Symposium Soziologie & Psychologie
Samstag, 10.09.2016
08:30 - 10:00
Studio A
Nach der Debatte und Gesetzgebung zum assistierten Suizid: Möglichkeiten und Grenzen der Suizidprävention im Alter

Moderation: U. Sperling, Mannheim

Der Diskussionsprozess in Gesellschaft, Politik und Fachverbänden hat im November 2015 mit dem Gesetz zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung und dem Hospiz- und Palliativgesetz zwar einen vorläufigen Abschluss gefunden, die gesetzlichen Regelungen entbinden aber weder Forschung noch Praxis davon, sich mit der Suizidalität alter Menschen weiterhin intensiv zu befassen. Mit einem Resümee der Diskussion und Gesetzgebung startet das Symposium; Aufgaben und Desiderate werden aus suizidologischer Sicht dargestellt. Der zweite Vortrag bringt eine schweizerische Perspektive hinzu mit aktuellen Zahlen und einer Diskussion der ethischen Problematik des Suizids im Alter. Neben dem klaren Vorrang von Palliative Care und Suizidprävention werden deren Grenzen angesprochen und praktische Lösungsmodelle in Langzeitinstitutionen diskutiert, wenn assistierter Suizid gewünscht wird. Im dritten Vortrag führen wir das Thema von Advance Care Planning ergänzt durch das Thema der Ethikberatung fort. Möglichkeiten und Grenzen am Lebensende werden unter medizinischer und medizinethischer Perspektive sowie im Hinblick auf die deutsche Gesetzgebung aufgearbeitet. Der vierte Vortrag nimmt den roten Faden des Vorrangs der Suizidprävention vor jeder Form des (assistierten) Suizids auf und beleuchtet die Bedeutung der baulichen Suizidprävention. Dabei werden restriktive Ansätze und sog. atmosphärische Konzepte zur Schaffung eines antisuizidalen Milieus unterschieden. Exemplarisch wird die Reduktion von Stressoren durch demenzsensible architektonische Gestaltung angesprochen. Die Möglichkeiten der baulichen Suizidprävention werden anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse und praktischer Beispiele erläutert.

08:30
Aktuelle Situation, Forschungs- und Handlungsdesiderate in Bezug auf Suizidalität und Suizidprävention im Alter
S418-01 

U. Sperling; Mannheim

In den beiden vergangenen Jahren ist der Diskussionsprozess um die Fragen der Suizidassistenz in Politik, Gesellschaft und Fachverbänden relativ breit geführt worden und fand bereits im November 2015 mit dem Gesetz zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung, dem Hospiz- und Palliativgesetz einen vorläufigen Abschluss. Neu ist die Regelung der Suizidassistenz im Rahmen des Strafrechts. Offen ist vor allem, wie der Begriff der Geschäftsmäßigkeit ausgelegt werden wird. In meinem Vortrag, konzentriere ich mich sodann auf Suizidalität und Suizidprävention im Alter. Die aktuelle Situation wird aus den Daten des statistischen Bundesamtes dargestellt. Im Vergleich mit internationalen Zahlen wird herausgearbeitet, dass eine einseitige Fixierung auf die Frage der Suizidassistenz der Gesamtwirklichkeit im Alter nicht gerecht wird. Suizidprävention als Angebot, das jedem, auch dem alten Menschen gemacht werden soll, umfasst unterschiedliche Dimensionen, wie sie in einem Memorandum der Arbeitsgruppe Alte Menschen im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro) auf der Grundlage des gegenwärtigen suizidologischen Kenntnisstands zusammengestellt worden sind. Daraus ergeben sich für Forschung und Praxis Aufgaben und Desiderate, die im letzten Teil des Vortrags angesprochen werden. Dazu gehören die Wahrnehmung der erhöhten Suizidgefährdung alter Menschen als gesundheits- und versorgungspolitisches Problem, der Vorrang von Prävention und Therapie vor jeglicher Form der Suizidassistenz, die niedrigschwellige Erreichbarkeit von Fachdiensten für alte Menschen und die Entwicklung von Forschungsprogrammen über die Versorgungslage und Vorbeugung suizidaler Gefährdung im Alter. Die Wahrnehmung der grundsätzlichen Begrenztheit der Lebenszeit kann auf individueller Ebene und als Leitlinie für soziales Handeln dabei den Blick schärfen und die nötigen Kräfte freisetzen.

08:50
Suizidprävention, Palliative Care und die Herausforderungen durch den Wunsch nach assistiertem Suizid in Einrichtungen der Altenpflege: eine schweizerische Perspektive
S418-02 

