Symposium Soziologie & Psychologie
Mittwoch, 07.09.2016
10:30 - 12:00
Studio B
S119
Langzeitpflege in Bewegung: Ergebnisse eines Modellprojekts zum Bewegungsverhalten und dessen Modifikation im Pflegeheim

Moderation: N. Lübke, Hamburg

Die Körperliche Aktivität wie auch der Bewegungsradius von Bewohnern in Pflegeheimen ist möglicherweise durch institutionsinterne Routinen wie auch durch individuelle Merkmale der Bewohner limitiert. Bislang sind nur wenige Untersuchungen zum Thema publiziert. Studien unter Einsatz high-tech basierter Assessmentverfahren, die eine hohe und durchgehende räumlich-zeitliche Auflösung des Lebensraumes (Life Space, LS) erlauben, wurden bislang weltweit nicht durchgeführt.
In dem vorliegenden, von der EU- geförderten Modellprojekt „Langzeitpflege in Bewegung“ wurde ein integrativer, individualisierter Interventionsansatz verfolgt, der nicht nur auf Verbesserungen der körperlichen Funktion, sondern insbesondere auf eine Steigerung der körperlichen Aktivität und eine Erweiterung des Lebensraums dieser hoch-vulnerablen Personengruppe ausgerichtet ist.
Ziel des Projekts war die Erfassung körperlicher Aktivität / des Lebensraumes mit innovativen Assessmentstrategien und die gezielte Förderung von Bewegungsaktivitäten in einem institutionalisierten Setting bei einer Risikogruppe von multimorbiden, gebrechlichen Menschen mit geringer körperlicher Aktivität.
In den vier Einzelbeiträgen werden jeweils unterschiedliche Aspekte des Projekts und Ergebnisse aus Querschnittsanalysen sowie zu Interventionseffekten vorgestellt.

10:30
Life-Space von Bewohnern der stationären Altenpflege: stark eingeschränkt und institutionsbestimmt
S119-01 

C.-P. Jansen, M. Diegelmann, E.-L. Schnabel, H.-W. Wahl, K. Hauer; Heidelberg

Fragestellung: In zahlreichen Studien wurde der „life-space“ (LS) von in eigener Häuslichkeit lebenden, älteren Personen betrachtet. Nur selten waren Pflegeheimbewohner (PHB) Gegenstand der Betrachtung. Bisher gab es keine technikbasierten Verfahren, die eine objektive Quantifizierung des LS von PHB erlaubten. Ziel dieser Studie war daher, den LS und das Bewegungsverhalten von PHB zu beschreiben sowie deren Assoziation mit potentiellen Determinanten zu überprüfen.
Methodik: In zwei Pflegeheimen wurde in Kooperation mit dem Fraunhofer Institut ein kabelloses Sensornetzwerk installiert, das erstmalig eine objektive, räumlich-zeitliche Aufzeichnung des Bewegungsverhaltens von PHB über den Tag erlaubt. Von n=65 Bewohnern (53-98 Jahre; M=82.9) mit stark variierender motorischer Leistung (SPPB 3,9±3,6) sowie kognitivem Status (MMSE:17,8±8,2) wurden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zwei mit LS verbundene Parameter querschnittlich untersucht: die Aufenthaltsdauer außerhalb des eigenen Zimmers (AAZ) sowie die Häufigkeit der Aufenthaltsortwechsel (AOW). Die Hauptfragestellung wurde mittels linearer Regression überprüft.
Ergebnisse: Den Großteil des Tages verbringen die Bewohner in ihren Privaträumen und Wohnbereichen (90%), den geringsten Teil außerhalb des Gebäudes (4%). Bewegungsprofile der PHB zeigen einen besonderen Einfluss des institutionellen Tagesablaufs auf den LS. Insbesondere während der Essenszeiten wird ein Großteil der AOW vollzogen und der Hauptanteil der AAZ verbracht. Weitere, die AOW beeinflussende Faktoren sind Geschlecht, sturzassoziierte Selbstwirksamkeit, kognitiver Status und Apathie (R² = ,346; p = ,000). Die AAZ wird lediglich von der Wohnbereichszugehörigkeit signifikant beeinflusst (R² = ,185; p = ,000). Körperlich-funktionale Faktoren sind nicht ausschlaggebend.
Schlussfolgerungen: Die objektive Aufzeichnung von Bewegung ermöglicht tiefergehende Analysen des LS und erweitert die bisher gewonnenen Erkenntnisse um eine wertvolle, anhand des Tagesablaufs nachvollziehbare Verhaltenserfassung. So zeigen die Daten neben einem insgesamt sehr stark eingeschränkten LS von PHB, dass insbesondere die Institutionen selbst durch deren klar vorgegebene Tagesstruktur sowie psycho-soziale Faktoren das individuelle Verhalten in großem Maße bestimmen.

