Symposium Gerontologie & Altenarbeit
Samstag, 10.09.2016
08:30 - 10:00
Raum Ulm
Freie Vorträge - Leben mit Demenz

Moderation: J. Heusinger, Magdeburg

08:30
I-CARE: Ein Tablet-PC zur individuellen Aktivierung von Menschen mit Demenz im häuslichen Einsatz
S416-01 

J. Lohse, K. Glesing, C. Simon, M. Adam, M. Fischer, A. Depner, A. Kruse, I. Franz, T. Schultz, F. Putze, T. Schulze, R. Mikut, W. Doneit, M. A. Engels, P. Gaerte, D. Bothe, C. Ziegler, I. Maucher, M. Ricken, T. Dimitrov, J. Herzig, K. Bernardin, T. Gehrig; Karlsruhe, Heidelberg, Bremen, Berlin, Würselen, Bochum

Die Aktivierung und die Förderung der individuellen körperlichen, geistigen und sozialen Fähigkeiten demenzerkrankter Menschen sind zum Erhalt bestmöglicher Lebensqualität der Betroffenen von entscheidender Bedeutung.
Im BMBF-geförderten Verbundprojekt I-CARE (Förderschwerpunkt „Pflegeinnovationen für Menschen mit Demenz“, Laufzeit: 11.2015-10.2018) arbeiten sieben bundesweit agierende Partner aus technischen, wissenschaftlichen und sozialen Tätigkeitsfeldern zusammen. Unser Ziel ist es, eine Software für Tablet-PCs zu entwickeln, die die Bedürfnisse, Emotionen und Kompetenzen der demenzkranken BenutzerInnen automatisch anhand Sensordaten erfasst.
Die Betroffenen, ihre Angehörigen und professionell Pflegenden erhalten Zugriff auf eine Sammlung vielfältiger, an individuellen Bedarfen ausgerichteter Aktivierungsinhalte, wie z.B. Musikvideos zum Mitsingen, biografische Fotografien und Ratespiele zu verschiedenen Interessensgebieten. Durch die Aktivierung nachbarschaftlicher Selbsthilfepotentiale sollen die Tablet-PCs zudem die Bildung von informellen Betreuungsgruppen für demenzkranke Personen erleichtern.
Wir wollen dazu beitragen, einen möglichst langen Verbleib im privaten Wohnumfeld zu fördern. Daher sind die Steigerung der Lebensqualität von Menschen mit Demenz, die Entlastung der pflegenden Angehörigen sowie die Förderung neuer unterstützender Strukturen in der Kommune und im Quartier zu erwartende Ergebnisse von I-CARE. Begleitet durch wissenschaftliche Untersuchungen und die Evaluierung im Praxiseinsatz, wird das System in enger Zusammenarbeit mit den AkteurInnen im Feld kontinuierlich verbessert. Dabei werden ethische, rechtliche und soziale Richtlinien zur Wahrung der Interessen unserer ProbandInnen entwickelt. Eine Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden gewährleistet die prozessbegleitende Erhebung.
Der Vortrag gibt Einblicke in den Stand des Projektes nach einem Jahr Laufzeit und möchte den Dialog zu Potentialen und Herausforderungen anwendungsorientierter (Forschungs-) Projekte anregen.

08:50
Zwischen Fremdfürsorge und Selbstfürsorge - Lebensqualität von Hauptbezugspersonen demenziell erkrankter Menschen
S416-02 

S. Frewer-Graumann; Münster

Der überwiegende Teil der Menschen mit Demenz wird in Privathaushalten von Angehörigen betreut. Hauptbezugspersonen von demenziell erkrankten Menschen leisten dabei den Großteil täglicher Betreuungs- und Pflegeleistungen. Die Aufrechterhaltung der eigenen Lebensqualität gilt dabei als wichtiges Moment für die Tragfähigkeit von Unterstützungsarrangements. Um diese aufrechterhalten zu können, müssen Hauptbezugspersonen von Menschen mit Demenz im Alltag immer wieder neu eine Balance zwischen Elementen der Selbstfürsorge und Fremdfürsorge finden. Entsprechende formelle und informelle Strukturen können dabei förderlich oder hinderlich auf das Austarieren dieser Spannung wirken. Dennoch ist relativ wenig darüber bekannt, wie die Herstellung der Tragfähigkeit von Unterstützungsarrangements gelingt, welche formellen und informellen Strukturen von Angehörigen als unterstützend oder hinderlich wahrgenommen werden und wie Unterstützungs- und Hilfsangebote insgesamt konzipiert sein sollten, damit sie als Bausteine im Unterstützungsarrangement angenommen werden können. An dieser Stelle setzt der vorliegende Beitrag an, indem Einblicke in eine qualitativ-rekonstruktive Forschung gegeben werden. Grundlage sind Interviews mit Hauptbezugspersonen und teilweise mit Menschen mit Demenz, die mittels eines Leitfadens erhoben und mit der Grounded Theory ausgewertet wurden. Im Beitrag werden Forschungsergebnisse vorgestellt, die aus der Perspektive der Angehörigen die Bedeutung von Lebensqualität für die Tragfähigkeit von Unterstützungsarrangements verdeutlichen.

