Symposium Geriatrie
Mittwoch, 07.09.2016
13:30 - 15:00
Raum Karlsruhe
S132
Das Schädel-Hirn-Trauma in der Alterstraumatologie

Moderation: C. Becker, Stuttgart; T. Münzer, St. Gallen/CH

Während die Inzidenz der Hüftfrakturen in vielen Ländern rückläufig ist, steigt die Zahl der älteren Patienten mit Schädelhirnverletzungen stärker als die Demographie erwarten läßt. Die Analyse von Echtzeitsensordaten und Videoanalysen von Stürzen älterer Menschen zeigt, dass bei mehr als 30 % der Stürze eine Kopfbeteiligung zu beobachten ist. In den Kliniken sind solche Verletzungen nicht selten gepaart mit peripheren Frakturen. Während periphere Frakturen in der Regel rasch erkannt und behandelt werden, gestaltet sich die Diagnostik der Schädelhirnverletzungen oft schwieriger. Bislang unbeantwortet ist dabei die Rolle dieser Verletzungen bei der Delirentstehung.
In dem interdisziplinären Symposium sollen daher Experten unterschiedlicher Disziplinen zu Wort kommen und die vielfältigen Fragen rund um diese Verletzungsentität beleuchten. Wie erklärt sich der drastische Anstieg der Schädelhirnverletzungen? Wie erkennt und behandelt man präoperative Schädelhirnverletzungen? Welche Rolle können Sturzsensoren zukünftig spielen? Wie unterscheiden sich das prä- und postoperative Delir? Welche diagnostischen Maßnahmen kommen zum Einsatz? Wann ist eine operative Therapie bei traumatischen intrakraniellen Blutungen sinnvoll? Was bedeuten neue Erkenntnisse für die Verordnung von (N-) OAKs und wie sollte man ein Sicherheitsmonitoring gestalte?

13:30
Differenzierte Diagnostik und Therapie des Delirs bei Schädel-Hirnverletzungen
S132-01 

C. Thomas; Stuttgart

Schädel-Hirn-Traumata (SHT) und Delirien stehen in einer komplexen Relation zueinander. SHTs sind häufige Verletzungen im Alter und bedingen gerade in dieser Altersgruppe häufig Delirien als einziges klinisches Syndrombild. Gleichzeitig stellen SHTs eine Komplikation eines vorbestehenden Delirs dar. Da Delirien häufig multifaktoriell sind, dürfen einzelne identifizierte Auslöser nicht dazu verführen, nach einem Sturz eine cerebrale Bildgebung zu unterlassen. Bagatelltraumen, aber auch Antikoagulanzien führen zu schweren Kontusionen. Aufgrund bestehender Hirnatrophie treten Delirien und v.a. spezifische neurologische Symptome oft zeitlich verzögert, beim Subduralhämatom oft erst nach Wochen auf. Auch können. Die Delirprognose bei SHT ist hinsichtlich Mortalität und Demenzentwicklung besonders ungünstig, gute Rückbildung des Delirs ist bei frührehabilitativer Therapie aber häufig. Delirursachen sind neben sub- und epiduralen auch intracerebrale Blutungen, Schädelfrakturen und andere Delirauslöser wie primär sturzauslösende Faktoren (Substanzmissbrauch, Intoxikationen, Medikationsnebenwirkungen, metabolische Imbalancen), akute (Infektionen, cerebrale Ischämien) und chronische Erkrankungen mit Sturzneigung (Morbus Parkinson, Demenzen, zerebrale Ischämien). Die Delirdiagnostik muß daher eine Vielzahl von Delirauslösern berücksichtigen und zwingend eine cerebrale Bildgebung auch bei länger zurückliegenden Stürzen enthalten. Bei der Therapie stehen zunächst nicht-medikamentöse Interventionen im Vordergrund mit Erhalt der Basisfunktionen, Frühmobilisation, Reorientierung, kognitiver Aktivierung und Dekubitus- und Infektvermeidung. Sturzprophylaxe ist wesentlich, sollte aber möglichst wenig körpernahe Fixierung beinhalten. In der symptomatischen Therapie sollte Sedierung (insbesondere durch (Benzodiazepine und Anticholinergika) wegen der Symptomverschleierung vermieden werden. Bei schweren Beeinträchtigungen, Halluzinationen, Angst mit Selbstgefährdung kann Haloperidol 4x 0,2 bis 0,5 mg eingesetzt werden, bei Mb. Parkinson und Lewykörperchendemenz Quetiapin 12,5-50 mg mit Schwerpunkt zur Nacht.

