Symposium Geriatrie
Mittwoch, 07.09.2016
13:30 - 15:00
König-Karl-Halle
S121
Kognitive Störungen und Demenzen im Allgemeinkrankenhaus: Ergebnisse einer repräsentativen Studie in Süddeutschland (GHoSt)

Moderation: M. Schäufele, Mannheim; H. Bickel, München

Obwohl  Demenzen  die Wahrscheinlichkeit für sekundäre Gesundheitsschädigungen deutlich erhöhen und mit einem  beträchtlichen Betreuungs- und Kostenaufwand verbunden sind, gibt es bisher noch keine Repräsentativdaten zu Häufigkeit, Verteilung und Versorgung der Betroffenen im Krankenhaus. Mit der vorliegenden Studie zur Epidemiologie von kognitiven Störungen im Allgemeinkrankenhaus soll diese Lücke geschlossen werden. Nach unserem Wissen handelt es sich dabei weltweit um die erste repräsentative Studie zu dieser Frage (Förderung: Robert Bosch Stiftung Stuttgart und Deutsche Alzheimer Gesellschaft).
Die vier Beiträge des Symposiums behandeln jeweils  eines der Hauptziele der Untersuchung. Den Auftakt bildet der Beitrag von H. Bickel „Prävalenz von kognitiven Störungen und Demenzen im Allgemeinkrankenhaus“, in dem die Häufigkeit und Schwere kognitiver Störungen und Demenzen sowie die Verteilung nach Fachbereichen und anderen Merkmalen vorgestellt werden. Danach präsentiert M. Schäufele „Kognitive Störungen im Allgemeinkrankenhaus: Vordiagnosen, Behandlungsanlässe und Versorgungscharakteristika“. Im Beitrag  „Nicht-kognitive Störungen bei Allgemeinkrankenhauspatienten mit Demenz und Erschwernisse in Pflege und Behandlung“ beschäftigt sich J. Heßler insbesondere mit den Herausforderungen und Belastungen, die  die diese Störungen für das Pflegepersonal bedeuten. I. Hendlmeier schließlich macht eine Bestandsanalyse der „Angebote und Versorgungsstrukturen für Patienten mit kognitiven Störungen im Allgemeinkrankenhaus“, d.h. der Maßnahmen, die die Kliniken für die besondere Betreuung von Patienten mit kognitiven Störungen vorhalten.
Aus den Allgemeinkrankenhäusern in Bayern und Baden-Württemberg wurden zufallsgesteuert 55 Kliniken als Klumpenstichprobe ausgewählt. A priori ausgeschlossen waren: Fachkliniken, Kliniken < 150 Betten, geriatrische, psychiatrische und neurologische Stationen. Pro Klinik wurden per Zufall jeweils 5 Stationen gezogen und alle am Stichtag auf diesen Stationen anwesenden über 65jährigen Patienten in die Studie eingeschlossen.   
33 Kliniken (60%) beteiligten sich an der Studie, die Patientenstichprobe umfasste 1.469  Personen (Durchschnittsalter: 78,6 Jahre).   

13:30
Prävalenz von kognitiven Störungen und Demenzen im Allgemeinkrankenhaus
S121-01 

H. Bickel, I. Hendlmeier, J. Heßler, M. Junge, S. Leonhardt, J. Weber, M. Schäufele; München, Mannheim

Hintergrund: Ältere Patienten mit Demenz erleiden während stationärer Behandlung mehr Komplikationen, benötigen einen größeren Versorgungsaufwand und verursachen höhere Kosten als kognitiv unbeeinträchtigte Patienten. Da sie häufiger eingewiesen werden und eine längere Verweildauer haben, ist der Anteil der Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus weitaus höher als in der Bevölkerung. Die bisherigen Prävalenzschätzungen beruhen allerdings auf nur wenigen, methodisch stark differierenden Studien an überwiegend kleinen und nicht repräsentativen Stichproben. Die Ergebnisse divergieren stark und sind daher für die Versorgungsplanung ungeeignet. Ziel der vorliegenden Studie war primär die Ermittlung der Punktprävalenz von Demenzen in einer umfangreichen und repräsentativen Stichprobe von älteren Allgemeinkrankenhauspatienten.
Methode: Stichtagsuntersuchung aller über 65jährigen Patienten auf 172 per Zufall ausgewählten Stationen. Die Patienten wurden befragt und neuropsychologisch getestet. Es wurden Informationen von der zuständigen Pflegekraft und von Angehörigen oder gesetzlichen Betreuern eingeholt und es wurden die Behandlungsakten ausgewertet. Demenzen wurden nach den Kriterien des DSM-IV diagnostiziert, Delire mithilfe der Confusion Assessment Method (CAM). Der Schweregrad der kognitiven Beeinträchtigungen wurde nach dem Clinical Dementia Rating (CDR) eingeschätzt.
Ergebnisse: Von 1.469 Patienten waren 60% frei von kognitiven Störungen, die restlichen 40% litten zur Hälfte an leichten kognitiven Defiziten (19,8%) und zur Hälfte an Demenzen oder Deliren (20,2%). Die Punktprävalenz der Demenz betrug 18,4%. In 6,8% handelte es sich um eine leichte, in 6,6% um eine mittelschwere und in 5,0% um eine schwere Demenz. Nach Standardisierung für Alter und Geschlecht ergab sich im Vergleich mit der Allgemeinbevölkerung eine Überrepräsentation von Demenzen in Höhe von 50% (88% unter den Männern und 29% unter den Frauen). Besonders häufig betroffen waren Hochbetagte, Pflegebedürftige, Heimbewohner, internistische und unfallchirurgische Patienten und Patienten mit geringerer Bildung.
Schlussfolgerung: Rund ein Fünftel der älteren Patienten leidet an komorbider Demenz, ein weiteres Fünftel an leichten kognitiven Störungen.

