Symposium Soziologie & Psychologie
Mittwoch, 07.09.2016
10:30 - 12:00
Raum Karlsruhe
S113
20 Jahre Veränderungsdynamik medizinischer, geronto-psychiatrischer und psychologischer Funktionalität in der zweiten Lebenshälfte: Ausgewählte Befunde der „Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE)“

Moderation: B. Tauber, Heidelberg; C. Degen, Heidelberg

Längsschnittliche Entwicklungsdynamiken sind von besonderer Bedeutung um Risiko- und Schutzfaktoren für Lebensqualität und Funktionalität im Alter zu beschreiben. Aus diesem Grund wurde die „Interdisziplinäre Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE)“ ins Leben gerufen. Die ILSE umfasst zwei Geburtskohorten (1930-32; 1950-52), die aktuell vier Mal untersucht wurden (1993-96, n = 1002; 1997-2000, n = 896; 2005-07, n = 789; 2013-16 n = aktuell ca. 410, laufend). Heute ist es anhand der ILSE möglich unterschiedliche Entwicklungsdynamiken des mittleren und hohen Alters über einen Zeitraum von über 20 Jahren zu vergleichen und zudem die Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen miteinander zu integrieren. Dieses Symposium beinhaltet eine Auswahl aktueller Forschungsarbeiten der ILSE und zeichnet ein breites Bild wandelnder Funktionalitätsveränderungen im Alternsprozess. Frankenberg und Kollegen untersuchen die altersbedingte Entwicklung des autobiographischen Gedächtnisses und finden, dass unabhängig von der Kohortenzugehörigkeit signifikante Verschlechterungen über 7 Jahre hinweg auftreten. Degen und Kollegen untersuchen die kognitive Leistungsfähigkeit auf Kohortenunterschiede und finden, dass die jüngere Kohorte eine höhere Funktionalität im Vergleich zur gleichaltrigen älteren Kohorte aufweist. Tauber und Kollegen untersuchen die Persönlichkeit und finden, dass die jüngere Kohorte geringeren Neurotizismus und größere Offenheit im gleichaltrigen Vergleich aufweist und sich die Steigungen nur wenig, die Niveaus jedoch bedeutsam im Verlauf unterscheiden. Braun und Kollegen untersuchen Altersunterschiede im Zusammenhang von Reziprozität und Beziehungszufriedenheit, sowie die Vorhersagekraft auf späteres Wohlbefinden. Zenthöfer und Kollegen zeigen, dass die mundgesundheitsbezogene Lebensqualität und das Wohlbefinden sowohl quer-, wie auch längsschnittlich, bedeutsam miteinander verschränkt sind. Abschließend wird Frau Prof. Dr. Susanne Zank die unterschiedlichen Ergebnisse der Teilbeiträge diskutieren und die Befunde in einen größeren Rahmen setzen. Wir sind überzeugt, dass dieses Symposium mit seiner breit aufgestellten Mischung elaborierter Kohortenvergleiche und einen großen Zeitraum überspannender Untersuchungen das Feld stimulieren wird.

10:30
„Lange” Persönlichkeitsentwicklung - eine querschnittliche Kohortendifferenzierung im höheren Alter und eine 20-jährige längsschnittliche Betrachtung des Entwicklungsverlaufs im mittleren und hohen Alter
S113-01 

