Symposium Gerontologie & Altenarbeit
Samstag, 10.09.2016
10:15 - 11:45
Raum Reutlingen
S424
Freie Vorträge - Pflege und Geschlecht

Moderation: K. Aner, Kassel

10:15
Motive und biographische Faktoren bei der Pflegeübernahme häuslich pflegender Männer im erwerbsfähigen Alter
S424-01 

E. C. Dosch; Vechta

Die Familie ist trotz Abnahme des intergenerationalen Pflegepotenzials nach wie vor die wichtigste Instanz zur Versorgung älterer Angehöriger.
Bisherige Forschungsergebnisse zu Motiven pflegender Familienmitglieder basieren meist auf Aussagen weiblich Pflegender, da diese in der Mehrzahl familiäre Pflegeaufgaben leisten. Nach wie vor sind weibliche Familienangehörige im Vergleich zu Männern stärker mit normativen Erwartungen bei der Übernahme der häuslichen Versorgung älterer Angehöriger konfrontiert. Aufgrund verschiedener gesellschaftlicher Strukturveränderungen, z.B. der Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit, kommen Männer vermehrt in die Situation, sich mit der Pflege ihrer hilfebedürftigen Familienmitglieder auseinander zu setzen.
Im Rahmen einer narrativen Befragung von 30 häuslich pflegenden Männern im erwerbsfähigen Alter wird der Frage nachgegangen, was Männer dazu bewegt, häusliche Pflegeaufgaben zu übernehmen und inwiefern biographische Faktoren die Pflegeübernahme beeinflussen.
Die Forschungsbefunde indizieren, dass bei pflegenden Männern im erwerbsfähigen Alter unterschiedliche Beweggründe zur Pflegeübernahme vorliegen, wobei die der pflegenden (Ehe-)Partner und Söhne divergieren. Einige männlich Pflegende verfolgen hohe ethische Werte und Normen, z.B. aus einer Ethik des Helfens oder religiösen Überzeugungen heraus. Biographische Erfahrungen, beispielsweise Pflegeübernahme als Tradition der Familie, sind relevante Faktoren, welche die Motive zur Übernahme von Pflegeaufgaben beeinflussen. Im Vergleich zu pflegenden Frauen bestehen zwar ähnliche Beweggründe, diese werden aber anders gewichtet.

10:35
Alltag und Pflege im Heim: Versuch einer genderspezifischen Rekonstruktion der BewohnerInnensicht
S424-02 

J. Heusinger, S. Dummert; Magdeburg

Der Anspruch auf die Berücksichtigung von geschlechtsspezifischen Bedarfen der BewohnerInnen in der stationären Versorgung lässt sich aus allgemeinen gesetzlichen Vorschriften sowie den Leitbildern vieler Pflegeeinrichtungen ableiten und ist formal in der Pflegeplanung und -dokumentation verankert. Ob und wie diese Bedarfe in Pflege und Alltag tatsächlich Berücksichtigung findet, ist kaum untersucht.
In einer von Zentrum für Qualität in der Pflege geförderten qualitativen Studie wurde die Perspektive der BewohnerInnen von verschiedenen Pflegeeinrichtungen auf diese Fragen untersucht. Dazu wurden zwanzig Interviews mit nicht oder kaum kognitiv beeinträchtigten BewohnerInnen über ihren Alltag und die Pflege geführt und inhaltsanalytisch ausgewertet. Der Studie liegt ein Verständnis von Geschlecht als Gender zugrunde, d.h. als in der Interaktion mit der Umwelt (re)produzierter Kategorie, die das Zusammenleben der Menschen zutiefst prägt. Die sozialen Konstruktionen von „Mann“ und „Frau“ sind zugleich jedoch höchst vielfältig überlagert von milieuspezifischen, regionalen, kulturellen Einflüssen und unterliegen nicht zuletzt einem historischen Wandel, der die Biografien der hochaltrigen HeimbewohnerInnen geprägt hat. Insofern war es eine der Herausforderungen in der Studie, genderspezifische Sichtweisen zu analysieren, ohne dabei in stereotypisierende Zuschreibungen zu verfallen.
Die Ergebnisse geben Einblicke in das Erleben von Pflege und Alltag im Heim aus der Sicht der BewohnerInnen. Es werden einerseits genderspezifische Interessen, Ressourcen und Bewältigungsstrategien sichtbar, andererseits Zumutungen und Beschränkungen. Neben einigen Empfehlungen zur besseren Berücksichtigung genderspezifischer Bedarfe lässt sich vor allem schlussfolgern, dass eine gute Versorgung die individuellen Interessen und Bedarfe der BewohnerInnen viel stärker berücksichtigen muss als bisher.

