Symposium Soziologie & Psychologie
Samstag, 10.09.2016
10:15 - 11:45
Raum Mannheim
S425
Perspektiven zur Akzeptanz und Nutzung von IKT im Alter

Moderation: M. Doh, Heidelberg

Bei der Frage nach Technikakzeptanz und Techniknutzung im Alter finden sich erste Bezugspunkte zu etablierten theoretischen Konzepten und Modellen wie dem Technikakzeptanzmodell (TAM) von Davis und Kollegen (1989) aus den 1980er Jahren. Davon ableitend entstanden im Laufe der Zeit Modifikationen und Erweiterungen auf bestimmte Settings (Arbeit, Privat), Personengruppen (ältere Menschen) und Produkte (IKT, AAL). IKT und besonders das Internet gelten als zeitgemäße Leitmedien, die auch für ältere Menschen als Einstieg in die digitale Welt dienen können. Für die Akzeptanz und Nutzung von IKT im Alter ergeben sich hierbei spezifische Person- und Umweltaspekte, die in den Modellen und Konzepten bislang unzureichend Berücksichtigung fanden. Dies gilt auch hinsichtlich dynamischer Prozesse wie der fortschreitenden Mediatisierung des Alltags und dem Heranwachsen neuer technikerfahrener Altersgruppen. Das Symposium will hierzu Perspektiven und Ansätze aus verschiedenen Fachdisziplinen einbringen und zusammenführen.
Die Alters- und Mediensoziologin Sabina Misoch beleuchtet in ihrem Vortrag die verschiedenen Technikakzeptanzmodelle im Hinblick auf ihre Relevanz und Spezifizierung auf das Alter.
Der Soziologe Alexander Seifert zeigt anhand repräsentativer Studien aus der Schweiz, dass neben personenbezogenen Einflussfaktoren wie Gesundheit, besonders umweltbezogene Merkmale wie das soziale Umfeld entscheidend für die Nutzung bzw. Nichtnutzung des (mobilen) Internets im Alter sind.
Wie sehr jemand das Internet nutzt, hängt in besonderer Weise von der Computerselbstwirksamkeit ab, berichtet der Psychologe Mario Jokisch und verweist auf Möglichkeiten zur Steigerung, anhand der Quellen der Selbstwirksamkeit.
Die Erziehungswissenschaftlerin Rebecca Dahms untersuchte Nutzung und soziale Teilhabe durch IKT bei technikunerfahrenen älteren Personen in verschiedenen Settings (privatwohnend, (teil-)stationär und stellt dabei die zentrale Rolle des sozialen Umfelds und speziell der Familienangehörigen heraus.

10:15
Technikakzeptanzmodelle: Theorieübersicht und kritische Würdigung
S425-01 

S. Misoch, C. Pauli; St. Gallen/CH

Die Nutzung von Technologien hängt stark von verschiedenen internen (psychologischen) aber auch externen technikbezogenen und rahmenden d.h. umweltbezogenen sowie von kulturellen Faktoren ab, die bis heute noch nicht vollumfänglich erforscht sind. Dies gilt vor allem für die Techniknutzung von älteren Personen, die im Zuge des demographischen Wandels zunehmend in den Fokus der Forschung rückt.
Im Beitrag werden die wichtigsten Modelle und Theorien zur Technikakzeptanz vorgestellt und kritisch gewürdigt. Zu Beginn steht die Theory of Reasoned Action (TRA) von Fishbein & Ajzen (1975), die davon ausgeht, dass die Verhaltensintention von den Einstellungen gegenüber einem Produkt und von der subjektiven Norm abhängen. Als Alternative zur TRA hat Warshaw (1980) ein Modell entwickelt, das die Wahrscheinlichkeit der Produktanschaffung durch ein Individuum anhand verschiedener Variablen erklärt. Das bis heute häufig eingesetzte Technikakzeptanzmodell (TAM) von Davis et al. (1989) bezieht sich konkret auf Gründe für die Nutzung von Technologien und geht von der Prämisse aus, dass die Verhaltens¬absicht des Individuums, eine bestimmte Technik zu nutzen (behavioral intention to use) entscheidend durch drei Faktoren bestimmt wird (attitude toward using, perceived usefulness, perceived ease of use). Das Technikakzeptanz-Modell von Venkatesh et al. (2003) synthetisiert acht bekannte Modelle und Venkatesh & Davis (2000) entwickelten ein erweitertes TAM (TAM 2). Das Modell von Venkatesh & Morris (2000) erweiterte die Modelle um die Variable „Geschlecht“ und STAM, das Modell der Technikakzeptanz für Senioren/innen (STAM; Senior Technology Acceptance & Adoption Model) von Renaud & van Biljon (2008) ist dezidiert darauf zugeschnitten, die relevanten Variablen für die Technikakzeptanz von Senioren/innen zu erklären.
An jedem einzelnen Modell soll die Erklärungskraft für die Technikakzeptanz von Senioren/innen diskutiert werden um daraus abzuleiten, welche Faktoren berücksichtigt werden müssten, um die Bereitschaft von Senioren/innen zur Nutzung einer bestimmten Technik zufriedenstellend modellieren zu können. Diese Diskussion wird vor dem Hintergrund der Mediatisierung erfolgen, mit der Frage, wie sich Technikakzeptanzmodelle zukünftig verändern werden.