B. Tauber, H.-W. Wahl, J. S. Siebert, C. Degen, C. Frankenberg, J. Schröder; Heidelberg

Fragestellung: Die Persönlichkeit gilt als ein wichtiges Prädiktormaß für bedeutsame Entwicklungsergebnisse im höheren Alter, wie beispielsweise das subjektive Wohlbefinden, oder die körperliche Funktionalität. Traditionell wird die Persönlichkeit als stabile individuelle Ressource betrachtet, doch die rezente psychologische Forschung stellt die Plastizität und Adaptivität der Persönlichkeit über die Lebensspanne in den Vordergrund. Allerdings gibt es nur wenige Langzeitstudien, die eine „lange“ (über 10 Jahre) Persönlichkeitsentwicklung anhand von State-of-the-art Messungen abbilden können, und zudem sind elaborierte Kohortenvergleiche rar. Die vorliegende Arbeit geht zwei spezifischen Fragestellungen nach: (1) Gibt es einen Unterschied zwischen den Geburtskohorten 1930/32 und 1950/52 zum Zeitpunkt, bei dem beide Kohorten ca. 64 Jahre alt sind? (2) Gibt es Unterschiede in den Veränderungsdynamiken in der Persönlichkeit über 20 Jahre Beobachtungszeit hinweg zwischen mittlerem und hohem Alter?
Methodik: Die Persönlichkeitsdaten der „Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenalters (ILSE)“ wurden mit Mittelwertvergleichen bezüglich der Kohorten, sowie Multi-Gruppen-Wachstumskurvenmodellierungen über die Veränderungsdynamik analysiert.
Ergebnisse: Es zeigten sich signifikante Kohortenunterschiede (zum Alter 64 Jahre) für die Traits Neurotizismus und Offenheit und ein marginal signifikanter Unterschied für den Trait Extraversion. Die Multi-Gruppen-Wachstumskurvenmodellierungen wiesen für alle Persönlichkeitsvariablen außer Gewissenhaftigkeit signifikant unterschiedliche Niveaus (Levels) zwischen den Kohorten aus, während die Steigungen (Slopes) nur bei Gewissenhaftigkeit und Offenheit signifikant unterschiedlich zwischen den Kohorten ausfielen.
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse unterstützen die Annahme, dass die Persönlichkeit der später geborenen Kohorte im Vergleich protektiver für das höhere Alter ist, da sie deutlich weniger Neurotizismus und höhere Offenheit im Kohortenvergleich aufwies. Zudem weisen die Ergebnisse darauf hin, dass es weniger unterschiedliche Entwicklungsdynamiken, als vielmehr zeitlich stabile Unterschiede in den Niveaus der Persönlichkeitstraits sind, welche die Entwicklung der Persönlichkeit im Erwachsenenalter umschreiben.

10:45
Die wechselseitige längsschnittliche Entwicklung von mundgesundheitsbezogener Lebensqualität und subjektivem Wohlbefinden über 10 Jahre
S113-02 

A. Zenthöfer, B. Tauber, H.-W. Wahl, J. Schröder, A. J. Hassel, S. Okos, P. Rammelsberg; Heidelberg

Fragestellung: Die Persönlichkeit gilt als ein wichtiges Prädiktormaß für bedeutsame Entwicklungsergebnisse im höheren Alter, wie beispielsweise das subjektive Wohlbefinden, oder die körperliche Funktionalität. Traditionell wird die Persönlichkeit als stabile individuelle Ressource betrachtet, doch die rezente psychologische Forschung stellt die Plastizität und Adaptivität der Persönlichkeit über die Lebensspanne in den Vordergrund. Allerdings gibt es nur wenige Langzeitstudien, die eine „lange“ (über 10 Jahre) Persönlichkeitsentwicklung anhand von State-of-the-art Messungen abbilden können, und zudem sind elaborierte Kohortenvergleiche rar. Die vorliegende Arbeit geht zwei spezifischen Fragestellungen nach: (1) Gibt es einen Unterschied zwischen den Geburtskohorten 1930/32 und 1950/52 zum Zeitpunkt, bei dem beide Kohorten ca. 64 Jahre alt sind? (2) Gibt es Unterschiede in den Veränderungsdynamiken in der Persönlichkeit über 20 Jahre Beobachtungszeit hinweg zwischen mittlerem und hohem Alter?
Methodik: Die Persönlichkeitsdaten der „Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenalters (ILSE)“ wurden mit Mittelwertvergleichen bezüglich der Kohorten, sowie Multi-Gruppen-Wachstumskurvenmodellierungen über die Veränderungsdynamik analysiert.
Ergebnisse: Es zeigten sich signifikante Kohortenunterschiede (zum Alter 64 Jahre) für die Traits Neurotizismus und Offenheit und ein marginal signifikanter Unterschied für den Trait Extraversion. Die Multi-Gruppen-Wachstumskurvenmodellierungen wiesen für alle Persönlichkeitsvariablen außer Gewissenhaftigkeit signifikant unterschiedliche Niveaus (Levels) zwischen den Kohorten aus, während die Steigungen (Slopes) nur bei Gewissenhaftigkeit und Offenheit signifikant unterschiedlich zwischen den Kohorten ausfielen.
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse unterstützen die Annahme, dass die Persönlichkeit der später geborenen Kohorte im Vergleich protektiver für das höhere Alter ist, da sie deutlich weniger Neurotizismus und höhere Offenheit im Kohortenvergleich aufwies. Zudem weisen die Ergebnisse darauf hin, dass es weniger unterschiedliche Entwicklungsdynamiken, als vielmehr zeitlich stabile Unterschiede in den Niveaus der Persönlichkeitstraits sind, welche die Entwicklung der Persönlichkeit im Erwachsenenalter umschreiben.