10:55
Chancengleichheit in Institutionen der Langzeitpflege
S424-03 

J. Bennett, K. Torben-Nielsen, J. Berset; Bern/CH

Einleitung: Chancengleichheit wird in Institutionen der Langzeitpflege auf verschiedenen Ebenen thematisiert. Einerseits geht es um die Frage, ob Bewohnerinnen und Bewohner ihren Bedürfnissen entsprechend gepflegt werden und welche Unterschiede diesbezüglich zwischen den Geschlechtern bestehen. Chancengleichheit ist aber auch bei den Pflegenden selbst ein Thema, einerseits weil männliche Pflegende die Minderheit darstellen und Frauen andererseits in den Kaderpositionen klar untervertreten sind.
Methodisches Vorgehen: In zwei städtischen und ländlichen Institutionen der Langzeitpflege in der deutschen und französischen Schweiz wurden je 5 leitfadengestützte Bewohner-Interviews durchgeführt. Zudem fand in jeder der vier Institutionen ein halbtägiger themenzentrierter Workshop mit 5-9 Pflegenden nach dem Prinzip der Zukunftswerkstatt (Jungk & Müllert, 1989) statt.
In Auswertungsworkshops wurden die aus den Interviews und Zukunftswerkstätten entwickelten vorläufigen Empfehlungen zur Verbesserung der Chancengleichheit überprüft und verfeinert. Zentral war dabei der Einbezug aller relevanten Anspruchsgruppen (Bewohnerinnen und Bewohner, Pflegende, Management, Forschende).
Ergebnisse: Zentrales Ergebnis dieses Forschungsprojekts ist der Leitfaden "Chancengleichheit für Männer und Frauen in der Langzeitpflege". Das Herzstück des Leitfadens bilden sechs aus dem Datenmaterial abgeleitete alltagsnahe Herausforderungen, zu denen jeweils 1-2 Empfehlungen formuliert werden, die sich im Rahmen der Auswertungsworkshops als praktikabel erwiesen. Die Herausforderungen lauten: Stereotype Vorstellungen und ihr Einfluss auf den Pflegealltag; Unausgesprochene Sorgen und Nöte; Wunsch nach kontinuierlichem Teamentwicklungsprozess; Management der heterogenen Mitarbeiterbedürfnisse; Vermehrte Integration der Bewohnenden in die Institution; Wenig Teilhabe an der sozialkulturellen Umwelt ausserhalb der Institution.

11:15
´Caring` für eine älter werdende Bevölkerung als freiwilliges Engagement: Die Fortführung traditioneller Geschlechterregimes?
S424-04 

Y. Rubin; Fulda

Leben und Altern führt – in der Regel – dazu, dass es irgendwann ein Leben IM Alter gibt. Auch wenn sich dieses Alter kalendarisch nicht beziffern lässt und differenziert werden kann in z.B. ein Drittes und ein Viertes Lebensalter, geht „Alter“ vermehrt mit Thematiken der Versorgung, Betreuung und Pflege, mit ´Caring` einher. Während die „jüngeren Alten“ aufgefordert sind, sich im Rahmen von freiwilligen Engagement bspw. in „sorgenden Gemeinschaften“ an der gesamtgesellschaftlichen Aufgabe der Pflege (§8 SGB XI) zu beteiligen, sind es die „älteren Alten“, die eher die Inanspruchnehmer*innen dieses Engagements sind.
Die Debatte über die Organisation von Care-Tätigkeiten wird inhaltlich entlang zweier Diskussionsstränge geführt: Auf der einen Seite wird vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen und politischer Notwendigkeiten argumentiert. Während der Anteil der älter werdenden Menschen steigt, scheinen sozialstaatliche Sicherungssysteme nicht mehr geeignet, die damit verbundenen (erwarteten) Herausforderungen bewältigen zu können. Parallel zu diesen Entwicklungen werden familiale Unterstützungssysteme prekär, da durch eine zunehmende Fokussierung auf Erwerbsarbeit immer weniger Zeitressourcen für die Übernahme notwendiger sorgender Tätigkeiten zur Verfügung stehen.
Bisher nahezu unberücksichtigt in diesem Diskurs bleibt die in der feministischen Gendertheorie entwickelte Perspektive auf ´Care` als eine soziale Praxis, die die Gesamtheit der bezahlten und unbezahlten Sorgearbeit beinhaltet und die sowohl im privaten, als auch im öffentlichen Raum mit benennbaren strukturellen Voraussetzungen wie materiellen und zeitlichen Ressourcen ausgestattet sein muss.
In diesem Beitrag wird anhand einer qualitativen Untersuchung mit freiwillig engagierten älteren Frauen und Männern diskutiert, wie sich freiwilliges Engagement von und für eine älter werdende Bevölkerung konkretisiert Ausgehend davon, dass soziale Reproduktion und 'Care? durch Sozialverträge neu organisiert werden, wird es darum gehen, welchen Umgang es im Rahmen dieses Engagements mit Geschlechterregimes gibt.

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