09:10
Eine vergleichende Anforderungsanalyse zu Ortungssystemen bei Demenz mit Betroffenen, Angehörigen und Experten
S416-03 

H. Megges, S. D. Freiesleben, V. Lüdtke, O. Peters; Berlin

Hintergrund: Ortungssysteme versprechen für mehr „Freiheit, Lebensqualität und Sicherheit“ im Alltag von Menschen mit Demenz (MmD) und deren Angehörigen zu sorgen. Bisher werden diese Assistiven Technologien wenig genutzt. Barrieren sind bspw. Unwissen in Bezug auf Nutzung und Existenz sowie Unzulänglichkeiten der Produkte. Das von der deutschen Alzheimer-Gesellschaft geförderte Forschungsprojekt „Validierung und Optimierung des individuellen Nutzens von Ortungssystemen bei Demenz–VODINO“ untersucht diese Barrieren und entwickelt Empfehlungen sowie Schulungskonzepte für die Praxis.
Methodik: Zunächst wurde ein Kriterienkatalog erstellt, welcher einen detaillierten Überblick zu ausgewählten Ortungssystemen gibt. Darauf aufbauend wurde eine Anforderungsanalyse mittels eines selbst entwickelten Fragebogens durchgeführt, um unterschiedliche Produkte und deren Eigenschaften von Betroffenen, Angehörigen und Experten bewerten zu lassen (N=60; n=7 MmD, n=34 Angehörige, n=19 Experten). Unabhängige Variablen waren Technikaffinität und -erfahrung. Kovariaten waren Alter, Geschlecht und Gruppenzugehörigkeit. Die Daten wurden deskriptiv analysiert und eine Korrelationsanalyse durchgeführt.
Ergebnisse: Die Uhr als Ortungssystem wird von der gesamten Stichprobe bevorzugt (41.7%), gefolgt von Halskette (16.7%), Tracking-Kästchen (11.7%) und Schuhsohle (8.3%). Andere Produkte werden von weniger als 8% präferiert. 43.3% der Teilnehmenden geben an, dass ein Ortungssystem für MmD hilfreich sein könnte. Eine mögliche Entlastung für Angehörige sehen 63.3%. Die Ergebnisse zeigen, dass funktionsbezogene Bedürfnisse mit Technikaffinität zusammenhängen (r=-.40, p< .01). Außerdem haben Angehörige und MmD deutlich weniger ethische Bedenken in Bezug auf Sicherheitsverschlüsse und automatische Anrufannahme als Experten (r=-.38, p<.01).
Diskussion/Ausblick: Die ethische Brisanz der Thematik wurde durch verschiedene Ansichten zu Sicherheitsverschluss und Anrufannahme deutlich. Alle Befragten gaben aber auch an, durch die Nutzung Vorteile zu erwarten, wodurch das große Potenzial von Ortungssystemen gezeigt wird. Aktuell wird im Rahmen des Projekts eine Nutzerstudie durchgeführt, in der zwei unterschiedliche Ortungs-Uhren für den Zeitraum von jeweils vier Wochen im Alltag evaluiert werden.

09:30
Ein Pflegerischer Ansatz für Patienten mit Delir [Postoperatives Delir bei älteren Menschen]
S416-04 

E. Schlauß; Berlin

Ziel der Studie/Fragestellung: Das Delir bei älteren Patienten im Allgemeinkrankenhaus ist ein Problem, das häufig in der täglichen klinischen Praxis auftritt. Wir wollten wissen, ob die Anwendung nicht-pharmakologischer Interventionen durch qualifiziertes Pflegepersonal [Delirspezialisten] zu einer Verringerung der Inzidenz von postoperativen Delirien führt.
Methoden: 2-Jahres-Studie (2011 - 2012) mit einer 1-Jahr-Nicht-Intervention-Phase: "Prävalenz Phase", in der wir die Häufigkeit des Delirs auf zwei Chirurgischen Stationen dokumentiert haben, gefolgt durch eine 1-Jahr-Intervention-Phase auf einer der beiden Chirurgischen Stationen. Die andere Chirurgische Station war Kontrollstation. Die Interventionen, die verwendet wurden, waren nicht-pharmakologische, wie z. B. beschrieben in Hospital Elder Life Program [HELP].
Ergebnisse: Wir präsentieren qualitative Daten aus unserer empirischen Untersuchung: > Wer kann ein Delir von einer Demenz unterscheiden? > Wie kann es differenziert werden, und wer beobachtet die klinischen Anzeichen?
Diskussion - thesenhaft: Das Pflegepersonal verfügt über notwendige Kernkompetenz! Eine interprofessionelle Herangehensweise ist notwendig.
Die nicht-pharmakologischen Interventionen sind ein Multi – Compound – Ansatz.
Schlussfolgerung: In beiden Fällen wurde der Beginn der Symptome/Symptomatik des Deliriums vom Pflegepersonal bemerkt. Ein sehr intensiver Kontakt des qualifizierten Pflegepersonals mit dem Patienten war hierbei von besonderer Bedeutung.
Schnelle und zielgerichtete Interventionen – nicht-pharmakologische – beeinflussen das Delirium. Dies gilt sowohl für die Dauer und Intensität als auch für Folgen des Deliriums. Eine sehr intensive pflegerische/psychosoziale 1:1 Behandlung/Betreuung – frühe Mobilisierung, Wiederherstellung der Normalität – soweit als möglich, … ,Neuausrichtung und Beruhigung – des Patienten sind von herausragender Bedeutung.
Der Einsatz von Delirspezialisten und die Implementierung von clinical pathways auf einer chirurgischen Station senkt das postoperative/stationäre Delirrisiko.

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