10:35
Die Bedeutung des sozialen Umfelds für Technik im Alter - am Beispiel der Internetnutzung
S425-02 

A. Seifert; Zürich/CH

In den letzten 20 Jahren haben der Computer und das Internet die Gesellschaft und deren Kommunikationsverhalten nachhaltig beeinflusst. Für die Alterssoziologie stellt sich hier die Frage, inwieweit ältere Menschen z. B. das Internet als eine bedeutsame Informations- und Kommunikationstechnologie akzeptieren und in ihren Alltag integrieren. Das Technik-Akzeptanz-Modell (TAM) und seine Erweiterungen liefern hierzu eine brauchbare theoretische Basis für die Akzeptanz und Nutzung. Besonders im Alter erscheinen aber auch Umweltaspekte – welche weniger im ursprünglichen TAM berücksichtigt werden – wie das soziale Umfeld und die Wohnsituation von besonderer Bedeutung zu sein. Am Beispiel der Internetnutzung kann mit Schweizer Daten gezeigt werden, dass zwar auch personenbezogene Aspekte wie die sozioökonomischen, gesundheitlichen und technikbezogenen Ressourcen die Internetnutzung erklären helfen, aber auch spezifische Umfeldaspekte eine Nutzung massgeblich beeinflussen. Grundlage für diese empirischen Befunde ist eine telefonische Befragung von 1.037 Personen ab 65 Jahren (Seifert & Schelling 2015) und eine (vorhergehende) Befragung von 1.105 Personen (Schelling & Seifert 2010). Es lässt sich aufzeigen, dass der Grad der Techniknutzung des sozialen Umfelds die Wahrscheinlichkeit selber Onliner zu sein positiv beeinflusst. Hinsichtlich der Wohnsituation (Stadt-Agglomeration-Land) lässt sich für die Schweiz keine signifikanten Unterschiede vorfinden; jedoch für vergleichbare andere europäische Länder. Im Vortrag werden – anhand der empirischen Ergebnisse – die potenziellen alterssoziologischen Erweiterungen des TAM besprochen und zur Diskussion gestellt.

