Symposium Geriatrie
Samstag, 10.09.2016
08:30 - 10:00
Bertha-Benz Saal
S412
Neuropsychiatrische Erkrankungen im Alter

Moderation: C. Renner, Bad Harzburg; P. Häussermann, Köln

In der Geriatrie komplizieren im Vordergund stehende oder begleitende neuropsychiatrische Erkrankungen häufig die ganzheitliche Behandlung des Patienten. Das Symposium beschäftigt sich mit Krankheitsbildern aus dem Grenzgebiet von Neurologie und Psychiatrie und richtet sich an den klinisch tätigen Geriater. Die folgenden Themenkomplexe sollen behandelt werden: 1.psychogene Störungen im Alter, 2. Kopf- und Gesichtsschmerz, 3. Schmerztherapie aus neurogeriatrischer Sicht, 4. Differentialdiagnose und pragmatischer Medikamenteneinsatz beim unruhigen Patienten, 5. das Syndrom der unruhigen Beine.

08:30
Psychogene Störungen im Alter
S412-01 

M. Wappler; Hofgeismar

Die Prävalenz des Auftretens somatoformer Störungen im höheren Lebensalter ist unklar. Ätiologisch werden diese von dissoziativen Störungen abgegrenzt. Eine besondere Herausforderung ist die mit steigendem Lebensalter zunehmend schwierige Differenzierung von psychischen Symptomen zu organisch begründeten Körperbeschwerden. Da die Häufigkeit organpathologischer Befunde im Alter zunimmt und psychische Komorbiditäten wie zB. depressive - oder Angststörungen, aber auch Beeinträchtigungen durch die Multimorbidität und Multimedikation hinzutreten, setzt die Diagnostik neben einer gründlichen organischen Diagnostik auch eine erweiterte Anamnese mit Berücksichtigung lebensgeschichtlicher und psychosozialer Aspekte im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung voraus. Die Diagnosestellung einer dissoziativen Störung beim alten Menschen ist besonders schwierig und gelingt besser durch das Verständnis der dazugehörigen Psychodynamik. Dies wird an Fallbeispielen erläutert.

08:45
Kopf- und Gesichtsschmerz, Diagnostik & Therapie
S412-02 

M. Bär; Bad Krozingen

Kopf- und Gesichtsschmerzen sind im Alter häufig. Einer abnehmenden Prävalenz primärer Kopfschmerzerkrankungen, deren Charakteristik sich im Alter oft auch verändert, steht die Zunahme sekundärer Kopfschmerzen gegenüber. Dies macht eine besonders sorgfältige Diagnostik erforderlich. Darüberhinaus sind in der Therapie altersspezifische Besonderheiten im Stoffwechsel, Begleiterkrankungen und die häufig vorliegende Multimedikation zu berücksichtigen. Im Vortrag werden die bei geriatrischen Patienten relevanten primären und sekundären Kopf- und Gesichtsschmerzerkrankungen hinsichtlich klinischer Symptomatik, differentialdiagnostischer Abklärung und Behandlungsmöglichkeiten dargestellt.

09:00
Schmerztherapie aus neurogeriatrischer Sicht
S412-03 

G. Heusinger von Waldegg; Magdeburg

Der chronische Schmerz ist ein Zustand, in dem neurobiologische, psychologische und soziale Faktoren zusammenwirken. Im Alter stellen Schmerzen insbesondere bei multimorbiden und kognitiv eingeschränkten Patienten aufgrund des komplexen Schmerzgeschehens bei Überlagerung verschiedener neuropathischer und viszeraler Schmerzen eine besondere Herausforderung in der Therapie dar. Zu einer Verbesserung des therapeutischen Zuganges bei chronischen Schmerzen im Alter tragen Kenntnisse über neurophysiologische Prozesse auf Neurotransmitterebene und über neuroanatomische Strukturen der peripheren und zentralen Schmerzverarbeitung bzw. die neuroanatomischen Veränderungen bei chronischen Schmerzen bei.

Literatur:
Lotze, M. (2016): Maladaptive Plastizität bei chronischen und neuropathischen Schmerzen. In: Schmerz 30 (2), 127–133.
Mense, S. S. (2004): Funktionelle Neuroanatomie und Schmerzreize, Schmerz 18 (3); 225-237

09:15
Therapieoptionen beim nächtlich unruhigen geriatrischen Patienten im Krankenhaus
S412-04 