11:00
Ein Vergleich der kognitiven Leistungsfähigkeit zwischen den zwei Geburtskohorten der Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE)
S113-03 

C. Degen, C. Frankenberg, B. Tauber, J. S. Siebert, H.-W. Wahl, J. Schröder; Heidelberg

Fragestellung: Aktuelle Studien beschreiben eine Abnahme dementieller Entwicklungen in jüngeren gegenüber älteren Geburtsjahrgängen. Ausgehend von der Annahme, dass jüngere Geburtskohorten besser altern als ältere, sollen die Unterschiede hinsichtlich der kognitiven Leistungsfähigkeit zwischen den Kohorten der ILSE näher beleuchtet werden.
Methodik: Hierzu wurde die kognitive Leistungsfähigkeit (Intelligenz, Merkfähigkeit, Wortflüssigkeit, räumliches Denken, abstraktes Denken, Aufmerksamkeit) der Älteren (geboren zwischen 1930 und 1932) zum zweiten Messzeitpunkt (Durchschnittsalter 66,41 ± 0,97) mit der kognitive Leistungsfähigkeit der Jüngeren (geboren zwischen 1950 und 1952) zum vierten Messzeitpunkt (Durchschnittsalter 63,37 ± 0,54) mittels Varianzanalysen verglichen. Bildungsunterschiede zwischen den Kohorten wurden statistisch kontrolliert.
Ergebnisse: Die statistischen Verfahren ergaben eine höhere Leistungsfähigkeit bei den jüngeren im Vergleich zu den älteren Alten, insbesondere im Hinblick auf die Bereiche Intelligenz (F=6.02, p=.0144) sowie Lern- (F=10.28, p=.0014) und Merkfähigkeit (F=41.82, p<.001).
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse demonstrieren eine günstigere Entwicklung der kognitiven Leistungsfähigkeit im Alter bei jüngeren gegenüber älteren Teilnehmern. Die Resultate sind mit einer Abnahme dementieller Erkrankungen im direkten Kohorten Vergleich vereinbar. Ferner stützten die Ergebnisse das Konstrukt der kognitiven Reserve, demzufolge sich individuell erworbene Ressourcen auf das Risiko für kognitive Beeinträchtigungen im Altersverlauf positiv auswirken.

11:15
Altersunterschiede in der Bedeutung von Reziprozität auf Wohlbefinden über verschiedene Beziehungen
S113-04 