10:55
Selbstwirksamkeit im Kontext der IKT-Nutzung im Alter
S425-03 

M. Jokisch, L. Schmitt, M. Doh, H.-W. Wahl; Heidelberg

Die Internetnutzung und die damit einhergehenden Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) durchdringen die Gesellschaft und halten somit auch Einzug in die Lebenswelten Älterer. In dieser sich schnell verändernden digitalen Umwelt wirkt konkretes Handlungswissen schnell obsolet und grundlegende Fähigkeiten zur Bewältigung unbekannter Situationen, wie die Selbstwirksamkeit, treten in den Vordergrund. Zur Erklärung von Technikakzeptanz und -nutzung etablierten sich in vielfältigen Technikkontexten theoretische Konzepte auf Basis des Technikakzeptanzmodells (TAM), wobei zumeist der Selbstwirksamkeit eine untergeordnete Rolle zukommt. Aufbauend auf Bandura (1997) soll die Bedeutsamkeit der Computerselbstwirksamkeit für das Nutzungsspektrum im Internet dargestellt sowie Möglichkeiten zur Steigerung, anhand der Quellen der Selbstwirksamkeit, aufgezeigt werden. Hierzu nahmen 132 Teilnehmer im Alter zwischen 52-96 Jahren (M=69.6), die einen Computer-, Laptop-, Smartphone- oder Tabletkurs besuchten, an einer Paper-Pencil oder Online-Befragung teil. Neben der Computerselbstwirksamkeit, den Quellen der Selbstwirksamkeit, dem Nutzungsspektrum im Internet und der Obsoleszenz wurde die Rolle des Geschlechts berücksichtigt. Im Rahmen des querschnittlichen Studienaufbaus und mithilfe hierarchischer Regressionsmodelle soll der Einfluss der Computerselbstwirksamkeit und die Bedeutung der Quellen der Selbstwirksamkeit diskutiert werden. Die Ergebnisse geben eindeutige Hinweise, dass eine geschlechtsspezifische Betrachtung zu einem besseren Verständnis beintragen kann. Weitere Erklärungsansätze werden hinzugezogen und in Beziehung zu TAM Konzepten gesetzt.

11:15
Unterstützung des sozialen Umfeldes bei der Techniknutzung von älteren Menschen
S425-04 

R. Dahms, M. Haesner, E. Steinhagen-Thiessen; Berlin

Technikinteresse, Technikerfahrungen und Technikakzeptanz sind wichtig für eine kompetente Techniknutzung für ältere Menschen (Mollenkopf 2006). Nachweislich trägt sie zur Steigerung der Lebensqualität bei (Neyer et al. 2012). Studien zeigen zudem, dass ältere Menschen aus dem näheren Umfeld (Kinder, Enkel) mittels Medieneinsatz lernen. In der vorliegenden Studie wurde analysiert, welchen Einfluss das soziale Umfeld auf Techniknutzung von technikdistanten, älteren Menschen hat. Bei der Betrachtung der IKT-Nutzung allgemein, wurde einerseits geklärt, inwieweit das soziale Netzwerk für die Technikanschaffung und -akzeptanz im Alter verantwortlich ist. Andererseits wurde untersucht, welche Bedeutung das soziale Umfeld für ältere Menschen bei Technikproblemen und der Veränderung des Lebensstils durch Technik hat. Dazu wurden in einer qualitativen Pilotstudie 11 Interviews mit fünf älteren Personen (Mw=74 Jahre; Frauen=83%) und ihren Angehörigen geführt. Es wurden Fragen zur technikanschaffenden Person und Veränderung der sozialen Teilhabe durch IKT-Nutzung gestellt. Darauf aufbauend wurde eine quantitative Interventionsstudie mit einem seniorenfreundlichen Tablet durchgeführt, welches 46 ältere Personen (privatwohnend und (teil-)stationär, Mw=75 Jahre; Frauen=52%) für 8 Wochen nutzten. Ziel der Studie war es, durch einen pre/post Vergleich zu erheben, wie das soziale Netzwerk die Techniknutzung unterstützt hat.
Die Pilotstudie zeigte, dass die Angehörigen den Kauf von IKT übernehmen. Zumeist handelte es sich um abgelegte Geräte der Familienangehörigen. Zudem zeigte die IKT-Nutzung eine positive Wirkung auf die soziale Teilhabe von älteren Menschen und Angehörigen (z.B. Absprachen für Kinderbetreuung). Die Interventionsstudie fand heraus, dass über die Hälfte der befragten Personen bei Technikproblemen ihre Angehörigen um Hilfe bitten. Die weiblichen Personen (82%) fragten ihre Kinder um Rat; Männer versuchten die Probleme eher selbst zu lösen (65%).
Beide Studien zeigten, dass durch die Hilfe des sozialen Umfeldes bei der Techniknutzung nicht nur den zu Hause lebenden, sondern auch (teil-)stationär betreuten Personen eine technikbasierte Teilhabe ermöglicht wird.

Diskutantin: S. Misoch, St Gallen/CH

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