Symposium Gerontologie & Altenarbeit
Samstag, 10.09.2016
10:15 - 11:45
Raum Ulm
S426
Versorgungsforschung an der Schnittstelle vom Krankenhaus zum Nachsorgesektor

Moderation: H. Brandenburg, Vallendar

Die Planung der Nachsorge nach Krankenhausaufenthalt ist gerade bei alten Menschen häufig ein komplexes Unterfangen, das medizinische, pflegerische und sozialarbeiterische Themenbereiche tangiert und durch kurze Liegezeiten noch zusätzlich erschwert wird. Gelingt eine gute Nachsorgeplanung nicht, so besteht die Gefahr einer prekären häuslichen Versorgungssituation. Ein weiterer Ressourcenverlust, Akutereignisse sowie erneute Krankenhausaufenthalte können die Folge sein.
Die vier vorgestellten Studien beleuchten aus unterschiedlichen Perspektiven die Praxis der Kliniküberleitung und beschreiben Handlungserfordernisse und Lösungsansätze für einen gelingenden Übergang vom Krankenhaus in die häusliche Wohnsituation.

10:15
Begleitete Entlassung aus dem Krankenhaus - Absicherung des Übergangs durch gezielte Beratung von Angehörigen. Ergebnisse und Erkenntnisse zur Fundierung eines Beratungskonzepts an der Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus, Tübingen.
S426-01 

R. Michaletz-Stolz, K. Stopper, E. Schmedding, A. Riedel; Tübingen, Esslingen

Ausgangslage: Vor dem Hintergrund des deutlichen Rückgangs der Verweildauern kann die Entlassung aus dem Krankenhaus ins häusliche Setting sowohl für die Patienten als auch für deren Angehörige eine kritische Episode im Krankheitsverlauf und im Versorgungsalltag darstellen. Erfolgt die Entlassung unvorbereitet, besteht ein erhöhtes Risiko einer Rehospitalisierung kurz nach dem stationären Aufenthalt. Im Projekt „Begleitete Entlassung (BegE)“ steht die Stärkung der pflegenden Angehörigen durch Beratung im Vordergrund, da sie einen erheblichen Beitrag dazu leisten, dass pflegebedürftige Menschen in ihrem häuslichen Umfeld verbleiben können. In der fragilen Übergangszeit wird eine an die reale häusliche Situation angepasste zugehende Beratung benötigt, um bedarfsorientierte Pflegestrategien zu realisieren und zu verstetigen. Das Projekt ist im Paul-Lechler-Krankenhaus in Tübingen angesiedelt, in dem größtenteils geriatrische Patienten versorgt werden, die eine hohe Pflege- und Behandlungsintensität aufweisen.
Ziel und Fragestellungen: Ziel des Projekts „BegE“ ist es, mittels strukturierter und individueller Pflegeberatung pflegende Angehörige geriatrischer Patienten während des Übergangs vom Krankenhaus ins häusliche Setting zu begleiten und auf die Übernahme der häuslichen Pflege vorzubereiten. Daraus ergeben sich folgende Fragestellungen: - Welchen Beratungsbedarf formulieren Angehörige geriatrischer Patienten beim Übergang vom Krankenhaus ins häusliche Setting? - Welche Interventionen müssen realisiert werden, um diesen Bedarf zu decken?
Vorgehensweise: Zu Projektbeginn wurde der Beratungsbedarf pflegender Angehöriger geriatrischer Patienten während der Übergangszeit durch eine standardisierte Befragung erhoben. In einer zweiten Projektphase werden derzeit auf Basis der Befragungsergebnisse, einer Literaturrecherche, einer Dokumentenanalyse zu Beratungsanlässen sowie einer Gruppendiskussion mit Pflegefachkräften Interventionen entwickelt. Ergebnis ist ein Beratungs- und Interventionskonzept, das bestehende Angebote für pflegende Angehörige ergänzt und Doppelstrukturen vermeidet. Die Perspektiven der Pflegefachkräfte und der Angehörigen werden dabei zusammengeführt. In einer sich anschließenden Pilotphase ist eine Testung des Konzepts geplant.

Projektförderung durch das Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg (Laufzeit vom 1. Februar 2015 – 31. Januar 2017)

10:30
„Brückenpflege” - Nachbetreuung vulnerabler Patienten nach Entlassung. Die Evaluation poststationärer Betreuung - Biberach (EPOS- B). Teil A: Brückenpflege - die Perspektive von Betroffenen, Pflegenden, Stakeholdern
S426-02 

