Symposium Geriatrie
Mittwoch, 07.09.2016
10:30 - 12:00
Raum Reutlingen
S114
Schmerz im Alter – Herausforderungen bei der Schmerzversorgung multimorbid erkrankter älterer Menschen in einem multiprofessionellen Handlungsfeld

Moderation: K. Kopke, Hamburg; C. Drebenstedt, Friesoythe

Schmerzen stellen ein bedeutsames Phänomen in der deutschen Bevölkerung dar. Im Alter zählen sie zu den häufigsten Beschwerden. Obwohl im Pflegeheim jede zweite BewohnerIn von Schmerzen betroffen ist, erhält sie trotzdem keine adäquate Schmerzversorgung. Dies liegt häufig an einer mangelnden Schmerzerkennung und Unterschätzung von Schmerzäußerungen der Betroffenen.
Im Rahmen dieses Symposium werden die Herausforderungen bei der Schmerzversorgung multimorbider älterer Menschen anhand der folgenden vier Vorträge beschrieben:
1. Herausforderungen bei der Schmerzversorgung multimorbid erkrankter älterer Menschen (Prof. Dr. rer. cur. Kirsten Kopke)
2. Erkennen und Bewerten von Schmerzen – Empfehlungen aus der neuerschienenen multiprofessionellen S3-Leitlinie „Schmerzassessment bei älteren Menschen in der vollstationären Altenhilfe“ (Esther Berkemer, Dipl. Gerontologin)
3. Schmerzen bei Demenz (PD Dr.med. Albert Lukas)
4. Schmerztherapie beim geriatrischen Patienten (Dr.med. Corinna Drebenstedt)
Im ersten Vortrag wird die Relevanz des Themas anhand aktueller deutscher Studienergebnisse erläutert. Es werden die Besonderheiten des älteren Menschen innerhalb der Schmerzversorgung im Vergleich zum jüngeren Erwachsenen dargestellt.
Der zweite Beitrag thematisiert die Schmerzerfassung im Alter als eine wesentliche Voraussetzung zur adäquaten Schmerztherapie. Anhand der vorliegenden S3-Leitlinie wird eine multiprofessionelle Vorgehensweise zum Screening, Assessment und zur Verlaufskontrolle von Schmerz bei älteren Menschen im Pflegeheim dargestellt.
Demenzerkrankungen zählen zu den häufigsten Gründen für eine Pflegeheimeinweisung. Im dritten Vortrag werden daher Ursachen einer inadäquaten Schmerztherapie bei Menschen mit Demenz vorgestellt sowie Möglichkeiten einer angemessenen Schmerztherapie diskutiert.
Im abschließenden Vortrag wird die Schmerztherapie beim geriatrischen Patienten thematisiert. Hier werden die Therapiemöglichkeiten im Rahmen einer multimodalen Schmerztherapie und die Besonderheiten in der medikamentösen Schmerztherapie des älteren Menschen mit Blick auf seine Multimorbidität und Multimedikation vorgestellt.
Alle Beiträge werden vor dem Hintergrund eines multiprofessionellen Versorgungsansatzes diskutiert (Diskutantin: Irmela Gnass, MScN)

10:30
Herausforderungen bei der Schmerzversorgung multimorbid erkrankter älterer Menschen
S114-01 