10:50
Körperliches Training und Depressivität bei Pflegeheimbewohnern
S119-02 

M. Diegelmann, C.-P. Jansen, E.-L. Schnabel, H.-W. Wahl, O. Schilling, K. Hauer; Heidelberg

Fragestellung: Körperliches Training leistet einen wichtigen Beitrag zur Reduktion depressiver Symptome, wenn man biologische Mechanismen (z.B. Neuroplastizität, immunologische Effekte) und psychologische Pfade (z.B. veränderte körperliche Funktionen, wiedererlangte Kontrolle über Alltagsaktivitäten, soziale Kontakte) berücksichtigt. Bisherige Interventionsstudien (inkl. RCT) zur Reduktion von Depressivität durch körperliches Training bei Pflegeheimbewohnern zeigen inkonsistente Ergebnisse. Mögliche Ursachen waren starke Selektion der Teilnehmer, ein wenig auf die Zielpopulation ausgerichtetes Trainingsprogramm sowie Schwächen der statistischen Auswertung: Daher wurde der Einfluss eines optimierten körperlichen Trainings auf die Depressivität bei Pflegeheimbewohnern untersucht.
Methodik: In zwei deutschen Heimen wurde ein individuell zugeschnittenes, supervidiertes körperliches Training eingeführt, an dem alle Bewohner teilnehmen konnten (nicht-randomisiert, natural lab approach). Die Verläufe der depressiven Symptomatik (Geriatrische Depressionsskala) wurden für die Trainingsgruppe und nicht-trainierende Bewohner derselben Heime verglichen (n=163, MAlter=84, 73% weiblich, 27% mit klinisch relevanter Depressivität). Es wurde ein nichtlineares latentes Wachstumskurvenmodell für zwei Gruppen gerechnet.
Ergebnisse: Von den untersuchten Personen nahmen 44% aktiv am Training teil. Es zeigte sich, dass die Depressivität der Interventionsteilnehmer konstant niedrig blieb (Steigungskoeffizient=0, p>.05), während die Depressivität der Nicht-Teilnehmer monatlich um durchschnittlich 22% anstieg (p<.001). Die Verläufe unterschieden sich signifikant (p<.01). Nach sechs Monaten erreichte die Depressivität der Nicht-Teilnehmer die Schwelle klinischer Relevanz und blieb danach stabil; die geschätzte Kurve der Trainingsteilnehmer erreichte diese Schwelle nicht (p<.001).
Schlussfolgerungen:. Die Studienergebnisse zeigen, dass die Depressivität der Teilnehmer eines supervidierten Trainings konstant niedrig verläuft, während nicht-trainierende Bewohner einen drastischen Anstieg der Depressivität erfahren.

11:10
Eine psychosoziale Intervention für Mitarbeiter zur Steigerung des körperlichen Aktivitätsverhaltens von Pflegeheimbewohnern
S119-03 

E.-L. Schnabel, K. Claßen, H.-W. Wahl, C.-P. Jansen, M. Diegelmann, K. Hauer; Heidelberg