13:50
Kognitive Störungen im Allgemeinkrankenhaus: Vordiagnosen, Behandlungsanlässe und Versorgungscharakteristika
S121-02 

M. Schäufele, I. Hendlmeier, J. Heßler, M. Junge, S. Leonhardt, J. Weber, H. Bickel; Mannheim, München

Hintergrund: Eine zentrale Voraussetzung für die Umsetzung einer verbesserten stationären Behandlung und die Beseitigung oder zumindest Abmilderung bestimmter Risiken (z.B. Delir), besteht in der Identifikation der gefährdeten Patienten sowie in der Beschreibung von Versorgungscharakteristika. Ferner könnte mehr Aufschluss über die Diagnosen und Anlässe, die mit der Krankenhausbehandlung von Menschen mit Demenz assoziiert sind, auf Ansatzpunkte zur Vermeidung von unnötigen Hospitalisierungen verweisen.
Ziele: Der Beitrag soll folgende Fragen beantworten: In welchem Umfang sind den Krankenhäusern kognitive Störungen und Demenzen bei den Patienten bekannt? Welche Behandlungsanlässe herrschen bei Patienten mit kognitiven Störungen vor ? Welche Versorgungsmerkmale sind für diese Patienten charakteristisch?
Methode: Diese Fragen konnten erstmals im Rahmen einer repräsentativen Studie, der General Hospital Study (GHoSt), untersucht werden. Informationsquelle war im Wesentlichen die jeweilige Krankenakte der Patienten, der bestehende kognitive Vordiagnosen, Behandlungsanlässe und Versorgungscharakteristika entnommen wurden.
Ergebnisse: Durchschnittlich war bei nur 35,5% der Patienten, bei denen vom Forschungsteam eine Demenz (nach DSM IV) diagnostiziert worden war, eine entsprechende ärztliche Diagnose in den Akten verzeichnet. Der Anteil der vorbekannten Demenzdiagnosen stieg steil mit dem Schweregrad der Beeinträchtigung an. Häufige Anlässe einer stationären Behandlung von Patienten mit Demenz waren: Verletzungen und Frakturen, Lungenentzündungen und Infektionen der Harnwege, Dehydratation und Dekubiti. Demgegenüber waren Krebserkrankungen bei dieser Patientengruppe unterrepräsentiert. Neben dem höheren Aufwand, den die Patienten mit Demenz im Vergleich zu kognitiv Unbeeinträchtigten verursachten, war deren Versorgung u.a. durch unterschiedliche Verordnungsraten bestimmter Medikamente charakterisiert: Bei Demenz wurden Analgetika seltener und Psychopharmaka (v.a. Antipsychotika) häufiger verordnet.
Schlußfolgerungen: Die Befunde liefern Hinweise auf Massnahmen zur Optimierung der stationären Versorgung von Menschen mit Demenz

14:10
Nicht-kognitiven Störungen bei Allgemeinkrankenhauspatienten mit Demenz und Erschwernisse in Pflege und Behandlung
S121-03 