K. Kopke; Hamburg

Zahlreiche BewohnerInnen von Pflegeheimen in Deutschland sind von Schmerzen betroffen. Dabei handelt es sich vorwiegend um chronische Beschwerden, die eines umfassenden Versorgungs- und Behandlungsansatzes bedürfen. Neben einer altersangepassten medikamentösen Therapie, sind auch pflegerische, therapeutische und psychologische Interventionen erforderlich. Diese machen ein koordiniertes Arbeiten in einem therapeutischen Team notwendig, das als Netzwerk stationäre und vollstationäre Einrichtungen, niedergelassene Ärzte und Therapeuten sowie weitere Instanzen verbindet. Derzeit zeigen sich in der Versorgungsrealität jedoch große Defizite, hinsichtlich der Schmerztherapie von PflegeheimbewohnerInnen.
Im Rahmen von zwei Studien wurden erstmalig für Deutschland Daten zum aktuellen Stand der schmerztherapeutischen Versorgung von PflegeheimbewohnerInnen generiert. Diese beinhalten Aussagen zum allgemeinen Schmerzgeschehen, zur Angemessenheit der Schmerzmedikation sowie weiteren schmerzreduzierenden Interventionen. Darüber hinaus wurde durch die COST Initiative eine Online Befragung von Pflegefachkräften zum Nutzerverhalten, zu Barrieren und Stärken des Schmerzassessments bei kognitiv beeinträchtigten Personen durchgeführt.
Im Sinne von fehlenden Verordnungen und fehlender Leitlinienkonformität kann eine Unterversorgung mit Analgetika sowie komplementären Interventionen und eine fehlende Durchgängigkeit der angemessenen Wahl geeigneter Medikationen geschlussfolgert werden. Hierfür zeichnen sich alle an der Schmerzbehandlung beteiligten Berufsgruppen verantwortlich.
Die Barrieren eines Schmerzassessments sind durch Unsicherheit, mangelnde Objektivität, fehlende Kenntnisse und Zeitmangel gekennzeichnet. Als unterstützend wurden Fachwissen, das Bewusstsein der Notwendigkeit, verbindliche Regularien und geeignete Instrumente beschrieben.
Um eine verbesserte medizinische, pflegerische und therapeutische Versorgung in Pflegeheimen zu realisieren, wurde als eine wesentliche Voraussetzung zur adäquaten Schmerztherapie unter Federführung des AK Schmerz im Alter der DSG eine S3 Leitlinie zum „Schmerzassessment bei älteren Menschen in der vollstationären Altenhilfe“ entwickelt.

10:50
Erkennen und Bewerten von Schmerzen - Empfehlungen aus der multiprofessionellen S3-Leitlinie „Schmerzassessment bei älteren Menschen in der vollstationären Altenhilfe”
S114-02 

E. Berkemer; Ludwigshafen

Hintergrund: Schmerzen im Alter stellen ein bedeutsames Phänomen dar. Rund die Hälfte aller in einer stationären Einrichtung lebenden Bewohner_innen erhalten keine angemessene bzw. keine Schmerztherapie, obwohl sie unter relevanten Schmerzen leiden. Die Grundlage aller therapeutischen Maßnahmen bildet ein gezieltes Assessment durch die an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen. Nicht erkannte Schmerzen können Aktivitäten des täglichen Lebens einschränken, die Lebensqualität beeinträchtigen und Depression, Angst oder Schlafstörung zur Folge haben. Vor diesem Hintergrund und wegen einem bislang fehlenden interdisziplinären Standard wurde vom Arbeitskreis „Schmerz im Alter“ der Deutschen Schmerzgesellschaft das S3-Leitlinienprojekt „Schmerzassessment bei älteren Menschen in der vollstationären Altenhilfe“ durchgeführt.
Methodisches Vorgehen: Die vorliegende S3-Leitlinie wurde multiprofessionell und in Anlehnung an die Richtlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) und des Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) entwickelt.
Ergebnisse: Die Leitlinie beinhaltet 64 konsentierte Empfehlungen für alle an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen, beispielsweise Pflegende, Ärzt_innen und Therapeut_innen sowie spezifische Struktur- und Prozessanforderungen an ein standardisiertes Schmerzassessment. Diese Empfehlungen sind in die Bereiche Screening, Assessment und Verlaufskontrolle von Schmerz für ältere Menschen in der vollstationären Altenhilfe untergliedert. Es werden zentrale Empfehlungen der S3-Leitlinie dargestellt und Implikationen für die Versorgungspraxis in der vollstationären Altenhilfe abgeleitet.

