Symposium Soziologie & Psychologie
Mittwoch, 07.09.2016
10:30 - 12:00
Raum Ulm
S116
Freie Vorträge - Technik

Moderation: A. Hoff, Görlitz

10:30
Soziale Ungleichheit und Sturz - Korrelation und mögliche Wirkungen der Intervention mit Gerontechnologie
S116-01 

H. Künemund, J. Hahmann; Vechta

Ein Zusammenhang von Gesundheit wie auch von gesundheitlicher Versorgung mit sozialer Schicht ist gut belegt. Auch die Möglichkeit des altersgrechten bzw. barrierefreien Umbaus der Wohnung sind sozial ungleich verteilt. AAL-Technologien bieten nun herausragende Möglichkeiten der Unterstützung der Älteren, der Unterstützungspersonen und der Versorgungsstrukturen, kommen aber aufgrund der Nutzeranforderungen im Hinblick auf Wissen und verfügbares Einkommen zunächst ebenfalls eher solchen Personen zu Gute die sozial besser gestellt sind. Verschärft Technik also bestehende soziale Ungleichheiten?

Der Beitrag diskutiert das Zusammenspiel von AAL-Technologie und sozialer Ungleichheit am Beispiel des Sturzes und zieht Konsequenzen für die künftige Technikentwicklung. Zunächst wird gezeigt, in welcher Weise Sturzgefahr und auch Stürze selbst mit Einkommen und Bildung korreliert sind und wie der Zusammenhang mit dem Alter schichtspezifisch variiert. Anschließend wird die Bereitschaft untersucht, Technik zur Sturzerkennung im eigenen Privathaushalt oder bei der Betreuung anderer Personen einzusetzen. Der Beitrag berichtet Ergebnisse zweier standardisierter Befragungen, die im Rahmen des Niedersächsichen Forschungverbunds „Gestaltung altersgerechter Lebenswelten“ (GAL) erhoben wurden. Es zeigt sich, dass sowohl Sturz als auch Sturzgefährdung sozial ungleich verteilt sind und AAL-Technologien bereits bestehende Ungleichheiten verschärfen könnten. Umgekehrt aber haben AAL-Technologien auch das Potential, genau solche Ungleichheiten bzw. deren Auswirkungen abzufedern und zu entschärfen. Dafür müssen solche technisch gestützten Lösungen den konkreten Bedarfen und Kompetenzen gerecht werden, also etwa an die vorhandene Infrastruktur angepasst werden, an die Lebensverhältnisse und –gewohnheiten, sowie an die Erfahrungen im Umgang mit Technik in den betreffenden Bevölkerungsgruppen und die finanziellen Möglichkeiten der potentiellen Nutzer. In dieser Hinsicht fehlt es derzeit noch an geeigneten Methoden der Problem- ud Prozessevaluation, die Entwicklung und Implementation anleiten und begleiten sollten.

10:50
Sicherheit und Lebensqualität als Zielvariablen der Evaluation von technischen Sicherheitssystemen bei Menschen mit beginnender Demenz und ihren Angehörigen - Ergebnisse einer kontrollierten Intervention
S116-02 

M. Weidekamp-Maicher; Düsseldorf

Die Annahme, dass technische Unterstützung die Lebensqualität von Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen verbessert, gleicht heute mehr einer politischen Idee denn einem empirisch gesicherten Tatbestand. Vor dem Hintergrund einer unzureichenden Erkenntnislage über Effekte assistiver Technologien u.a. auf Wohlbefinden, subjektive Sicherheit und Belastungserleben von Betroffenen und ihren Angehörigen wurde im Rahmen des Projektes NutzerWelten (= Nutzerorientierung bei der Entwicklung technikgestützter Lebenswelten – unter besonderer Berücksichtigung ambienter Technologien für die Lebensqualität von Menschen mit Demenz) die Wirkung eines technischen Sicherheitssystems auf ausgewählte Aspekte der Lebensqualität von Betroffenen und ihren Angehörigen im Kontext privater Häuslichkeit untersucht. Die Zielgruppe bestand aus Menschen im frühen Stadium der Erkrankung sowie ihren Hauptbetreuungspersonen. Bei der Untersuchung handelte es sich um eine technische Intervention mit einer Kontrollgruppe ohne Treatment. Die Ergebnisse der begleitenden Evaluation zeigen geringfügige Verbesserungen in ausgewählten Bereichen der Lebensqualität, deuten jedoch zugleich auf eine Reihe von Widersprüchlichkeiten hin, die ihre Ursachen in theoretischen Annahmen und der methodischen Durchführung der Studie haben. Der Erfolg technischer Assistenzsysteme scheint zudem von einer Reihe weiterer Faktoren abhängig zu sein, über die im Rahmen des Vortrags berichtet werden soll. Sie bergen besondere Implikationen für potenzielle Begleitevaluationen bei der Implementierung assistiver Technologien in privaten Haushalten von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen und bieten Impulse für weitere Forschung und Praxisentwicklung.

