerichteten Technik­treffs bieten die Technikbotschafter*innen Kurse (z.B. zur Smartphone-Nutzung) und offene Sprechstunden an - auch Hausbesuche sind möglich. Sie wirken dabei als Intermediäre und zum Teil auch als Rollenmodelle, die zeigen, dass „Technik-Lernen“ im Alter möglich ist, Spaß machen und den Alltag bereichern kann. Die Evaluationsergebnisse hinsichtlich der Nutzer*innen der Angebote zeigen, dass mit Technikbegleitung auch exklusionsgefährdete ältere Personen erreicht werden können, also Personen, die durch traditionelle Bildungseinrichtungen eher nicht (mehr) erreicht werden. Aufgezeigt wird darüber hinaus, wie auch professionelle Dienstleister, Pflegefachkräfte und Betreuungskräfte als „Techniklots*innen“ ihren Beitrag dazu leisten können, speziell in Pflegehaushalten oder in Pflegeheimen Techniknutzung zu erleichtern bzw. zugänglich zu machen.

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