Symposium Gerontologie & Altenarbeit
Samstag, 10.09.2016
08:30 - 10:00
Raum Mannheim
S415
Freie Vorträge - Assistenzsysteme

Moderation: K. Hämel, Bielefeld

08:30
Assistive Technologien als Unterstützung von distance caregiving
S415-01 

A. Hegedüs, U. Otto; Zürich/CH

Hintergrund: Nicht nur der demografische Wandel, sondern auch Veränderungen in den Familien- und Paarkonstellationen und die zunehmende räumliche Entfernung zwischen Familienmitgliedern stellen Angehörige und Pflegebedürftige vor neue Herausforderungen. Die pflegerische und emotionale Unterstützung, die früher von Angehörigen vor Ort erbracht werden konnte, muss nun häufig aus der Distanz erfolgen (distance caregiving). Ambient Assisted Living (AAL) Technologien könnten eine Möglichkeit darstellen, um die räumliche Distanz zu überwinden. Dies würde den Angehörigen ermöglichen, trotz der Entfernung, eine tragende Rolle bei der Unterstützung ihrer pflegebedürftigen Nächsten zu spielen. Obwohl laufend neue Technologien auf den Markt kommen, fehlen konkrete übersichtliche Hilfestellungen, die diese Personengruppe entlasten könnte.
Ziel: Das Ziel dieser Arbeit ist es technologiebasierte Unterstützungsmöglichkeiten auf Distanz zu identifiziert und deren Einsatzmöglichkeiten in Bezug auf die spezifischen Herausforderungen von distance caregiving zusammenfassend darzustellen.
Methode: In einem ersten Schritt werden verschiedene deutsch- und englischsprachigen Datenbanken und Google zu existierenden AAL Technologien durchsucht. Die identifizierten Technologien werden anschließend auf ihre Eignung für distance caregiving überprüft. Dies geschieht anhand einer selbst erarbeiteten Kriterienliste, die auf evidenzbasierten Herausforderungen von distance caregiving basiert. Distance caregiving wird hierbei eingeschränkt auf die Unterstützung im häuslichen Bereich bei älteren Menschen.
Ergebnisse und Diskussion: Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen. Die Ergebnisse werden beim Kongress vorgestellt. Die Übersicht soll Angehörigen, Betroffenen und Versorgern helfen, technologiegestützte Unterstützungsmöglichkeiten bei spezifischen Herausforderungen bei der Pflege auf Distanz einzusetzen. Dies könnte zu einer Entlastung der Angehörigen führen und den pflegebedürftigen Menschen ein längeres Leben zu Hause ermöglichen. Außerdem bietet diese Übersicht eine Grundlage für die Diskussion des Einsatzes von AAL Technologien im Kontext der Thematik distance caregiving.

08:50
Akzeptanz einer häuslichen Assistenzrobotik bei älteren Menschen mit körperlicher Behinderung
S415-02 

B. Weber-Fiori, M. H.-J. Winter; Weingarten

Körperliche Behinderungen oder das Auftreten von altersbedingten Funktionseinschränkungen mit Verlust von Mobilität erschweren eine häusliche Selbstversorgung. Trotz teilweiser Unterversorgung möchten viele Betroffene möglichst lange selbstbestimmt zuhause leben. Geringe finanzielle Ressourcen und sich verkleinernde Netzwerke erschweren oft private ergänzende Hilfen. Kontrovers diskutiert wird, ob neuere technische Assistenzsysteme z.B. zu Isolation führen. Im von der BW Stiftung geförderten Projekt „Assistenzroboter für Menschen mit körperlicher Behinderung“ (AsRoBe) wurde ein Roboter für den häuslichen Bedarf Bereich entwickelt und dabei sozialwissenschaftlich begleitet.
Anforderungen, Bedarfe und Akzeptanz wurden mit einem Mixed-Method-Design untersucht. Zur Bedarfsanalyse wurden leitfadenstützte Interviews mit Menschen mit Körperbehinderung geführt (n=9, 42-82 J.). Nach einer Einwicklungszeit erfolgte mit verschiedenen Evaluierungsinstrumenten eine Prototypen-Labortestung (n=6,20-76 J), ergänzt durch zwei Expert*innen-Interviews.
Einsatz eines lernfähigen und autonom agierenden Roboters ist für Ältere vorstellbar, sofern er Funktionen vorhält, die zum Erhalt/ Steigerung von Autonomie und Wohlbefinden dienen und sich an ein subjektives Bedarfsspektrum anpasst. Als nützlich werden z.B. Hol- und Bringdienste, „dritte Hand-“ oder Sicherheitsfunktionen bewertet. Kritisch wird ein Einsatz bei kognitiven Einschränkungen eingeschätzt. Eine Abnahme personeller Kontakte wird wenig befürchtet. Potential für die Flexibilität von Hilfeleistungen, höhere Selbstständigkeit und eine Stärkung der Privatsphäre werden betont. Bisherige Technikerfahrung, Qualität des Unterstützungsnetzwerks, gesundheitliche Perspektiven und Selbstwirksamkeitserwartung scheinen u. a. Einfluss auf die Akzeptanz zu nehmen. Zu klären ist das technische Adaptionspotential unter Kosten-Nutzen Abwägungen für eine bedarfsgerechte, damit individualisierte Assistenzrobotik sowie Zugangschancen. Barrierefreiheit des Wohnraums und Support bei Nutzungsproblemen wären Einsatzbedingungen. Bei entsprechenden Voraussetzungen könnte Assistenzrobotik vermutlich einen Beitrag leisten für ein längeres und selbstbestimmteres Leben von (älteren) Menschen mit Behinderung in der eigenen Häuslichkeit.