11:10
Duschroboter - Evaluation von Nutzeranforderungen älterer Personen mit Funktionseinschränkungen an ein robotisches Duschsystem
S116-03 

H. Roßberg, B. Klein, S.-S. Kortekamp, S. Hollmann; Frankfurt a. M., Osnabrück

Fragestellung: Das Duschen gehört zu den Aktivitäten des täglichen Lebens, bei denen bei körperlichen Funktionseinschränkungen zuerst Unterstützung benötigt wird. Im europäischen Projekt I-SUPPORT* wird eine intelligente Duschhilfe entwickelt, die es Personen mit altersbedingten Einschränkungen ermöglicht, ohne menschliche Hilfe zu duschen. Zentrale Fragestellung ist, welche Anforderungen ein solches System erfüllen muss, damit es von Älteren sowie informell und professionell Pflegenden akzeptiert wird. Dabei sollen geschlechtsspezifische, kulturelle und ethische Einflussfaktoren berücksichtigt werden.
Methodik: Das Erhebungsdesign basiert auf dem Design Thinking Ansatz [1] mit einem Methodenmix aus Leitfaden gestützten Interviews, Expertengesprächen, Fokusgruppen und Evaluationsstudien mit Renderings, Mockups und Prototypen. 2015 wurden 30 Interviews mit über 65jährigen Personen und 15 mit Fachkräften im Gesundheitswesen durchgeführt. 2016 folgten drei Fokusgruppen, in denen ein erstes Mockup zur Diskussion gestellt wurde. Alle erteilten eine informierte Zustimmung. Erste Ergebnisse: Duschen ist ein individueller Prozess. Frauen duschen etwas länger und eher mit mehr Wohlfühlfaktor als Männer. Überwiegend wird Duschen als notwendige Alltagstätigkeit bewertet. Soweit es das Waschen zur Körperhygiene und nicht religiös bedingte Waschungen betrifft, waren keine kulturellen Unterschiede aus dem europäischen Raum zu erkennen.
Schwierigkeiten treten beim Waschen der Haare, des Rückens, der Füße und der Afterregion auf. Generell will man sich eher von einem intelligenten Duschsystem waschen lassen als von Angehörigen und/oder Pflegekräften. Hervorgehobene Nutzeranforderungen sind Sicherheit, einfache Bedienung, Qualität der Ausführung und eine Selbstreinigung des Systems. Pflegekräfte betonen, dass ein solches System vorhandene Ressourcen erkennen und fördern sowie Zuhause und in stationären Pflegeeinrichtungen einsetzbar sein sollte.

*Das EU-Projekt "ICT-Supported Bath Robots (I-SUPPORT)“ wird im Rahmen von HORIZON 2020 gefördert (No. 643666 – I-Support PHC-19-2014); Laufzeit: 03/2015-02/2018) und wird von neun Partnern aus fünf europäischen Ländern bearbeitet.

Literatur [1] Brown, T. (2008), Design Thinking. Harvard Business Review June 2008, 84-92

11:30
Technikakzeptanz im Fokus sozialer Ungleichheiten
S116-04 

P. Enste, S. Merkel; Gelsenkirchen

Moderne Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) können das selbstbestimmte Leben im Alter unterstützen. Der Vortrag widmet sich dem scheinbaren „Dilemma der Techniknutzung“: Gerade die Menschen, die im Alter auf Hilfe angewiesen sind und für die Technik im Alltagsleben eine sehr große Hilfe sein kann, stehen modernen Technologien eher ablehnend gegenüber und nutzen diese nicht. Der Zusammenhang zwischen sozialen Ungleichheiten und Technikakzeptanz ist in vielfachen Zusammenhängen untersucht und beschrieben worden. Vor allem die Faktoren Geschlecht, Alter, Bildung und Haushaltsgröße haben einen signifikanten Einfluss auf die Nutzung von modernen Technologien. Bislang fehlt allerdings eine konkrete Antwort auf die Frage, in welcher Weise die unterschiedlichen Ungleichheitsfaktoren auf den Technikumgang wirken.
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurden 17 problemzentrierte Interviews mit älteren Menschen durchgeführt, die mindestens zwei der folgenden Ungleichheitskriterien erfüllen: niedriger Bildungsstand, weiblich, hochaltrig und alleinlebend. Die Interviews wurden inhaltsanalytisch ausgewertet.
Als Ober-Kategorien der Inhaltsanalyse lassen sich die Punkte "Persönlichkeit", "Technik als Begriff", "Eintellung zur Technik", "Umwelt" und "Nutzungsbarrieren" identifizieren. Ferner zeigt die biografische Analyse, dass die Nutzung und die damit verbundene Einstellung zu IKT bei sozial-benachteiligten Personen sehr häufig durch individuelle Ereignisse in der Biografie geprägt sind. Diese lassen sich nach nicht-normativen Einflüssen (z.B. plötzlicher Tod des Partners), Einflüssen des chronologischen Alters (z. B. Erfahrungen im Berufsleben) und geschichtlichen Einflüssen (z. B. technische Haushaltsrevolution) unterscheiden. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Technik an sich generell positiv wahrgenommen wird, vor allem bedingt durch die Erfahrungen, die während des Lebens gesammelt wurden. Auch IKT wird eher neutral oder positiv beurteilt, es wird allerdings kein individueller Nutzen darin gesehen. Eine sehr große Barriere besteht in der oftmals fehlenden Unterstützungsstruktur: Gerade alleinlebende ältere Menschen vermissen einen Anlaufpunkt, den sie bei Problemen ansteuern können.

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