U. Kuipers; Bad Oldesloe

Einleitung: Der unruhige geriatrische Patient in der Nacht stellt eine besondere Belastung für die Pflegenden dar und löst nicht selten Bestrebungen zur Heimunterbringung aus. Dabei sind ein Teil der Ursachen behandelbar und vorübergehender Art.
Beispiele sind Luftnot, Fieber, Schmerzen, Angst, Desorientiertheit, Nykturie, Tag/Nachtumkehr, unruhige Beine, dermale Missempfindungen, Lärm, Licht, Kälte, Wärme, Sorgen um die Zukunft, aber auch Hunger, Durst, Harn- und Stuhldrang usw. Die Ursachen kommen aus den Bereichen Innere- und Allgemeinmedizin, Neurologie, Psychiatrie, aber auch Urologie, Orthopädie, Dermatologie, Psychologie und Schlafmedizin.
Leitlinien zu Therapiemaßnahmen bei Unruhe in der Nacht existieren bisher nicht. Der Altersmediziner ist somit auf seine eigene Erfahrung angewiesen. Eine gezielte Schulung für die Pflegenden findet nicht statt. Im Ergebnis werden aus „pragmatischen Gründen“ sedierend wirkende Medikamente pauschal verordnet.
Methoden: Um eine Übersicht über die Häufigkeit der Symptome zu gewinnen, wurde aus Frühbesprechungen und Krankenakten einer Krankenhausgeriatrie (Asklepios Klinik Bad Oldesloe, 34 stationäre Betten, ca. 60 Neuaufnahmen pro Monat) über 4 Monate die berichteten oder in den Akten erwähnten "unruhigen" Patienten registriert. Neben den Basisparametern wie Alter, Geschlecht, Diagnosen, aktuelle Medikation wurden die Symptome, die Situation, die unternommenen Therapieansätze und ihre Effektivität (weniger „Unruhe“ in den Folgenächten) erfasst. Nach zwei Monaten folgten eine Schulung des Pflegepersonals und der betreuenden Ärzte und eine erneute Erfassung der eingeleiteten Maßnahmen bei Unruhezuständen und ihrer Effektivität.
Vorläufige Ergebnisse: Erst die sichere Zuordnung zwischen Symptomen, Ursachen und Differentialdiagnosen erlauben eine spezifische, effektive und ressourcenschonende Therapie. Die Zeit zur ausführlichen Neueinschätzung fehlt den Pflegenden in der Nacht. Schulung und Checklisten erleichtern ihnen die bessere Zuordnung und adäquate Reaktion auf die Unruhezustände.

09:30
RLS im Alter
S412-05 

K. E. Brogmus; Woltersdorf

Die Intensität der Beschwerden und die Häufigkeit des RLS nehmen mit höherem Alter zu. Die Prävalenz wird mit ca. 3-10 % angegeben. Gerade im Alter treten vermehrt symptomatische Formen des RLS auf im Rahmen anderer Erkrankungen wie Polyneuropathien, spinalen Schädigungen, extrapyramidal motorischer Erkrankungen, Urämie, Dialyse und insbesondere Eisenmangel.
Die Indikation zur Eisensubstitution ist bei RLS sehr großzügig zu stellen ab Ferritinspiegeln < 50 µg/l, dadurch können die Beschwerden des RLS signifikant gemindert, dopaminerge Medikamente eingespart und das Risiko der Augmentation gesenkt werden. Mittel der ersten Wahl sind dopaminerge Medikamente. L-Dopa/Benserazid wird eingesetzt bei leichtem bis moderatem RLS (IRLS>15), wobei Dosen über 200, maximal 300 mg nicht überschritten werden dürfen. Wegen der hohen Augmentationsrate um 60 % sind bei ausgeprägteren Beschwerden synthetische Dopaminagonisten (Pramipexol, Ropinerol, Rotigotin) vorzuziehen. Auf Grund der längeren Halbwertzeit und des günstigeren Rezeptorprofil auf D2 Rezeptoren liegt die L-Dopa Äquivalenzdosis bei meist unter 100 mg und das Augmentationsrisiko um 3-10 %. Auch bei geriatrischen RLS Patienten ist wegen der niedrigen Dosen der Einsatz von Agonisten nach entsprechenden Screening auf`s Delirrisiko zu vertreten. Nach zweimaliger Augmentation unter Agonisten wird die Umstellung auf Morphine oder Alpha 2 Delta Liganden empfohlen. Seit 2014 ist hierzu Oxycodon/Naloxon zugelassen. In den USA und Japan hat Gabapentin-Enacarbil, eine Prodrug mit längerer Halbwertzeit, die Zulassung in einer Dosis bis 600 mg.
Bei geriatrischen Patienten mit psychischen Verhaltensauffälligkeiten können RLS Beschwerden durch Neuroleptika oder einzelne Thymoleptika, hier besonders Mirtazapin, verstärkt werden und zusätzlich Unruhezustände verschlimmern. Bei dementen „nächtlichen Wanderern“ sollte differentialdiagnostisch an ein RLS gedacht werden.

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