Symposium Gerontologie & Altenarbeit
Mittwoch, 07.09.2016
13:30 - 15:00
Raum Heilbronn
S127
Freie Vorträge - Pflegevielfalt

Moderation: S. Brose, Köln

13:30
Projekt OPEN- Interkulturelle Öffnung der Pflegeberatung: Positionierung von Pflegefachpersonen im Sorgearrangement von Menschen mit Migrationshintergrund
S127-01 

A. Terjung, S. Khamo Vazirabad, U. Schulze; Frankfurt a. M.

Ziel des Projektes OPEN ist, eine barrierearme und sektorenübergreifende Pflegeversorgung für zugewanderte, lebenserfahrene Menschen zu gewährleisten und fokussiert die Entwicklung sowie Evaluation sozialraumspezifischer Ansätze einer interkulturellen Öffnung. In Anlehnung an Bohnsack (2007) gelang die Bildung von zwei Idealtypen des älteren Migranten. Darauf aufbauend beschreibt das generierte theoretische Modell „familial akzeptierte Pflege“ die Erwartungen von Zugewanderten des überwiegend vorkommenden persönlich – emotional – ganzheitlichen Idealtypus (May 2016) an das Sorgearrangement und leitet Hinweise für gelungene Begegnungen zwischen Migrant_innen und externen Pflegefachpersonen ab. Die zentralen Forschungsfragen sind dabei: „Welche Charakteristika familialer Pflege lassen sich identifizieren?“ und „Welche Kompetenzen benötigen Pflegefachpersonen, um familiale Akzeptanz zu erfahren?“
Das der Grounded Theory folgende Projekt fand den ersten Zugang zur Zielgruppe mittels der Durchführung von sog. Zukunftswerkstätten, in je vier unterschiedlichen Regionen in Hessen und Rheinland-Pfalz, unter der freiwilligen Beteiligung von je 20 Migrant_innen. Thematisiert wurden Vorstellungen von „Pflege und Gesundheit“. Das aufgenommene Audiomaterial wurde zunächst offen kodiert (MAXQDA) und mithilfe von Memos für eine spätere Theoriebildung zu Merkmalszusammenhängen, im Sinne des axialen Kodierens, dimensioniert.
Es ließen sich Erwartungen an die Positionierungen „Familie und Verwandte“, „Nachbarn und gute Bekannte“ sowie „fremden Pflegefachperson“ abbilden. Ein idealtypisches Pflegearrangement wurde in der Gestalt einer „kultursensiblen Pflegefachperson“ beschrieben, welche Akzeptanz als Mitglied der Familie erfährt. Für die externe Pflegefachperson bedeutet dies sowohl eine Rollenerweiterung (Lickel et al. 2000), als auch die Reflexionsfähigkeit über die „Erwartungserwartungen“ (Luhmann 2011) sowie das Wissen über mögliche Türöffner. Zwei Paradoxien stehen weiter zur Diskussion: Wie lässt sich kulturspezifisches Wissen mit einer unvoreingenommenen, forschenden Haltung in der Praxis verbinden? Wie bildet sich eine professionelle Distanz ab, wenn die Grundlage für eine gelingende Pflegebeziehung eine familiale Rollenerweiterung ist?

13:50
Mittendrin im Alter statt allein (MIASA) - Ein Projekt zur Förderung der Teilhabe älterer sozial isolierter Menschen
S127-02 