H. Rüegger; Zollikerberg/CH

Die Zahl der Alterssuidzide nehmen zu, in der Schweiz insbesondere die durch Sterbehilfeorganisationen begleiteten Suizide. Da 'selbstbestimmtes Sterben' durch die Entwicklung der modernen Medizin ohnehin zum neuen Paradigma des Sterbens geworden ist und Sterben heute mehrheitlich erst nach Entscheiden sog. Passiver Sterbehilfe geschieht, werden Alterssuizide immer mehr zu einer unter verschiedenen möglichen Formen selbstbestimmten Sterbens. Diese Entwicklung dürfte (wie immer man sie bewertet)unaufhaltsam sein.
Wie sollen Institutionen der Altenpflege vorgehen, wenn Menschen den Wunsch äussern, durch begleiteten Suizid ihr Leben zu beenden? Ja, inwiefern ist der Suizidwunsch eines alten Menschen überhaupt ein ethisches Problem? Wieweit ist Fürsorge im Sinne von Suizidprävention gefordert? Und wieweit ist Respekt vor dem Wunsch eines Sterbewilligen gefragt? Die rechte Zuordnung dieser beiden Maximen Fürsorge und Autonomie ist ethisch und praktisch zentral. Auf dem Hintergrund der Erfahrungen in der Schweiz soll dafür plädiert werden, dass Suizidprävention durch gute Palliative Care einerseits und Suizidassistenz durch dafür spezialisierte Organisationen andererseits sich nicht ausschliessen müssen, sondern sich sinnvoll ergänzen können. Dabei ist der Aspekt der Prävention grundsätzlich primär. Sinnvoll dürfte auch sein, dass das Personal von Institutionen der Altenpflege sich ganz auf das Angebot von Palliative Care mit seinem suizidpräventiven Potenzial konzentriert, während der Aspekt der Suizidassistenz von Vertretern aussenstehender Organisationen abzudecken ist. Hier ist auf eine klare Rollendifferenzierung zu achten, ohne diese in polemische Abgrenzung ausarten zu lassen.

09:10
Suizidprävention im Alter: Welchen Beitrag können Ethikberatung und Advance Care Planning leisten?
S418-03 

D. Dörr; Mannheim

Es entspricht dem Bedürfnis vieler Menschen, ihre Selbstbestimmung gerade auch am Lebensende respektiert zu wissen. Schließlich wird zu recht in diesem Kontext auch auf das Würdeprinzip verwiesen. Während die Anzahl suizidwilliger älterer Menschen deutlich unterschätzt wird, ist nach wie vor davon auszugehen, dass in Arzt-Patient-Gesprächen das Thema Suizid bis heute weitgehend tabuisiert wird. Mit dem Angebot des Advance care planning - der begleiteten vorausschauenden Gesamtbehandlungsplanung – wird Menschen die Möglichkeit eröffnet, Unterstützung bei der Erarbeitung eines individualisierten Konzeptes zur Gestaltung der letzten Lebensphase zu erhalten. Diese Begleitung der Entscheidungsfindungen erscheint umso wertvoller, je erkennbarer ist, dass das in der Praxis zögerlich umgesetzte Instrument der Patientenverfügung doch vielfältige Mängel aufweist und bestenfalls ein Baustein bei der Suche nach Antworten auf die Fragen zu Behandlungswünschen am Lebensende darstellt. Insofern kann Advance care planning einen Beitrag zur Suizidprävention dadurch leisten, dass betroffene Menschen Beistand bei der Reflektion ihrer Erwartungshaltungen und Präferenzen erfahren und mit ihnen über Wege aus (scheinbar) hoffnungslosen Lagen besprochen werden können. Oftmals müssen konfliktbeladene Wertefragen abgewogen werden. In dieser Situation stellt die Ethikberatung ein wirksames Instrument dar, das im klinischen und zunehmend auch ambulanten Bereich Unterstützung bei der Abwägung dieser Fragen bietet, die auch das Thema des Suizidwunsches mit Betroffenen und Beteiligten nicht ausklammern darf. Der Vortrag wird am Beispiel der palliativen Sedierung aufzeigen, wie sich aus Entscheidungssituationen strukturierte Entscheidungsprozesse gestalten lassen in denen auf nachvollziehbare und konsistente Begründungen für / wider (medizinische) Handlungen geachtet wird. Advance care planning und Palliative care bieten durchaus ein vielversprechendes Potential fürsorglicher Suizidprävention, sollten jedoch nicht missbräuchlich als Allheilmittel dargestellt werden.

09:30
Architektonische Lösungen zur suizidpräventiven Unterstützung alter Menschen
S418-04 

N. Glasow; Dresden

Bei der Planung und Gestaltung geriatrischer Einrichtungen sollten Aspekte der Suizidprävention berücksichtigt werden. Dabei geht es in erster Linie um die Vermeidung von baulichen Situationen mit einem Aufforderungscharakter zum Suizid, die für ambivalente Patienten einen gefährlichen Hinweisreiz darstellen können. Neben der Verfolgung des restriktiven Ansatzes der baulichen Suizidprävention - im Sinne der Vermeidung von Zugängen zu Suizidmethoden – ist die Umsetzung atmosphärischer Konzepte zur Schaffung eines antisuizidalen Milieus empfehlenswert.
Die bauliche Suizidprävention darf dabei nicht additiv gedacht werden. Vielmehr müssen bauliche Lösungen entwickelt werden, die ebenso die pflegerisch-funktionalen Prozesse abbilden, die Aktivierung und Selbständigkeit der Patienten unterstützen sowie das Wohlbefinden aller Nutzer und Genesungsprozesse fördern. Eine intensive Auseinandersetzung mit der baulichen Sturzprävention sollte obligatorisch sein. Ein besonderes Potential der Architektur liegt in der demenzsensiblen Gestaltung. Orientierung und Teilhabe können unterstützt und Stressoren deutlich reduziert werden. Aktuelle Forschungsvorhaben weisen darauf hin, dass auch Symptome der Parkinsonerkrankung durch eine adäquate Gestaltung maßgeblich reduziert werden können. Die Möglichkeiten der baulichen Suizidprävention innerhalb dieses komplexen Anforderungskataloges werden anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Beispielen erläutert.

Diskutant: E. Etzersdorfer, Stuttgart

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