13:50
Perioperative Delirprävention bei alterstraumatologischen Patienten
S132-02 

U. Günther; Oldenburg

Der Anteil an der Gesamtbevölkerung von Menschen hohen Alters nimmt stetig zu. Gleichzeitig ermöglicht die Entwicklung neuerer Techniken Operationen an immer älteren Menschen. Dies erhöht die Herausforderungen bei der postoperativen Versorgung. Der Anteil von Patienten mit Delir nicht nur auf der Intensivstation, sondern auch im Normalstationsbereich, ist erheblich. Das Delir verlängert die Aufenthaltsdauer auf Intensivstation und erhöht das Risiko einer nachstationären Pflegebedürftigkeit. Die Prophylaxe setzt die Kenntnisse von Risikofaktoren voraus. Hierzu zählen das höhere Alter, eine bereits präoperative kognitive Einschränkung, die Schwere des Eingriffs und einige Vorerkrankungen wie arterielle Hypertonie, Leber- und Nierenerkrankungen sowie ein Notfalleingriff und Infektionen. Eine Prophylaxe mit niedrig dosiertem Haloperidol ist umstritten. Daher liegen die therapeutischen Optionen eher im nicht-pharmakologischen Bereich. Für die Intensivstation wurde der Nutzen der sogenannten Frühmobilisation bereits in Studien nachgewiesen.

14:10
Subduralblutungen im Alter: Therapieren oder beobachten?
S132-03 

D. Freudenstein; Ludwigsburg

In der täglichen neurochirurgischen Praxis gehören subdurale Hämatome (SDH) mit zu den häufigsten Erkrankungen. Speziell Patienten jenseits der 5. Lebensdekade sind hiervon häufiger betroffen, wobei sich die Inzidenz auf etwa 6-7/100.000 gegenüber jüngeren Patienten verdoppelt. Die Ursachen sind multifaktoriell (Antikoagulation, Stürze, Prädilektion durch Hirnatrophie, etc.). Während das akute SDH in der Regel einer dringlichen Behandlung erfordert, sind Patienten mit chronischen SDH oft oligosymptomatisch. Eine Mischform stellen akut eingeblutete chronische SDH dar. Bei allen Varianten müssen regelmäßig eine Reihe von Behandlungsentscheidungen getroffen werden. Diese reichen vom Vorgehen hinsichtlich vorbestehender Antikoagulation über die Indikationsstellung zur Operation vs. Abwarten und Operation oder gänzlich konservativer Therapie, bis zur Wahl der best geeigneten Operationsmethode sowie Behandlung von Komorbiditäten. Die vorhandene wissenschaftliche Evidenz für diese Entscheidungen soll in einem Übersichtsvortrag dargestellt und konkrete Handlungsvorschläge gemacht werden.

14:30
Welche neuen Erkenntnisse liefern Sensordaten zum Verständnis des Schädelhirntraumas?
S132-04 

P. Benzinger; Stuttgart

Daten aus verschiedenen Gesundheitssystemen zeigen einen deutlichen Anstieg von Krankenhausaufenthalten infolge traumatischer Kopfverletzungen. Bei älteren Patienten sind diese Verletzungen ganz überwiegend auf Stürze zurückzuführen. So ist es nicht verwunderlich, dass insbesondere Pflegeheimbewohner ein deutliches erhöhtes Risiko haben. Videoaufzeichnungen in Pflegeeinrichtungen zeigen, dass in 37 % der Stürzen ein Bodenkontakt des Kopfs stattfindet. Der Kopfaufprall wurde bei nur 10 % dieser Stürze durch das Personal dokumentiert. Sturzrichtung und Rotationsbewegungen während des Sturzes modifizieren das Risiko eines Kopfaufpralls. Am Körper getragene Sensoren können zwischenzeitlich die Sturzrichtung und den Aufprall detektieren. Hierdurch wird es in der Zukunft möglich sein, das Risiko eines Kopfaufpralls besser abzuschätzen. Die Detektion von Bewegungssignalen am Kopf ist eine weitere wichtige Informationsquelle, die bisher selten eingesetzt wird.

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