J. Heßler, M. Schäufele, I. Hendlmeier, M. Junge, S. Leonhardt, J. Weber, H. Bickel; München, Mannheim

Hintergrund: Nicht-kognitive Störungen oder sogenannte behaviorale und psychiatrische Symptome der Demenz (BPSD) treten häufig komorbid neben den kognitiven Kernsymptomen auf. Mit der General Hospital Study (GHoSt) wurde zum ersten Mal eine repräsentative Schätzung der Prävalenz von BPSD in deutschen Allgemeinkrankenhäusern vorgenommen und der Zusammenhang mit Erschwernissen in Pflege und Behandlung untersucht.
Methode: In Interviews mit den jeweils zuständigen Pflegekräften wurde das Auftreten von BPSD während des Krankenhausaufenthalts mit einer modifizierten Version des Neuropsychiatric Inventory Questionnaire (NPI-Q) ermittelt. Der NPI-Q erfragt das Auftreten von elf BPSD (ja/nein) und die jeweilige Belastung für den Pflegenden (0-5). Weiter gaben die Pflegekräfte Auskunft über Erschwernisse in Pflege und Behandlung.
Ergebnisse: Einschätzungen nach dem NPI-Q liegen für 1.469 Patienten vor, darunter 270 Patienten mit Demenz. Für 76% der Patienten mit Demenz wurde mindestens ein BPSD berichtet. Nächtliche Unruhe, Depressivität und motorische Unruhe waren die häufigsten Symptome. Wahnvorstellungen, Aggressivität und nächtliche Unruhe wurden von der Pflege als die größte Belastung empfunden. Eine Faktoranalyse zeigte, dass sich BPSD zu affektiven, expansiven und psychotischen Symptomen gruppieren lassen (45% Varianz erklärt). Vor allem die expansiven Symptome waren mit Erschwernissen in Pflege und Behandlung assoziiert, wie etwa dem Abwehren von Nahrung, Medikamenten und Untersuchungen, Weglaufversuchen sowie der erhöhten Notwendigkeit von psychiatrischen/neurologischen Konsilen, Fixierung, und Verlegung und psychopharmakologischer Behandlung.
Diskussion: BPSD treten bei der Mehrheit von Krankenhauspatienten mit Demenz auf und sind teilweise mit großer Belastung für die Pflege und Erschwernissen im Stationsalltag assoziiert. Management Strategien sind notwendig, um die Situation für Patienten und Krankenhauspersonal zu verbessern.

14:30
Angebote und Versorgungsstrukturen für Patienten mit kognitiven Störungen im Allgemeinkrankenhaus
S121-04 

I. Hendlmeier, H. Bickel, J. Heßler, M. Junge, S. Leonhardt, J. Weber, M. Schäufele; Mannheim, München

Für eine Verbesserung der Behandlung und Versorgung von Menschen mit kognitiven Störungen sind Abläufe an den Schnittstellen und auf den Stationen von großer Bedeutung. In dem Beitrag wird eine aktuelle Bestandsaufnahme besonderer Maßnahmen und Angebote für ältere Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen in den Bereichen Risikomanagement, Qualifizierung und Betreuungspraxis dargestellt. Dazu wurden im Rahmen der repräsentativen Allgemeinkrankenhausstudie (GhoSt) pflegerische oder ärztliche Leitungskräfte auf 172 Stationen in 33 Allgemein- und Akutkrankenhäusern zu besonderen Vorkehrungen für kognitiv beeinträchtigte Patienten befragt. Ergänzend werden Ergebnisse v.a. zur pflegerischen Versorgung aus der ebenfalls in dieser Studie durchgeführten Patientenerhebung berichtet.

Bei den teilnehmenden Stationen handelte es sich zu 43% um internistische, zu 34,4% um chirurgische und zu 12,6% um andere Fachabteilungen. Die Angebote und Maßnahmen für Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen unterschieden sich nicht nach den Fachabteilungen. Die häufigsten Maßnahmen konnten dem Risikomanagement (Erkennen von kognitiven Beeinträchtigungen bei Aufnahme (71%), Vorkehrungen bei „Weglaufgefährdung“ (60%), spezielles Belegungsmanagement (59%)) sowie der gezielten Einbeziehung von Angehörigen (60%; „rooming-in“ 38%) zugeordnet werden. Hingegen berichteten nur sehr wenige Stationen von gezielten Qualifizierungsangeboten für das Personal und von speziellen Angeboten in der pflegerischen Betreuung der Patienten.

Die auch international zur Verbesserung der Versorgung von Patienten mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus bekannte „good practice“ stellte bei den untersuchten Stationen die Ausnahme dar. Vor einer flächendeckenden Implementierung ist eine Evaluation der aktuellen Modellprojekte zu demenzsensiblen Krankenhäuser in der Akutversorgung notwendig – vor allem zur Überwindung vorhandener Barrieren.

Diskutant: PD Dr. med. Heinrich Burkhard   

Zurück