T. Braun, M. K. Rohr, U. Kunzmann; Leipzig

Fragestellung: Reziprozität in sozialen Beziehungen stellt über die gesamte Lebensspanne ein grundlegendes menschliches Bedürfnis dar und ist assoziiert mit Wohlbefinden. In Anbetracht nachlassender Ressourcen stellt es im hohen Alter eine Herausforderung dar, die Balance in allen Beziehungen gleichmäßig beizubehalten. Bisherige Studien fokussieren jedoch hauptsächlich auf einzelne Beziehungstypen und thematisieren nur selten Altersunterschiede. Für ältere Personen ist es mit einem größeren Aufwand verbunden, reziproke Beziehungen zu führen. Gelingt es ihnen, können sie dies als Zeichen ihrer anhaltenden Funktionstüchtigkeit interpretieren. Daher nehmen wir an, dass für ältere Personen im Vergleich zu mittelalten Reziprozität stärker mit Beziehungszufriedenheit assoziiert ist. Diese Zusammenhänge werden von uns über verschiedene Beziehungen untersucht.
Methodik: Innerhalb der „Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenalters (ILSE)“ wurden 502 Personen des mittleren (M = 43.70, SD = 0.92) und 500 des höheren Alters (M = 62.47, SD = 0.96) zum ersten Messzeitpunkt gefragt, wie ausgeglichen sie acht verschiedene Beziehungen (Ehepartner, Kinder, Enkel, Eltern, Nachbarn, Bekannte, Verwandte und Freunde) beschreiben und wie zufrieden sie mit dieser Beziehung sind. Subjektives Wohlbefinden wurde über zwölf Jahre drei Mal durch die Lawton Scale erfasst.
Ergebnisse: Erste Ergebnisse unterstützen zum Teil unsere Hypothesen. Während die Bedeutung der Reziprozität für die Zufriedenheit mit der Beziehung zum Ehepartner in beiden Altersgruppen vergleichbar ist, ist der Zusammenhang für die Beziehung zu Freunden im hohen Alter höher. Die Ergebnisse verweisen außerdem auf längsschnittliche Assoziationen von Reziprozität und subjektivem Wohlbefinden über ein Zeitintervall von zwölf Jahren.
Schlussfolgerung: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Reziprozität im hohen Alter nicht an Bedeutung für Beziehungszufriedenheit verliert. Trotz abnehmender Ressourcen ist es im hohen Alter mindestens genauso wichtig wie im mittleren Alter, wenn nicht sogar wichtiger, seine Beziehungen als ausgeglichen wahrzunehmen. Des Weiteren scheinen ausgeglichene Beziehungen auch langfristig mit einem bessern Wohlbefinden assoziiert zu sein.

11:30
Veränderungen des autobiographischen Gedächtnisses im mittleren und höheren Lebensalter
S113-05 

C. Frankenberg, C. Degen, B. Tauber, J. S. Siebert, H.-W. Wahl, J. Schröder; Heidelberg

Veränderungen der autobiographischen Gedächtnisleistung gelten bei der Entwicklung einer Alzheimer-Demenz als Kernsymptom der Erkrankung und sind bei einer leichten kognitiven Beeinträchtigung häufig zu beobachten. Über die Entwicklung des autobiographischen Gedächtnisses während des normalen Alterungsprozesses im intergenerationellen Vergleich ist bisher wenig bekannt.
Auf Basis einer vorläufigen Substichprobe der Interdisziplinären Längsschnittstudie des Erwachsenenalters (ILSE) wurden altersbedingte Entwicklungen des autobiographischen Gedächtnisses für jeweils zwei Geburtskohorten (1930/32; 1950/52) im zeitlichen Verlauf untersucht. Das autobiographische Gedächtnis wurde zu zwei Messzeitpunkten im Rahmen eines semistrukturierten Interviews mittels einer modifizierten Version des Bielefelder Autobiographischen Gedächtnisinventars (BAGI) geprüft. Das semantische und episodische Gedächtnis wurde hierbei über frei zu erinnernde Episoden zu jeweils drei Lebensphasen (Grundschule, Junges Erwachsenenalter und Jüngere Vergangenheit) erfasst. Bisher konnten 142 kognitiv gesunde Probanden nach sieben Jahren erneut mit dem BAGI befragt werden.
Innerhalb des siebenjährigen Messintervalls deuten erste Ergebnisse auf eine kohortenübergreifende signifikante Verschlechterung der autobiographischen Gedächtnisleistung im Zuge des gesunden Alterungsprozess hin (F = 15.55, p < .001). Während für die Lebensabschnitte Grundschulzeit und Jüngere Vergangenheit keine signifikanten Unterschiede im episodischen Erinnern zwischen den Kohorten festgestellt werden konnten, erinnerte die jüngere Kohorte mehr episodische Details zum Lebensabschnitt Frühes Erwachsenenalter als die ältere Kohorte (F = 4,99, p = .0280).
Die bisherigen Ergebnisse sprechen für die Annahme, dass nicht nur im Verlauf der Alzheimer-Demenz die autobiographische Gedächtnisleistung deutlich abnimmt, sondern sich auch im Zuge des „normalen“ Alterns verschlechtert. Inter- und intraindividuelle Analysen von Veränderungen des autobiographischen Gedächtnisses von kognitiv gesunden Probanden können einen Beitrag zum besseren Verständnis von Veränderungen im autobiographischen Erinnern bei Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung oder Alzheimer-Demenz leisten.

Diskutantin: S. Zank, Köln

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