09:10
TechnoCare: Die Rolle assistiver Technologien in der Organisation von care für ältere und alte Menschen
S415-03 

C. Kollewe; Heidelberg

Assistive Technologien des Ambient Assisted Living sollen dazu beitragen, dass ältere und alte Menschen selbstbestimmt und selbständig in der eigenen Wohnung bleiben können. Bisherige Studien zu diesen assistiven Technologien für alte Menschen fragen zumeist nach technologischen oder psychosozialen Aspekten, nach ökonomischen Implikationen oder ethischen Herausforderungen. Allerdings wird weitgehend vernachlässigt, welche Rolle diesen Technologien bei der Organisation von care zukommt, welche Bedeutungen alte Menschen, Pflegende und Angehörige diesen Technologien zuweisen und ob diese Technologien einen Einfluss auf die Gestaltung der sozialen Beziehungen und des Alltags der NutzerInnen haben. Die präsentierte Studie der Universität Heidelberg geht diesen Fragen im Rahmen des BMBF-Forschungsprojekts „Die Pflege der Dinge – Die Bedeutung von Objekten in Geschichte und gegenwärtiger Praxis der Pflege“ nach. Untersucht werden dazu verschiedene durch Sensoren erweiterte Hausnotrufsysteme mithilfe von teilnehmenden Beobachtungen und qualitativen Interviews (mit alten Menschen, careworkers und Angehörigen). Anhand dieses empirischen Materials zeigt der Vortrag auf, welche Rolle diesen neuen Technologien in der Organisation von care für ältere und alte Menschen spielt.

09:30
Können Roboter Companions wirkungsvoll in der Rehabilitation von Schlaganfall Patienten eingesetzt werden? Evaluationsergebnisse einer Erprobung mit 30 älteren Patienten in der Neurologischen Reha-Klinik Bad Liebenstein
S415-04 

S. Meyer, C. Fricke; Berlin

In Deutschland erleiden jährlich ca. 262.000 Personen einen Schlaganfall; ca.50 Prozent dieser Personen sind älter als 70 Jahre, ca. 25% behalten mittelschwere bis schwere Funktionsstörungen zurück. Der Schlaganfall ist die häufigste erworbene Behinderung im Erwachsenenalter, die häufigste Ursache der Pflegebedürftigkeit im Alter und die dritthäufigste Todesursache (8%). Der Schlaganfall verursacht ca. 2–5% der Gesundheitskosten. Aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass die Zahl der Betroffenen auf Grund des demographischen Wandels weiter steigen wird. Die Notwendigkeit neuer effektiver und nachhaltiger Therapien wächst enorm.
Ziel des vom BMBF geförderten Projekts ROREAS war es, unter Einbeziehung medizinischer, technischer und sozialwissenschaftlicher Kompetenz, ein Training für Schlaganfallpatienten zu entwickeln, bei dem ein autonom agierender Roboter-Companion zum eigenständigen Gangtraining anleitet, kognitive Fähigkeiten unterstützt und zu selbständigem Training motiviert.
Die Entwicklung des robotischen Trainings-Assistenten wurde begleitet durch eine kontinuierliche und umfassende Einbindung der Schlaganfallpatienten. N=30 Patienten wurden in die Erprobung des Roboter Companions einbezogen. Die Projektergebnisse zeigen, dass die Akzeptanz des im Projekt ROREAS entwickelten robotischen Gangtrainings bei den Patienten gegeben ist: Der Roboter-Companion verspricht Abwechslung des Trainingsregimes, fördert nach Ansicht der Befragten, die Motivation zum Eigentraining und dazu, trotz Orientierungsschwierigkeiten das Zimmer zu verlassen, sich auf die robotische Begleitung einzulassen und ihren Übungsradius in der Klinik zu erweitern. Insgesamt wird das Roboter-Training von den Patienten als Bereicherung empfunden. Dem Roboter scheint es zu gelingen, die erwartete Brücke zwischen therapeutengeleiteten Gangtraining und autonomen Eigentraining in der Klinik und Weitertraining zu Hause zu schlagen.

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