K. Keller, M. Klein; Köln

Hintergrund und Ziele des Projekts: Der Anteil der ab 65-Jährigen steigt in Deutschland seit vielen Jahren und betrug 2014 20,8 % (Statista, 2015). Ein Teil dieser Personen ist mehr oder minder einsam. Insbesondere in größeren Städten existieren sehr viele und vielfältige seniorengerechte oder seniorenspezifische Angebote, jedoch nimmt nicht jeder einsame Senior diese in Anspruch. Die Gründe dafür, dass Personen nicht eigenständig aktiv werden, ggf. gar konkret an sie herangetragene Angebote ablehnen, sind vielfältig und häufig in z.B. Emotionen, Kognitionen, Kompetenzdefiziten der Person zu finden. Bisherige Ansätze zur Reduzierung von Einsamkeit und sozialer Isolation bei älteren Menschen waren insgesamt nur mäßig wirksam (Masi et al., 2011). Die Ziele des vom BMBF geförderten dreijährigen SILQUA-Projektes liegen u.a. darin, eine innovative Kleingruppenintervention zur Förderung der Teilhabe und zur Reduzierung der Einsamkeit zu entwickeln und Möglichkeiten zur Verbesserung der aktuellen Situation und der Rahmenbedingungen zu erforschen.
Methode: Die erste, hier dargestellte Projektphase beinhaltet umfangreiche Recherchen zum aktuellen Forschungsstand sowie zur Versorgungssituation, 10 etwa einstündige leitfadenorientierte Interviews mit im Bereich der Arbeit mit Senioren erfahrenen hauptberuflichen sowie ehrenamtlichen Personen, eine Fokusgruppe mit 11 Fachkräften sowie zwei Fokusgruppen mit jeweils 5-6 Senioren, die selbst stärkere Einsamkeitserfahrungen gemacht haben oder aber solche Personen gut kennen. Die beiden letztgenannten Fokusgruppen finden erst nach Abstracteinreichung statt, alle anderen Schritte sind ausgeführt.
Ergebnisse: Präsentiert werden die zusammengefassten Resultate aus den Recherchen, den Interviews und den Fokusgruppen zu den Themen Unterstützungsbedarfe, Hilfestrukturen, teilhabefördernde und einsamkeitsreduzierende Maßnahmen, Möglichkeiten des Zugangs zur Zielgruppe, Ideen zur Verbesserung der Rahmenbedingungen und daraus abgeleitete Handlungsempfehlungen.

14:10
Sexuelle Identität & Alter: Besondere Bedürfnisse von LGBTI-Menschen im Alter und Ergebnisse der ersten schweizweiten Studie zur Sensibilisierung von Altersinstitutionen für anderssexuelle Klienten/innen
S127-03 

S. Misoch; St. Gallen/CH

Hintergrund: Der sich vollziehende demographische Wandel führt nicht nur zu einer Zunahme des Anteils der Personen 65+, sondern auch zu einer steigenden Anzahl älterer Menschen, die unter dem engl. Akronym LGBTI subsumiert werden können, d.h. die lesbisch, schwul, bi-, trans- oder intersexuell sind. Daher wird es in Zukunft eine zunehmend grösser werdende Anzahl an Personen geben, die ihre nicht heterosexuelle Sexualität und damit einen alternativen Lebensentwurf leben, was zu speziellen Bedürfnissen in der Lebensphase Alter führen kann. Dies sollte von den Altersinstitutionen beachtet werden, da davon ausgegangen werden kann, dass ca. 2% bis zu 10% der erwachsenen Wohnbevölkerung homo- oder bisexuell sind (Chandra et al., 2011; Pulver, 2015). Transsexuell sind ca. 0,005 % (van Kesteren et al., 1997) und als intersexuell sind ca. 0,0002 – 0,0006% der Bevölkerung (Dreger, 1998) zu bezeichnen.
Die Relevanz wird noch dadurch verstärkt, dass diese Entwicklung nicht nur zu einer quantitativen Zunahme von LGBTI Personen im Alter 60+ führt – vielmehr wird es auch zu einer qualitativen Veränderung kommen, da diese Akteure ihre Identität zunehmend selbstbewusst leben und auch im Alter von der Gesellschaft, deren Institutionen und den einzelnen Akteuren erwarten, dass diese ihren Lebensstil und ihre Identität anerkennen.
Ziele: Vor diesem Hintergrund wurde in 2015/2016 eine schweizweite Studie (Misoch & Buccheri Hess) zu durchgeführt, mit dem Ziel zu untersuchen, inwieweit die Schweizer Altersinstitutionen für diese Thematik sensibilisiert sind und welche Erfahrungen sie bislang mit LGBTI-Klienten/innen gemacht haben.
Methode: Es wurde eine standardisierte Online-Befragung (N = 353) aller Schweizer Altersheime in deutscher, französischer und italienischer Sprache durchgeführt.
Ergebnisse: Im Vortrag werden die Ergebnisse der Studie vorgestellt, die zeigen, dass bislang kaum Erfahrungen mit LGBTI-Klienten/innen vorliegen, dass die Thematik kaum in Leitbildern verankert ist und dass noch ein deutlicher Bedarf an Sensibilisierung vorliegt. Unter Hinzunahme der Daten von internationalen Studien werden diese Ergebnisse der Studie interpretiert.