Fragestellung: Multiple Einbußen auf physischer, funktioneller und psychischer Ebene gehen typischerweise mit einem niedrigen körperlichen Aktivitätslevel von Pflegeheimbewohnern einher. Heimmitarbeiter schätzen daher das Trainingspotential und die verbliebenen Ressourcen der Bewohner oftmals als gering ein. Es resultiert ein abhängigkeits-verstärkendes Interaktionsverhalten, das wiederum ein ängstlich-vermeidendes Verhalten der Bewohner fördert. Ziel der Studie war es daher, ein multimodales Trainingskonzept zu entwickeln und evaluieren, das die Mitarbeiter als bedeutsame Interventionskomponente eines umfassend angelegten Programms zur Steigerung von körperlicher Aktivität in Pflegeheimen miteinbezieht.
Methodik: Es wurde ein psychosoziales Kompetenztraining für Mitarbeiter der sozialen Betreuung, Pflegekräfte und Therapeuten in stationären Alteneinrichtungen entwickelt, das parallel zu einem bewohnerzentrierten körperlichen Training in einem Heidelberger Pflegeheim durchgeführt wurde. In 12 wöchentlichen Sitzungen wurde theoretisches Wissen vermittelt, in praktischen Übungen trainiert und in fallbezogenen Besprechungen aus dem Pflegealltag vertieft. Anhand strukturierter Fragebögen wurde sowohl eine formative (unmittelbares Feedback) als auch eine summative Evaluation durchgeführt.
Ergebnisse: 63% der Mitarbeiter (52/83) nahmen an mindestens einer Sitzung teil, wobei die Teilnehmerzahl in den Sitzungen zwischen 11 und 21 Personen variierte. Allerdings besuchten nur 13% der Mitarbeiter mehr als die Hälfte der Sitzungen. Insgesamt zeigte die formative und summative Evaluation (Rücklaufquote = 98 bzw. 40%), dass die Inhalte als interessant, gut strukturiert, verständlich und nützlich wahrgenommen wurden. Auch die praktischen Übungen wurden von 79% der Teilnehmer als weitgehend oder sehr hilfreich bewertet.
Schlussfolgerungen: Das durchweg positive Feedback der Teilnehmer untermauert, dass das Trainingskonzept per se vielversprechend ist. Wir erachten ein psychosoziales Kompetenztraining daher als eine bedeutsame Komponente zur Steigerung der körperlichen Aktivität, dessen Potential in stationären Alteneinrichtungen bislang nur unzureichend ausgeschöpft wird.

11:30
Effekt von sturzassoziierter Selbstwirksamkeit (Sturzangst) auf den Lebensraum von Pflegeheimbewohnern
S119-04 

K. Hauer, C.-P. Jansen, M. Diegelmann, E.-L. Schnabel, H.-W. Wahl; Heidelberg

Hintergrund: Bei zu Hause lebenden Menschen ist die Sturzangst hoch assoziiert mit einer Reduktion von körperlicher Aktivität und weiteren, sich daraus ergebenden negativen Folgen für die Betroffenen (z.B. Isolation). Möglicherweise stellt die Verringerung des Lebensraumes (LR) sowohl einen potenziellen Marker als auch die Folge der Sturzangst dar. Entsprechende Untersuchungen bei besonders vulnerablen Kollektiven wie Pflegeheimbewohnern fehlen bislang weltweit. Objektive, technisch weit entwickelte Erfassungsmethoden wurden nicht eingesetzt.
Studienziel: Erfassung des Einflusses von Sturzangst auf den Lebensraum von Pflegeheimbewohnern
Methoden: Studiendesign: Beobachtungsstudie. Zur objektiven Erfassung des Lebensraumes wurde ein wireless sensor network des Fraunhofer Instituts mit hoher räumlich-zeitlicher Auflösung der Bewegungslokalisationen verwendet. LR- Meßparameter (Wechsel zwischen Arealen) wurden auf Assoziation (lineare Regression) mit potentiellen Determinanten des LR (motorischer, psychischer und kognitiver Status) untersucht. Sturzangst wurde als sturzassoziierte Selbstwirksamkeit (SASW) [FES-I] operationalisiert.
Ergebnisse: Es wurden 65 multimorbide Pflegeheimbewohner (Alter:82,9±9,6) mit deutlich eingeschränkter kognitiver [MMSE:17,8±8,2] und motorischer Leistung [SPPB 3,9±3,6] eingeschlossen. Das Regressionsmodell mit den signifikanten Determinanten: Geschlecht (standardisierter Koeffizient Beta (SKB) 0,470;p<0,001), SASW (SKB 0.355; p=0.005) und Apathie (Apathie Evaluation Scale; SKB -0.346;p=0.02) erbrachte eine Varianzaufklärung von knapp 40% (r2=0.398). Interessanterweise zeigt sich ein gegenläufiger Trend für Personen mit unterschiedlichem kognitiven Status (MMSE dichtomisiert nach Median). Während Personen mit besserer kognitiver Leistung mit zunehmender Sturzangst ihren Bewegungsradius einschränken, weiten Personen mit schlechterer Kognition ihren Bewegungsradius aus.
Diskussion: Erste Analysen zeigen einen Zusammenhang zwischen LR und Sturzangst und weiteren LR Determinanten. Die Ergebnisse stellen die Grundlage dar für die Entwicklung von Interventionsmaßnahmen zur Erweiterung des LR in einem Kollektiv mit sehr eingeschränktem Mobilitätsradius.

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