J. Bauer, L. Luft, C. Grebe, H. Brandenburg; Vallendar

Hintergrund: Thema sind die Herausforderungen in der poststationären Versorgung von alten und mehrfacherkrankten Menschen. Gerade bei dieser Klientel bestehen hohe Informationsdefizite beim Überleitungsprozess von der stationären in die häusliche Versorgung (Uhlmann et al. 2005, Williams et al., 2006, Foust et al., 2012, Dossa et al., 2012, Giosa et al., 2014). Zur Lösung der beschriebenen Problematik wird derzeit am Sanaklinikum in Biberach (Riß) ein Modellprojekt der Überleitungspflege umgesetzt. Hier findet eine poststationäre Begleitung der genannten Patienten in deren Häuslichkeit durch Brückenfachkräfte statt.
Methoden: Es handelt sich um ein Mixed Methodes Design. Im qualitativen Teil der Studie werden qualitative, leitfadenorientierte Interviews geführt. Interviewt werden die MitarbeiterInnen der Brückenpflege, die betreuten PatientInnen und deren Angehörige, externe Stakeholder, wie ambulante Pflegedienste, Hausärzte sowie interne Stakeholder, wie Mitarbeiter der Klinik (Sozialdienst, Klinikleitung usw.).
Fragestellung: Es geht um die Evaluation der Arbeit der Brückenfachkräfte, sowie deren Auswirkungen auf die Versorgung der PatientInnen. Es soll außerdem analysiert werden, ob durch die Arbeit der Brückenpflege Doppelstrukturen in der Entlassungsplanung vermieden werden und ob die Kooperation zwischen Schnittstellen der poststationären Versorgung verbessert wird.
Ergebnisse: Bei der Arbeit der Brückenpflegenden ließen sich einige Besonderheiten erkennen. Die Tätigkeit geht mit einem sehr hohen persönlichen und oft auch ehrenamtlichen Engagement einher. Des Weiteren lässt sich das genaue Profil der Brückenpflege nicht klar erkennen. Viele Patienten wünschen sich von den Brückenpflegekräften Beistand und Kommunikation, die eigentliche Aufgabe im Sinne von häuslicher Beratung ist nachrangig. Die Brückenfachkräfte erbringen dazu eine große Brandbreite an Leistungen, weil diese sich aus der Situation ergeben. Diese variieren zwischen Beratung und Anleitung, beispielswiese auch bei behandlungspflegerischen Tätigkeiten.
Ausblick: Empfehlungen für die Brückenpflege sind eine eindeutige Festlegung ihrer Leistungen. Möglich wäre die Nutzung eines Leitfadens, um ein einheitliches Vorgehen bei der Intervention zu gewährleisten.

10:45
„Brückenpflege” - Nachbetreuung vulnerabler Patienten nach Entlassung. Die Evaluation poststationärer Betreuung - Biberach (EPOS- B). Teil B: Effekte eines Brückenpflege- Angebots auf die Qualität des Transitionsprozesses vom Akutkrankenhaus in die Häuslichkeit
S426-03 

C. Grebe, J. Bauer, L. Luft, H. Brandenburg; Vallendar

Hintergrund: Im Projekt EPOS-B wird ein bestehendes Modellprojekt zur Verbesserung der Patientenüberleitung vom Akutkrankenhaus in die Häuslichkeit evaluiert. Bei diesem Angebot begleiten Pflegefachkräfte des Krankenhauses in typischerweise 2-4 nachstationären Hausbesuchen. Dieser Beitrag bezieht sich auf den standardisierten Arm der Evaluationsstudie.
Methoden: Die Interventionsgruppe besteht aus N=70 Patient/-innen, die im Evaluationszeitraum das Brückenpflege- Angebot in Anspruch genommen haben. Als Kontrollgruppe dienen Patient/-innen der geriatrischen Rehabilitation des gleichen Krankenhauses, von denen N=70 mit der Interventionsgruppe vergleichbare Fälle mittels Propensity Score Matching gezogen werden.
Die Baseline- Befragung der Patient/-innen erfolgt spätestens einen Tag nach der Entlassung, der zweite Messzeitpunkt unmittelbar nach Beendigung der Brückenpflege (in der Kontrollgruppe nach 8-10 Tagen).
Als primäres Outcome wird die Veränderung der durch die Patient/-innen wahrgenommenen Qualität des Überleitungsprozesses untersucht, gemessen mit einer angepassten Version des Care Transition Measure (CTM-15), zudem werden die gesundheitsbezogene Lebensqualität (EQ5D), Medikamentenadhärenz (Morisky Medication Adherence Scale, MMAS-4) das habituelle subjektive Wohlbefinden und am zweiten Messzeitpunkt zudem die Zufriedenheit mit dem Brückenpflege- Angebot gemessen. Zusätzlich erfolgt eine Fremdeinschätzung durch die Brückenpflegekraft mittels FIM und iADL- Skala sowie an zweiten Messzeitpunkt zu Ereignissen im Zeitraum der Brückenpflege.
Ergebnisse: Erste Zwischenergebnisse werden erst zum Zeitpunkt des Kongresses vorliegen.