11:10
Schmerz bei Demenz
S114-03 

A. Lukas; Bonn

Demenzerkrankungen zählen zu den häufigsten Gründen für eine Pflegeheimeinweisung. Viele Demenzkranke leiden unter Schmerzen. Das gleichzeitige Auftreten beider Entitäten – Schmerz und Demenz - wird mit bis zu 50% angegeben. Demenzerkrankungen erschweren die Schmerzerkennung erheblich und führen so häufig zu einer inadäquaten Schmerztherapie mit der Konsequenz einer Verschlechterung der ADLs, einer reduzierten Lebensqualität, einem vermehrten Auftreten von Depression, Angst und Schlafstörungen. In diesem Vortrag werden Ursachen einer möglichen inadäquaten Schmerztherapie bei Demenz vorgestellt sowie Möglichkeiten einer angemessenen Schmerztherapie diskutiert. Welche Analgetika sind bei Berücksichtigung des Wirkungs-/Nebenwirkungsprofils ggf. besser geeignet? Welche Einflüsse haben Analgetika auf Kognition-/Delir- und Sturzrisiko? Durch welche Strategien können sie möglicherweise verhindert werden? Abschließend soll ein Ausblick auf die sog. „automatisierte Schmerzerkennung mit Biosignalen“, die neueste Entwicklung auf dem Gebiet „Schmerz bei Demenz“, unternommen werden.

11:30
Schmerztherapie beim geriatrischen Patienten
S114-04 

C. Drebenstedt; Friesoythe

Die Therapie von chronischen Schmerzen stellt in vielen Fälle eine Herausforderung dar. Beim geriatrischen Patienten kommen häufig neben der chronifizierten Schmerzerkrankung die vielen Begleiterkrankungen mit der darausfolgenden Multimedikation hinzu. Die Therapie muss sich somit an diesen Erkrankungen und ihren Folgen ausrichten. Als Goldstandard der Therapie chronischer Schmerzen hat sich die multimodale Therapie etabliert. Diese ist auch beim geriatrischen Patienten möglich, wenn man sie an die betroffenen Patienten anpasst.
Ein Baustein der Behandlung stellt die medikamentöse Therapie dar. Diese besteht aus den nicht-opioid-haltigen, oipiodhaltigen Medikamenten und den sogenannten Ko-Analgetika. Sowohl bei den Analgetika als auch bei den Ko-Analgetika ist der Gesamtzustand des Patienten zu beachten.
Bei den nicht-opioidhaltigen Analgetika ist weltweit Paracetamol als erste Wahl empfohlen, in Deutschland ist Metamizol das meist verordnete Analgetikum bei den älteren Menschen. NSAR und Coxibe stellen auf Grund der vielfältigen Nebenwirkungen beim geriatrischen Patienten keine Option für die Dauertherapie dar, können aber kurzfristig und so niedrig wie möglich dosiert eingesetzt werden.
Auch bei den Opioiden muss eine differenzierte Auswahl getroffen werden, abhängig von der geplanten Therapie-Dauer, dem Allgemeinzustand des Patienten und der Prognose der Erkrankung. Hier stellt die Niereninsuffizienz eines der wichtigen Auswahl-Kriterien dar. Die Behandlung der Nebenwirkungen sollte bei der Opioidtherapie immer antizipatorisch begonnen und im Verlauf dann angepasst werden.
Das meist verordnete Ko-Analgetikum Amitritylin ist für den geriatrischen Patienten wegen seiner vielen Nebenwirkungen nicht geeignet und sollte wie auch die anderen Trizyklika nicht verordnet werden. Hier sind unter anderem die modernen Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer Mittel der Wahl. Sie können sowohl schmerzdistanzierend als auch als Therapeutikum bei neuropathischen Schmerzen eingesetzt werden. Weitere Ko-Analgetika werden mit ihren differenzierten Indikationen vorgestellt.

Diskutantin: I. Gnass, Salzburg/A

Zurück