14:30
Religiöse Migrantengemeinden als Träger von Pflegediensten? Eine Untersuchung am Beispiel von Leitbildern der Pflege in Moscheevereinen
S127-04 

M. Breuer; Paderborn

Neuere Studien (z.B. Nagel, Hrsg. 2013, 2015; Halm/Sauer 2015) zeigen, dass in religiösen Migrantengemeinden zumeist ehrenamtlich eine Vielfalt sozialer Dienstleistungen erbracht wird. Diese sind gerade für MigrantInnen im Alter von Bedeutung, da sie in den Gemeinden Gelegenheit zum täglichen Austausch sowie Unterstützung z.B. bei Behördenkontakten oder in Gesundheitsfragen finden. Im Rahmen der „Deutschen Islam Konferenz“ wurde jüngst diskutiert, inwiefern Moscheegemeinden – nach dem Vorbild der kirchlichen Wohlfahrtsverbände – an der Bereitstellung von professionellen Pflegediensten mitwirken können, um auf diese Weise zur Deckung des wachsenden Pflegebedarfs unter Einwanderern beizutragen. Weitgehend unklar ist allerdings, wie sich die Gemeinden selbst (jenseits ihrer Dachverbände) zu Fragen der Pflege positionieren. Ausgehend von qualitativen Experteninterviews mit Vorsitzenden von Moscheevereinen werden mithilfe einer kontrastierenden Analyse drei Deutungsmuster herausgearbeitet, die als (implizite) Leitbilder den Blick religiöser Gemeinden auf Themen der Pflege prägen. Nach dem ersten Typ soll die Pflege v.a. von Familien und nachbarschaftlichen Netzwerken geleistet werden und dort auch künftig verbleiben; die Gemeinde stabilisiert traditionelle Pflegeerwartungen. Das zweite Leitbild sieht die familiären Pflegekapazitäten als rückläufig und setzt auf eine kultur- bzw. religionssensible Ausrichtung etablierter Pflegedienste, um diese auch für muslimische MigrantInnen mit traditionellen Erwartungen attraktiver zu machen. Der dritte Typ geht von dem Konzept einer möglichst viele Lebensbereiche abdeckenden Gemeinde aus, wozu bei Bedarf auch die Pflege zählen soll. Die Strategie richtet sich darauf, ambulante oder stationäre Pflege in Anbindung an die Moschee zu etablieren. Die Positionen der Befragten hängen insbesondere mit Generationszugehörigkeit, Assimilationsgrad sowie dem zugrundeliegenden Gemeindekonzept zusammen. Abschließend werden Voraussetzungen diskutiert, die sich aus den drei Deutungsmustern jeweils für Kooperationen mit Pflegestützpunkten, stationären oder ambulanten Pflegediensten, Kommunen und Wohlfahrtsverbänden ergeben. Fragestellung und Ergebnisse legen Vergleiche mit Gemeinden anderer Religionen und anderen Migrationskontexten nahe.

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