11:00
„Vom Heim nach Hause” - soziale Beratung für Kurzzeitpflegegäste nach Krankenhausaufenthalt. Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung
S426-04 

M. Bär, P. Schönemann-Gieck, E. Süs; Heidelberg

In den letzten Jahrzehnten ist die Bedeutung der Kurzzeitpflege (KZP) für die Krankenhausnachsorge kontinuierlich gestiegen (vgl. GEK-Pflegereport 2012). Dabei weist eine wachsende Zahl an Patienten nach der Entlassung einen vorübergehend oder dauerhaft erhöhten Hilfebedarf auf, der Anpassungen der häuslichen Versorgungssituation erforderlich machen kann. Zugleich ist der Anteil jener Personen, der nach KZP-Aufenthalt direkt in die stationäre Dauerpflege übersiedelt, in den letzten Jahren gestiegen (ebd.). Hintergrund des hier vorgestellten Modellprojekts war die Frage, inwieweit die Chancen einer Rückkehr nach Hause durch ein gezieltes, in der KZP angesiedeltes Case-Management-Angebot, erhöht werden können.
Das vom Sozialministerium Baden-Württemberg geförderte Projekt wurde in fünf stationären Einrichtungen eines Altenhilfeträgers durchgeführt. In einem Zeitraum von 18 Monaten erhielten KZP-Gäste nach Krankenhausaufenthalt eine zugehende sozialarbeiterische Beratung, an die sich bei Bedarf ein Case-Management anschloss, dass auch eine Nachbetreuung beinhaltete. Fragestellungen der wissenschaftlichen Begleitung waren dabei: (a) Inwieweit gelingt es, das angestrebte Projektziel zu realisieren und welche Faktoren beeinflussen die Chance einer dauerhaften Rückkehr in die häusliche Wohnsituation? (b) Welche Tätigkeiten der Projektkoordinatorin sind hierfür erforderlich und welche Herausforderungen stellen sich in der Beratung von Kurzzeitpflegegästen nach Krankenhausaufenthalt?
Im Untersuchungszeitraum konnten Daten von insgesamt 170 beratenen Kurzzeitpflegegästen erhoben und ausgewertet werden. Bei 60% der Projektteilnehmer war mit unterschiedlichen Hilfestellungen eine erfolgreiche Rückkehr in die häusliche Wohnsituation möglich. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass es sich bei der untersuchten Personengruppe um ein sehr heterogenes Klientel mit oftmals komplexen Beratungsbedarfen handelt. Die KZP stellt zunehmend einen Ort der Weichenstellung dar. Eine umfassende und zugehende Beratung hat sich in diesem Projekt als wesentlich gezeigt, um verfügbare Unterstützungsmöglichkeiten zu Hause optimal auszuschöpfen.

11:15
Kommunale Ansätze zur Optimierung von Krankenhausaufenthalten älterer Menschen. Empirische Befunde im Wiesbadener Netzwerk für Geriatrische Rehabilitation - GeReNet.Wi
S426-05 

P. Schönemann-Gieck, J. Weber; Heidelberg, Wiesbaden

Mit der Reform des SGB V reagierte die Gesetzgebung auf die zunehmende Hilfe- und Pflegebedürftigkeit nach Klinikaufenthalten. Die Krankenhausbehandlung umfasst nunmehr ein Entlassmanagement zur Unterstützung einer sektorenübergreifenden Versorgung der Versicherten beim Übergang in die Versorgung nach Krankenhausbehandlung. Die Umsetzungsverantwortung liegt bei den Kliniken. Auch von Seiten der Kommune besteht aufgrund der im SGB XII festgelegten Grundsätze Interesse daran, die Überleitung und Nachsorge nach Krankenhausaufenthalt optimal zu gestalten. Vor diesem Hintergrund initiierte das kommunale Amt für Soziale Arbeit der Landeshauptstadt Wiesbaden eine Untersuchung mit dem Ziel, Handlungsbereiche zu identifizieren, die aus Kliniksicht Ansatzpunkte für Maßnahmen zur Verbesserung des Überleitungsmanagements bieten.
In der Studie, die das Institut für Gerontologie in den drei Wiesbadener Akutkliniken durchführte, wurden 20 offene Interviews mit Klinikärzten, Pflegedienstleitungen und Sozialdiensten geführt und mithilfe eines qualitativen Datenverarbeitungsprogramm ausgewertet. Zahlreiche Problemfelder konnten identifiziert werden und wurden anhand einer Adaptation des Public Health Action Cycle (Rosenbrock, 1995) vier relevanten Schritten der Intervention „Überleitung“ zugeordnet: (1.) der Bestimmung des poststationären Versorgungsbedarfs, (2.) der Abstimmung der Hilfeplanung, (3.) der Einleitung des Überleitungsprozesses und (4.) der Kontrolle des Überleitungsmanagements. Zudem wurden Patientenmerkmale identifiziert, die besondere Probleme bei der Überleitung konstituieren.
Die Befunde der Wissenschaft wurden in Spiegelungsgesprächen den Klinikvertretern vorgestellt und bewertet. In den kommunalen Versorgungsnetzwerken „GeReNet.Wi“ und „Forum Demenz Wiesbaden“ sind bereits erste Maßnahmen auf Grundlage der empirischen Befunde entwickelt und umgesetzt. Die Umsetzung weiterer Initiativen ist im Rahmen einer Förderung im Gesundheitspaktes 2.0 des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration avisiert.
Im Vortrag werden nicht nur die Befunde der Untersuchung dargestellt sondern es wird auch auf die Arbeitsweisen zwischen Kommune und Wissenschaft als Grundlage einer nachhaltigen Maßnahmenentwicklung eingegangen.

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